Aktuelle Berichte

Postwachstum meets Gender (II)

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Vortrag und Diskussion im Rahmen der Konferenz „Herausforderungen der Geschlechterforschung“ am 29. September in Köln

In unserem Vortrag mit dem Titel „Ein gutes Leben für alle? Postwachstum meets Gender“ in Köln trugen wir einige Ergebnisse aus unseren Forschungsarbeiten und dem gleichnamigen Symposium am 19. Juli 2016 in Berlin vor und diskutierten mit dem Fachpublikum verschiedene geschlechtertheoretische Aspekte unserer Forschungsprojekte. Wir greifen an dieser Stelle drei zentrale Fragen auf, die in dieser Diskussionsrunde erörtert wurden.

"Welche Modi der Kritik können wir wählen, um Geschlecht als Identitätskonstruktion in solchen Praxen zu problematisieren?“

Oft werden Care-Praktiken zwar sichtbar und damit problematisierbar auf der individuellen und zwischenmenschlichen Ebene, doch bleibt eine strukturelle Kritik dabei häufig außen vor. In unseren Forschungen haben wir daher Geschlecht als Strukturkategorie untersucht, die sich auf institutionell-politischer Ebene manifestiert. Für Postwachstumsdebatten ist eine solche Analyse gesellschaftlicher Geschlechterverhältnisse eine Grundvoraussetzung für die Konzipierung einer geschlechtergerechten Postwachstumsgesellschaft, da das gegenwärtige Geschlechterverhältnis strukturell tief in unserer Gesellschaft verankert ist. „Doing Gender“ als Identitätskategorie ist damit nicht vom Tisch, sondern steht auf einem weiteren Blatt.

Welche Rolle hat denn der Staat für die vorgestellten Praxisbeispiele und gibt es auch Ideen, wie eine Transformation hin zu einer geschlechtergerechten Postwachstumsgesellschaft juristisch erreicht werden kann?“

Kritik an staatlichen Care-Politiken ist eine wichtige Komponente, um die desolate Realität zu verändern. In Anbetracht des wohlfahrtsstaatlichen Rückbaus im Zuge der neoliberalen Umstrukturierungen seit den 1980er Jahren (nicht nur in der BRD) benötigt es dringend politische und juristische Weichenstellungen, um dem Sozialabbau, der häufig Frauen* am härtesten trifft, zu begegnen. Gerade darum ist es wichtig, ehrenamtliche, sowie alternative Strukturen zu problematisieren, insofern sie dort mehr oder weniger kostenlos Hilfe leisten, wo der Staat sich zurückgezogen hat.

„Welche Bedeutung hat Geschlechterforschung für die Debatten um Postwachstum?“

In dem zweiten, sich unserem anschließenden, Vortrag in Köln beschäftigte sich Prof. Dr. Monika Götsch (Universität Esslingen) mit erwerbsarbeitsbezogener „Wahlfreiheit im deutschen Wohlfahrtsregime“ für trans*Menschen. Ihre Analysen zeigen auf, dass neoliberale Wohlfahrtspolitiken mit den Kennzeichen „Aktivierung, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit“ für trans*Menschen nur vermeintlich zu einer größeren Freiheit der Lebensläufe führen. Auf körperlicher Ebene – im Arbeitsalltag – stoßen sie auf zweigeschlechtliche Disziplinierungsmuster, die die propagierte Wahlfreiheit ad absurdum führen.

Die hier ausgeführten Diskussionsbeiträge machen deutlich, dass geschlechtertheoretische und feministische Perspektiven wichtige Beiträge zu einigen Kernthemen der Postwachstumsdebatten, wie „Wohlfahrtstaat“ und „Dekolonisierung des Imaginären“ leisten können. Feministische Forderungen nach einer Umverteilung von Care-Arbeit und gleichberechtigenden Beteiligungsstrukturen erweisen sich nicht nur als zentral für Geschlechtergerechtigkeit, sondern sie bringen auch das Potenzial mit sich, einerseits unser Verständnis von Arbeit komplett umzuwälzen und andererseits demokratische Strukturen zu erneuern. Beides sind ebenfalls zentrale Anliegen in den Debatten und Praxen rund um Postwachstum.

 

Beitragsbild: Quelle: USGS Bee Inventory and Monitoring Lab auf flickr.com (https://www.flickr.com/photos/usgsbiml/8405820653/), Lizenz: Public Domain Mark 1.0. Hinweis: Das Original wurde graphisch nachbearbeitet.

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Aktuelle Berichte

Postwachstum meets Gender (I)

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Die akute Krisenhaftigkeit des gegenwärtigen Kapitalismus gibt den Debatten und Aktivitäten rund um eine Gesellschaft frei von Wachstumszwang Aufwind. Den Debatten über das Wie einer sozial-ökologischen Transformation fehlt aber bislang eine differenzierte Gender-Analyse – auf theoretischer wie empirischer Ebene.

Dem widmeten wir uns in je eigenen qualitativ-empirischen Forschungsprojekten im Rahmen der interdisziplinären Forschungswerkstatt „Praxen des Postwachstums“, die unter Anleitung von Prof. Dr. Christine Bauhardt 2015 – 2016 am Fachgebiet Gender und Globalisierung der Humboldt Universität zu Berlin durchgeführt wurde. Einen Höhepunkt der Forschungswerkstatt stellte das Symposium „Ein gutes Leben für alle? Postwachstum meets Gender“ dar, welches von Maren Birkenstock, Carla Wember und uns organisiert wurde und am 19. Juli 2016 mit rund 60 Teilnehmer*innen stattfand.  Im Fokus des Symposiums stand die Frage nach den vergeschlechtlichten Verhältnissen in gegenwärtigen Praxen des Postwachstums und wie eine geschlechtergerechte, queere Postwachstumsgesellschaft aussehen könnte.

Demokratische Beteiligung geschlechtergerecht gestalten. Aber wie?

Sabine Carl besuchte im Sommer 2015 Organisator*innen und Beteiligte des Projektes „Lebensenergie für das Dorf“ in der Uckermark (Brandenburg). In den insgesamt sechs Leitfaden-gestützten Einzel- und Gruppeninterviews fokussierte sie darauf, wie die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse vor Ort das Projekt prägten und welche Auswirkungen diese Prägungen auf die entstandenen Postwachstumspraxen innerhalb der Teilprojekte Gemeinschaftsgarten, Dorfwerkstatt und Mehrgenerationenspielplatz hatten.

Eingang zum Mehrgenerationenspielplatz mit Hinweisschild auf Projekt und Förderinstanzen

Mehrgenerationenspielplatz. Foto: Sabine Carl.

Das Projekt war durch die Organisator*innen geprägt von einer zweifachen Zielstellung:

  1. mehr soziale Gerechtigkeit durch Integration Langzeiterwerbsloser und
  2. gemeinschaftsbildende Gestaltung des „schrumpfenden“ Dorfes.

Carl konnte feststellen, dass zwar teilweise eine Erhöhung der Beteiligung von Frauen* mit Sorge-Verantwortung erreicht wurde, was einer Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit entspricht. Da diese aber an der Norm der Erwerbsarbeit (als Reaktion auf Langzeiterwerbslosigkeit) orientiert war und eine in-Frage-Stellung der Feminisierung von unbezahlter Reproduktions-Arbeit (Care) ausblieb, wurden ungleiche Beteiligungschancen nicht vollends aufgehoben. Weiter zählt zu Carls Ergebnissen, dass eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung sowie androzentrische Bewertung von Tätigkeiten das Projekt prägten. Eine ungleiche Gewichtung der Projekte und deren unterschiedliche Etablierung waren die Folge (Dorfwerkstatt und Spielplatz als Bauprojekte wurden engagierter betrieben, als der Gemeinschaftsgarten).

Ungleiche Beteiligungschancen beschäftigten auch Carla Wember und Sarah Klemm auf dem Symposium, die über die Praxis Solidarischer Landwirtschaft am Beispiel einer Berliner Initiative sprachen. Sie stellten fest, dass intransparente Entscheidungsstrukturen und fehlende breite Mitbestimmungsmöglichkeiten, sowie ein maskulinisiert-dominantes Redeverhalten (Doing Gender) ungleiche Beteiligungschancen nicht nur im Hinblick auf Geschlecht, sondern auch im Hinblick auf Klasse, ‚Race‘ und weitere intersektionale Strukturkategorien bewirkten. Da diese Strukturen von allen hervorgebracht und genutzt würden, sei es auch wichtig, dass alle an ihrer Transformation mitarbeiteten.

Care-Arbeit geschlechtergerecht verteilen – eine utopische Alternative?

Mike Korsonewski besuchte im November 2015 die Kommune Niederkaufungen. Dort waren neben den Care-alltäglichen Praxen der linkspolitischen Lebensgemeinschaft, die über 80 Menschen umfasst, besonders die Arbeitsorganisation und die Pflege im kommune-eigenen Kollektivbetrieb der Tagespflege Lossetal im Fokus der fünf geführten Interviews und der teilnehmenden Beobachtung.

Tagespflege Lossetal, Lizenz: Archiv Kommune Niederkaufungen

Die Kommune Niederkaufungen besteht seit Mitte der 1980er Jahre. Über die Jahrzehnte wurden in der feministisch-kapitalismuskritischen Kommune Alltagspraxen ausprobiert und etabliert, die die Aufwertung und Sichtbarmachung sowie die Umverteilung von Care-Arbeit auf möglichst alle Mitglieder der Gemeinschaft ermöglichen sollen. Die dafür etablierten zeitaufwendigen und mit Bildungshürden belegten Konsensverfahren können gleichsam Ausschlüsse reproduzieren und dennoch auf Hierarchien und Missverhältnisse hinweisen: So seien immer wieder heteronormative kleinfamiliäre Arrangements zu beobachten, die meist Frauen* an der Beteiligung hinderten. Aufgrund des Aufwands der Konsensverfahren habe sich zudem eine Blockadehaltung herausgebildet, die bestimmte Themen auf Eis legt. Die kollektive Tagespflege Lossetal der Kommune gilt als Aushängeschild für bedürfnisorientierte Pflege und für feministische Arbeitsorganisation. Dies geschieht in Einbezug der Pflegeempfangenden, der Angehörigen und weiterer Akteur*innen wie den Kranken- und Pflegekassen, Medizinischer Pflegedienst der Krankenkassen (MDK) usf., so dass ein Handlungsspielraum zum wechselseitigen Lehren und Lernen entsteht.

Auf dem Symposium diskutierten neben Mike Korsonewski Dieter Schmidt und Mike Laufenberg über queere Pflegepraxen und die Notwendigkeit der Verbindung queer-feministischer und wachstumskritischer Bewegungen. Dieter Schmidt erläuterte anhand des Lebensort Vielfalt – einer Hausgemeinschaft inklusive Pflege-WG für dementiell erkrankte schwule und bisexuelle Männer*, wie Pflege nicht nur queer, sondern auch sozial gerechter gestaltet werden kann. Das bewirke zugleich eine Aufweichung geschlechtlicher Arbeitsteilung, da für die WG vor allem (schwule) Männer* mit einem ähnlichen Erfahrungshintergrund wie die Pflegebedürftigen tätig sind. Inhaltlich ähnelt die Pflegearbeit in der WG in vielerlei Hinsicht jener der Tagespflege Lossetal. Mike Laufenberg betonte u.a., dass es wichtig sei, Geschlechtergerechtigkeit und Wachstumskritik zusammenzudenken, um das volle emanzipatorische Potenzial beider Anliegen entfalten zu können.

Von der Diskussion dieser Ergebnisse im Rahmen des Vortrags „Ein gutes Leben für alle? Postwachstum meets Gender“ in Köln werden wir in einem gesonderten Beitrag berichten.

 

Beitragsbild: Quelle: USGS Bee Inventory and Monitoring Lab auf flickr.com (https://www.flickr.com/photos/usgsbiml/8405820653/), Lizenz: Public Domain Mark 1.0. Hinweis: Das Original wurde graphisch nachbearbeitet.

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Mitteilungen

Degrowth-Konferenz: Frist für Beiträge 31.12.2017

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Vom 21. bis 25. August 2018 wird die 6. Internationale Degrowth-Konferenz zum Thema "Dialogues in turbulent times" in Malmö, Schweden, stattfinden.

Außerdem wird es im selben Jahr auch zwei Zwillingskonferenzen in verschiedenen Ländern geben. Eine davon wird vom 19. bis 22. Juni 2018 in Mexiko City (Mexiko) stattfinden, die andere vom 17. bis 21. September in Brüssel (Belgien). Ziel ist es, durch die Einbeziehung möglichst verschiedener sozialer, kultureller und aktivistischer Beiträge eine ertragreiche Debatte anzuregen.

Gerade in diesen turbulenten Zeiten wachsender Verunsicherung sind globale Dialoge von großer Bedeutung, um das Potential einer Transformation der Gesellschaft hin zu einem Wirtschaften innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen zu fördern und sichtbar zu machen - daran knüpft das Motto der nächsten Degrowth-Konferenz an.

Noch bis zum 31. Dezember 2017 können akademische, aktivistische und künstlerische Beiträge zur Konferenz eingereicht werden. Die Frist zur Einreichung einzelner akademischer Paper und  Posterpräsentationen ist der 28. Februar 2018.

Weitere Informationen zur Degrowth-Konferenz 2018 finden Sie auf der Webseite der Organisator/innen.

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Standpunkte

Haben kann man nicht nur Dinge

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Sharing Economy und Customer Experience aus Philosophischer Sicht

 

„Überhaupt besteht das Reichsein mehr im Gebrauchen als im Besitzen“. Was wie ein Werbeslogan von Car2Go oder Airbnb klingt, ist tatsächlich eine Aussage, die Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren im antiken Griechenland niederschrieb. Schon damals wussten die Menschen: Wenn wir die Anhäufung von Eigentum zum Selbstzweck erheben, werden wir langfristig nicht glücklich. Dieser Gedanke ist auch in anderen philosophischen Theorien und in den meisten Weltreligionen fest verankert. Trotzdem verwechseln wir das Streben nach Glück immer noch zu oft mit dem Streben nach Besitz. Nach über 2000 Jahren könnte sich das nun ändern.

Sharing Economy, das Teilen von Gütern, ist seit einigen Jahren in aller Munde. Geliehen statt gekauft werden – vorwiegend auf Online-Plattformen – Autos, Wohnungen, Bohrmaschinen, Speicherplatz und vieles mehr. Nutzen statt Besitzen lautet das Leitbild. Eine breite Realisierung steht indessen noch aus. Bisher verzichtet nur eine Minderheit auf eine Neuanschaffung von Dingen, um stattdessen auf Sharing zurückzugreifen. So geben beispielsweise nur 17 Prozent der im Rahmen des Forschungsprojekts PeerSharing befragten Drivy-Nutzer/innen an, aufgrund des CarSharing-Angebots auf einen eigenen PKW zu verzichten. Im Regelfall werden zusätzlich zum eigenen, insgesamt wachsenden Besitz noch geteilte Güter genutzt. Das klingt zunächst ernüchternd, könnte aber ein Übergangsphänomen eines erst beginnenden kulturellen Wandels vom Besitzen zum Nutzen sein. Solch ein kultureller Wandel könnte auch durch die vielen offensichtlichen Vorteile von Sharing vorangetrieben werden. Das Leihen von Gütern ist oftmals nicht nur billiger, sondern auch bequemer und entlastet von Aufgaben rund um Instandhaltung, Lagerung oder Versicherung. Man muss ein Auto nicht mehr besitzen, um es nutzen zu können – was nützt der Besitz dann noch?

Haben und Sein

Die erstarkende Sharing Economy ist unter anderem mit der Hoffnung verbunden, dass besitzorientierte Leitbilder einer Besinnung auf das wirklich Wertvolle und Wichtige im Leben weichen. Möglicherweise verschieben sich dadurch Identitäten wie auch Anerkennungsverhältnisse und definieren sich Menschen weniger über ihr Eigentum als in den vorangehenden Jahrzehnten. Möglicherweise wird das Streben nach Glück zunehmend weniger mit dem Streben nach Besitz verwechselt. Und möglicherweise wird damit der Weg geebnet für eine tatsächlich glücklichere Gesellschaft.

Diese Hoffnungen auf ein besseres Leben werden jedoch häufig enttäuscht. In vielen Fällen ändert sich der Gegenstand des Strebens nach Besitz, nicht jedoch die zugrundeliegende Haltung. Immer weniger richten wir unser Besitzstreben auf Gegenstände, sondern auf Erfahrungen, die wir aneignen, anhäufen und maximieren wollen. Auch wenn wir dabei keinem Materialismus im engeren Sinne folgen, bleiben wir der Haltung des Habens verhaftet. Denn haben kann man nicht nur Gegenstände. Besonders eindrücklich hat dies Erich Fromm herausgestellt: Die Haltung des Habens ist eine Existenzweise, in der es „keine lebendige Beziehung zwischen mir [gibt] und dem, was ich habe. Es und ich sind Dinge geworden, und ich habe es … Aber es besteht auch die umgekehrte Beziehung: Es hat mich, da mein Identitätsgefühl davon abhängt es zu haben“. Demgegenüber ist das Sein eine Existenzweise, „in der man nichts hat und nichts zu haben begehrt, sondern voller Freude ist, seine Fähigkeiten produktiv nutzt und eins mit der Welt ist.“

An zahlreichen Beispielen versucht Fromm den Unterschied dieser beiden Haltungen deutlich zu machen. Im Modus des Seins etwa liest man ein Buch langsam und lässt sich berühren, in der Existenzweise des Habens hingegen liest man das Buch schnell und versucht sich die wesentlichen Aussagen anzueignen. Anschließend „hat“ man neues Wissen, ist aber persönlich nicht an der Erfahrung gewachsen. Das Ziel des habenden Menschen, so Erich Fromm, ist insofern mehr Wissen, das Ziel des seienden Menschen tieferes Wissen. Diese Unterscheidung zwischen der Haltung des Habens und der Haltung des Seins kann auch auf das Verhältnis zum eigenen Körper, zu den persönlichen Fähigkeiten, Freundschaften und so weiter angewandt werden. Und auch auf Erfahrungen können wir uns auf sehr unterschiedliche Weise beziehen: Wollen wir Erfahrungen haben, dann geht es uns weniger darum, uns selbst zu erfahren und zu entfalten, sondern vielmehr darum, diese situativ zu konsumieren. Im Gegensatz dazu versuchen wir im Modus des Seins, oder mit Hartmut Rosa gesprochen: im Modus der Weltanverwandlung, uns selbst in eine Situation einzubringen. Wir öffnen uns gegenüber der Welt, arbeiten an uns, um die Welt auf uns wirken zu lassen, ihr nachzuspüren und die kleinen Details zu entdecken und wertzuschätzen. Solche Arten von Erfahrungen sind nur möglich, wenn wir unser Lebenstempo nicht zu stark beschleunigen. Denn nimmt die äußere Reizintensität zu sehr zu, beginnt sich die Zeit zu verdichten, wir können uns den einzelnen Eindrücken nicht mehr hingeben und sie tiefergehend auf uns wirken lassen.

Was lässt sich kaufen?

Das Nutzen statt Besitzen von Gütern ist daher kein Garant für eine Weltanverwandlung und ein besseres Leben. Wir laufen sogar Gefahr, unser Leben durch den einfacheren Zugang zur Nutzung von Gütern noch weiter zu beschleunigen und noch mehr aus all den funkelnden Marktangeboten mitnehmen zu wollen. Diese Gefahr wird auch durch das Erstarken der Dienstleistungsökonomie und ausgefeilte Konsumerfahrungen befördert. Immer mehr Wert wird auf die Customer Experience gelegt. Ein angenehmes Shoppingerlebnis ist zwar für sich genommen nichts Schlechtes. Wenn aber Konsum zur Erfahrung und Erfahrung zum Konsumgut wird, sind wir versucht zu glauben, dass die Dinge, die man nicht kaufen kann, immer weniger werden.

Diese Logik folgt einem Wachstumsparadigma. Denn während sich Gegenstände in einer übersättigten Gesellschaft immer schwieriger verkaufen lassen, ist vor allem bei Dienstleistungen noch Luft nach oben. So könnten wir unser Glück zwar nicht mehr in der Anhäufung von Gegenständen, dafür aber in der Anhäufung von Erlebnissen suchen. Diese Suche würde jedoch scheitern. Nur wenn wir uns frei von Akkumulierungswünschen der Welt gegenüber öffnen, können wir Resonanzerfahrungen machen und uns in der Welt geborgen fühlen.

Weder möglichst viele Autos in der Garage, noch möglichst viel Wissen im Kopf oder Reiseerlebnisse im Gedächtnis machen also ein gutes Leben aus. Weder eine Abkehr vom Besitzstreben in der Sharing Economy noch gesteigerte Konsumerfahrungen bedeuten automatisch ein besseres Leben. Damit Erfahrungen uns bereichern, müssen wir vielmehr eine Haltung in uns fördern, die sich nicht kaufen lässt. Sie erfordert ein Sich-Einlassen auf die Welt und damit ein Verweilen im Moment. Denn wenn wir Dienstleistungen nutzen, um unser Leben zu beschleunigen und das Maximale aus einem Tag herauszuholen, können wir uns bei zu hoher Geschwindigkeit und Reizintensität nur noch oberflächlich auf die Welt einlassen. Wir erfahren unser Leben als flach und erleben immer weniger, obwohl wir von einem spektakulären Event zum nächsten jagen.

Eine solche empfundene Flachheit kann auch befördert werden, wenn wir Erlebnisse immer stärker deshalb machen wollen, um sie auf Social Media zu teilen. Wir machen Erlebnisse dann nicht mehr für uns persönlich, sondern um sie zur Schau zu stellen und, mit Pierre Bourdieu gesprochen, symbolisches Kapital zu generieren. Erfahrungen werden dann zu etwas, das wir vorweisen und auf unserer Habens-Seite verbuchen können. Dieser Gedanke mag zunächst überzogen klingen, doch tatsächlich lässt sich oft beobachten, dass Menschen im Urlaub beispielsweise einen Turm besteigen, um von oben Fotos zu schießen und nicht, um die Perspektive auf sich wirken zu lassen. Solche sozialen Praktiken entfernen uns von einer Anverwandlung, weil auch das Erleben von Momenten der Steigerungslogik des Habens verhaftet bleibt.

Aristoteles auf Sinnsuche

Natürlich kann es zu unserem Glück beitragen, wenn wir Geld ausgeben für gutes Essen, einen Kinobesuch oder die Fahrt auf einem Sharing-Elektroroller in der Abenddämmerung. Ein maximal hohes Maß an solchen Erlebnissen wird uns jedoch nicht glücklich machen. Ein Reichsein, welches mehr im Gebrauchen als im Besitzen besteht, macht allein noch kein gutes Leben aus. Hierfür müssen wir uns unter anderem Zeit nehmen, um in uns hineinzuhorchen und unserer Innenwelt wie auch den weniger spektakulär daherkommenden Seiten der Welt Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist unbezahlbar.

 

Beitragsbild: „Car sharing“ von Duncan Robson auf flickr.com (https://www.flickr.com/photos/dunkr/9179949661/)

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Mitteilungen

Ungleichverteilung und Postwachstum

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In den letzten Wochen hat sich eine interessante Diskussion zwischen dem Ökonom und Postwachstumskritiker Branko Milanovic und dem Anthropologen und Postwachstumsbefürworter Jason Hickel entsponnen. Es geht darin zum einen um die Frage, welche Implikationen die weltweite Einkommensungleichverteilung für das Wirtschaftswachstum mit sich bringt. Zum anderen geht es um die politische Umsetzbarkeit von Postwachstum.

In seinem Kommentar, dessen Übersetzung mit dem Titel "Die Degrowth-Illusion" sich hier findet, argumentiert Branko Milanovic, dass die Ungleichheit der weltweiten Einkommensverteilung eine Postwachstumsgesellschaft quasi unmöglich macht.

Hier findet man die Replik von Jason Hickel auf diesen Kommentar.

Darauf antwortet wiederum Branko Milanovic in einem weiteren Kommentar. Dieser lässt sich hier auf deutsch nachlesen. Er argumentiert darin, dass die politische Umsetzung von Degrowth in der Bevölkerung kaum Unterstützung finden würde.

Auch auf diese Argumentation hat Jason Hickel eine Replik verfasst, in der er darlegt, warum Postwachstum seiner Meinung nach politisch anzustreben wäre und welche Voraussetzungen dafür erfüllt werden müssen.

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Standpunkte

Über die Vermessung der Natur (II)

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„Degrowth ist sowohl Kritik am Wachstum als auch Kritik an der kolonialisierenden Ausweitung der Werte, der Logik und der Sprache des Marktes auf bisher unberührte soziale und ökologische Bereiche“

„Degrowth fordert die Entkommerzialisierung sozialer Beziehungen und des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur und hinterfragt den neuen Umweltpragmatismus“

Goméz-Baggethun (2016): Kommerzialisierung.
In: Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. S. 152.


In welcher Beziehung stehen Managementkonzepte von Ökosystemdienstleistungen zur Postwachstumsbewegung?

Die Diversität der Managementkonzepte lässt vermuten, dass es innerhalb der Postwachstumsbewegung unterschiedliche Meinungen zur Inwertsetzung von Natur gibt. Problematisch ist dabei insbesondere, dass den unterschiedlichen Ansätzen oft in Diskussionen wenig Rechnung getragen wird.

Prinzipiell zeigen jedoch die diesem Eintrag vorangestellten Zitate, dass die Ansätze grundsätzlich kritisch verfolgt werden. Die kritischen Sichtweisen nehmen wenig überraschend mit zunehmender Marktnähe und neoklassischer Ausrichtung der Ansätze zu. Goméz-Baggethun (2011) nennt einige wichtige Kritikpunkte, auf welche ich mich besonders beziehen möchte. Er sieht bei der Ausweitung von Marktwerten vor allem biophysikalische, institutionelle und soziale Grenzen.

Mit der biophysikalischen Grenze werden Schwierigkeiten zwischen Wirtschaftslogik und Natur hervorgehoben. So wird angemerkt, dass Prozesse und Komponenten von Ökosystemen nicht ausgetauscht werden können und damit eine Zerlegung in handelbare Einheiten teilweise sehr schwierig ist, da Ökosysteme gerade auch durch ihre Vernetzung funktionieren, ähnlich wie ein menschliches Gehirn. Die Kommodifizierung von Ökosystemdienstleistungen verschleiert somit die ökologische Komplexität (Kosoy & Corbera, 2010).

Die institutionellen Grenzen adressieren die Schwierigkeiten einer tatsächlichen Marktintegration bzw. das tatsächliche Funktionieren solcher Märkte. Dies wird auf Probleme bei der Preisbildung sowie auf die oftmals nicht vorhandene Substituierbarkeit zurückgeführt. So ist allen Gütern in Märkten zu eigen, dass sie durch andere Güter ersetzbar sind – doch viele der natürlichen Dienstleistungen sind für den Menschen überlebenswichtig und haben damit einen inhärenten Wert. Für solche Ökosystemdienstleistungen wurde der Terminus „Kritische Ökosystem-dienstleistungen“ eingeführt. Zur Schwierigkeit der Substituierbarkeit schrieb bereits Immanuel Kant:

„Alles hat entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen
Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“

Aus: Kant, I. (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. S. 434, Z. 29.

Daneben wird bei der Institutionalisierung auch die Kritik geäußert, dass Natur gegebenenfalls finanzmarktkompatibel gemacht wird und in der Folge von den Schwankungen der Märkte abhängig ist. Zusätzlich kommt hinzu, dass im Falle einer Marktfähigmachung die Politik Verantwortung an die Wirtschaft abgibt – eine allgemein zu beobachtende Problematik von neoklassischen Wirtschaftsweisen, welche durch die Ausweitung der Kommerzialisierung gegebenenfalls sogar zu Entpolitisierungstendenzen führen können (Swyngedouw, 2010).

Dieser Punkt führt uns direkt zu den sozialen Grenzen. Kommt es tatsächlich zur Bildung von Märkten, so heißt Kommodifizierung auch immer, Eigentumsrechte klar zu definieren. Es ergibt sich dann die Frage, wem diese Ökosystemdienstleistungen gehören und wer Zugangsrecht erhält. Dies birgt wiederum ein großes Potential für soziale Konflikte. Ein solches Beispiel ist die Vermarktung von Naturschutz-Zertifikaten im Amazonas-Gebiet (Soares-filho et al., 2016). Innerhalb des 2012 gegründeten „Bolsa Verde do Rio de Janeiro“ zur Organisation des Handels mit Zertifikaten aus dem Naturschutz können sich Landbesitzer/innen von der gesetzlichen Verpflichtung, einen Anteil des Landes im naturnahen Zustand zu belassen, freikaufen – es handelt sich dabei um sogenanntes Offsetting. Da hierbei auch die Möglichkeit besteht, dass sich Konzerne freikaufen, konnten innerhalb kurzer Zeit spekulative Landkäufe in abgelegenen Amazonasgebieten beobachtet werden. Dies wiederum bedroht ganz konkret die Zukunftsperspektiven von indigenen Bevölkerungsgruppen. Ohne die Entwicklung von passenden Governancekonzepten besteht auch allgemein die Gefahr, dass die Unternehmen mit dem meisten Kapital sich auch am ehesten „freikaufen“ können. Dies wiederum lässt Gerechtigkeitsfragen aufkommen, auch und gerade zwischen Akteuren des globalen Nordens und des globalen Südens.

Die genannten Managementkonzepte und mögliche Kritikpunkte aus Degrowth-Sicht zeigen, wie vielfältig das Thema und damit die Bewertung ist. Hinsichtlich der Klimawandelmitigation ist beispielsweise anzumerken, dass CO2-Steuern oder ein Zertifikatemarkt durchaus sinnvoll sein können. Doch ist Steuer nicht gleich Zertifikatehandel und Zertifikatehandel nicht gleich Zertifikatehandel. Allein die Ausgestaltung hinsichtlich der Verknüpfung mit weiteren Ökosytemdienstleistungen macht einen großen Unterschied aus Degrowth-Sicht. Die Kritikpunkte mehren sich demnach vor allem entlang einer zunehmenden Kommerzialisierung und tatsächlichen Markteinbettung von Natur.

Was nun?

Welche Rolle spielen nun das Naturkapital und die daraus generierten Dienstleistungen in einer Postwachstumsökonomie?
Natürlich ist diese Frage zu komplex und vielschichtig, um sie klar beantworten zu können. Mehr noch: Es braucht vor allem weitere Diskussionen, welche Rolle Natur in einer Postwachstumsökonomie spielen sollte. Einfacher lässt sich die Frage beantworten, welche Rolle Naturkapital in einer Postwachstumsökonomie nicht haben sollte – je größer die Einbettung in die Märkte ist, desto kritischer die Sichtweisen. Einige Autor/innen sehen bereits in der reinen Inwertsetzung Probleme, kann doch diese Inwertsetzung den Weg hin zu einer tatsächlichen Marktfähigmachung ebnen (Goméz-Baggethun, 2011). Die lauter werdende Diskussion von Marktinstrumenten, auch durch Vertreter/innen einer Grünen Wachstums-Ökonomie, unterstützt aktuell dieses Argument.

Auf der anderen Seite kann die Inwertsetzung aber auch als Chance gesehen werden, sofern die Grenzen und Problematiken der verschiedenen Managementkonzepte offen diskutiert werden. Beispielsweise im Falle eher pigouvianischer Ansätze, welche auf Steuern und Subventionen beruhen, wenngleich Gegner/innen diesen Ansätzen eine mangelnde Effizienz vorwerfen. Auch abgegrenzte Märkte für Ökosystemdienstleistungen können sinnvoll sein, zum Beispiel im Falle eines CO2-Zertifikatehandels, wenn richtig aufgesetzt und nicht verknüpft mit anderen Dienstleistungen und damit der Privatisierung und Marktfähigmachung von Landflächen im natürlichen Zustand. Daneben sind auch neue Messsysteme für den Zustand von Ökosystemen zur Entwicklung neuer Wohlstandsindikatoren unabdingbar, welche auch die ökologische Realität widerspiegeln.

Somit stellt sich vor allem die Frage, welchen Zweck die Inwertsetzung von Natur hat. Gerade innerhalb von Ideen eines grünen Wirtschaftswachstums werden oftmals die verschiedenen Grenzen einer tatsächlichen Marktfähigmachung übersehen. Insbesondere aus Degrowth-Sicht ist der Diskussion hinzuzufügen, dass diverse Managementkonzepte in Betracht gezogen werden sollten und dass man dabei auch von anderen Ländern und Kulturen lernen kann. Eine Anregung kann die Rolle von Natur innerhalb von Buen Vivir und der dazugehörigen Umsetzung in Ecuador sein. Generell zeigen auch verschiedene Forschungen, dass lokale Governancesysteme vielerlei Stärken hinsichtlich einer nachhaltigen Ressourcennutzung aufzeigen, wie nicht zuletzt Elinor Ostrom in ihrem bekannten Werk „Governing des Commons“ verdeutlichte (Ostrom, 1990).

Insbesondere ist festzuhalten, dass marktbasierte Instrumente des Naturschutzes vor allem aus dem Kontext neoklassischer Ansätze und Konzepten grünen Wachstums stammen. Es stellt sich die Frage, ob bei einer tatsächlichen Marktfähigmachung – einmal abgesehen von allen genannten Grenzen – ein Wirtschaftswachstum nach bisheriger Definition überhaupt möglich ist. Aus Perspektive der Degrowth-Bewegung ist eine damit zusammenhängende absolute Entkopplung vom Ressourcenverbrauch höchst fragwürdig.

Es bleibt demnach festzuhalten, dass gerade über die Managementkonzepte von Ökosystemen zum Schutz derselben eine differenzierte Diskussion zu führen ist, welche auch innerhalb der Postwachstumsbewegung noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann.

 

Literaturverweise

Gomez-Baggethun, E., & Ruiz-Perez, M. (2011). Economic valuation and the commodification of ecosystem services. Progress in Physical Geography. 35, 613–628.

Kant, I. (1785). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Berlin.

Kosoy, N., & Corbera, E. (2010). Payments for ecosystem services as commodity fetishism. Ecological Economics. 69, 1228–1236.

Ostrom, E., 1990. Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Political Economy of Institutions and Decisions. Cambridge University Press, Cambridge.

Soares-filho, B. et al. (2016). Brazil ’ s Market for Trading Forest Certificates. Plos One. 1–17.

Swyngedouw, E. (2016). Entpolitisierung. In: D’Alisa, G., Demaria, F., Kallis, G.: Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München.

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Standpunkte

Über die Vermessung der Natur (I)

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„Degrowth ist sowohl Kritik am Wachstum als auch Kritik an der kolonialisierenden Ausweitung der Werte, der Logik und der Sprache des Marktes auf bisher unberührte soziale und ökologische Bereiche“

„Degrowth fordert die Entkommerzialisierung sozialer Beziehungen und des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur und hinterfragt den neuen Umweltpragmatismus“

Goméz-Baggethun (2016): Kommerzialisierung.
In: Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. S. 152.


Diese beiden Zitate von Eric Goméz-Baggethun aus dem Buch „Degrowth. Handbuch für eine neue Ära“ (2016) beschreiben die kritische Sichtweise von einigen Postwachstumsvertreter/innen auf die zunehmende Kommerzialisierung von Natur.

Doch was sind eigentlich Naturkapital- und Ökosystemdienstleistungsansätze und wie lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen einer zunehmenden Kommerzialisierung von Natur auf der einen und Postwachstumsvisionen auf der anderen Seite beschreiben?

Diesen Fragen möchte ich in den folgenden zwei Beiträgen nachgehen, um zum einen die Heterogenität der Ansätze rund um eine Inwertsetzung von Natur zu verdeutlichen und zugleich die Wichtigkeit einer ausführlichen Diskussion über die Wirksamkeit und die Folgen der verschiedenen Ansätze hervorzuheben.

Was ist unter den Begriffen Naturkapital und Ökosystemdienstleistungen zu verstehen?

Die Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Umwelt werden in den letzten Jahren immer deutlicher sichtbar – neben dem Klimawandel rücken hierbei auch verstärkt der Landnutzungswandel und damit zusammenhängende Biodiversitätsverluste in den Vordergrund. Nicht zuletzt das Planetary-Boundary-Konzept der durch Rockström et al. (2009) veröffentlichen Studie zeigt, wie vielfältig und alarmierend die Veränderungen global voranschreiten (Rockström et al., 2009; Steffen et al., 2015). Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass Umwelt- und Naturschützer/innen in der gesamten Welt nach Lösungen suchen, um beispielsweise den stets steigenden Biodiversitätsverlusten zu begegnen – einer dieser bereits als überschritten geltenden planetaren Grenzen.

Der Ansatz, Naturkapital und die dadurch erbrachten Dienstleistungen ökonomisch zu bewerten und durch diese Inwertsetzung den Naturschutz voran zu bringen und weiteren Biodiversitätsverlusten Einhalt zu gebieten, ist bereits seit vielen Jahrzehnten diskutiert und in einigen Fällen auch schon umgesetzt worden. Jedoch sind die Begrifflichkeiten sehr differenziert zu betrachten, kommt es doch häufig zu Missverständnissen in der Debatte (Fatheuer, Fuhr, & Unmüßig, 2015). Zur begrifflichen Klärung ist auf der einen Seite Naturkapital als Bestandsgröße zu sehen, welche die natürlichen Ressourcen umfasst. Aus diesem Naturkapital wiederum speisen sich Flussgrößen, sogenannte Ökosystemgüter- und dienstleistungen, die aus dem Naturkapital beständig hervorgehen und bisher nicht oder kaum im Wirtschaftssystem Berücksichtigung finden (Costanza et al. 1997). Solche externen Werte in den Markt zu internalisieren liegt zunächst auf der Hand, werden doch Umweltzerstörungen bisher kaum erfasst oder teils gar positiv im Bruttoinlandsprodukt berücksichtigt.

In diesem Rahmen wurden in der letzten Zeit vermehrt Ansätze entwickelt, welche eine solche Inwertsetzung von Natur ermöglichen – ganz nach dem Motto: Auch Dienstleistungen der Natur sollten etwas kosten, wobei ihr Wert für den Menschen im Vordergrund steht. Die Zuweisung erfolgt also aus einer anthropozentrischen Sichtweise heraus. Mittlerweile wird das Konzept auch auf höchster politischer Ebene diskutiert. Beispiel hierfür ist die durch die Europäische Union in Auftrag gegebene Studie „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB), welche 2009 erschien.

Solche Ökosystemdienstleistungen können beispielsweise das CO2-Speichervermögen oder das Wasserreinhaltevermögen von Feuchtgebieten betreffen. Oftmals findet eine Wertzuweisung durch die Summierung eines ökonomischen Gesamtwertes statt, welcher direkte und indirekte Gebrauchswerte sowie Nicht-Gebrauchswerte umfasst (Grunewald & Bastian, 2013). Direkte Gebrauchswerte können direkt für Konsum und Produktion verwendet werden und sind damit sehr leicht quantifizierbar. Hierzu zählen insbesondere Versorgungsdienstleistungen und soziokulturelle Dienstleistungen von Ökosystemen. Zusätzlich zu den Gebrauchswerten kommen sehr schwer zu berechnende Nicht-Gebrauchswerte. Diese setzen sich zusammen aus dem Vermächtniswert, welcher die Bereitschaft der Menschen ausdrückt, auf heutiges Einkommen zu verzichten, um Dinge für zukünftige Generationen zu bewahren sowie dem Existenzwert – die Zahlungsbereitschaft, um Dinge zu schützen, egal ob sie jemals genutzt werden.

Allgemein sind bei der monetären Bewertung eine Vielzahl an Schwierigkeiten sichtbar. Hierzu zählt beispielsweise, dass Ökosysteme und deren Resilienz gegen äußere Einflüsse oft noch ungenügend wissenschaftlich verstanden sind. Hierdurch wird auch eine Grenzziehung zwischen den Ökosystemen zur exakten Bestimmung der Werte schwierig. Daraus wiederum ergibt sich das Problem von Doppelzählungen hinsichtlich der Dienstleistungen. Des Weiteren kommt es zu Schwierigkeiten durch nichtlineare Reaktionen der Umwelt auf menschliche Einflüsse. Bekanntestes Beispiel ist der Klimawandel, welcher durch Kippelemente zusätzlich beschleunigt werden könnte. Daneben bietet auch die räumliche Ebene Schwierigkeiten aufgrund der Ortsabhängigkeit solcher Bewertungen.

Soweit die Theorie – doch zu welchen Implikationen führt diese Inwertsetzung in der Praxis? Welche Chancen und Risiken bietet die Inwertsetzung von Natur, um diese tatsächlich zu schützen?

Welche Managementkonzepte folgen aus diesen Ansätzen?

Diese Frage zählt sicherlich zu den wichtigsten, denn gerade hier scheiden sich die Geister hinsichtlich der Sinnhaftigkeit oder gar Gefahr von Naturkapital- und Ökosystemdienstleistungsansätzen.

Zunächst ist hervorzuheben, dass anfangs Inwertsetzungen eher als Warnsignal entwickelt wurden (Gómez-Baggethun, de Groot, Lomas, & Montes, 2010). Durch die Nennung von konkreten Geldwerten sollte verdeutlicht werden, wie abhängig unsere gesamte Gesellschaft von den Ökosystemen der Erde ist. Marktverknüpfungen oder ähnliches und damit zusammenhängende Managementkonzepte waren demnach zunächst gar nicht Ziel der ersten Autor/innen. Stattdessen sollten die errechneten Geldwerte den bisher gängigen Naturschutz voranbringen. Doch in letzter Zeit wurden auch ökonomische Managementkonzepte stärker diskutiert, teils gar implementiert (Gómez-Baggethun et al., 2010; Gomez-Baggethun & Ruiz-Perez, 2011). Auch hier ist es nötig, die Konzepte sauber zu trennen. Sie reichen von vor allem staatlich gesteuerten Instrumenten, wie beispielsweise Steuern und Subventionen (sogenannte pigouvianische Ansätze) bis hin zu Märkten für Ökosystemdienstleistungen (coaseanische Ansätze). Es handelt sich demnach um verschiedene Stufen einer Kommodifizierung und Marktfähigmachung von Natur. In der Praxis sind tatsächliche Märkte bisher nur selten zu finden, jedoch gibt es verschiedene Konzepte der Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen, beispielsweise Ausgleichszahlungen von Unternehmen oder der öffentlichen Hand (Fatheuer et al., 2015). Diese Zahlungen können entweder freiwillig oder verpflichtend sein. Die Gelder gehen an Gemeinden und Privatmenschen, welche im Gegenzug den Erhalt von Naturkapital und den daraus hervorgehenden Dienstleistungen sicherstellen. Als nationales Beispiel kann Moorfutures genannt werden. Unternehmen können hier direkt CO2-Zertifikate erwerben, um sich an der Wiederbewässerung von Mooren in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zu beteiligen, welche als CO2-Senken gelten. Daneben liefern Moore auch noch eine Vielzahl weiterer Dienstleistungen, beispielsweise im Rahmen der Wasserreinigung, des Hochwasserschutzes oder auch als Erholungsgebiet. In diesem konkreten Fall findet die Verwaltung des Projektes durch staatliche Hand statt. Es handelt sich also nicht um einen freien Markt. Doch wäre im Gegensatz dazu das Wiederbewässerungsgebiet in Privatbesitz, so könnte hieraus gegebenenfalls ein entsprechender Markt gebildet werden. Ein solches Beispiel ist in den Vereinigten Staaten zu finden: Hier wurde das Wetland-Banking-System im Rahmen des US Clean Water Acts entwickelt (Robertson 2004). Feuchtgebiete und damit handelbare Flächennutzungsrechte können hier direkt von Privatmenschen erworben werden, um dann über Zertifikate mit Unternehmen, welche Feuchtgebiete zerstören, zu handeln. Nichtsdestotrotz sind bisher Märkte für Ökosystemdienstleistungen nur selten zu finden, wenngleich deutliche Tendenzen in Richtung einer zunehmenden Kommodifizierung erkennbar sind (Fatheuer et al., 2015; Gómez-Baggethun et al., 2010). Ein häufiges Problem ist dabei auch, Ausschließbarkeit und damit konkrete Besitz- und/oder Verfügungsrechte für diese Güter hinsichtlich Einzelpersonen, Unternehmen etc. herzustellen, handelt es sich doch ursprünglich zumeist ökonomisch gesehen um öffentliche Güter oder Allmende. Je nach spezifischem Natur-Gut beziehungsweise je nach Dienstleistung führen Märkte zu neuen privatisierten Eigentumsverhältnissen, welche soziale Spannungen hervorrufen können. Letztlich können auch CO2-Märkte als Ökosystemdienstleistungsmärkte verstanden werden, doch ist auch hier die Ausgestaltung ganz unterschiedlich. So existieren oftmals Märkte, welche lediglich die Emissionen von größeren Industrien handelbar machen. Daneben ist aber auch eine Kopplung mit Wiederaufforstungsprojekten denkbar, welche als Kohlenstoffspeicher dienen. Es findet in diesem Fall eine Kopplung von verschiedenen Ökosystemdienstleistungen statt, welche über CO2-Zertifikate miteinander verbunden werden. Gegenwärtig wird beispielsweise diskutiert, ob das auf der Klimarahmenkonvention 2005 entwickelte Projekt „Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation“ (REDD+) mit CO2-Märkten verbunden werden sollte, um hierdurch eine Finanzierung von Ausgleichszahlungen an Entwicklungsländer, welche im Gegenzug den Wald schützen, zu ermöglichen (Beltran et al., 2013).

Diese Beispiele sind selbstverständlich nur eine kleine Auswahl an diversen Managementkonzepten, doch zeigt sich bereits daran, welche unterschiedlichen Konsequenzen hinsichtlich des Landmanagements die Inwertsetzung von Natur haben kann.

Doch welche Chancen und Risiken sind mit den verschiedenen Managementkonzepten von Ökosystemdienstleistungen aus Postwachstumssicht verbunden?

Antworten auf diese und weitere Fragen finden Sie im zweiten Teil des Beitrags "Über die Vermessung der Natur".

 

Literaturverweise

Beltran, A. M. et al. (2013). Analysing the options and impacts of including REDD credits in carbon markets, PBL Working Paper. 17, 1–20.

Costanza, R. et al. (1997). The value of the world ’ s ecosystem services and natural capital. Nature, 253–260.

Fatheuer, T., Fuhr, L., & Unmüßig, B. (2015). Kritik der Grünen Ökonomie. München.

Gómez-Baggethun, E. et al. (2010). The history of ecosystem services in economic theory and practice: From early notions to markets and payment schemes. Ecological Economics. 69, 1209–1218.

Gomez-Baggethun, E., & Ruiz-Perez, M. (2011). Economic valuation and the commodification of ecosystem services. Progress in Physical Geography. 35, 613–628.

Goméz-Baggethun, E. (2016). Kommerzialisierung. In: D’Alisa, G; Demaria, F; Kallis, G (Hrsg.) (2016): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München.

Grunewald, K., & Bastian, O. (2013). Ökosystemdienstleistungen. Konzepte, Methoden und Fallbeispiele. Heidelberg.

Robertson, M. M. (2004). The neoliberalization of ecosystem services: wetland mitigation banking and problems in environmental governance. Geoforum. 35, 361 – 373.

Rockström, J. et al. (2009). Planetary boundaries: Exploring the safe operating space for humanity. Ecology and Society. 14.

Steffen, W. et al. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science. 247, 736 - 746.

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Mitteilungen

Dem Wachstum entwachsen

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Eine Broschüre mit dem Titel "Dem Wachstum entwachsen" des Deutschen Naturschutzrings (DNR) soll den Einstieg in die Wachstumskritik erleichtern: Neben Best-Practice-Beispielen für Organisationswandel von Umweltorganisationen wie dem BUND und Greenpeace sammelt die Broschüre nützliche Tools, Netzwerke, Denkanstöße, Akteure und Veröffentlichungen zum Thema Wachstumskritik und sozial-ökologische Transformation.

Weitere Informationen dazu, sowie die Möglichkeit, Druckexemplare zu bestellen, finden Sie hier.

"Entwicklung ist eine Fata Morgana"

Anlässlich der Konferenz “Selbstbestimmt und solidarisch! Konferenz zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise” hat Matthias Schmelzer ein Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Buen-Vivir-Experten Alberto Acosta geführt. Es geht darin vor allem um die Frage, wie wachstumskritische Diskussionen mit migrationspolitischen Fragen verbunden werden sollten. Das Interview lässt sich hier nachlesen.

Die Segel setzen für emissionsfreien Transport

Die Schifffahrt gilt als einer der Hauptverursacher der Luftverschmutzung weltweit. Die Transportbranche steht in einem Moment großer Verantwortung und muss nach umweltfreundlichen Antriebsmethoden Ausschau halten.

Um die Vorstellung eines emissionsfreien Transports Realität werden zu lassen, arbeitet ein kleines Team momentan daran, den Segelfrachter SV-Brigantes (Baujahr 1911) wieder fit für den Warentransport zu machen. Das Schiff wird voraussichtlich Ende 2018 auslaufen und soll dann in der Lage sein, bis zu 110 Tonnen Kaffee oder Kakaobohnenaus aller Welt nach Europa zu transportieren.

Mehr Informationen zu dem Projekt finden Sie hier.

 

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Standpunkte

Der Raubbau an der Seele

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Der Eisberg ist größer als wir denken

In dem eben erschienenen Buch „Raubbau an der Seele“ suche ich nachzuweisen, dass die inzwischen zur häufigsten Ursache von Arbeitsunfähigkeit gewordenen Erkrankungen aus dem depressiven Formenkreis mit einer emotionalen Raubbauwirtschaft zusammenhängen, die sich durchaus mit der Wachstumsideologie des gegenwärtigen Wirtschaftens vergleichen lässt. Die Depression ist demnach keine Krankheit, die Menschen aus heiterem Himmel befällt, sondern die Folge des Zusammenbruchs einer Verleugnung eigener Belastungsgrenzen, eigener Leistungsfixierung sowie der unbewussten Vorstellung, negative Gefühle ließen sich durch Anpassung vermeiden.

Da Eis nur ein wenig leichter ist als Wasser, sehen wir neun Zehntel eines Eisberges nicht. Die Spitze des Eisbergs ist ein Bild für die erdrückende Übermacht des Unsichtbaren gegenüber dem Sichtbaren. Die Konsumkultur steht für die manische Verleugnung dessen, was sich im Unsichtbaren abspielt. Sie ist sozusagen das Gegenteil eines realistischen Umgangs mit Gefahren. Sie steht für die Illusion, wir hätten auf den ersten Blick das Wesentliche erfasst.

Die Spitze des Eisberges ist auch eine Metapher für unsere Psyche: nur ein Bruchteil dessen, was sich in ihr abspielt, wird uns bewusst. Wir wissen wenig, ahnen so manches, müssen uns öfter, als es uns lieb ist, mit dem Wissen um unser Nichtwissen zufriedengeben.

Die dem Menschen durch die Technik geschenkten Möglichkeiten, durch kleine Bewegungen immense Wirkungen zu erzielen, haben wir in ihrem Gefährdungspotenzial noch kaum erkannt. Meine Hypothese ist, dass diese technischen Qualitäten in die Strukturen unseres Selbstgefühls eingebettet werden und auf diesem Weg Gefahren entstehen, welche sich die Lobredner der Machtsteigerung durch unsere explosiven und regressionsfördernden Technologien nicht träumen lassen.

Wenn eine solche Explosion stattgefunden hat, heißt es oft, das Ereignis sei nicht voraussehbar gewesen. Die Täter handelten aus Motiven, die dem gesunden Menschen völlig fremd sind. Solche Einwände erinnern mich an die pseudowissenschaftlichen Argumente, mit denen lange Zeit die Unschädlichkeit von Radioaktivität oder DDT in unserer Umwelt begründet wurde. Überall, wo es auch nur das kleinste Interesse gibt, einen Zusammenhang zu bagatellisieren und Warnungen in den Wind zu schlagen, sollte es sich jeder seriöse Forscher verbieten, Harmlosigkeitsbescheinigungen auszustellen.

Die Explosion lässt auf sich warten

Es gibt Kränkungen, die wir ertragen können, und andere, die unsere Psyche überfordern. Dann setzen Verarbeitungsmöglichkeiten ein, die mit dem "Leben aus der Substanz" verglichen werden können, das eine Notsituation auf prekäre Weise stabilisiert.

Wenn wir hungern, baut der Organismus erst Fettreserven ab. Das schadet ihm kaum, kann sogar den Körper entlasten. Wenn diese Reserven aufgebraucht sind, beginnt der Organismus sich selbst zu verzehren. Jetzt wird ein Schaden am Ganzen in Kauf genommen, um die Überlebenszeit zu verlängern. In unserem Selbstgefühl ist der explosive Narzissmus mit jener Selbstschädigung des Ausgehungerten vergleichbar: Wenn ein Jugendlicher die Hoffnung verliert, dass er jemals durch eigene Arbeit die Raten für sein erstes Auto bezahlen kann und deshalb „lieber“ das Auto seines Nachbarn anzündet, hat er diesen explosiven Zustand seines Narzissmus erreicht.

In der Fähigkeit des Menschen, lange Zeit zu ertragen, was er eigentlich nicht ertragen kann, und dann plötzlich angesichts einer Kränkung zusammenzubrechen (oder, viel seltener, zu explodieren), wurzelt das Elend der Prophylaxe. Sie muss, wenn sie etwas bewirken will, unter der Wasserlinie des Eisbergs arbeiten, im noch nicht Sichtbaren.

Wenn wir für die ausgebrannten und chronisch kranken Lehrer/innen keine neuen einstellen, funktioniert die Schule äußerlich noch. Wenn wir die Projekte sterben lassen, in denen arbeitslose Jugendliche lernen können, einen Arbeitstag durchzustehen, werden Kosten gespart. Die Jugendlichen hängen herum, sie trinken mehr Bier, was der Brauindustrie nützt, sie machen nicht sofort Krawall. Dazu kommt es erst ein paar Jahre später.

Das Elend der Prophylaxe

Angesichts der brennenden Autos in den französischen Städten überboten sich die Politiker/innen mit Bekenntnissen zur Integration. Auf stabile Finanzierung können auch diesmal wieder nur jene Mächte rechnen, deren Selbstüberschätzung die Quelle des Übels ist: Justiz und Polizei. Sonderkommissionen, Hubschrauber und Feuerwehren aller Art sind spektakulär und werbewirksam für den/die Politiker/in, den/die es nach öffentlicher Aufmerksamkeit hungert. Die Sozialpädagog/innen, die Bürgerinitiativen, die Streetworker/innen, die Kontaktbeamt/innen, die engagierten Lehrer/innen bleiben unsichtbar. Ihre Arbeit ist nicht eindrucksvoll.

Es dauert lange, es kostet Geduld und viele Gespräche, den einen oder anderen Jugendlichen aus einem prä-explosiven Zustand zurückholen, ehe er seine Kränkungswut in Molotowcocktails füllt oder, zehn Jahre später, als Killer für den islamischen Staat. Das brennende Auto und die Polizei, die die Brandstifter jagt, gibt medial mehr her als die Arbeit im Jugendzentrum, im Klassenzimmer, in der Beratungsstelle für Migrant/innen. Entsprechend werden die Mittel verteilt: die „weichen“ Expert/innen müssen jedes Jahr um sie bangen, die „Harten“ können Druck machen. Der Krawall gibt ihnen mächtigen Rückenwind, um neue Überwachungskameras, Computer und Hubschrauber mit Wärmekameras zu bekommen, mit deren Hilfe sich exakt feststellen lässt, wie viele Jugendliche sich nachts auf den Straßen herumtreiben.

In der Jugend- und Migrant/innenarbeit, aber auch angesichts der Langzeitarbeitslosen ist eine Art Eventfinanzierung fast die Regel geworden. Wenn er irgendwo brennt, sind für kurze Zeit Mittel da. Später müssen die in den Initiativgruppen Tätigen von Jahr zu Jahr um ihre Stellen bangen, müssen – weil gerade angesichts einer Finanzkrise ein Einstellungsstop verhängt wurde – Mehrarbeit leisten. Wenn sie es nicht schaffen, den Betrieb aufrecht zu erhalten, wird er eben eingestellt; wenn sie es schaffen, hören sie irgendwann, dass sie es ja ohne die eingesparte Stelle auch geschafft haben und das Geld einfach nicht da ist, um den zugesagten Mitarbeiter zu bezahlen.

Daher sind sich einerseits fast alle Expert/innen in diesem Bereich darüber einig, dass prophylaktische Projektarbeit das beste ist, was wir angesichts der auf uns zukommenden Probleme durch chancenlose und nicht integrierte Gruppen in der Gesellschaft tun können. Auf der anderen Seite gibt es aber einen erschreckenden Schwund an erfahrenen Fachleuten, welche – der ewigen Unsicherheiten und Entwertungen müde – lieber etwas anderes machen als diese unsichtbare, vorbeugende Arbeit.

 

Zum Weiterlesen:

Wolfgang Schmidbauer, Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, München (Oekom-Verlag) 2017

Ders., Enzyklopädie der dummen Dinge. München (Oekom-Verlag) 2015

Ders., Psychologie des Terrors. Warum junge Männer zu Attentätern werden. Gütersloh 2009

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Standpunkte

Sinkende Nettoenergie, abnehmendes Wachstum

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Die langfristigen durchschnittlichen Wachstumsraten in den Industrieländern gehen zurück. Die Gründe dafür sind fraglos komplex und vielschichtig, aber manche Ursachen sind zumindest im deutschsprachigen Postwachstumsdiskurs deutlich unterbelichtet.

Beispiel: das Energie-Gewinn-Verhältnis, abgekürzt im Englischen als EROEI [1], im Folgenden als EGV. Dieses hat sich in den letzten Jahrzenten für die fossilen Brennstoffe deutlich verschlechtert.

Energie ist für alle, die sich mit der Zukunft des Wachstums befassen, eine zentrale Frage. Zwischen Energie und Wachstum besteht ein äußerst enger Zusammenhang – ohne Energie kein Wachstum. An diesem Punkt setzt das EGV an. Die Kennziffer beschreibt das Verhältnis zwischen gewonnener Energie und der Energie, die direkt und indirekt für die Gewinnung eingesetzt wurde.

Das EGV gibt also den energetischen Hebel eines energetischen Rohstoffs an. Eng verwandt mit dem EGV ist der Begriff der Nettoenergie. Diese ist definiert als EGV-1.
Liegt das EGV bei 1, so beläuft sich die Nettoenergie auf 0.

Die obige vereinfachte EGV-Formel täuscht: Die Berechnung ist schwierig und mit vielen Unsicherheiten belastet. Ja, auch mit einigen konzeptionellen Schwächen. [2] Grundsätzlich handelt es sich aber um eine sehr interessante Größe, die beim Verständnis helfen kann, wie Wachstumsprozesse ablaufen – und auch warum die langfristigen durchschnittlichen Wachstumsraten rückläufig sind.

Man sollte nicht glauben, dass energetische Rohstoffe so lange gefördert werden, wie das EGV höher als 1:1 liegt. Das wäre wirtschaftlicher Unsinn. Unternehmen sind im Finanzmarktkapitalismus zur Gewinnmaximierung gezwungen. Sie müssen den Return on investment (ROI), also das Verhältnis zwischen Gewinn und Investition, im Auge haben.

Die makroökonomische Sicht ist noch interessanter. Man stelle sich eine Gesellschaft mit 100 Mitgliedern vor: Läge das EGV des arbeitenden Teils der Bevölkerung bei 100:1, dann ist eine Person mit der Energieproduktion beschäftigt, 99 können sich anderen Aufgaben widmen. Ein Verhältnis von 50:1 würde bedeuten, dass sich zwei Menschen um die Energiebeschaffung kümmern – die restlichen 98 können anderen Arbeiten nachgehen. 25:1 bedeutet schließlich: Vier Leute sind mit der Energiewirtschaft befasst, 96 können sich spezialisieren.

Eine Relation von 12,5:1 kann komplexe Gesellschaften wie die unsere schon in Probleme bringen (dann arbeiten acht Menschen für die Energiebeschaffung), während ein Verhältnis von 6,25:1 diese Probleme ganz sicher verursacht (16 Menschen werden für die Energie abgezweigt). Ein EGV von 1:1 hieße, dass jede Person in der Energieproduktion arbeiten würde – folglich wären für andere gesellschaftliche Aufgaben keine Menschen verfügbar. [3]

Die westlichen Industriegesellschaften wurden auf ein hohes Energie-Gewinn-Verhältnis gegründet. Die meisten Menschen waren bis zur Industrialisierung »Vollzeitenergiearbeiter/in«. Brennholz, lange Zeit die Wärme- und Energiequelle Nummer eins, besitzt ein EGV von etwa 30:1. Die Kohle wurde zum entscheidenden Antrieb der Industrialisierung. Ihr EGV lag noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei sagenhaften 177:1 (Wert für die USA). Die von fossilen Energieträgern befeuerte Industrialisierung sprengte die Wachstumsgrenzen der Agrargesellschaft. Die Rohstoffbasis wurde von der Fläche entkoppelt. Bildlich könnte man sich vorstellen, dass Millionen von Hektar Wald und Wiesen durch die Kohlenutzung wie von Geisterhand geschaffen und zusätzlich bereitgestellt wurden. Das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs (auch bekannt als Ertragsgesetz), das das Wachstum von Gesellschaften jahrtausendelang gebremst hatte, wurde suspendiert – jedenfalls für eine Frist von wenigen Jahrhunderten.

Die Industrialisierung brachte die allmähliche Mechanisierung der Landwirtschaft. In der Konsequenz wurden weniger Arbeitskräfte auf den Feldern benötigt. Millionen von Bäuer/innen wurden von ihren Feldern »befreit«. Viele von ihnen wandelten sich zu Fabrikarbeiter/innen und Städtern. Mit weiteren Industrialisierungsschüben fand eine weitere Spezialisierung statt. Die Enkel/innen der Bäuer/innen und Fabrikarbeiter/innen konnten zu Banker/innen, Journalist/innen, Kunstsammler/innen, Herzspezialist/innen oder Computertechniker/innen werden. Es war jene Surplus-Energie, die maßgeblich diese ungeheuerliche Entwicklung ermöglichte. Spezialisierung und Arbeitsteilung waren ihrerseits wichtige Antriebskräfte für das wirtschaftliche Wachstum.

Gesellschaften wurden im Zeitverlauf immer komplexer. Komplexität ist eine Problemlösungsstrategie. Aber sie verursacht Kosten. Kosten, die man beispielsweise in Geld- oder Energieeinheiten messen kann. Billige Energie bzw. ein hohes EGV waren für den Aufbau immer komplexerer Strukturen erforderlich. [4] Da trifft es sich schlecht, dass das EGV bei fossilen Quellen im Zeitverlauf immer weiter abnimmt. Das ist bei der Kohle so – und auch beim Erdgas.

Ebenso beim wichtigsten fossilen Energieträger, dem Erdöl. An dessen Beispiel kann man demonstrieren, wie sich das EGV verändert hat. Im Jahr 1930 lag das Verhältnis von gewonnener zu aufgewendeter Energie etwa 100:1, 2005 war es auf 19:1 gesunken. [5] David Murphy von der Northern Illinois University beziffert das derzeitige globale EGV beim konventionellen Erdöl auf etwa 15:1. Murphy erwartet, dass das Öl-EGV weiter sinken wird.

Wie kann das sein? Eine Antwortet lautet: Best-First-Prinzip. Das am leichtesten zu fördernde Öl wurde schon aus der Erde geholt. Die verbleibenden Ölreserven liegen nicht nur tiefer, sondern tendenziell in Bodenregionen, die weniger gut zugänglich sind. Es ist wichtig zu verstehen, dass die erschwerten Förderbedingungen nicht nur direkt mehr Energie verschlingen (konkret mehr Diesel oder mehr Elektrizität), sondern dass auch der indirekte Energieaufwand sehr hoch sein kann (in Form von bereitzustellender Infrastruktur, die gebaut und geplant werden muss). Anders formuliert: Es muss immer mehr (Energie, Arbeit, Zeit und damit auch Geld) investiert werden, um die gleiche Menge X zu fördern.

Die fossile Energieindustrie stemmt sich dem Trend entgegen. Große Ölkonzerne wie Chevron, Exxon Mobil und Royal Dutch Shell haben in den letzten Jahren Rekordsummen investiert. Unter anderem in Biokraftstoffe, Ölsande und Fracking – deren EGV liegt freilich weit unter 10:1. Doch trotz dieser großen Investitionen wächst die Ölförderung der drei genannten Konzerne kaum noch – teilweise ist sie sogar rückläufig. Das wirkt sich auf das Wachstum der gesamten Branche aus.

Der Geologe Richard Miller, lange in Diensten von BP, flüchtet sich derweil in Sarkasmus. Mit Blick auf das Fracking meint er: »Wir sind wie die Laborratten in einer Kiste aus Pappkarton, die alle Cornflakes aufgegessen haben. Jetzt haben wir erkannt, dass wir auch den Pappkarton essen können.« [6]

 

 

[1] EROEI steht für »Energy return on energy invested«.

[2]    Eine grundsätzliche Schwäche des Konzepts ist die Vernachlässigung der qualitativen Unterschiede der Energieträger. Im Prinzip werden Äpfel und Birnen addiert, und am Ende kommt ein einziger Wert heraus. Doch nicht jedes Joule ist identisch. Mit Benzin werden Autos bewegt, mit Kohle wird Strom erzeugt. Oder - in einem alten Kohleofen - Wärme.

[3]    Vgl. Heinberg, Richard: Snake Oil. How Fracking’s false promise of plenty imperils our future, Santa Rosa 2013, S. 29.

[4]   Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Tainter, Joseph A.: The Collapse of Complex Societies, Cambridge 1990.

[5]    Vgl. zu den Zahlen ausführlich Nicoll, Norbert: Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte, Marburg 2016, S. 310-311.

[6]    Zitiert nach: Ahmed, Nafeez Mosaddeq: Former BP geologist: peak oil is here and it will 'break economies'. Artikel online unter: http://www.theguardian.com/environment/earth-insight/2013/dec/23/british-petroleum-geologist-peak-oil-break-economy-recession [Stand: 26.5.2017].

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Standpunkte

Vom Postwachstum zur De-Globalisierung

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Fast 13 % für die AfD bei den Bundestagswahlen, 26 % für die FPÖ in Österreich – erneut ist deutlich geworden, dass der Aufstieg der Neuen Rechten kein vorübergehendes Phänomen ist. Wer hoffte, dass die schwierigen Brexit-Verhandlungen und die Fehltritte eines Donald Trump die Erfolgssträhne des neuen Nationalismus zunichtemachen würden, sieht sich getäuscht. Yanis Varoufakis [1] diagnostizierte folgerichtig die langfristige Herausbildung einer nationalistischen Internationalen: völkische und rechts-autoritäre Führungsfiguren, Parteien, Bewegungen, NGOs und Medien, die sich institutionalisieren und weltweit vernetzen. Sie bringen zustande, was linke Massenbewegungen und Parteiprojekte in den zehn Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise nicht konnten oder nicht wollten: Sie formulieren eine Alternative zur in Misskredit geratenen Ideologie des Neoliberalismus. Das TINA-Prinzip („There Is No Alternative“) bekommt Konkurrenz - durch eine starke Erzählung nationaler Ermächtigung, gepaart mit religiösen, rassistischen, anti-feministischen und anti-ökologischen Ressentiments. Obwohl die Neuen Rechten nur Teilaspekte neoliberaler Wirtschaftspolitik in Frage stellen und sie in anderen Bereichen radikalisieren, fungieren sie doch als ideologische Gegenbewegung zum neoliberalen und post-demokratischen Politikmodell.

Die Neue Rechte als Postwachstums-Bewegung?

Die nationalistische Internationale hat mit Postwachstum – verstanden als empirischer Zustand, nicht als politische Forderung – mehr zu tun, als es zunächst scheint. Stagnation oder Mini-Wachstum sind in den Staaten des globalen Nordens längst ökonomische Realität. Während mit der neoliberalen Globalisierung seit den 1980er Jahren neue Wachstumsherde im globalen Süden entstanden, verlangsamte sich das Wachstum im Norden. Stagnierende Löhne, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, wachsende Ungleichheit – der subjektive Zusammenhang zwischen Wachstum und Lebensqualität erodierte. Es liegt nahe, die Neue Rechte als Gegenbewegung zum Aufstieg neuer ökonomischer Mächte zu begreifen. In den Abstiegsgesellschaften des Westens erstarken diejenigen Kräfte, die glaubhaft die Absicherung des relativen Wohlstandes oder gar eine Rückkehr zu vergangenen Blütezeiten versprechen können [2].

Doch auch jenseits der alten „Industriestaaten“ gewinnen rechte und reaktionäre Tendenzen die Oberhand. Ob Al Sisi in Ägypten, Modi in Indien, Xi Jingping in China, Erdogan in der Türkei, Duterte in den Philippinen, Putin in Russland, Temer in Brasilien, Macri in Argentinien, Kaczynski in Polen oder Orbán in Ungarn – die nationalistische Internationale ist gewiss kein ‚First-World-Problem‘ [3]. Das neoliberale Wachstumsmodell hat sich auch und gerade abseits der G7-Staaten als Sackgasse erwiesen und bedarf neuer Legitimationsstrategien [4]. In diese Lücke stoßen rechte Kräfte schon deshalb erfolgreicher als progressive Bündnisse, weil sie nicht die exklusive soziale Logik des Neoliberalismus problematisieren und ein politisches Projekt ‚für Alle‘ formulieren müssen, sondern oberflächlich bleiben und Sündenböcke deklarieren können. Nicht zufällig rekrutieren sich die neu-rechten Führungsfiguren meist aus wohlhabenden Unternehmer-Dynastien. Zusammengefasst könnte man sagen: Die sozialen Kosten und die ökonomische Begrenztheit des Wachstumspfades der vergangenen Jahrzehnte führen weltweit zur Herausbildung neuer Herrschaftsprojekte innerhalb der Eliten, die nicht selten protektionistisch argumentieren und versuchen, die Unzufriedenheit mit der neoliberalen Globalisierung nationalistisch zu kanalisieren [5].

Transformation als Gegenprojekt?

Wir erleben also die Entstehung einer rechten Globalisierungskritik, die zwar Märkte und Produktionsverhältnisse nicht grundlegend politisiert, jedoch eine Projektionsfläche für die Unzufriedenheit mit dem neoliberalen Wachstumsmodell bietet. Eine wirksame ökonomische Gegenerzählung von links lässt dagegen weiterhin auf sich warten. Bei den Protesten der vergangenen 20 Jahre gegen die WTO, gegen Sozialabbau, gegen Austeritätspolitik oder gegen bilaterale Freihandelsabkommen handelte es sich im Wesentlichen um Abwehrkämpfe und nicht um die zukunftsgerichtete Suche nach ökonomischen Alternativen.

Unterdessen ist die „(sozial-ökologische) Transformation“ zum Catch-All-Begriff für alle möglichen progressiven Akteure geworden, um die Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels anzuzeigen. Die aktuelle Dominanz der Transformationsperspektive in progressiven Debatten ist aus vielerlei Gründen ein Problem. Zum einen verbleibt sie in abstrakt-akademischen Gefilden, ist kaum real (emotional) vermittelbar und verspricht eher noch mehr Unsicherheit und Instabilität als robuste Krisenlösungen. Außerdem erleidet der Transformationsbegriff derzeit ein ähnliches Schicksal wie der der nachhaltigen Entwicklung: Er wird mit den Anforderungen einer profit- und wachstumsorientierten Wirtschaftsweise kompatibel gemacht [6]. Vor allem aber de-thematisiert der Transformations-Diskurs systematisch das, was die Rechten sehr erfolgreich thematisieren: Kritik an der Globalisierung und ihren institutionellen Erscheinungsformen (wie etwa der European Economic Governance, bilateralen Freihandelsabkommen oder regionalen Wirtschaftsräumen).

Degrowth auf dem Weg zu einer politischen Kraft

Die Stärke des Degrowth-Ansatzes liegt darin, den Zerfall des neoliberalen Wachstumsregimes nicht nur zu thematisieren, sondern sich positiv auf ihn zu beziehen. Degrowth verspricht keine nostalgische Rückkehr zum vermeintlich goldenen Zeitalter des Industriekapitalismus, sondern einen “prosperous way down” [7] hin zu einer Gesellschaft, in der vielleicht weniger materieller Reichtum, aber mehr soziale Gleichheit, mehr Zeit und Lebensqualität, mehr Kooperation und ‚soziale Freiheit‘ [8] sowie andere ‚Naturverhältnisse‘ vorherrschend sind. Die Wiederentdeckung utopischen und experimentellen ökonomischen Denkens in Form des Degrowth-Diskurses hat zu einer Ansammlung und Vermengung vielfältiger ökonomischer Konzepte und Theorien geführt. Die Degrowth-Bewegung ist eben dank ihres klaren Fokus auf die Wachstumsfrage zu einer Projektionsfläche geworden, die unterschiedliche Akteure und Milieus miteinander vernetzt und so zur politischen Kraft wird [9].

Dabei steht die Degrowth-Bewegung jedoch erst am Anfang. Versuche, die vorwiegend weiße und akademische soziale Basis und die europäische Sichtweise der Degrowth-Bewegung durch die gezielte Verknüpfung mit anderen Diskursen – etwa zu selbstbestimmter Entwicklung, Digitalisierung oder Post-Extraktivismus – auszuweiten, gehen in die richtige Richtung. Sie reichen jedoch noch nicht aus, um „Postwachstum“ und die Klima-Bewegung insgesamt zu einem Akteur bzw. Antagonist werden zu lassen, der auf der politischen Bühne ernst- und wahrgenommen wird. Die Forderung nach einer Abkehr vom Wachstumsimperativ greift zwar ein bestehendes gesellschaftliches Unbehagen auf, knüpft jedoch nicht an die bestimmende Konfliktachse unserer Zeit an. Die dominante gesellschaftliche Konfliktlinie verläuft zwischen denjenigen politischen Kräften, die die ökonomische Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte (das „TINA-Prinzip“) aufrechterhalten und vertiefen wollen und denen, die sie kritisieren und neue Formen internationaler Koordination entwickeln.

Solidarische De-Globalisierung

Könnte das Modell einer ‚solidarischen De-Globalisierung‘ eine progressive Antwort auf die Globalisierungskritik von Rechts sein? Das Konzept ist alles andere als neu. Walden Bello prägte den Begriff Anfang der 2000er Jahre und löste damit heftige Debatten in der globalisierungskritischen Bewegung jener Zeit aus. Er wurde dabei nicht müde zu betonen, dass De-Globalisierung nicht Abschottung und Protektionismus bedeuten, sondern eine neue Form internationaler Regulierung und politischer Kooperation. In seinen 14 Prinzipien fordert er unter anderem eine binnenorientierte Produktion, ökonomische Subsidiarität, entwicklungsorientierte Industrie- und Handelspolitik, gemischte Ökonomien [10], Umverteilung von Einkommen und Vermögen und eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum als alleinigem Orientierungsmaß [11].

Doch der Begriff wird auch kritisch gesehen. Schon im Jahr 2003 kritisierte Patrik Bond den Ansatz von Walden Bello als „doppelt-reformistisch“ [12], weil er auf eine Kombination aus internationaler Regulierung und lokalen ökonomischen Ansätzen setze und revolutionäre Strategien ausblende. Noch heikler präsentiert sich das Problem, dass die Aufwertung lokaler und regionaler Ebenen, wie sie im Konzept der De-Globalisierung angelegt ist, den derzeitigen Trend zur Re-Nationalisierung verstärken könnte [13]. Klar ist: der Raum des politischen ist heute transnational, wenn nicht global zu denken – weder der finanzdominierte Kapitalismus noch die nationalistische Internationale können auf nationaler Ebene bekämpft werden. Bereits die Mitterand-Regierung der 1980er Jahre musste die Grenzen nationaler Transformationsstrategien kennen lernen, bevor die Syriza-Regierung im Sommer 2015 schmerzhaft an sie erinnert wurde. Jede ökonomische Alternative und jede politische Strategie zu ihrer Durchsetzung kann heute nur transnational gedacht werden, wenn sie eine reale Alternative entwickeln will. Wie es der Regisseur Milo Rau auf den Punkt brachte: „Man kann die Bourgeoisie nicht in einer nationalen Bewegung besiegen, denn der Nationalstaat ist eine Erfindung dieser Herrschaftsform.“ [14]

Doch kosmopolitische und voluntaristische Strategien einer ‚anderen Globalisierung‘ oder ‚großen Transformation‘ greifen ihrerseits in Leere. Die De-Globalisierung im Sinne einer „Fragmentierung politischer Herrschaftsverhältnisse“ [15] und der Herausbildung eines multipolaren Kapitalismus hat längst eingesetzt. Es geht nicht mehr darum, ob eine De-Globalisierung stattfindet, sondern darum, wer sie auf welche Weise gestaltet. Die zentrale Auseinandersetzung der Gegenwart ist, wie die Alternative zum westlich geprägten System der Global Governance und seiner neoliberalen Wirtschafts-Software aussehen wird. Erwarten uns eine neue Blockkonfrontation und verschärfte geopolitische Konflikte? Werden reaktionäre Kräfte die neoliberale Globalisierung teils abwickeln und dabei die sozial-chauvinistischen Bestandteile neoliberaler Politik radikalisieren? Oder kann ein solidarisches Gegenprojekt entstehen, das die De-Globalisierung ihrerseits gestalten will, dabei nationalistische und neoliberale Politik jedoch überwindet?

Degrowth braucht eine Zuspitzung

Die Degrowth-Bewegung könnte der entscheidende Akteur sein, dem es gelingt, das Konzept einer koordinierten ökonomischen De-Globalisierung aufzugreifen und als solidarischen Gegenpol zur Abschottung und ‚Globalisierungskritik von Rechts‘ in Stellung zu bringen. Denn die De-Globalisierung ist eine notwendige Zuspitzung und Ergänzung des Degrowth-Programms. Während ‚Postwachstum‘ ein Ziel formuliert, zeigt ‚De-Globalisierung‘ eine Richtung an. Worum soll es bei „Degrowth“ anderes gehen als darum, die immer weitergehende Internationalisierung der Produktion, der Ausbreitung der Finanzmärkte, die Kommodifizierung sämtlicher Lebensbereiche und den Abbau demokratischer Gestaltungsmöglichkeiten aufzuhalten, umzukehren und eine solidarische Produktions- und Lebensweise zu institutionalisieren? Das Konzept einer solidarischen De-Globalisierung könnte zudem den dringend notwendigen Schulterschluss zwischen der globalisierungskritischen Bewegung der 2000er Jahre, den Massenbewegungen gegen Austeritätspolitik nach 2008 und den Protesten gegen bilaterale Freihandelsabkommen seit 2015 herstellen, und zugleich die Perspektive des globalen Südens mitdenken. Um wirklich zu einem Gegenentwurf zur Globalisierungskritik von Rechts zu entwickeln, müsste das Konzept jedoch zunächst aufgegriffen und breit diskutiert werden.

 

Literatur

[1] https://www.nytimes.com/2017/07/06/opinion/yanis-varoufakis-a-new-deal-for-the-21st-century.html

[2] Decker, S., Sablowski, T. (2017). Die G20 und die Krise des globalen Kapitalismus. Studie im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Mai 2017, S. 40.

[3] http://www.zeitschrift-luxemburg.de/strongmen-politische-krieger-und-empire-wo-sie-zusammenkommen-wird-es-kompliziert-und-heftig/

[4] Gonzalez-Vicente, R. & Carroll, T. (2017). Politics after National Development: Explaining the Populist Rise under Late Capitalism, Globalizations, 14(6), S. 991-1013.

[5] Decker, Sablowski 2017 (s.o.), S. 36.

[6] Brand, U. & Daiber, B. (2012). Socialecological tranformations. Austrian Journal of Development Studies, 28(3), S. 4-6.

[7] Odum, H. T. & E. C. Odum (2001). A Prosperous Way Down. Boulder: University Press of Colorado.

[8] Honneth, Axel (2017): Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Erweiterte Ausgabe. Berlin: Suhrkamp.

[9] https://www.degrowth.info/de/2016/01/ueber-selbstproblematisierung-zu-kapitalismuskritik-die-degrowth-bewegung/

[10] Gibson-Graham JK (2008a) Diverse economies: Performative practices for ‘other worlds’. Progress in Human Geography  32(5): 613–632

[11] Bello, Walden (2013): Capitalism's Last Stand? Deglobalization in the Age of Austerity. London: Zed Books.
Bello, Walden; Nachtwey, Oliver (Eds.) (2005): De-Globalisierung. Widerstand gegen die neue Weltordnung. Hamburg: VSA-Verlag.

[12] https://systemicalternatives.org/2014/02/13/deglobalization-sure-but/

[13] http://www.zeitschrift-luxemburg.de/der-demokratische-aufstand/

[14] http://www.zeit.de/2017/44/milo-rau-regisseur-theater-berlin-weltparlament/komplettansicht

[15] Simon, Jenny (2017): Am Rande des Imperiums.  Chinas Staatskapitalismus zwischen Rivalität und Interdependenz, in: Wissenschaft und Frieden, 34 (4), S. 23–25.

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Standpunkte

Genossenschaften, erobert die Plattformökonomie!

Kommentare 1

Während Postwachstumsbefürworter/innen eine grundlegende Umgestaltung unseres Wirtschaftens gemäß sozialer und ökologischer Prinzipien fordern, vollzieht sich derweil ein tiefgreifender Wandel, der in eine ganz andere Richtung weist: Im Zuge der Digitalisierung entwickelt sich eine Plattformökonomie, der ein massives Disruptionspotenzial zugerechnet wird und die bereits heute die Welt verändert. Dass die prominentesten Akteure der Plattformökonomie – die Rede ist von Apple, Google, Microsoft, Amazon, Facebook & Co – die Liste der wertvollsten Unternehmen der Welt anführen (vgl. IE.F und Roland Berger 2016: 12), zeigt: Dies ist ein Phänomen von großer Bedeutung. Was kann diesen mächtigen Playern entgegengesetzt werden?

Plattformökonomien

Plattformen ermöglichen Interaktionen verschiedenster Art und erscheinen in vielfältiger Weise. Sie bringen Anbieter/innen und Nachfrager/innen zusammen und sind unverzichtbar geworden. Sofort in den Sinn mögen uns Marktplätze wie Amazon oder eBay kommen. Bei Airbnb, Uber und TaskRabbit handelt es sich um Plattformen, die Dienstleistungen oder Arbeit vermitteln. Darüber hinaus dienen Plattformen wie Google’s Android oder Apple’s iOS als Grundlage für andere Plattformen. Allen gemein ist, dass die Wertschöpfung im Netzwerk stattfindet (vgl. Kenney und Zysman 2016).

Dank solcher Plattformen können wir trotz großer Distanzen miteinander in Kontakt bleiben oder schnell ein paar Euros nebenher verdienen. Auf Online-Marktplätzen finden wir innerhalb kürzester Zeit Produkte aus aller Welt. Plattformen haben uns das Leben also in vielfacher Hinsicht erleichtert.

Die Kehrseite der Medaille: Die Plattformökonomie wird von einer Handvoll Unternehmen aus dem Silicon Valley dominiert, die eine große Marktmacht besitzen. So schöpfen wenige Menschen Riesengewinne ab, während diese Maschinerie von unzähligen schlecht bezahlten und kaum abgesicherten digitalen Tagelöhner/innen am Laufen gehalten wird (Scholz 2016b). Die Geschäftsmodelle der Internetgiganten basieren auf der Kontrolle einer Unmenge an persönlichen Daten und auf der Kommerzialisierung zwischenmenschlicher Aktivitäten (Kostakis und Bauwens 2014). Zudem gelingt es den globalen Konzernen vielfach, Steuern und damit wichtige Beiträge zum Gemeinwesen zu vermeiden (Bowers 2016; OECD 2016: 39). Und schließlich setzt sich die Marktmacht dieser Riesen sogar in politische Macht um. Algorithmen von Google und Facebook determinieren zunehmend, was wir lesen und denken – und die Lobby der Internetriesen ist insbesondere in den USA bereits in den politischen Machtzentralen angelangt.

Da stellt sich die Frage: Wie kann diese neue Art des Wirtschaftens demokratisch und zum Wohle der Gesellschaft gestaltet werden?

Das Scheitern staatlicher Regulierung

Mit jeder neuen Nachricht zu Datenschutzklagen, Kartellstrafen oder Enthüllungen von Steuervermeidung entflammt erneut die gesellschaftliche Debatte darüber, wie Google, Facebook, Amazon & Co im Zaum gehalten werden können. Von allen Seiten werden dann Rufe nach staatlicher Regulierung laut, doch konkrete Ansätze gibt es nicht. Denn der Gesetzgeber schafft es nicht, schnell genug auf die rasanten Entwicklungen zu reagieren. Außerdem greifen klassische Regulierungsinstrumente (z.B. Preiskontrollen oder Unternehmenszerschlagungen) nicht mehr (Dobusch 2016: 43). So heißt es in einem Hintergrundpapier des Bundeskartellamtes: „Sie [Plattformen] entziehen sich vielfach etablierten Kategorien und durchkreuzen die Logik bestehender Regulierung.“. Im Rahmen der Digitalen Strategie 2025 soll unter anderem ein neuer ordnungspolitischer Rahmen für die digitale Ökonomie (z.B. Haftungsregeln, Urheberrechte und Gewährleistung eines fairen Wettbewerbs) erarbeitet werden. Zwar wird diese Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums von Kommentator/innen als geeignet bewertet, aber als längst überfällig kritisiert. Außerdem wird damit nicht die Notwendigkeit der Mitgestaltung von Nutzungsregeln, der Verbesserung von Arbeitsbedingungen oder gerechteren Verteilung von Gewinnen thematisiert.

Platform Cooperativism

Trebor Scholz (2016a) fordert hingegen eine grundlegende Umgestaltung der Plattformökonomie und schlägt ein plattformbasiertes Genossenschaftswesen vor, das auf den folgenden drei Grundsätzen beruht (siehe auch Scholz und Schneider 2017):

  1. Klonen des technischen Kerns der Plattformökonomie
  2. Solidarität, also Plattformen im Besitz der Stakeholder (Arbeitnehmer/innen, Nutzer/innen, Genossenschaften, Städte, …)
  3. Umdeutung von Innovation und Effizienz im Sinne des Gemeinwohls

Genossenschaften kennen wir eher aus traditionellen Brachen wie der Landwirtschaft, dem Kreditwesen oder dem Wohnungsbau. Zwar ist die Digitalisierung vom Genossenschaftswesen als Herausforderung und Chance für die einzelnen Unternehmen wahrgenommen worden, doch die digitale Welt bietet sich auch als ein neues Betätigungsfeld an! Seit jeher entstehen Genossenschaften dort, wo weder der Markt noch der Staat angemessene Lösungen für gesellschaftliche Probleme bieten (Blome-Drees 2012: 373). Genossenschaften sind Organisationen der Selbsthilfe und ermöglichen die „Wiederaneignung und Erschließung von dezentralisierten und demokratischen Steuerungsformen sowie eigenständige[n] Handlungsmöglichkeiten“, weshalb sie als wichtige Akteure einer Postwachstumsgesellschaft gelten (Elsen 2012: 87). Angesichts der oben aufgeführten Missstände bedarf es auch in der Plattformökonomie Initiativen der Selbsthilfe. Genossenschaftliche Organisationsformen bieten die Möglichkeit, dass Arbeitnehmer/innen und Nutzer/innen sich die digitale Welt aneignen und damit der Konzentration von Macht sowie der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse entgegenwirken.

Genossenschaften sind selbstverwaltete Unternehmen, die sich im Besitz ihrer Mitglieder befinden. Diese treffen Entscheidungen gemeinschaftlich sowie gemäß demokratischer Prinzipien. Mitglieder von Plattformkooperativen können somit die Nutzungs- und Arbeitsbedingungen gestalten. Durch die genossenschaftliche Rückvergütung werden sie außerdem an den Gewinnen der Unternehmung beteiligt, wodurch – im Gegensatz zu Amazon oder Uber – eine gerechtere Verteilung der Einnahmen erzielt werden kann. Doch um Gewinne geht es nur nebensächlich. Im Mittelpunkt genossenschaftlicher Unternehmungen stehen die Bedürfnisse der Mitglieder. Plattformkooperativen sollen gemäß Bauwens und Kostakis (2017) darüber hinaus dem Gemeinwohl verpflichtet sein und sich an der Errichtung digitaler Gemeingüter beteiligen. Dies beschreiben sie mit dem Konzept eines Open Cooperativism.

Es gibt bereits genossenschaftliche Pionier/innen in der Plattformökonomie. Die von den Nutzer/innen getragene Plattform AnyShare dient Gruppen und Gemeinschaften zum Tausch allerlei (im-)materieller Güter. Eine Alternative zu Amazon stellt Fairmondo dar. Durch eine Mitgliedschaft erhalten sowohl die Mitarbeiter/innen als auch die Händler/innen und Käufer/innen die Möglichkeit mitzubestimmen. Zudem gibt es Initiativen wie BACKFEED, die Infrastruktur für dezentrale Zusammenarbeit bereitstellen. Die Interaktionen werden nicht durch einen Intermediär gesteuert, sondern über einen Algorithmus koordiniert, sodass gezielte Einflussnahme verhindert wird. Die FairCoop hat sich sogar der Errichtung eines neuen globalen Wirtschaftssystems verschrieben. Sie bezeichnet ihr Projekt als ein kooperatives Ökosystem für eine faire Welt, das mit FairCoin und FairMarket eine eigene Währung bzw. einen eigenen Online-Marktplatz besitzt und zahlreiche weitere Initiativen umfasst.

Damit sich die einzelnen Initiativen gegen die mächtigen Player der Plattformökonomie durchsetzen können, müssen sie, wie Trebor Scholz (2016a) es nennt, in ein genossenschaftliches Ökosystem eingebunden sein. Es bedarf genossenschaftlicher Bündnisse, die sich gemeinsamen Strategien, Zielen und Werten verschreiben. In einem demokratisch gesteuerten Verbund sollen u.a. Finanzierungsmöglichkeiten entwickelt und freie Software bereitgestellt werden, um die bestehenden Genossenschaften zu fördern und neue Initiativen zu ermöglichen.

Doch eins ist auch klar: Ohne Unterstützung der Politik ist dieses Vorhaben kaum zu verwirklichen. Zu groß ist die Macht der Shareholder-orientierten Internetgiganten. Diese haben nicht nur einen riesigen Vorsprung gegenüber genossenschaftlichen Gegenmodellen, sondern können mit ihren immensen Finanzvermögen auch schnell und umfassend auf Änderungen reagieren. Selbst wenn eine genossenschaftlich organisierte Plattform eine reale Alternative aufbauen könnte – es wäre mit substantieller Gegenwehr zu rechnen. Daher bedarf es auf mehreren Ebenen Unterstützung durch die Politik. Erstens sollte der Aufbau demokratischer Plattformen unterstützt werden, beispielsweise durch Forschung, Anschubfinanzierung und die Bereitstellung von Orten des Austausches, an denen die alternativen Plattformen voneinander lernen können. Zweitens muss aber auch die Macht der Riesen gebrochen werden, denn diese baut sich weiter aus. Umso länger wir warten, desto schwieriger wird es werden.

Fazit

So viele Vorteile die Plattformökonomie mit sich gebracht hat, so viele Schattenseiten besitzt sie. Doch anstatt sich der Entwicklung als solcher zu verwehren, sie in ihren negativen Auswüchsen hinzunehmen oder vergeblich auf wirkungsvolle staatliche Eingriffe zu warten, gilt es, Alternativen zu entwickeln, damit die digitale Ökonomie ebenfalls im Sinne einer Postwachstumsgesellschaft gestaltet werden kann. Plattformen basieren auf Kooperation und Genossenschaften ermöglichen eine digitale Zusammenarbeit auf Augenhöhe, denn die Organisationsform impliziert Mitbestimmung und Gewinnbeteiligung für alle involvierten Akteure. Genossenschaftliches Wirtschaften hat sich bereits in vielen Lebensbereichen bewährt. Nun heißt es: Genossenschaften, erobert die Plattformökonomie! Für die Politik wird es höchste Zeit, sich auf die Suche nach umfassenden Lösungen für die Probleme der digitalen Ökonomie zu machen. Die ernsthafte Regulierung globaler Internetriesen und die Förderung kooperativer Alternativen sollten zentrale Bausteine zukünftiger Strategien sein.

 

Literatur

Bauwens, Michel; Kostakis, Vasilis (2017): Cooperativism in the digital era, or how to form a global counter-economy. https://www.opendemocracy.net/digitaliberties/michel-bauwens-vasilis-kostakis/cooperativism-in-digital-era-or-how-to-form-global-counter-economy. Zugegriffen: 26.07.17.

Blome-Drees, Johannes (2012): Zur Aktualität des genossenschaftlichen Geschäftsmodells. Zeitschrift für öffentliche und gemeinwirtschaftliche Unternehmen, Heft 4, S. 365-385.

Bowers, Simon (2016: Corporation tax is on a downward trend, says OECD report. https://www.theguardian.com/business/2016/sep/22/corporation-tax-downward-trend-oecd-gdp-growth. Zugegriffen: 07.09.17

Bundeskartellamt (2015): Digitale Ökonomie – Internetplattformen zwischen Wettbewerbsrecht, Privatsphäre und Verbraucherschutz, Tagung des Arbeitskreises Kartellrecht. https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Publikation/DE/Diskussions_Hintergrundpapier/AK_Kartellrecht_2015_Digitale_Oekonomie.pdf?__blob=publicationFile&v=2. Zugegriffen: 28.08.17.

Dobusch, Leonard (2016): Plattformökonomie zwischen neuen Monopolen und Sharing Economy. SPW 1 | 2016. http://www.spw.de/data/212_dobusch.pdf. Zugegriffen: 25.07.17.

Elsen, Susanne (2012): Genossenschaften als Organisationen der sozialen Innovation und nachhaltigen Entwicklung: In: Beck, Gerald; Kropp, Cordula (Hrsg.): Gesellschaft innovativ. Wer sind die Akteure? Wiesbaden: VS Verlag, S. 85-102.

IE.F; Roland Berger (2016): Fair play in the digital arena. How Europe can set the right framework
for platforms. https://www.rolandberger.com/en/Publications/pub_fair_play_in_the_digital_arena.html. Zugegriffen am 16.07.17.

Kenney, Martin; Zysman, John (2016): The Rise of the Platform Economy. Issues in Science and Technology 32, no. 3. http://issues.org/32-3/the-rise-of-the-platform-economy/. Zugegriffen: 25.07.17.

Kostakis, Vasilis; Bauwens, Michel (2014): Network Society and Future Scenarios for a Collaborative Economy. Basingstoke, Hampshire: Palgrave Macmillan.

OECD (2016): Tax Policy Reforms in the OECD 2016. http://www.oecd-ilibrary.org/taxation/tax-policy-reform-in-the-oecd-2016_9789264260399-en. Zugegriffen: 07.09.17.

Scholz, Trebor (2016a): Platform Cooperativism. Challenging the Cooperate Sharing Economy. Rosa Luxemburg Stiftung. http://www.rosalux-nyc.org/de/platform-cooperativism-2/. Zugegriffen: 26.07.17.

Scholz, Trebor (2016b): Uberworked and Underpaid: How Workers Are Disrupting the Digital Economy. John Wiley & Sons.

Scholz, Trebor; Schneider, Nathan (2017): Ours to Hack and to Own. The Rise of Platform Cooperativism, a New Vision for the Future of Work and a Fairer Internet. New York: OR Books.

 

 

Die Frage, welche Rolle die Wirtschaftswissenschaften bei der Analyse von Plattformökonomien, Marktmacht und Netzwerkeffekten spielen können, wird auf der Tagung Wirtschaftswissenschaften und sozial-ökologische Transformation am 06.11.2017 in Berlin auch innerhalb des Workshops "Die transformativen Potenziale der Digitalisierung" (Workshop A3) bearbeitet werden.

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Standpunkte

Die zwei Seiten der geplanten Obsoleszenz

Kommentare 3

Ausgehend vom Anfang des 20. Jahrhunderts reden wir bei der ‚geplanten Obsoleszenz‘ von einem Phänomen, welches seit über 80 Jahren thematisiert wird [1]. Das Konzept ist heute wie damals ein Sammelbecken für allerlei Mutmaßungen, Vereinfachungen, subjektive Ansichten und anekdotische Erklärungen, wodurch dem Begriff zwangläufig häufig ein populärwissenschaftlicher Charakter anhaftet. Dennoch hat uns das Gerede um den vorzeitigen Verschleiß in den letzten Jahren auch viele Einsichten gebracht, schließlich ist das Thema der Produktlebensdauer und Haltbarkeit in der Politik und Normung angekommen.

Einseitige Definition von geplanter Obsoleszenz

Einige durchaus anerkannte Experten [2][3] und Wikipedia arbeiten heute jedoch immer noch mit einer einseitigen Arbeitsdefinition von geplanter Obsoleszenz, bei der explizit davon ausgegangen wird, dass die Planung von Obsoleszenzen immer auf eine systematische Verkürzung der Produktlebensdauer abzielt. Proaktive Strategien zur Lebensdauerverlängerung im Sinne einer Verzögerung von Obsoleszenzen werden hierdurch schon per Definition ausgeschlossen. Analytisch macht das keinen Sinn, denn geplante Wartungszyklen, Ersatzteilbevorratung, Modularität, Upgradeability oder ein reparaturfreundliches Design sind allesamt Maßnahmen zur Verzögerung von Obsoleszenzen. Konsequent zu Ende gedacht, ist die Planung von Obsoleszenzen sogar eine der wichtigsten Grundlagen zur Ermöglichung langer Produktlebensdauern. In einem konstruktiven Verständnis bewirkt die ‚geplante Obsoleszenz‘ beides: eine Verkürzung oder Verlängerung der Produktlebensdauer. Jede unternehmerische Entscheidung über die Bereitstellung von Ersatzteilen, Sicherstellung von Software-Support oder Gewährleistung von Nachrüstbarkeit ist eine Form der geplanten Obsoleszenz und trägt daher auch durchaus positive Züge. Auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs wurde bereits in der UBA Studie aus dem Jahr 2016 dezent hingewiesen [4] und reicht zurück bis auf eine der ersten wissenschaftlichen Untersuchungen aus dem Jahr 1976 [5], dies wird jedoch von vielen Seiten leider immer noch ignoriert.

Trennschärfe – ja bitte!

Es verwundert daher auch kaum, dass sich die Debatte wie eine Sackgasse anfühlt und Kritiker eine größere Trennschärfe einfordern. Die Vorstellung der geplanten Obsoleszenz als eine Verkürzung von Produktlebensdauern hat sich dennoch manifestiert oder aber die meisten Experten setzen bei ihren Empfängern einfach voraus, dass eben nur diese Spielart zur Diskussion steht.

Die einseitige Konnotation erzeugt Widersprüche: Zum einen wünschen sich Politik und Verbraucherschutz am liebsten längere Lebensdauern und Haltbarkeit, gleichzeitig soll die geplante Obsoleszenz aber vermieden werden. Dabei muss der Hersteller im Vorfeld hinreichend genau bestimmen, wann mit welchen Obsoleszenzen am Produkt zu rechnen ist, um überhaupt irgendeine Lebensdauererwartung zu formulieren.

Vorteile der geplanten Obsoleszenz

Fragen wie: „Gibt es die geplante Obsoleszenz wirklich?“, lassen sich eindeutig beantworten. Ja, es gibt die geplante Obsoleszenz, denn jeder Hersteller hat bestimmte Erwartungen an die Lebensdauer seiner Produkte und kann daher im Vorfeld mehr oder weniger genaue Obsoleszenzfaktoren bestimmen. Je komplexer die Produkte werden, sei es z.B. durch Software, zunehmende Leistungsdichte bei gleichzeitiger Miniaturisierung oder geringere Fertigungstiefe, desto anspruchsvoller wird auch die Planung von Obsoleszenzen. Explodierende Samsung Galaxy Note 7 Smartphones zeigen uns auf eindrucksvolle Weise, dass selbst multinationale Konzerne ihre Obsoleszenzplanung nicht immer im Griff haben [6]. Sogar Fairphone musste nach 3,5 Jahren den vorzeitigen Supportstop für sein Fairphone 1 verkünden, weil die Ersatzteilbevorratung schlicht zu unwirtschaftlich geworden war bzw. viele Komponenten bereits von den Lieferanten abgekündigt wurden [7].

Die Kritik an der vorzeitigen Obsoleszenz hat ihre Berechtigung, sie darf nur nicht unseren Blick dafür trüben, dass die Planung von Obsoleszenzen im Kern eine logische Voraussetzung für die Realisierung von längeren Lebensdauern und mehr Haltbarkeit ist. Es wird Zeit sich von der antiquierten Vorstellung von geplanter Obsoleszenz als einseitiges Geschäft zu verabschieden. Je eher wir anfangen, die Entscheidungs- und Konstruktionsprozesse hinsichtlich der Obsoleszenzfaktoren in den Unternehmen zu verstehen, desto eher werden wir wirkungsvolle Strategien für die Ressourcenschonung entwickeln.

 

 

 

[1] Ausgehend von der Arbeit von Bernard London im Jahr 1932: London, B. (1932): Ending the Depression through Planned Obsolescence, 1932.

[2] Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit vereinfacht die grammatikalisch männliche Form verwendet, gemeint sind immer Personen jeden Geschlechts.

[3] Hierzu zählen u.a. Arbeiten von Jeremy Bulow, Kamila Pope, Christian Kreiß, Stefan Schridde

[4] Siehe: Prakash et al.: Einfluss der Nutzungsdauer von Produkten auf ihre Umweltwirkung: Schaffung einer Informationsgrundlage und Entwicklung von Strategien gegen „Obsoleszenz“, Umweltbundesamt Texte 11/2016, S.60.

[5] Burkhard Röper wurde 1974 von einer Kommission beauftragt der Frage nachzugehen, ob es geplanten Verschleiß gibt. Er unterscheidet dabei zwischen geplantem Verschleiß Typ A (positiv) und B (negativ). Siehe: Röper, B. (1976). Gibt es geplanten Verschleiß? Untersuchungen zur Obsoleszenzthese, Schriften der Kommission für Wirtschaftlichen und Sozialen Wandel, Göttingen.

[6] https://www.welt.de/wirtschaft/article161414513/Darum-explodierte-das-Samsung-Galaxy-Note-7.html

[7] https://www.fairphone.com/de/2017/07/20/why-we-had-to-stop-supporting-the-fairphone-1/

 

Beitragsbild: kirill_makarov © www.fotolia.de (https://de.fotolia.com/id/79286700)

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Mitteilungen Neues aus der Wissenschaft

Wirtschaftswissenschaften und Transformation

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Welchen Beitrag können die Wirtschaftswissenschaften zur Bewältigung der gewaltigen sozialen und ökologischen Herausforderungen leisten?
Gemeinsam mit Partnern laden IÖW, Cusanus Hochschule, Netzwerk Plurale Ökonomik und Wuppertal Institut ein, die vielfältigen theoretischen, methodischen und inhaltlichen Ansätze der Wirtschaftswissenschaften und ihre Wirkungen auf die gesellschaftliche Praxis zu diskutieren. Dafür kommen Ökonom/innen verschiedener Strömungen, Sozial- und Nachhaltigkeitswissenschaftler/innen sowie Expert/innen aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zusammen.

In drei Workshop-Strängen werden Handlungsfelder und Akteure der Transformation, theoretische und methodische Perspektiven der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung auf Transformationsprozesse sowie die Rolle der transformativen Ökonomik im Wissenschaftssystem diskutiert. Die Veranstalter möchten damit einen Beitrag zur konzeptionellen und forschungspraktischen Konkretisierung des Ansatzes transformativer Wirtschaftswissenschaften leisten. Welches Wissenschaftsverständnis und welche gesellschaftliche Verantwortung haben sie? Was bedeutet das für die Themensetzung, Wissensproduktion sowie Verbreitung und Anwendung von Ergebnissen? Wie könnte eine zukünftige Forschungsagenda für transformative Wirtschaftswissenschaften aussehen?

Möglichen Antworten auf diese Fragen nähern sich Referent/innen wie Reinhard Loske, Sigrid Stagl, Frank Beckenbach, Uwe Schneidewind, Niko Paech, Jana Gebauer, André Reichel, Andrea Vetter u.a.

Weitere Informationen zur Tagung am 06.11.2017 sind hier zu finden.

Die Online-Anmeldung ist hier möglich.

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Aktuelle Berichte

Prozesse einer Postwachstumsplanung

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Improvisieren und Spielen zur Überwindung von Denkblockaden

Wir brauchen eine offene Stadt, die unvollständig, fehlgeleitet, konfliktreich und nichtlinear ist!
(nach Richard Sennett)

Eine Postwachstumsplanung dreht sich um Räume, benötigt neue Denkweisen, hinterfragt individuelles Eigentum, stellt sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt, bewegt sich zwischen Zwang und zwangfreiem Vorgehen und braucht alternative Kriterien für Erfolg. Das sind zusammengefasste Erkenntnisse aus dem IdeenLabor „Akteure einer Postwachstumsgesellschaft“ am 29. Juni 2017 in Dortmund. Was bedeutet das für unsere eigenen Rollen und Herangehensweisen in Planungsprozessen? Welchen Mehrwert bietet bewusstes Spiel für eine kreative und improvisierende Postwachstumsplanung? Diesen Fragen widmete sich das IdeenLabor „Prozesse einer Postwachstumsplanung“ am 21. September 2017 in Wuppertal in den Räumen der Utopiastadt. Die Veranstaltung wurde aus dem Jungen Forum NRW der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL, siehe www.arl-net.de/projekte/jufo) organisiert.

Stadtplanung und Stadtentwicklung arbeiten oft mit festen Rollenbeschreibungen für Akteure: Planer/in, Investor/in, Politiker/in, Umweltverband, Bürger/innen. 25 Teilnehmende haben sich auf die Fragen eingelassen: Können wir durch ein Spiel mit Rollen aus zugewiesenen Schubladen ausbrechen, in ganz anderen Wegen denken und neue Informationen integrieren? Mit welchen inneren und äußeren Konflikten müssen wir dann rechnen? Ist ein spielerischer Ansatz geeignet, Blockaden zu überwinden, neue Verknüpfungen zwischen Akteuren und Denkweisen zu finden und reflektierter wie demokratischer mit Optionen zu planen – für mehr Lebensqualität (und vielleicht auch Glück) in einem guten Leben für uns alle?

Planung, Improvisation und Spiel – Postwachstumsplanung braucht experimentelles und künstlerisches Handeln!

Idee der Veranstaltung war, ein Experiment zu wagen: was können wir über uns selbst und unsere Verhaltensweisen lernen, wenn wir mit anderen Rollenverständnissen denken? Wie spielen wir mit unseren möglichen Rollen und der Zeit? Wann sollten wir was machen? Welche Bausteine brauchen wir und setzen wir zusammen? Wie bauen wir den Prozess auf, an dessen Ende wir eine Entscheidung treffen können?

Diskussion mit Dr. Gérard Hutter (Foto: Christian Lamker)

Die Veränderung etablierter Verfahrensweisen, Denkstrukturen und Verhaltensweisen erfordert Improvisation und eine neue Verbindung zum Thema Stadtentwicklung und in die Zukunft gerichteter Planung. Ähnlich wie klassische Musiker/innen Schwierigkeiten mit Jazz haben und improvisiertes Musizieren erst ‚lernen‘ müssen, sollte das Plan-Rollen-Spiel eine kreative Diskussion starten, die sich von starren Zuweisungen an einzelne Akteure und vorgefertigten Meinungen löst. Start für die Diskussion war ein Input von Dr. Gérard Hutter (Institut für ökologische Raumentwicklung, Dresden) zur Frage „Was ist Improvisation?“. In seiner Präsentation hat er auf Basis von Karl Weick eine Unterscheidung zwischen Improvisation als Notlösung, als strategische Option, als etablierte Praxis sowie als Haltung und Lebenskunst vorgestellt und anhand von Beispielen aus der Musik zwischen klassischer Musik bis zum Jazz diskutiert.

Plan-Rollen-Spiel – eine gemeinsame Herausforderung

Der Denkhintergrund war eine alltägliche Herausforderung für Planer/innen. Es gibt eine größere Brachfläche, für die sich unterschiedliche Nutzungsinteressen formieren. Eine solche Fläche grenzt unmittelbar an die Utopiastadt und die Nordbahntrasse. Sie ist derzeit kaum genutzt, aber gut erschlossen, zentral gelegen und direkt erreichbar für viele lokale Bewohner/innen. Gleichzeitig profitiert ihre Attraktivität von der Lage und das Interesse von Stadtplanung und Investoren geht über das Quartier und die Lebensqualität der dort lebenden Menschen hinaus. Akteure mit ihren Interessen prallen aufeinander, ausgesprochene und versteckte Konflikte wachsen und eine gemeinsame Perspektive wurde noch nicht entwickelt. Klar ist auch: alles wird nicht gehen, nichts zu tun ist aber auch zu wenig.

Teams aus jeweils vier bis sechs Personen bekamen kurze Beschreibungen von Rollen, dazugehörigen Verhaltensweisen und grundlegenden Zielen zugelost. Das Ziel war es, ein Vorgehen zu skizzieren, mit dem über eine Nutzung für die Fläche entschieden und diese Entscheidung später Realität werden kann. Alle mussten sich an diese „Spielregeln“ halten, sollten aber darüber hinaus völlig frei ihre Gedanken durchspielen.

Inspiration für Prozesse einer Postwachstumsplanung (Foto: Christian Lamker)

Rollen sind hier ein „Ausschnitt des Verhaltens eines Menschen, der als Rolle erwartet wird […] [und] von vielen auswechselbaren Menschen wahrgenommen werden kann“ (Luhmann 1987: 430). Das heißt, eine Rolle beschreibt keinen bestimmten Menschen oder Eigenschaften einer bestimmten Person. Ein beobachtbares Verhalten kann aber von anderen Menschen als Rolle erkannt werden. Jede Rolle fasst komplexe Verhaltensweisen zusammen, die von einer Person ausgeübt und damit auch von jedem/r von uns gedacht werden (angelehnt an Lamker 2016). Mithilfe von Rollen können wir neu diskutieren über Selbst- und Fremdbilder und die Möglichkeiten, mit der großen sozial-ökologischen Transformation im eigenen Handeln zu beginnen, denn: „Only by challenging ourselves, can we then challenge planning.“ (Gilliard et al. 2017).

Mögliche Verhaltensweisen:

Analysieren, Argumentieren, Beobachten, Beurteilen, Diskutieren, Entwickeln, Erforschen, Experimentieren, Festlegen, Hinterfragen, Koordinieren, Kritisieren, Managen, Moderieren, Navigieren, Ordnen, Sichern, Testen, Überzeugen, Unterstützen, Verwalten

Zur Verfügung gestellte Rollen:

Anführer/in, Anwält/in/Beschützer/in, Erforscher/in, Inspirator/in, Makler/in, Moderator/in, Strategische/r Navigator/in, Technische/r Problemlöser/in, Joker

Jede Rollenbeschreibung beinhaltete eine Beschreibung mit Antworten auf die Fragen: Welche Verhaltensweisen sind charakteristisch für die Rolle? Wie geht die Rolle mit Informationen um, wie mit unterschiedlichen Akteuren? Und wonach fragt sie und was stellt sie infrage? Was steht im Zentrum des Handelns? Wofür übernehmt ihr Verantwortung und was ist ein Erfolg für euch? Die Möglichkeit, eine eigene Rolle zu gestalten (Joker) hat kein Team genutzt.

In Rollen alternative Verhaltensweisen denken!

Die wichtigsten Themen und größten Probleme, die während des Durchspielens der Rollen aufgefallen sind, unterscheiden sich fundamental. Probleme waren das Erreichen von Benachteiligten und die Organisation und Finanzierung eines aufsuchenden Quartiersmanagements (Anwält/in/Beschützer/in), lineare oder chaotische Prozesse (Inspirator/in), der Zielfindungsprozess (Strategische/r Navigator/in) und die Bedeutung von Zeit und Führungsstil (Anführer/in). Die kreative Umgebung der Utopiastadt führte dazu, dass sich alle Anwesenden – trotz sehr unterschiedlicher Hintergründe und Erfahrungen (Aktivist/innen, Student/innen, Professor/innen, Utopist/innen, Planer/innen, …) – auf Augenhöhe auf das Experiment einlassen konnten. Kein Team konnte eine konfliktfreie Ideallösung finden – die Frage bleibt, wie tatsächlich alle Menschen gemeinsam in den Mittelpunkt einer Planung gestellt werden können.

Plan-Rollen-Spiel in vier Teams (Foto: Christian Lamker)

Nach der Sammlung von Erkenntnissen aus der ersten „Spielrunde“ hat Dr. Christian Lamker (TU Dortmund) einen Kurzinput zum Thema „Prozesse in der (Stadt-)planung“ gegeben. Matthias Wanner (TransZent Wuppertal) hat weitere Informationen zur Utopiastadt und der Diskussion rund um den Utopiastadt Campus ergänzt. Erstaunliche Erkenntnis im Anschluss: die Diskussion fällt zurück in einfache Dichotomien der Interessen von Akteuren und verlässt zunehmend die kreativen Bahnen, die vorher entwickelt wurden. Einen Prozess anders zu denken fällt schwer, wenn klassische Informationen (räumliche Situation, Eigentumsverhältnisse, bestehendes Planungsrecht) als Ausgangspunkt vorgegeben werden. Gleichzeitig sind viele Teams in der Argumentation ‚ihrer‘ Rolle geblieben und haben sich diese über das kurze Plan-Rollen-Spiel hinaus zu eigen gemacht.

Postwachstumsplanung kann und darf scheitern!

Erfolg und Scheitern stehen in einer Postwachstumsplanung sehr eng beieinander, mitunter überschneiden sie sich sogar. In der Diskussion kamen eher klassische Erfolgskriterien hervor (das Gebiet wird neu genutzt, ein Plan wird umgesetzt), aber auch neue Erfolgskriterien – beispielsweise ein Gleichgewicht zwischen Akteuren und mit der Natur, das Erzeugen eines „Wir-Gefühls“ durch Planung oder Planung als Abbild der Gesellschaft. Dabei können neue Datengrundlagen (z. B. Open Data, Citizen Science) und Herangehensweisen (z. B. Reallabore) maßgeblich unterstützen. Planung sollte die eigene Kontrolle bewusst einschränken und sich auf einen offenen Prozess einlassen, Entscheidungen nicht zu früh treffen, aber auch die Grundfunktionen des öffentlichen Lebens aktiv bearbeiten und durch geeignete Wege kontrollieren. Scheitern ist vor diesem Hintergrund möglicherweise unvermeidbar – muss aber anerkannt werden und zu gemeinsamen Lernprozessen und Veränderungen führen.

Jede/r kann etwas verändern – Postwachstumsplaner/in sind wir alle!

Die von den ersten Lebensformen entwickelte Fähigkeit, innere Bilder zu übernehmen, zu erweitern und zur Lenkung des eigenen Wachstums und zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung zu nutzen, hat damit eine neue Qualität eingenommen: Das bis dahin sichtbare und messbare Wachstum ist in ein immaterielles, nicht sichtbares und nicht messbares Wachstum umgeschlagen. Leben ist – wenngleich noch immer an materielle Strukturen gebunden – zu einem geistigen Wachstumsprozess geworden.“ (Hüther 2004: 100)

Postwachstumsplanung darf nicht mit Stillstand verwechselt werden. Es geht nicht darum, Veränderung zu verhindern – auch ohne Planung verändern wir uns und verändern sich Orte und Räume. Wandel ist unverzichtbarer Teil von Menschen, Räumen und Städten, er darf aber nicht nur durch ökonomische Aspekte getrieben werden. Vielmehr geht es darum, Veränderung aktiv zu gestalten und mit unseren Fähigkeiten zu wachsen statt Erfolg in der baulich-räumlichen oder ökonomischen Nutzung zu suchen. Mit dem Postwachstums-Begriff ist ein normatives Zielsystem impliziert, das für Planung noch ausgestaltet werden muss und in dessen Rahmen sich Planungsprozesse dann bewegen können.

„Postwachstumsplaner/in sind wir alle!“ – Anders gesagt: jede und jeder kann etwas verändern, und das heute schon! Es geht darum, an der Schnittstelle zwischen Postwachstumsgesellschaft und räumlicher Planung bzw. Stadtplanung Veränderungen zu erreichen, die zu einem guten Leben für alle beitragen. Es geht nicht um ein gänzlich neues System, sondern auch um erreichbare Veränderungen und wichtige Anknüpfungspunkte, die auch heute schon von allen Akteuren der Stadtplanung und Stadtentwicklung aufgegriffen werden können. Auf der anderen Seite muss Postwachstumsplanung immer neu austariert werden zwischen radikalem Wandel und kleinteiliger Veränderung – radikale Alternativen zu denken sollte zwingend zu ihrem Repertoire gehören.

Das Plan-Rollen-Spiel hat deutlich gemacht, dass es ein Spektrum unterschiedlicher Rollen gibt, in den wir alle denken können. Der Suchraum zwischen starrem Festhalten an bestehenden Rollen und einem vollständigen Paradigmenwechsel sollte stärker in den Fokus genommen werden. Befreiend wirkt es, spielerisch und improvisierend über gängige Dichotomien und Annahmen hinweg zu denken. Wir können uns in gänzlich andere Rollen hineinversetzen, damit spielen und etwas über uns selbst lernen. Und damit uns selbst, unsere Ziele und unsere Rollen reflektieren. Der Ball geht auch an uns alle, unser Handeln und unsere gemeinsame Verantwortung.

Wir laden Sie alle zur Fortsetzung der Diskussion mit uns, allen Interessierten und auf www.facebook.com/postwachstumsplanung.de und www.postwachstumsplanung.de ein!

 

Quellen:

Gilliard, Lukas; Wenner, Fabian; Lamker, Christian Wilhelm; Willems, Jannes; van den Berghe, Karel (2017): Potentials of Entrepreneurial Thinking for Planning. Debates during the 11th AESOP Young Academics Conference. In: disP - The Planning Review 53 (3), S. 94–100. DOI: 10.1080/02513625.2017.1380439.

Hüther, Gerald (2004): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lamker, Christian Wilhelm (2016): Unsicherheit und Komplexität in Planungsprozessen. Planungstheoretische Perspektiven auf Regionalplanung und Klimaanpassung. Lemgo: Rohn (Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung, 6).

Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: suhrkamp (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 666).

Sennett, Richard (2013): Open City. Festrede anlässlich der Eröffnung des Präsentationsjahres der Internationalen Bauausstellung Hamburg am 23. März 2013 im Bürgerhaus Wilhelmsburg. Hamburg, 23.03.2013. Online verfügbar unter http://www.iba-hamburg.de/fileadmin/Die_IBA-Story/IBAmeetsIBA-Vortrag_Sennett_IBAmeetsIBA.pdf, zuletzt geprüft am 20.06.2014.

 

Beitragsbild: © Christian Lamker

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Standpunkte

Weniger ist anders

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Leider wird es an vielen Stellen offenbar: Die bislang forcierten, geförderten wie auch geforderten Strategien zum Klimaschutz, Effizienz und Konsistenz, konnten die mit ihnen verbundenen Hoffnungen nicht erfüllen. Technische Innovationen haben nicht zu einer (ausreichenden) Senkung von Treibhausgasemissionen geführt. Das gilt auch für den Bereich Bauen, insbesondere für den Wohnungsbau. Weder das Dämmen des Gebäudebestandes im Land noch immer moderner werdende Haustechniksysteme oder das wachsende Angebot an regenerativen Energien sowie Rohstoffen haben den gestiegenen Pro-Kopf-Verbrauch senken können. Suffizienz wurde nicht gefördert oder gefordert, war auch als Wert weder bekannt noch anerkannt. Dabei birgt die mit Suffizienz einhergehende Änderung von Konsummustern Chancen.

Bilanz: Gestiegener Energiebedarf

So stimmt nachdenklich, wenn man die bisher in Deutschland erfolgten Bemühungen, den Energiebedarf im Gebäudesektor zu reduzieren, einer Gesamtschau unterzieht: Der Einsparung mittels Dämmmaßnahmen und rationeller Energieumwandlung von 9% steht im gleichen Zeitraum (1995 bis 2005) ein Mehrverbrauch von 13% infolge gestiegener Wohnflächeninanspruchnahme gegenüber.

Sehr plakativ beleuchten auch die Zahlen, die Daniel Fuhrhop den Schlussfolgerungen in seinem Buch „Verbietet das Bauen!“ zugrunde legt, das gleiche Phänomen: „Genau wie vor zwanzig Jahren leben auch heute gut achtzig Millionen Menschen in Deutschland. Doch während dieser Zeit stieg die Zahl der Wohnungen von 35 auf 41 Millionen. Wir bauten genug neue Wohnungen, um darin sämtliche Niederländer unterzubringen, obwohl die Zahl der Einwohner hierzulande stagniert.“ (Fuhrhop 2015, Seite 21)

Also erreichen wir die anvisierten Ziele nicht - trotz einer sehr strengen Energieeinsparverordnung (EnEV), trotz der attraktiven Förderungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit günstigen Darlehen und trotz einer bedeutungsvollen Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit dem vermutlich differenziertesten System der Welt zur Bewertung von Nachhaltigkeit im Bauen?

Ja, denn weder die Forder- noch die Förderinstrumente berücksichtigen das Konsumverhalten des Individuums. Die EnEV als verbindlich geltende und einzuhaltende Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik bei Gebäuden definiert einen Mindeststandard zum effizienten Betrieb in Verbindung mit einer regenerativen Energieversorgung von Gebäuden. Diese Verordnung wird sogar in regelmäßigen Abständen entsprechend des technischen Fortschritts verschärft, sodass in gar nicht so ferner Zukunft als Neubauten nur noch sogenannte Nullenergiegebäude genehmigt werden. Diese Regelung senkt in der Tat den Verbrauch in Gebäuden und reduziert den CO2-Ausstoß in Bezug auf die Gebäudefläche (kWh/m²a).

Das gleiche Prinzip gilt für die Unterstützung von Bauherren durch die weltweit größte nationale Förderbank, die KfW: Energieeffizientes Bauen und Sanieren über den gesetzlich geforderten Standard sowie die Umstellung auf die Versorgung mit erneuerbaren Energien wird mit sehr günstigen Krediten belohnt. Die von der Bank geförderten Maßnahmen führen – laut eigenen Angaben – zu einer Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um viele hundert Millionen Tonnen. Theoretisch.

Beides, die EnEV und die KfW-Kredite, führen tatsächlich zu Erfolgen in Bezug auf den Verbrauch pro Fläche. Dies bewirkt jedoch leider keine Einsparung pro Kopf. Der Wohnflächenverbrauch pro Kopf steigt und steigt und steigt…

Staatlich geförderte Reboundeffekte

Der Umstand, dass die dargestellten Energieeinsparungen pro m2 Wohnfläche durch den steigenden Wohnflächenverbrauch pro Kopf (über)kompensiert werden, wird allgemein als Reboundeffekt beschrieben.  Ein Dilemma, das sich im Alltag an vielen Stellen wiederfindet: Flachbildschirme verbrauchen pro Quadratzentimeter Oberfläche immer weniger, werden jedoch dabei größer und größer, jeder zweite Garten wird mittlerweile nachts mit energiesparenden LEDs beleuchtet, die dritte Flugreise im Jahr ist nicht mehr ungewöhnlich.

Dies erklärt, warum die bereits erwähnten EnEV und KfW mit den damit verbundenen Forderungen und Fördermaßnahmen vieles erreichen, aber eines bisher sicherlich nicht: das Klima schützen. Beide staatlichen Steuerinstrumente beziehen sich im Wesentlichen auf den Energieverbrauch pro Fläche. Somit kann eine 400m2-Villa zugleich die EnEV erfüllen, von der KfW gefördert und von nur einem Single bewohnt werden. Dessen CO2 -Wohn-Bilanz ist dann - trotz der vorbildhaften Bauweise seines Hauses – unterirdisch. Die - teilweise sogar mit öffentlichen Geldern unterstützen - Effizienzsteigerungen führen mitunter sogar dazu, dass überhaupt oder auch größer gebaut und gewohnt werden kann.

So mehren sich die Stimmen, die darauf hinweisen, dass für eine tatsächliche Reduktion von Umweltbelastungen eine Kombination der drei Strategien Suffizienz, Effizienz und Konsistenz (genau in dieser Reihenfolge) erforderlich ist. Solange die Effizienzgewinne zum erhöhten Konsum führen, solange bleibt die nachhaltige Gesellschaft eine Hoffnung.  Demnach stehen auch unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten auf dem Prüfstand.

Überwindung von Suffizienzbarrieren

Leider ist es nicht einfach, die Konsumgewohnheiten in Richtung Bescheidenheit, Maßhaltigkeit, Weniger zu korrigieren. Wir mögen es nicht, unsere Ansprüche zu reduzieren. Verzicht ist selten etwas Freiwilliges.

Die nachfolgenden, von Oliver Stengel (2011) aufgelisteten Suffizienzbarrieren benennen die zu überwindenden Herausforderungen auf dem Weg zum Weniger:

  • Verlustängste
  • Statusorientierung
  • Mehrheitsorientierung
  • Abgabe von Verantwortung
  • Konsumverleitung durch den Markt

Illustriert werden diese Barrieren etwa durch den grünen Ministerpräsidenten im Südwesten der Republik. Winfried Kretschmann verteidigt in einer Rede zum Aschermittwoch 2015 die Wahl seines Dienstfahrzeugs: „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, basta! Ich nehme einen Daimler S-Klasse. Ich kann doch keinen Fiat fahren.“ Mindestens vier von den fünf Barrieren gelten demnach auch für den Grünen. Sein Status und der Umstand, dass die anderen Ministerpräsidenten auch solche Autos fahren, lässt es beinahe selbstverständlich werden, dass er S-Klasse fährt. Wie viele andere Konsumbürger/innen kann er die Verantwortung über die Entscheidung abgeben (niemand regelt oder urteilt über die Entscheidung) und wird verführt durch das Marktangebot.

Wenn selbst die Grünen von den genannten Suffizienzbarrieren blockiert werden, unter welchen Voraussetzungen kann dann in der Gesellschaft überhaupt an Suffizienz gedacht werden?

Gesetzliche Verbrauchsgrenzen und attraktive Alternativen

Die Antwort führt in zwei Richtungen. Erstens müssen staatsseitig Verbrauchsgrenzen gesetzt werden. Aktuell herrscht eine Marktsituation, in welcher das Individuum seine Verantwortung in der ebenso konsumorientierten Masse abgibt und den Verlockungen des (Mehr)konsums kaum widerstehen kann. In einer solchen Situation wird es nur einer Minderheit gelingen, mit Vernunft, Weitblick und Verantwortung gegen diesen Strom zu schwimmen. Würde dagegen die Politik für alle Bürger/innen die gleichen begrenzenden Rahmenbedingungen vorgeben, wären die oben aufgeführten Suffizienzbarrieren auf einen Schlag alle zumindest deutlich abgeschwächt. Man darf nicht „blöd sein“[1], wenn man weniger konsumiert...

In der Schweiz wird in diese Richtung gedacht. Mit dem Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft wird ein Pro-Kopf-Energieverbrauch zur maßgeblichen Nachhaltigkeits-Messgröße, um den Durchschnittsverbrauch in der Schweiz (von derzeit etwa 6300 Watt / Dauerleistung Primärenergie) in den kommenden Jahrzehnten drastisch zu senken.

Zugleich – und das betrifft dann die Seite der Konsument/innen – sollte ein suffizientes Leben nicht nur möglich, sondern einfach und attraktiv, im besten Falle attraktiver, werden als eines nach den bisher üblichen Konsummustern.

Es reicht eben nicht aus, für unsere Zukunftsfähigkeit nur eine Reihe von Reduktionszielen zu formulieren. Für neue gesellschaftliche Paradigmen, für veränderte Produktionsformen, Geschäftsmodelle, Lebensstile und Denkweisen wird nicht nur ein Weniger vonnöten sein, sondern ein Anders. Wenn aber veränderte Konsummodelle mit anderen oder neuen Nutzen verbunden werden, kann das ein gutes Tauschgeschäft für alle Beteiligten inklusive der Umwelt werden.

Und Nutzen aus einem verringerten Verbrauch gibt es viele. Eine Reduktion von Wohnfläche führt in der Regel zu erheblichen finanziellen Einsparungen. Zudem kann mit einer kleineren Wohnung verbunden sein, dass sich die Teilhabe am öffentlichen Leben erhöht, also zum Beispiel verstärkt soziale Kontakte auslöst. Statt alleine im großen Wohnzimmer vor dem Riesenflachbildschirm zu sitzen, kann man ins Kino gehen oder in der Eckkneipe sich am Sonntagabend zum Tatort-Stammtisch treffen. Des Weiteren wird vielleicht sogar ein Wohnprojekt bezogen, in welchem Räumen gemeinsam genutzt werden - eine andere Wohnform als das klassische Mehrfamilienhaus. Miteinander ist nicht nur oft günstiger und ressourcenschonender, sondern eben auch nicht allein. Dies stellt gerade in den bundesdeutschen Großstädten mit einem Anteil von mehr als 50% an Einpersonenhaushalten einen wichtigen Aspekt dar.

Suffizienzpotenziale

Wie viel Wohnraum theoretisch frei wäre, d.h. nicht gebaut werden müsste, wenn es weniger Singlehaushalte gäbe, hat Hanno Rauterberg einmal in der Wochenzeitung DIE ZEIT überspitzt skizziert: „In Wahrheit ist die Wohnungsnot in Hamburg eine Luxusnot. Die meisten leben auf mehr Quadratmetern denn je. Vor allem sind es die Singles – mehr als 50% aller Haushalte -, die das Wohnen rar und teuer machen. Entschlösse sich nur jeder Zehnte, aus seinem Einzel- ein Doppelleben zu machen, stünden auf einen Schlag über 40.000 Wohnungen frei.“ (Rauterberg, DIE ZEIT 10/2015)

Weitaus wissenschaftlicher wurde in der Veröffentlichung „Suffizienzpfad Energie“ (Pfäffli et al. 2012) das bisher in der allgemeinen Diskussion nicht berücksichtigte Potenzial anhand der variablen Personenfläche, Nutzerverhalten im Betrieb sowie in der Mobilität untersucht. Die Autoren kommen zum bemerkenswerten Ergebnis, dass sich selbst in effizient (entsprechend Passivhausstandard) und konsistent betriebenen Gebäuden durch moderate Suffizienz der Primärenergieverbrauch und die Treibhausgasemissionen nochmals um ca. 45 % reduzieren lassen.

Somit sind Suffizienzkonzepte ein echter, bisher nicht gespielter Joker, um die Klimaschutzziele im Bausektor eventuell doch noch zu erreichen.

Konzepte für eine suffiziente Baukultur

Gebäudekonzepte und Planungsansätze, die zeigen, wie suffizientes Bauen aussehen könnte, gibt es schon verschiedene. Ob die nachfolgenden Prinzipien suffizienzmotiviert entstanden sind oder eher aus anderen Gründen, spielt dabei keine wesentliche Rolle.

nicht (bauen)_Ein Dutzend Studentenwerke in Deutschland vermitteln nach dem Prinzip „Wohnen gegen Hilfe“ Zimmer zur Untermiete bei älteren Menschen, die in (zu) großen Wohnungen leben. Auf diese Weise sind die Senioren weniger allein und für die Studierenden müssen keine extra Wohnungen gebaut werden. Der Orientierungsrahmen für die Miete beträgt 1h Mitarbeit im Haushalt/m² Wohnfläche im Monat.

kleiner/ weniger (bauen)_In Ballungsräumen werden - meist wirtschaftlich motiviert - Klein- bis Kleinstwohnungssysteme entwickelt. Leben auf 20-30m² Wohnfläche wird für die zahlreichen Alleinstehenden mit durchdachten Einbauschranklösungen vielfältig (und großzügiger als es auf den ersten Blick scheint) möglich.

Privat gemeinschaftlich (nutzen)_Selten genutzte Räume wie Gäste- oder Arbeitszimmer werden in Gemeinschaftswohnprojekten oft miteinander und damit kommunikativer genutzt. Die individuelle Wohnfläche wird reduziert, die gemeinsamen Flächen besser ausgenutzt (und ausgestattet).

Öffentlich gemeinschaftlich (nutzen)_In Karlsruhe wird das Foyer des Staatstheaters tagsüber von den Studenten als Bibliothekserweiterung genutzt. Die „TheaBib“ bietet 150 Sitzplätze sowie WLAN und eine Kaffeebar. Die Doppelnutzung schaffte die Raumnot ab, spart kommunale Gelder und bringt Studierenden die Kultur näher.

temporär (nutzen)_Ein ehemaliges Blumengeschäft wurde im Umfeld der Darmstädter Kulturszene zum avantgardistischen Kulturzentrum „Das Blumen“. Sieben Jahre konnte der Leerstand erfolgreich zwischengenutzt werden.

flexibel (bauen)_Immobilien stehen manchmal am „falschen“ Ort und sind damit nahezu wertlos. Das „mobi-space“  ist ein hochwertiges Pavillon-System, das schnell umzieht, das sowohl als Ersatzschule wie auch als temporäres Büro eingesetzt werden kann.

umgenutzt_Ein ehemaliges und lange leerstehendes Pflegeheim in Augsburg wurde mit wenig Aufwand und viel Kreativität umgenutzt zum „Grandhotel Cosmopolis“: ein Asylheim, ein Hotel mit Kulturzentrum, das alle Nutzer/innen zusammenführt … und glücklich macht.

 

 Kriterien für ein suffizientes Bauen

Mit dem Ziel, einen Planungs- und Bauentwicklungsprozess aktiv in Richtung auf entsprechende Weniger-Gebäudeverbrauch-pro-Person zu fördern, haben Matthias Fuchs und der Autor dieses Beitrags eine Kriterienliste zum suffizienten Bauen erstellt. Diese lässt sich hier einsehen.

 

 

 

[1] Vgl. die Werbekampagne von Mediamarkt „Ich bin doch nicht blöd“.

Literatur:

EnEV: Energieeinsparverordnung vom 24. Juli 2007 (BGBl. I S. 1519), die zuletzt durch Artikel 3 der Verordnung vom 24. Oktober 2015 (BGBl. I S. 1789) geändert worden ist. Online im Internet: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/enev_2007/gesamt.pdf (Stand: 30.11.2016)

Fuhrhop, Daniel (ed.). 2015. Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift, 2nd edn. München: oekom verl.

Pfäffli, Katrin, Jürg Nipkow, Stefan Schneider, and Martin Hänger. 2012. Grundlagen zu einem Suffizienzpfad Energie. Das Beispiel Wohnen. Zürich. Accessed 1 December 2016. http://www.2000watt.ch/fileadmin/user_upload/2000Watt-Gesellschaft/de/Dateien/2000-Watt-Gesellschaft/Umsetzung/Suffizienzpfad_StadtZuerich_2012.pdf.

Rauterberg, Hanno (2015): Es ist zum Klotzen. ZEIT ONLINE vom 18.03.2015. Online im Internet: http://pdf.zeit.de/2015/10/wohnungsbau-neubauten-architektur.pdf (Stand: 01.12.2016).

Stengel, Oliver. 2011. Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. München: Oekom Verlag.

Umweltbundesamt (UBA) 2014: Rebound-Effekte. Online im Internet: https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/oekonomische-rechtliche-aspekte-der/rebound-effekte (Stand: 30.11.2016)

 

Beitragsbild: © Arne Steffen

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Standpunkte

Wenn Flüsse Recht bekommen

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Das westliche Weltbild beruht auf einem Naturverständnis und auf Naturwissenschaften, die die Natur als etwas Äußeres definieren, das wir für unsere Zwecke ohne groß nachzudenken nutzen dürfen. Zwar gibt es in Deutschland Gesetze und Verordnungen, die „die Umwelt“ oder „die Natur“ vor einer Übernutzung schützen sollen, die Begründung der Schutzwürdigkeit erfolgt aber stets aus anthropozentrischer Perspektive. Einen Wert erhält die Natur erst durch den Menschen, soweit er auf sie für sein Überleben oder die Befriedigung seiner Bedürfnisse angewiesen ist. Die heute weltweit aktive Biokratie-Bewegung (www.rechte-der-natur.de; www.therightsofnature.org), an deren Entstehung ich mitwirken durfte, sieht das anders: Sie fordert die Vereinten Nationen auf, die Forderung nach Menschenrechten um die Forderung nach Rechten der Natur zu ergänzen. Die Verfechter/innen des Biokratie-Gedankens in Deutschland gehen noch einen Schritt weiter: Sie halten eine Weiterentwicklung unserer Demokratie zu einer Biokratie für wünschenswert.

Wenn Staaten – wie kürzlich geschehen –  Flüssen den Status einer eigenen Rechtsperson verleihen, lässt dies aufhorchen. Die Hintergründe dieser Entscheidungen sind eine Betrachtung wert. Besonders bemerkenswert erscheint mir: Die Begründung mit der diese Entscheidungen von Jurist/innen getroffen wurden, geht über reine Nützlichkeitsbetrachtungen hinaus und berücksichtigt das Naturverständnis mit dem Kulturen der Welt begegnen.

Der Weg dorthin war weit: Seit 140 Jahren kämpfen Ureinwohner Neuseelands für die Anerkennung des Whanganui als eigenständiges, lebendiges Wesen, denn den Whanganui verehren sie als ihren Vorfahren, er ist Teil ihrer Familie. Mit der Anerkennung des Whanganui River als eigenständige Rechtspersönlichkeit respektiert das Neuseeländische Parlament Mitte März 2017 diese Haltung der Maori, obwohl dieses Denken dem instrumentellen Denken des Westens fremd ist. Der für die Beziehungen zu den Ureinwohner/innen zuständige neuseeländische Minister Chris Finlayson erklärte gegenüber der BBC, dass es einer Welt, in der Stiftungen oder Unternehmen Rechtspersonen sein dürften, eigentlich nicht so besonders exotisch sei,  dieses Recht auch Flüssen zuzugestehen. Das neue Gesetz sei Ausdruck des Respektes seiner Regierung vor der spirituellen Bindung des Whanganui Iwi – Stamms zum Whanganui. Ganz neu, war das Thema aber nicht: 2013 hatte die Regierung mit dem Te Uewera Act den Te Urewera Nationalpark bereits mit allen Rechten und Pflichten einer Rechtsperson ausgestattet.

Ende März 2017 sprachen die Richter Rajeev Sharma und Alok Singh im nördlichen indischen Bundesstaat Uttarakhand den Flüssen Ganges und Jamuna und allen ihren Nebenflüssen und -strömen den Status von "juristischen/legalen/lebenden Entitäten" zu. Drei Personen wurden als Vormünder für die Flüsse bestimmt. Außerdem entschieden die Richter, dass innerhalb von drei Monaten ein Managementausschuss für den Fluss funktionsfähig sein muss. Ein mutiger Akt wie es aussieht und wohl auch ein Akt der Verzweiflung, denn der Ganges gilt als einer der am gravierendsten verschmutzen Flüsse.

Sind diese Flüsse damit ein für alle Mal geschützt? Das vermute ich nicht. Der Kampf von „Mutter Ganges“ und ihren Seitenflüssen sowie von Urahn Whanganui um ihre Rechte fängt jetzt erst richtig an. Ich denke: Beide Entscheidungen gehen in die richtige Richtung. Es macht sicherlich einen signifikanten Unterschied, ob der Fluss selber (mit Hilfe seiner Anwälte) sein Recht auf Unversehrtheit aktiv einklagen kann oder nicht. Denn schließlich ist jeder schädliche Eingriff ab sofort genauso zu behandeln, wie ein strafbarer Angriff auf eine Person.

Diese Weiterentwicklung des Rechts wird mit Sicherheit Auswirkungen auf die gesamte Rechtsprechung haben und die Position all derer stärken, die die Natur respektieren und schützen wollen.

Im hinduistisch geprägten Indien, in dem nicht nur der Ganges sondern im Prinzip alle Lebewesen den Menschen heilig sind, dürften es aber vor allem Armut, soziale Ungleichheit, fehlende Bildung, fehlende Infrastruktur und Missmanagement sein, die Mutter Ganges das Leben schwer machen. Die Beseitigung dieser Missstände erfordert staatliches Handeln. Bleibt zu hoffen, dass das neue juristische Statut dazu beiträgt, die notwendigen finanziellen und administrativen Ressourcen für den Schutz dieser Flüsse zu mobilisieren.

Während in Neuseeland also, die Anerkennung des Whanganui tatsächlich als ein Beispiel für einen Paradigmenwechsel in unserem Naturverhältnis angesehen werden kann und vor allem die Natur zu ihrem Recht kommt, wird es in Indien vor allem darauf ankommen, die Menschenrechte auf sauberes Wasser und Infrastruktur zu ihrem Recht kommen zu lassen, damit Mutter Ganges sich erholen kann. Als Pionier umweltorientierten Managements bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Rahmenbedingungen grundlegend geändert und die Rechte der Natur endlich anerkannt werden müssen, wenn wir sicherstellen wollen, dass Nationen und Unternehmen auch in Zukunft noch nachhaltig leben und wirtschaften können.

Die Natur mit Rechten auszustatten ist ein erfolgversprechender Weg, den Kräften Rückenwind zu geben, die in den Grenzen der Natur wirtschaften wollen. Bisher hatte die Natur keinen Preis. Anderseits glaube ich aber auch nicht daran, dass eine Ökonomisierung der Natur der richtige Weg ist. Es geht vielmehr darum, unverrückbare Grenzen zu setzen (Natur first!).

Es ist dann die Aufgabe der Unternehmen ihre Ressourcen und Innovationsfähigkeit dafür einzusetzen, innerhalb dieser Grenzen und an diesen Grenzen zu wachsen und in Symbiose mit der Natur zu wirtschaften.

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Mitteilungen

Degrowth-Konferenz: Calls for Participation

Kommentare 2

Vom 21. bis 25. August 2018 wird die 6. Internationale Degrowth-Konferenz zum Thema "Dialogues in turbulent times" in Malmö, Schweden, stattfinden.

Gerade in diesen turbulenten Zeiten wachsender Verunsicherung sind globale Dialoge von großer Bedeutung, um das Potential einer Transformation der Gesellschaft hin zu einem Wirtschaften innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen zu fördern und sichtbar zu machen.

Noch bis zum 31. Dezember 2017 können akademische, aktivistische und künstlerische Beiträge zur Konferenz eingereicht werden. Weitere Informationen zur Degrowth-Konferenz 2018 finden Sie auf der Webseite der Organisator/innen.

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Rezensionen

Keine Schuld, aber Verantwortung

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Andreas Meißner holt weit aus, und das ist gut so. Schmerzhaft deutlich schildert er die Ausmaße der ökologischen Krise, insbesondere die Entwicklungen seit den Fünfziger Jahren, die schon aufgrund ihrer Besonderheit, der exponentiellen Zunahme der Ausbeutungen und Zerstörungen, das menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Wir erleben das größte Artensterben seit nicht weniger als 65 Millionen Jahren, das Klima erwärmt sich, Böden werden unfruchtbar, der Energiehunger steigt, die Ressourcen werden knapper und immer schwerer zu fördern, während die Abhängigkeit von ihnen immer schneller wächst. Diese Krise führt längst zu Kriegen und immer größeren Fluchtbewegungen und ist dabei so komplex, dass einfache Maßnahmen nicht greifen und eigentlich nur im Plural von ihr zu reden wäre. Es ist längst zu spät für ein gemächliches Gegensteuern, auf das sich die Industrienationen nicht einigen können; das eigentlich notwendige radikale globale Umdenken ist überhaupt nicht in Sicht.

Die Stärke des Buchs liegt in der Erörterung der Fragen, wie es so weit kommen konnte und warum es immer noch weitergeht. Meißner zeigt unter Rückgriff auf Biologie und Psychologie zahlreiche Gründe für unser falsches Tun und das nicht weniger fatale Nichtstun auf – u.a. räumlich und zeitlich unzureichende Wahrnehmung, Konformismus, erlernte Hilflosigkeit, Verleugnung als Abwehrmechanismus, gewisse Verhaltensmuster aus der Steinzeit – und verbucht zurecht den Großteil der heute diskutierten oder bereits erprobten Expertenlösungen unter „Trügerische Hoffnungen“: Weil wir den Bezug zur Natur, zu unseren je eigenen Handlungsmöglichkeiten und immer mehr auch zu unseren Mitmenschen verloren haben, soll eine in diesem Ausmaß nie dagewesene Krise des Fortschritts ausgerechnet mit noch mehr Fortschritt gelöst werden, damit letztlich wir Bürger/innen der reichen Welt noch ein paar Jahre länger auf Kosten der anderen und des Ökosystems weiterprassen dürfen. Wie soll ein klarer Kopf da nicht verzweifeln?

Dem Irrglauben an die Heilskraft der Technologie stellt Meißner zehn „antiresignative Perspektiven“ gegenüber, die helfen sollen, die persönliche Starre zu überwinden und trotz aller Katastrophennachrichten eine positive und aktive Haltung zu bewahren. Jede/r kann und muss etwas tun, an und für sich, sowie für die und in der Gemeinschaft, aber niemand ist schuld an der Welt, wie sie ist. Schon Ivan Illich bezeichnete es als Hybris, die Welt retten oder auch nur für ihren Zustand verantwortlich sein zu wollen. In alldem ist das Buch richtig und wichtig. Drei erhebliche Kritikpunkte sind aber meines Erachtens angebracht.

Erstens gehört zu einer umfassenden Schilderung der Ökokrise unbedingt auch die Kritik der Technologie als verselbständigte Wirkmacht und Beschleuniger der Krise(n). Die unkontrollierte Entfaltung des wissenschaftlich-technisch-militärischen Komplexes beginnt nicht erst mit der digitalen Revolution und ihren desaströsen psychosozialen Effekten, die der Autor durchaus aufgreift, sondern sehr viel früher. Die französischen Vordenker der Décroissance wie Jacques Ellul und Bernard Charbonneau sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt, aber die Überlegungen etwa von Günther Anders oder Lewis Mumford zu den gesellschaftlichen wie individuellen Auswirkungen der „Megamaschine“ gehören hierzulande zum Kanon der einschlägigen kritischen Literatur und hätten auch in diesem Werk Erwähnung finden sollen.

Zweitens kommt ein Buch über die Ökokrise und die persönlichen Möglichkeiten des Umgangs mit ihr nicht umhin, auch die Art unseres Wirtschaftens beim Namen zu nennen. Soviel Politik ist nötig. Denn nicht Tauschhandel oder Sozialismus, sondern der entfesselte Kapitalismus erzwingt grenzenloses Wachstum, zerstört soziale und psychische Strukturen und bewirkt letztlich den Kollaps der Ökosysteme. Entschleunigung, Wertewandel und eine wahrhaft nachhaltige, d.h. global dauerhafte Lebensweise ist im aktuellen System nicht möglich – nicht zuletzt, weil es Raffgier, Egoismus und Entfremdung hervorbringt.

Darum sind drittens auch die Anregungen zum individuellen Umgang mit der Krise trotz zweifellos bester Intention des Autors mehr Psycho-Krisenmanagement als Lösungsansätze. Es ist doch so: Wenn sich trotz aller bestehenden Sachzwänge nur ausreichend viele (oder wenige mächtige) Menschen zusammentun, können sie den Gang der Geschichte ändern. Statt nun zur Organisation aufzurufen, die über ihre politische Bedeutung hinaus nicht zuletzt auch der Existenz des Einzelnen Sinn und Hoffnung gäbe, empfiehlt der Therapeut Meißner, darin ganz der Tradition der unpolitischen und damit systemstabilisierenden Psychotherapie folgend, in erster Linie an der eigenen Haltung zu arbeiten. Das allein wird nicht reichen.

Unter dem Strich bleibt ein Lob: Das wenig bekannte Buch ist ehrlicher und „sinnvoller“ als der Großteil der einschlägigen Sachbuch-Bestseller und auf seine Art lehrreicher als alle üblichen Psychoratgeber für Hamsterrad-Gefangene. Eine Anleitung zum Systemwechsel (wie etwa Lenins Was tun?, auf das der Titel wohl anspielt) bietet es sicher nicht.

Andreas Meißner: Mensch, was nun? Warum wir in Zeiten der Ökokrise Orientierung brauchen. München: Oekom 2017

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Aktuelle Berichte

Digitale Utopien im Fischglas

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Zum Abschluss der VÖW-Herbstakademie diskutierten Referent/innen aus Wissenschaft und Politik über eine digitale und nachhaltige Zukunft

Im Jahr 2030 sind wir alle digitale Unternehmer/innen. Nebenbei verdienen wir uns etwas dazu mit der Stromeinspeisung durch die Solarpanels auf unserem Haus. Die Energieversorgung ist regenerativ, dezentral und demokratisch organisiert. Unser Zuhause wird auch unser Arbeitsplatz sein, wenn wir nicht gerade in einem Co-Working-Space mit anderen kreativen Leuten sitzen und mit ihnen an einer nachhaltigen Gesellschaft arbeiten. Auch zum Einkaufen oder um Freunde zu besuchen, müssen wir nicht mehr die Atmosphäre verpesten. Neue Technologien wie Lieferdrohnen, Elektroautos und bessere Kommunikationsmedien machen es möglich.

So könnten wir in Zukunft leben, wenn Laura Dornheim (B‘90/Grüne), Tilman Santarius (TU Berlin & IÖW) und Leon Reiner (Impact Hub Berlin) ihre Utopien lebendig machen würden. Zum Abschluss der Herbstakademie der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) diskutierten die Gäste im Impact Hub Berlin darüber, wie eine digitale Zukunft aussehen könnte und wie wir sie nachhaltig gestalten. Anne Fromm (taz) führte durch die sogenannte Fishbowl-Diskussion, bei der Teilnehmer/innen aus dem Publikum sich beteiligen, indem sie freie Plätze am Diskussionstisch in der Mitte des Raums einnehmen und dort direkt mit den Referent/innen diskutieren.

Nach dem technikoptimistischen Aufschlag in die Debatte diskutierten Publikum und Gäste kritisch sowohl Systemfragen als auch alltäglichere Herausforderungen. So ging es etwa um soziale In- und Exklusion (Profitiert nur eine kleine, wohlhabende Schicht von technischen Innovationen?), Kapitalismus (Steigert die Digitalisierung den Kapitalismus oder bietet sie Alternativen?) und Arbeitsmodelle und -zeit (Wie viel wollen wir arbeiten? Und können wir das für alle leisten?) sowie Konsumgewohnheiten (Iphone vs. Dumbphone) und digitale Suffizienz (Wie viel Smartphone ist gesund für Individuum und Gesellschaft?).

Die Debatte bildete in vielen Momenten den Drahtseilakt zwischen digitalen, sozialen und ökologischen Utopien ab. Da Fische bekanntlich nicht die besten Seiltänzer sind, bleibt zu hoffen, dass sich auch außerhalb des Fischglases in der Friedrichstraße kritische Fragen und zuversichtliche Zukunftsaussichten verbinden.

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Mitteilungen

Artikel zum Stabilitäts- und Wachstumsgesetz erschienen

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„Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.“ (§1 StWG)

Als Reaktion auf die erste nennenswerte Krise im Wirtschaftswunderland Deutschland wurde am 8. Juni 1967 das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) verabschiedet. Damit war der Siegeszug des Keynesianismus auch in Deutschland angekommen. 50 Jahre nach der Einführung ziehen Dr. Rudi Kurz und Joachim H. Spangenberg eine Bilanz.

Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von ÖkologischesWirtschaften, wie sich die Ziele der deutschen Wirtschaftspolitik seitdem verändert haben, welche neuen Ziele dazugekommen sind und welche Perspektiven es im Umgang mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz gibt.

In der aktuellsten jetzt online frei verfügbaren Ausgabe von ÖkologischesWirtschaften wird das Handeln von Unternehmen angesichts der Herausforderungen, die sich aus der Notwendigkeit einer sozialökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft ergeben, reflektiert.

Eine weitere frei zugängliche Ausgabe der interdisziplinären Fachzeitschrift setzt sich mit dem Thema „Nachhaltige Stadtentwicklung und Klimawandel“ auseinander.

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Standpunkte

Mit Recht ohne Wachstum

Kommentare 2

Gegen den gescheiterten Kapitalismus hilft das Recht.

Der globale Kapitalismus ist an den Grenzen planetarer Endlichkeit angelangt. Soll die Erde am Ende des Jahrhunderts ein verträglicher Lebensraum für alle Menschen sein, gelingt das nicht ohne die Befreiung vom Wachstumszwang. In der deutschen Postwachstumsdebatte kommen Rechtswissenschaft und -praxis bisher allenfalls am Rande vor. Ändern wir das!

Die Menschheit steht an einem Scheidepunkt. Zum ersten Mal in der Geschichte blicken wir globalen ökologischen Krisen entgegen, denen wir mit technologischen Mitteln nicht begegnen können. Die Klimakatastrophe ist das bekannteste Beispiel. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), die führende klimawissenschaftliche Konferenz der Vereinten Nationen, geht davon aus, dass die vom Menschen verursachte Erderwärmung Kipp- oder tipping-points erreichen kann, die selbst eigene geophysikalische Prozesse in Gang setzen und so die Erde ohne menschliches Zutun weiter aufheizen [1]. Diese tipping-points werden als irreversibel bezeichnet, da die Menschheit über keinerlei Technologie verfügt, um solche planetaren Veränderungen zu beeinflussen oder gar aufzuhalten. Schon heute bewirkt z.B. das massive Abschmelzen der Eisflächen an den Polkappen, auf Grönland und auf den vielen Gletschern der Erde, dass immer weniger des einstrahlenden Sonnenlichts zurück ins All reflektiert wird. Durch diesen Effekt heizt sich der Planet autodynamisch weiter auf.

Ein anderer gefährlicher tipping-point ist die Freisetzung der riesigen Kohlendioxid (CO2)- und Methanvorkommen in den Permafrostböden, wenn diese Flächen durch die Erderwärmung weiter abtauen. In der Atmosphäre entwickelt Methan einen Treibhauseffekt, der pro Volumeneinheit 25-mal so stark ist wie der von Kohlendioxid. Schmilzt das ewige Eis der Tundra, steigt das dort eingeschlossene Methan, wie heute schon in Kanada zu beobachten, plötzlich und unkontrollierbar auf. Die folgende massive Erwärmung setzt weiteres Gas frei: ein Teufelskreis, bei dem die Menschheit nur tatenlos zusehen kann, wenn er einmal in Gang gekommen ist.

Planetare Endlichkeit

Neben dem Klimasystem gibt es zahlreiche andere Erdsysteme, die für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation ebenso wichtig sind wie ein intaktes Klima und die ebenfalls irreversibel geschädigt werden. Unter der Überschrift „Planetary Boundaries“ haben Rockstroem et al. [2] und zuletzt Steffens et al. [3] acht weitere Bereiche planetarer Endlichkeit identifiziert und ihre, teils dramatische, Belastung dokumentiert. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) hat das Modell unter der Überschrift „Planetare Leitplanken“ in seinem Bericht „Welt im Wandel - Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ verwendet und kommt auf Seite 35 zu folgender Bewertung: „Ein grundlegender Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft ist dringend notwendig, um die Lebensgrundlagen und Zukunftschancen der Menschheit zu erhalten. Klimaschutz ist dabei ein notwendiger, jedoch nicht hinreichender Bestandteil.“ [4].

Der Beirat erkennt damit an, dass es nicht ausreicht, allein die drohende Zerstörung des Klimasystems durch den ungebremsten Ausstoß von Treibhausgasen in den Blick zu nehmen, sondern dass fortschreitende Landnahme, Artensterben (im Jahr 2015 standen auf der Roten Liste der bedrohten Tiere 77.340 Arten) und Überdüngung durch industriell betriebene Landwirtschaft mit ihren Phosphoreinträgen ebenfalls Teil desselben existenziellen Problems der Menschheit sind.

Die Vorstellung der Endlichkeit mag uns bei der Atmosphäre schwerer fallen als bei einer Müllgrube im Boden, die irgendwann klar erkennbar voll ist. Doch im Hinblick auf den Treibhauseffekt verhält es sich trotz des gasförmigen, unsichtbaren Aggregatzustands der vielen Substanzen, die die Menschheit in der Lufthülle als ihrer gemeinsamen, größten und weitgehend unregulierten Deponie entsorgt, ganz ähnlich. Anders als z.B. Schwefeldioxid, das irgendwann als saurer Regen zumindest wieder auf den Boden zurückkehrt, verteilt sich das überschüssige CO2 gleichmäßig und für viele Jahrzehnte in der Atmosphäre und bewirkt dort dauerhaft und jederzeit den Treibhauseffekt, ganz egal an welchem Ort es einst in die Luft gelangt ist.

Die Empirie des Klimawandels…

Für die Analyse sind zwei Aspekte zu unterscheiden: Einerseits das in Paris vereinbarte Ziel, die Erderwärmung tatsächlich auf 1,5° Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, und andererseits die unterschiedlichen nationalen und internationalen Emissionsziele und gesetzlichen Reduktionsinstrumente (z.B. KlimaschutzG NRW, europäischer Emissionshandel). Zwischen der Temperaturvorgabe und den Emissionszielen besteht eine logische Hierarchie: Das 1,5°-Ziel liefert den Bewertungsmaßstab, an dem die praktische, d.h. geophysikalische Wirksamkeit der nationalen Emissionsziele empirisch zu prüfen ist. Das deshalb, weil in der Atmosphäre eben keine menschliche Übereinkunft, sondern nur die Treibhausgaskonzentration zählt.

Um die Geeignetheit der selbst gesteckten Reduktionsziele und gesetzlichen Klimaschutzpläne sinnvoll bewerten zu können, muss der aktuelle Stand der geophysikalischen Klimaforschung zwingend berücksichtigt werden. In seinem letzten Bericht hat das IPCC ein Restbudget von 270 Mrd. Tonnen Kohlenstoff (C) oder, umgerechnet, 991 Mrd. Tonnen CO2 für die Jahre 2013 bis 2100 berechnet, das die Atmosphäre nach den wissenschaftlichen Modellen höchstens aufnehmen kann, wenn das 1,5°- Ziel mit überwiegender Wahrscheinlichkeit eingehalten werden soll. Ausgehend von dieser konkreten Kapazität lässt sich leicht das jährliche Treibhausgasbudget für jeden Menschen bestimmen: Aktuell emittiert die Menschheit jährlich mindestens 40 Mrd. Tonnen CO2, mit steigender Tendenz [5]. In den vier Jahren seit der Berichtlegung (2013 bis 2016) waren dies 160 Mrd. Tonnen CO2, also bereits ein Siebtel, die von dem 2013 ausgewiesenen Budget abzuziehen sind, so dass nunmehr ein Gesamtbudget von 831 Mrd. Tonnen CO2 ab 2017 bis zum Ende des Jahrhunderts verbleibt. Aufgeteilt auf 83 Jahre folgt daraus ein jährliches Budget von 10 Mrd. Tonnen CO2. Bei einer über den Rest des Jahrhunderts zu erwartenden Erdbevölkerung von 9 Milliarden Menschen ergibt sich daraus eine jährlich vertretbare Emissionsmenge von einer Tonne CO2 pro Person, somit ein jährliches Budget für alle Menschen in Deutschland von 83 Millionen Tonnen CO2.

… und die deutschen Klimaziele

Diese 83 Millionen Tonnen CO2 sind also eine physische Grenze, die die jährlichen deutschen Emissionen nicht überschreiten dürfen, wenn das in Paris festgeschriebene 1,5°-Ziel auch in der Realität eingehalten werden soll. Betrachtet man die deutsche Treibhausgasbilanz [6], zeigt sich, dass 2015 Deutschland mit 908 Millionen Tonnen CO2 das physikalische Emissionsbudget um das 10-fache überschritten hat. Nicht einbezogen sind dabei „graue Emissionen“, die statistisch anderen Weltregionen für die unzähligen Konsumgüter zufallen, die zwar dort produziert, aber später ausschließlich von den Menschen im Westen konsumiert werden. Die für 2020 von der Bundesregierung gesetzte Emissionsgrenze von 749 Millionen Tonnen übersteigt das tatsächlich verfügbare, nationale Budget um das 9-fache. Bei dieser Zielmarke ist das deutsche Jahrhundert- Budget in weniger als zehn Jahren aufgebraucht. Nichts kann den von der Bundesregierung für 2050 angestrebten Ausstoß von 62,5 bis 250 Millionen Tonnen CO2 - eine Vorgabe mit einer Ungenauigkeit von 400% - rechtfertigen.

Umweltbundesamt, Nationale Treibhausgasinventare 1990 bis 2015 (Stand 02/2017) und Schätzung für 2016 (Stand 03/2017)

Die empirischen Befunde verdeutlichen die Ungerechtigkeit dieser vorsätzlichen Planung: Das Klima ist nur deshalb heute noch nicht ganz zerstört, weil andere Menschen auf der Erde sehr viel weniger emittieren, als ihnen nach dem Budget zusteht. Sie leben in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika und haben nur marginal von fossiler Energie profitiert. Ausgerechnet diese Menschen leben in den Regionen, die heute die gefährlichen Vorboten des Klimawandels durch immer häufigere „Jahrhundert“-Hurrikane, Überschwemmungen und Dürren zu spüren bekommen. Menschen auf Pazifikinseln müssen fürchten, ihren gesamten Staat an das Meer zu verlieren.

Die von der heutigen Erwachsenengeneration gewählten unrealistischen Zielmarken sind aber auch eine Zumutung für alle, die nachkommen: Je mehr heute vom Budget aufgebraucht wird, desto weniger bleibt in Zukunft für die heute bereits geborenen Kinder und Enkel, die dringend zusätzliche Ressourcen brauchen, um die Folgen der Erderwärmung zu bewältigen.

Die Party ist vorbei

Im Vergleich von 2012 zu 2015 hat Deutschland die Emissionen um 3 % reduziert (926 Mio. Tonnen auf 906 Mio. Tonnen). Um das neunmal zu hoch angesetzte 751 Mio. Tonnen-Ziel bis 2020 überhaupt zu erreichen, muss nun eine Emissionsreduktion um gut 17 Prozent gegenüber 2015 realisiert werden. Wie tiefgreifend diese Vorgabe das Wirtschaftssystem treffen muss, lässt der einmalige Emissionsrückgang um 7 % von 2008 zu 2009 erahnen. Dieser Kurzzeit-Effekt beweist das fatale Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sozialsystemen, kapitalistischer Marktwirtschaft und Energie- und Ressourceneinsatz [7]. Selbst auf dem Höhepunkt der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise seit dem zweiten Weltkrieg, der globale Kapitalismus war akut und existenziell bedroht, reichte es immer noch nicht für mehr Reduktion als 7 Prozent. [8]

Reduktion auf ein Zehntel, das ist die beispiellose Aufgabe unserer Zeit. Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde eine Umkehr in dieser Dimension zivilisiert und rechtsstaatlich verwirklicht. Den konsumorientierten Gesellschaften des globalen Nordens steht ein besonders tiefgreifender Kulturwandel bevor. Soll dieser konstruktiv ablaufen (ein letzter Ausbruch von Gewalt und Krieg würde den Planeten schnell und endgültig verbrauchen), braucht es das Recht, seine Praxis und Wissenschaft. Doch statt nun ihr Instrument Recht als das Werkzeug friedlicher, aufgeklärter Veränderung im kosmopolitischen Postwachstumsdiskurs vorzustellen, verstecken sich Rechtsprechung und Forschung hinter den alternativen Fakten offizieller Klimaschutzkonzepte und wirkungsloser Emissionshandelssysteme, deren naive Ignoranz mich an Erich Honeckers Auftritt zum 40. Jahrestag der DDR erinnert.

Rechtswissenschaft und Postwachstum

Die heutige Rechtswissenschaft geht nicht den notwendigen Schritt weiter und verkennt den empirischen Zusammenhang zwischen kapitalistischem Wachstumszwang und akut kollabierenden Ökosystemen. Es geht nicht mehr allein um Kohlekraftwerke oder Autobahnbau, sondern um Alternativen zu einem durch und durch konsum- und wachstumsabhängigen Wirtschaftskonzept. Undenkbar, dass Menschen weiterhin die knappen Ressourcen mit der Produktion von Tamagotchis und tonnenweise Billigfleisch verschwenden oder bei Wochenendtrips mit dem Flugzeug verfeuern dürfen, weil es sich „rechnet“. Ein einziger Transatlantikflug übersteigt bereits das CO2-Jahresbudget des Reisenden, und trotzdem zahlen Lufthansa & Co. bis heute keinen Cent Mineralölsteuer auf Flugbenzin. Die Logik einer globalen Wirtschaft, in der wenige Menschen alles und 2 Milliarden nichts haben, kann keinen Bestand haben. Diese Party ist absehbar vorbei, so oder so.

Interessant wird es, wenn rechtswissenschaftliche Analysen die Endlichkeit der planetaren Ressourcen und die massive Übernutzung durch die Volkswirtschaften des globalen Nordens anerkennen und auf dieser Grundlage Lösungen vorschlagen. Einen vorsichtigen Schritt macht eine Studie, die in den geltenden zivil- und öffentlich-rechtlichen Bestimmungen nach (Entwicklungs-)Potential für „nachhaltigen Konsum“ sucht [9]. Ihr Fokus lag jedoch leider allein auf den Handlungsmöglichkeiten der Verbraucherinnen und Verbraucher und nicht auf strukturellen Anpassungen der maßgeblichen Produktions- und Angebotsseite für eine dauerhaft tragfähige Postwachstumsgesellschaft [10]. Die Autorinnen und Autoren gehen von existierenden Bestimmungen aus und respektieren die Dogmatik und Beständigkeit, die dem sozialen Instrument Recht notwendig zufallen. Zahlreichen Postwachstums- und Klimadebatten fehlt genau diese juristisch-praktische Perspektive. Doch wer sich nur an die große Schuldrechtsreform erinnert, weiß, wie viel Zeit das Recht und seine Praxis benötigen, um Neuerungen zu integrieren, die zentrale dogmatische Stellen betreffen. Jedenfalls ist die Abkehr vom Wachstum eine ungleich größere Intervention als mit § 325 BGB, Schadensersatz nun auch neben dem Rücktritt zu ermöglichen. Es ist daher sinnvoll, die etablierten Wertungen, Regelungen und Argumente als Ausgangspunkte zu nehmen und auf ihre Kompatibilität mit einer Gesellschaft ohne Wachstum zu prüfen. Denn auch dort wird es weiterhin Konflikte, Unfälle und Missverständnisse geben, die es rechtsstaatlich zu bearbeiten gilt.

Kaptialmarktrecht adé

Die Eingriffe werden nicht nur in das Recht schwerwiegend sein: Tauschen statt kaufen, teilen und leihen statt mieten, bewohnen statt besitzen, verschenken statt vermarkten, begrenzen statt ausdehnen, arbeiten statt ausbeuten, übereinkommen statt anordnen, Sinn statt Profit. Fachleute im Kapitalmarktrecht müssen also mit Sicherheit umschulen. Aber viele andere kodifizierte Regeln existieren seit Jahrhunderten und sind universell erhaltenswert, weil sie funktionieren und dem zwischenmenschlichen Ausgleich dienen. Eine rechtsstaatliche Justiz muss auch in einer Postwachstumsgesellschaft organisiert und betrieben werden. Wer, wenn nicht Juristinnen und Juristen, sollte die systematische Überarbeitung des Rechts begleiten und dabei praktisches Wissen aus der alltäglichen Konfliktbearbeitung einbringen? An Konflikten wird es anfangs sicher nicht mangeln, wenn Flugzeuge unten bleiben, Städte für Verbrennungsmotoren gesperrt werden [11] und Wohnungseigentümerinnen und –eigentümer sich nicht mehr mit den Zahlungen ihrer Mieterinnen und Mieter ein bequemes Leben machen können. Doch verliert das Recht dabei seine gesellschaftliche Akzeptanz, ist es schnell nur noch Text auf Papier. Je schwerer der soziale Konflikt, desto wichtiger ist es, transparente, rechtsstaatliche Verfahrensmaximen, Grund- und Menschenrechte hochzuhalten. Wenn in einer Gesellschaft ohne Wachstum individuelle Grundrechte beliebig würden oder die Gewaltenteilung einer vermeintlich notwendigen Autorität weichen sollte, ist nichts gewonnen. Auch ein real existierender Staatsapparat mit 4,6 Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst kann nicht ohne das Recht als Ordnungs- und Leitinstrument auf eine proaktiv-nachhaltige Planungs- und Entscheidungspraxis umgestellt werden. Doch was lässt sich alles erreichen, wenn Stadt- und Raumplanung, Wirtschafts- und Kulturbehörden, Schulen und Universitäten das Ende des Wachstums akzeptieren und die (bereits laufenden) Debatten über Alternativen im Rahmen ihrer definierten Zuständigkeiten konstruktiv begleiten und die Umsetzung der dabei erzielten, tragfähigen Ergebnisse fördern würden?

Wandel findet statt

Nach dem Verlassen einer Sackgasse gibt es viele Wege. Als 2004 unter dem Eindruck des vermeintlich erreichten Ölfördermaximums über die Abhängigkeit von fossiler Energie diskutiert wurde, hat der britische Forscher Rob Hopkins das Transition-Town Netzwerk gegründet. Heute wissen wir: An fossilen Energieträgern mangelt es nicht. Allein die Verbrennung der bereits entdeckten Kohle-, Öl und Gasvorkommen würde einen Temperaturanstieg von 6 bis 8° Celsius bis zum Jahr 2100 verursachen. In Wahrheit erzwingt die begrenzte Kapazität der Atmosphäre das Ende der energiehungrigen, globalen Transport- und Wachstumswirtschaft. Mit Hilfe von Lokalwährungen will Hopkins die massive Relokalisierung einer auf das Notwendige zurückgefahrenen Warenproduktion erreichen [12]. Statt industrielle Agrarprodukte um die ganze Welt zu handeln und damit auf Kosten der Ärmsten zu spekulieren, sollen regionale landwirtschaftliche Strukturen eine ökologisch und sozial gerechte Produktion durch freie Bäuerinnen und Bauern ermöglichen. Seit dem Jahr 2005 setzen die Städte Kinsale in Irland und Totnes in England das Konzept mit ihren Einwohnerinnen und Einwohnern um. Die Menschen beteiligen sich gerne an dem Transition-Prozess, der zwar mit „fossil freedom“ ein Ziel, aber kein definiertes Ende hat und überall unterschiedlich verläuft. Innerhalb nur eines Jahres haben sich in Totnes eine Regionalwährung, urbane Gärten, Tauschringe und, nicht zuletzt, mehr demokratischer Dialog und Beteiligung entwickelt.

Auch in Deutschland sind Menschen kreativ, um dem Profit- und Wachstumszwang zu entkommen und dabei vor allem Alltägliches wie Wohnen und Ernährung neu und besser zu regeln. Das Freiburger Mietshäusersyndikat hilft als solidarischer Verband bei der Finanzierung und Verwaltung von Immobilien, die von ihren Nutzerinnen und Nutzer dauerhaft entprivatisiert werden. Seit über 25 Jahren kombiniert man dazu auf sehr praktische Weise klassisches GmbH- mit Vereinsrecht. Bis heute haben über 100 Hausprojekte das Konzept für sich gewählt, die Nachfrage ist groß und steigt. Die Idee ist deshalb so beliebt, weil sie Selbstverwaltung und dauerhafte Eigentumsfreiheit gleichzeitig ermöglicht.

Genossenschaftliche Zusammenschlüsse haben auch in der Landwirtschaft durchaus Tradition. Bei dem Community Supported Agriculture-Modell schätzen die Mitglieder gemeinsam mit den Landwirtinnen und Landwirten die im folgenden Jahr für den Betrieb des Hofes erforderlichen Aufwendungen (Löhne, Materialkosten, Futter etc.). Diese werden dann als monatliche Beiträge auf alle Genossinnen und Genossen umgelegt, die dafür ihre Genossenschaftsanteile in Form wöchentlicher Gemüse-, Milch- und Fleischportionen erhalten. Verteilt wird also immer nur das, was der Hof aktuell hergibt. Das Modell ist ein Beispiel für Landwirtschaft auf Augenhöhe, in einem verträglichen, übersichtlichen Maßstab. Nahrungsmittelskandale, die plötzlich ganz Europa betreffen, gehören der Vergangenheit an.

Sinn statt Profit

Es gibt so viele Arten, Wirtschaft und menschliches Miteinander, die Struktur von Städten und Gemeinwesen neu zu denken, wenn Profit- und Wachstumszwang keine Rolle spielen. Die Frage „Was ist sinnvoll?“ kann ihre eigentliche Bedeutung zurück erhalten. Mit der Stärkung von Normativität gegenüber Profit gibt es für Juristinnen und Juristen viel zu tun. Sie können bei der Suche nach gerechten Abwägungen moderieren, helfen und bisweilen auch entscheiden. Sie können strukturelle Vorschläge zur effektiven, normativen Korrektur von Märkten erarbeiten, so dass lokale Wertschöpfung und eine gerechte, tragfähige Verteilung von Gütern und Dienstleistungen in allen Regionen erreicht werden. Wie lässt sich Arbeit fair verteilen und organisieren, ohne dabei in einer bürokratischen Planbehörde zu versinken? Die verbindliche Anerkennung globaler Zonen der Endlichkeit fordert Rechtsprechung und Wissenschaft gleichermaßen. Wie gelingt ein gerechter Ausgleich der globalen Klimaschäden? Kann die Einführung einer ökologischen Auslegungsmethode helfen, die Umweltfolgen bei Entscheidungen besser zu reflektieren und stärker zu gewichten? Wie sieht ein Grundgesetz nach dem Ende des Wachstums aus? Wie müssen Europa und seine Staaten organisiert werden, um statt der Globalisierung von Waren die Globalisierung des Miteinanders zu fördern? Die Menschheit steht an einem Scheidepunkt. Die Endlichkeit der Welt können wir nicht ändern - uns schon.

 

Literatur:

[1] IPCC: Climate Change 2013: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, 2013, S. 1114ff.
[2] Johan Rockström/Will Steffen/Kevin Noone u.a.: A safe operating space for humanity. Nature, 2009, S. 472-475.
[3] Will Steffen/ Katherine Richardson/ Johan Rockström u.a.: Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science, 2015, Nr. 1259855.
[4] WBGU: Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Eigenverlag, 2011, S. 34ff.
[5] IPCC: Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change. Contribution of Working Group III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, 2014, S. 42.
[6] Umweltbundesamt: Nationaler Inventarbericht 1990 – 2014. S. 989; Umweltbundesamt: Zeitnahprognose für 2015 (Stand: 03/2016), verfügbar unter:
http://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/384/bilder/2_abb_thg-emissionen_2016-11-28.png.
[7] Vgl. dazu: George Monbiot: It's simple. If we can't change our economic system, our number's up. The Guardian, 2014, 27.5.2014.
[8] Umweltbundesamt: Nationaler Inventarbericht 1990 – 2014. S. 168.
[9] Sabine Schlacke/ Michael Stadermann/ Moritz Grunow u.a.: Rechtliche Instrumente zur Förderung des nachhaltigen Konsums – am Beispiel von Produkten. 2012, abzurufen unter: http://www.uba.de/uba-info-medien/4297.html.
[10] WBGU, (Fn. 5), S. 7, 12.
[11] Vgl. dazu VG Düsseldorf, Urteil v. 13.9.2016, 3 K 7695/15.
[12] Rob Hopkins: The Transition Handbook: From Oil Dependency to Local Resilience. Green Books, 2008; und The Transition Companion: Making Your Community More Resilient in Uncertain Times. Green Books, 2011.

 

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift "Forum Recht", Ausgabe 02/2017 (www.forum-recht-online.de) erschienen.

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Mitteilungen

Mehr Gerechtigkeit – weniger Wachstum

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Im Rahmen einer Interviewreihe mit Fachleuten der großen deutschen Umweltverbände – namentlich BUND, Deutscher Naturschutzring, Greenpeace, NABU, NaturFreunde und WWF – präsentiert das denkhausbremen folgende gemeinschaftliche Positionen der Verbände:

„Bei dieser Diagnose sind sich die Befragten einig: Das Märchen vom Wirtschaftswachstum ist auserzählt. Eine auf permanentes Wachstum programmierte Wirtschaft erschöpft auf Dauer unseren Planeten. […] NABU-Präsident Olaf Tschimpke: »Bei den wichtigsten Themen des Umweltschutzes, beim Verlust der biologischen Vielfalt sowie beim Klimawandel, sind tatsächlich schon heute die Grenzen überschritten.« Die BUND-Ehrenvorsitzende Angelika Zahrnt warnt allerdings vor einem Schulterschluss mit rechtspopulistischen Wachstumskritikern.“

Ein weiterer Punkt, dessen Bedeutung die Umweltverbände mit Nachdruck betonen, ist der Zusammenhang zwischen sozialen und ökologischen Dimensionen der gesellschaftlichen Transformation, der verdeutlicht, dass keiner der beiden Aspekte vernachlässigt werden darf: „In den Führungsetagen der Umweltverbände ist man sich einig, dass ohne soziale Gerechtigkeit ein ökologischer Wandel der Gesellschaft nicht zu haben ist. »Wenn die Menschen den Eindruck haben, das läuft nicht gerecht ab, dann haben wir mit unserer Transformationsstrategie keine Chance«, ist sich der NaturFreunde-Vorsitzende Michael Müller sicher.“

Die einzelnen Interviews und eine kurze Zusammenfassung lassen sich hier nachlesen.

Zur Projekt-Webseite des Dialog Degrowth vom denkhausbremen geht es hier.

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Mitteilungen

Digitalisierung auf dem Prüfstand: smart als neues grün?

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Die Digitalisierung hat Einzug in unseren Alltag gehalten, und mit ihr vielseitig wahrgenommene Chancen und Risiken. Politische und wirtschaftliche Akteure wie die Bundesregierung mit ihrer Digitalen Agenda, die OECD oder Branchenverbände wie die Bitkom oder eco möchten zum Beispiel durch Breitbandausbau Wirtschaft und Wachstum fördern. Manche behaupten ganz kategorisch, Digitalisierung käme „first“ – doch wie ratsam ist es in Zeiten existenzbedrohender Umweltprobleme und Wirtschaftskrisen, Bedenken „second“ zu stellen? Zivilgesellschaftliche Akteure wie netzpolitik.org warnen vor Gefahren für die Privatsphäre und setzen sich für Datenschutz ein, Gewerkschaften sorgen sich um die Zukunft der Arbeit. Was im aktuellen Diskurs bisher zu kurz kommt, ist Nachhaltigkeit, die Umwelt, Ressourcenfragen, Klimawirkungen oder globale Gerechtigkeit. Kurzerhand wird die Digitalisierung auch zur Lösung dieser Probleme herangezogen. Doch können wir durch die Optimierungspotentiale der Digitalisierung unseren Naturverbrauch soweit drosseln, dass eine nachhaltige Gesellschaft entsteht?

Ja, sagen die Fans der smarten, neuen Welt: Smart Cities, Smart Grids, Smart Homes, Smart Phones und nicht zu vergessen das selbstfahrende Auto sollen neben unserer Convenience auch die Nachhaltigkeit bedienen. Das Credo für den Techno-Fix des 21. Jahrhunderts lautet Vernetzung, Effizienz und Optimierung. Und tatsächlich, über automatisierte Steuerung und intelligente Nutzung von Cloud Systemen kann die Energieeffizienz von Prozessen erhöht und der relative Ressourceninput verringert werden. Doch Effizienz allein sagt erst einmal nichts darüber aus, wie viele Kilowattstunden tatsächlich durch unsere Steckdosen fließen. Die eigentliche Frage sollte also eher lauten: Würden wir dank digitalisierten Systemen insgesamt weniger Energie verbrauchen?

Wie nachhaltig ist das Internet?

Wäre das Internet ein Land, dann hätte es den weltweit sechstgrößten Energieverbrauch, so Greenpeace. Das Internet ist ein gigantischer Energiefresser mit ständig wachsendem Appetit. Denn obwohl die IT-Branche eine vorbildhafte Steilkurve von Effizienzgewinnen vorzuzeigen hat, erhöht sich insgesamt der Energieverbrauch von Rechenzentren, Netzwerken und Computern ständig. Oder vielleicht gerade deswegen? Laut Rebound-Effekt nämlich gehen die Effizienzgewinne mit gesunkenen Kosten einher, wodurch IT-Nutzung gleichsam attraktiver wird, und vermehrt zum Einsatz kommt – sowohl bei Organisationen also auch privat. So machte denn auch der Guardian unlängst unter dem Titel „How viral cat videos are warming the planet“ darauf aufmerksam, dass Rechenzentren weltweit bereits heute mehr Kohlendioxid ausstoßen als der gesamte Flugverkehr weltweit. Dabei resultiert der größte Teil des Datenverkehrs aktuell aus Video-Streaming; ein Format, das gerade von Streaming-Anbietern und Social Media stark gepusht wird. Zu noch mehr Datenverkehr wird zukünftig auch vermehrt das Internet of Things beitragen, also miteinander vernetzte Geräte.

Hat auch eine Schattenseite: Cat Content

Die steigende Umweltrelevanz von Rechenzentren ist natürlich auch den Betreibern nicht verborgen geblieben: so verpflichteten sich vor einigen Jahren u.a. Facebook, Apple und Google, die Stromversorgung ihrer Rechenzentren auf 100% Erneuerbare Energien umzustellen. Eine komplett grüne Stromversorgung hat bis jetzt noch keines der Unternehmen erreicht – dem aktuellen „Clicking Clean“-Bericht von Greenpeace zufolge, die den Prozess begleiten, reichen die Spannweiten grüner Stromversorgung von weit unter 20% (u.a. amazon) bis anteilig 83% (Apple).

Nachhaltigkeit ist mehr als Technologie, Effizienz und Energie

Doch gehen wir ein Schritt zurück – Nachhaltigkeit umfasst natürlich mehr als nur den Energieverbrauch. Ihr Ziel ist es ja, den Lebensraum der Menschen in einem bewohnbaren, idealerweise lebenswerten Zustand zu erhalten. Das sogenannte Doughnut-Modell illustriert, welche „planetaren Grenzen“ uns dabei gesetzt sind und welche sozialen Mindest-Standards für ein gutes Leben erfüllt sein sollen. Neben Verlust von Biodiversität, Süßwasserverbrauch, Übersäuerung der Meere oder Abbau der Ozonschicht sollten also ebenfalls Gesundheit, Ernährung, Trinkwasser, Bildung, Teilhabe oder Gerechtigkeit beachtet werden. Doch was haben mein Smart Phone, mein Smart Home, die Smart City, ein digitalisierter Finanzmarkt oder die E-Mobil-Flotte neben Klimawandel und Ressourcenmangel auch mit Biodiversität, Gesundheit, sozialer Gerechtigkeit zu tun?

Klingt lecker: Das Doughnut Modell für einen sicheren und gerechten Lebensraum für alle, Oxfam, 2012

Technik ganzheitlich betrachten

Einen methodischen Ansatz, Umweltwirkungen einzelner Produkte oder Prozesse zu bestimmen, bietet zum Beispiel die Ökobilanzierung. Dabei werden entlang des gesamten Lebenszyklus‘ eines Produktes oder Prozesses von der Wiege bis zur Bahre, also von Ressourcenbereitstellung, über Produktion, Transport, Nutzung bis hin zur Entsorgung alle Material,- Energie- und Emissionsströme erfasst, welche zur Bereitstellung und Nutzung benötigt werden bzw. dabei entstehen.

Vergleichbar ist das Ganze mit einem Kochrezept. Möchte man beispielsweise die Umweltwirkungen einer Runde Game-of-Thrones-Schauen berechnen, wird neben dem Strom, der zum Betrieb des Bildschirms beim Schauen der ca. 50-minütigen Serie benötigt wird, auch die Rohstoffgewinnung, Verarbeitung und Entsorgung der materiellen Infrastruktur, also des eigenen Laptops (oder Flachbildschirms in der Edelausstattung) mit einbezogen, ebenso wie der Bau und Betrieb der Rechenzentren und weiterer Netzinfrastruktur, welche das Video bereitstellen. Hier lassen sich - bisher zumindest theoretisch - alle Dimensionen des Doughnut-Modells erfassen: von den Arbeitsbedingungen des Minenarbeiters, dem Wald- und Artenverlust beim Rohstoffabbau seltener Erden, über Produktionsbedingungen und Luftbelastung in China bis zu und den Gesundheitsschäden der Kinder, welche an Afrikas Küsten unter starker Boden- und Luftverschmutzung die alten Geräte ausschlachten.

Dennoch begegnet uns gerade in der Digitalisierungsdebatte häufig der Begriff der Dematerialisierung. Papierlose Büros, Datenspeicherung in Clouds weit entfernter Rechenzentren, Informationsbeschaffung über dicke Unterseekabel, die die Ozeane durchziehen - aufgewendetes „Material“ wird im Alltag der Nutzer/innen kaum mehr sichtbar. Wer denkt beim Surfen am ultraleichten Tablet, beim Datenspeichern in Clouds oder der Ausstattung diverser Haushaltsgeräte mit Sensoren und Kommunikationsfunktionen schon an den materiellen Rattenschwanz? Dematerialisierung führt so zu ‚psychologischer Distanz’: Je weiter weg die Auswirkungen meines Handelns stattfinden, desto schwieriger wird es, ein Problembewusstsein zu entwickeln.

Ökobilanzierung: Wie leicht ist eigentlich die Cloud?

Digitalisiertes Leben… schneller, besser, mehr?

Bisher wurden direkte Umwelteffekte der Digitalisierung angesprochen, also was die Nutzung einzelner digitalisierter Systeme bewirkt. Jedoch reichen die Auswirkungen weiter: Unser aller Verhaltensweisen, die Art an Gesellschaft teilzuhaben, zu wohnen, sich fortzubewegen und zu konsumieren, werden durch Digitalisierung verändert. Diese Auswirkungen sind oft „disruptiv“ und schwer quantifizierbar, denn wir tun Dinge einfach anders. So können wir heute dank digitaler Möglichkeiten deutlich schneller und intensiver miteinander kommunizieren, uns informieren oder an öffentlichen Debatten teilhaben.

Als Beispiele für das Potential von Digitalisierung für ein nachhaltigeres Konsumverhalten werden oft Sharing-Systeme hervorgehoben. Durch Car-Sharing sollen beispielsweise weniger, kollektiv genutzte Autos auf der Straße fahren. Über Kleiderkreisel besteht die Möglichkeit, nicht mehr getragene Kleidung zu tauschen und so die Lebensdauer von Kleidung zu verlängern. Auch werden eine Vielzahl von Ratgeber- und Informations- Apps oder Webseiten gestaltet, vom Nabu Siegel Check über ToxFox und utopia.de. Aber besteht vielleicht die Gefahr, dass diese tollen Nachhaltigkeits-Tools verhältnismäßig verblassen, verglichen mit den zahllosen Konsumtreibern, die der digitale Raum sonst noch hervorgebracht hat? Von personalisiertem Marketing in omnipräsenten Werbe-Bannern, Social Media Feeds, Newslettern und Wunschlisten können wir uns täglich einflüstern lassen, wie wir unser Leben noch ein wenig schöner machen könnten. Könnte dies unsere Konsumwünsche erhöhen, und uns damit mehr kaufen lassen? Denn das Konsumieren wird auch dank des Internets immer einfacher: vom Sofa aus können wir per Netflix und Online Shopping den Konsumfreuden frönen, im Bus zur Arbeit Reiseblogs lesen, Urlaub und Konzerttickets buchen oder Bankgeschäfte erledigen. Vorbei sind die Zeiten, wo Öffnungszeiten, geografische Distanz oder Wartezeiten am Schalter unsere Zeit verschwendeten.

Fazit: Ökologische, soziale und digitale Themen zusammendenken!

Wie ersichtlich wurde, gibt es nicht „die“ Digitalisierung, sondern viele unterschiedliche Aspekte, Einsatz- und Gestaltungsmöglichkeiten. Gerade deswegen müssen wir uns auch jenseits von Wirtschaftsinteressen fragen: Wie muss Digitalisierung gestaltet sein, welche Anteile der Digitalisierung wollen wir fördern, und welche nicht, damit planetare Grenzen eingehalten und soziale Gerechtigkeit gestärkt werden?

Für alle, die jetzt Lust bekommen haben, mitzudiskutieren: Am 8.10.2017 gibt‘s hier dazu Gelegenheit: "Digitalisierung für oder gegen eine nachhaltige Gesellschaft?" Fishbowl-Diskussion u.a. mit Laura Dornheim und Tilman Santarius am 8. Oktober 2017, 14.30-16.30h im Impact Hub, Berlin.

Mehr Informationen und Anmeldung unter www.voew.de/herbstakademie/abschlussveranstaltung

Dieser Artikel ist ebenfalls erschienen bei der Berliner Gazette.

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Aktuelle Berichte

Neustart Schweiz: Lebenswerte Nachbarschaften

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Eine Vision soll Realität werden

Ausgehend von visionären Skizzen und Romanen des Pseudonyms P.M. wurde „Neustart Schweiz“ 2007 als Verein gegründet. Die Absicht dahinter war es, ein organisatorisches Vehikel zur Verfügung zu stellen, mit dem sich der Weg aus der diffusen Projektion in die konkrete Realität bewältigen lässt. Damit sollen sich die in den Romanen beschriebenen, zukunftsorientierten Postwachstums-Konzepte aussichtsreich verorten und multiplizieren lassen. Seither pulsiert Neustart Schweiz mit den wirkungsvoll vernetzten, lokalen Nachbarschaftsprojekten und -realisierungen seiner Mitglieder, die schweizweit in Zürich, Genf, Bern, Basel, Luzern, Uster, Biel, La Chaux-de-Fonds und weiteren Städten in Betrieb, in Planung, in Ausführung und als großes Potential in vielen Köpfen vorhanden sind.

Der Verein fördert die zahlreichen Vorstöße und Anstrengungen auf gesellschaftlicher, kultureller, wirtschaftlicher und politischer Ebene und dient so der bemerkenswerten Stärkung der genossenschaftlich organisierten Lebensraumentwicklung in der Schweiz nach den neuen Paradigmen der Postwachstumsgesellschaft. In vielen Publikationen, Referaten, Diskussionsbeiträgen und anderweitigen Anregungen seiner Mitglieder vermag Neustart Schweiz die großen Konzepte einer enkeltauglichen Gesellschaft in überraschend zielführende Schritte hinunter zu brechen. Dabei geht es um die Grundmuster und Startpunkte der nachhaltigen Stadt- und Quartierentwicklung mit Nachbarschaften, in denen rund 500 Menschen trotz 2000 Watt-Gegebenheiten (ausgegangen von dem einen Planeten, mit dem wir als Weltenbürger/innen im Einklang stehen möchten, wird mit 2000 Watt/Person das langfristig verträgliche Mass an laufend verwendeten Ressourcen umrissen) friedlich und konstruktiv zusammen wohnen und ein gutes, urbanes Leben führen. Deren Versorgung mit dem Alltäglichen erfolgt mittels Direktvertrieb aus dem landwirtschaftlichen Umland und aus eigener handwerklicher und intellektueller Produktion in quartiereigenen Begegnungs- und Werkstätten. Ausführliche Schilderungen liefert das aktuelle Buch "Nach Hause kommen" von Neustart Schweiz. Referenzen sind etwa https://www.kalkbreite.net, www.mehralswohnen.ch, https://www.cooperative-equilibre.ch und andere vorhandene und entstehende.

Der Verein im Aufwind

Die bewusst partizipativen Planungsprozesse erfahren zunehmend Aufmerksamkeit. Mit solch öffentlichem Aufwind gelingt es immer besser, die nachbarschaftlich motivierte Stadtentwicklung konkret zu verorten. Und mit den Bürgerinnen und Bürgern, die derart gewonnene Quartiere bewohnen und beleben, gelingt in tragfähigen Vereinbarungen zunehmend auch die lokale Direktversorgung aus dem landwirtschaftlichen Umland.

Der erfahrene, öffentliche Respekt macht Neustart Schweiz ganz viel Mut, so viel Mut nämlich, dass der Verein mit seinem Postwachstums-Credo sich gar für die Co-Realisierung der nächsten Schweizer Landesausstellung bewirbt und ins Zeug legt: „ExpoCH, Coming Home - Schweizer Expo für Stadt, Land und Welt“ wirbt für die Realisierung von zehn mustergültigen Nachbarschaften in den zehn größten Schweizer Städten. Unter Respektierung der örtlichen Gegebenheiten – erst  recht in der Schweiz mit ihren vier Sprach- und Kulturregionen - sollen gegen 2030 gerade nochmals zehn Postwachstums-Quartiere entstehen. Sie werden das Produkt breit angelegter Diskussions- und Beteiligungsprozesse sein. In dieser Qualität dienen sie der Gegenwart als gute Erfahrung und Beweis der Tauglichkeit der Konzepte. Und der Nachwelt mögen sie als sinnvolle, grosse, städtebauliche Entwürfe und Investitionen erhalten bleiben. Doch damit nicht genug: Über die partnerschaftliche Verbindung dieser zehn Städte mit nochmals weiteren zehn Städten in der Welt soll die Diskussion schliesslich global geführt und das Vertrauen in die lebensnahen Konzepte der Postwachstumsgesellschaft gestärkt werden. Auf dieser Basis traut sich Neustart Schweiz auch global als Mitspieler und Generator neuer Kräfte aufzutreten, um auf konstruktive Weise den friedlichen Wandel hin zu wohl vereinbarten, ausbalancierten Lebensentwürfen zu vollziehen.

Nach Hause kommen

„Nach Hause kommen“ ist auch der Titel des gegenwärtig sehr populären Taschenbuchs von Neustart Schweiz. Darin stellen mehrere vereinsinterne Autorinnen und Autoren die Merkmale und Zutaten gelingender Nachbarschaft dar. Commons, Gemeinschaften, gemeinschaftliche und gemeinschaftsfördernde Strukturen und Vorkehrungen stehen dabei im Vordergrund. Mit seinen romanhaften Schilderungen und detailreichen Illustrationen schafft das Büchlein eine erstaunliche Nähe zu den zuvor oft noch weit entfernt vermuteten Ansätzen der Postwachstumsgesellschaft. Wissenschaftlich akribisch unterlegt stellen die Schreibenden in gut lesbaren und auf Anhieb verständlichen Texten dar, wie sich Individuen, Gemeinschaften, Quartiere, Städte, Regionen und schließlich die Welt aufstellen möchten und mit guten Aussichten formieren können. Städtebauliche Ausgangspunkte wie beispielsweise „ABC-Quartierzentren“ mit Begegnungs- und Diskussionsräumen für alles Geistige und den Bezug zur Welt, und „THEMA-Handwerkerzentren“ mit Repair Cafés, Werkstätten und lokalen Maschinen und Materiallagern für alles alltäglich Handfeste werden beschrieben. Die Erfordernisse der lokalen Produktion werden gegenüber dem überregionalen Handel abgewogen. Die Fallstricke der Krisen finden zwar Erwähnung, viel mehr interessieren jedoch die krisentauglichen Aufstellungen und Vorkehrungen – ausgehend von überblickbaren, natürlichen Territorien, haushälterisch bewirtschafteten Allmenden und konsensorientierten Kooperationen.

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Mitteilungen

Suffizienzpolitik und Postwachstum

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Unter dem Titel: "Damit gutes Leben einfacher wird: Suffizienzpolitik und Postwachstum" hat Angelika Zahrnt in einem einstündigen Video-Talk mit dem KarmaKonsum Gründer Christoph Harrach gesprochen.

Den Rahmen dafür bildete die online-Konferenz KarmaKonsum X – Die Online Konferenz 2017, die vom 17. September bis 01. Oktober 2017 erstmals online stattfindet und auf der Visionäre, erfolgreiche Unternehmer/innen und Aktivist/innen relevante Trends und Herausforderungen der nächsten zehn Jahre präsentieren.

Die Konferenz besteht aus über 50 Video-Talks mit KarmaKonsum-Gründer Christoph Harrach und hochkarätigen Referent/innen und Pionier/innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur.

Das einstündige Gespräch zwischen Angelika Zahrnt und Christoph Harrach können Sie sich hier ansehen.

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Rezensionen

Läuft bei Degrowth?

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Mit dem Sammelband Degrowth in Bewegung(en) geben das Konzeptwerk Neue Ökonomie und das DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften dem Begriff Degrowth endlich ein Gesicht. Im Buch entfaltet sich ein Gespräch zwischen verschiedenen Aktivist/innen, wodurch es die  unterschiedlichen Bewegungen lebensnaher darstellen kann als bisherige Publikationen zum Thema wie beispielsweise Degrowth: Handbuch für eine neue Ära. Die Herausgeber/innen setzen Degrowth in Beziehung zu diesen Bewegungen und loten dabei viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede aus. Der Band zeichnet damit ein grobes Bild des Mosaiks linker zivilgesellschaftlicher Bewegungen, das hoffentlich die Vernetzung dieser weiter stärkt. Vielleicht kann es sogar dazu beitragen, dass durch den Rückgriff auf diese Gemeinsamkeiten (wie etwa die Forderung nach einem Guten Leben für alle) die links-progressiven Teile der Gesellschaft in ihrem Engagement durch eine Solidarisierung miteinander wirkmächtiger werden.

Der Sammelband gibt 32 sozial-ökologischen Bewegungen bzw. Strömungen die Möglichkeit, sich durch die Beantwortung von fünf Fragen in einem Kapitel zu präsentieren und mit Degrowth auseinanderzusetzen. Je nach Bewegung bzw. Strömung sind die Kapitel unterschiedlich spannend geschrieben. Während manche eher akademisch daherkommen, sind andere deutlich aktivistischer. Dementsprechend wird der Band von manchen Leser/innen vermutlich eher selektiv gelesen oder als Nachschlagewerk benutzt. Da die Kapitel jedoch in der Regel lediglich 12 Seiten umfassen, sind sie meistens kurzweilig genug, um den Band auch von vorne bis hinten durchlesen zu können.

Manche der dargestellten Bewegungen unterscheiden sich stark, andere Kapitel wiederum lesen sich stellenweise wie Protokolle verschiedener Arbeitsgruppen von ein und demselben Projekt. Spannungen zwischen den Bewegungen und Strömungen bestehen beispielsweise bezüglich der bereits angesprochenen eher aktivistischen oder stärker akademischen Ausrichtung. Auch hinsichtlich der Radikalität gibt es gewisse Unterschiede (zum Beispiel im Umgang mit der repräsentativen Demokratie), wobei es in der Regel vielmehr um verschiedene Schwerpunktsetzungen geht: von der Bewegung gegen Kohlestrom über die Care Revolution bis hin zu Urban Gardening; von der Problematisierung von Geld, über die Kritik an Geschlechterkonstruktionen bis hin zum Umgang mit unserem kolonialen Erbe. Mitunter geht es auch weniger um soziale Bewegungen oder intellektuelle Strömungen als vielmehr um konkrete Protestformen (zum Beispiel Artivism). Auch wenn dies im ersten Moment verwirren oder (hinsichtlich des Versprechens, 32 Alternativen präsentiert zu bekommen) vielleicht sogar enttäuschen mag, handelt es sich um wertvolle Beiträge, die den bestehenden Bewegungen und Strömungen helfen können, sich weiter zu diversifizieren, organisieren und kritisch zu reflektieren.

Der Band stellt letztlich auch viele verschiedene Interpretationen von Degrowth dar. Zwar ist es auch erklärtes Ziel des Bandes, mit gewissen Vorurteilen aufzuräumen, doch reicht er gleichzeitig vielfältigen Verbindungen mit anderen Themen und damit unterschiedlichen Perspektiven auf Degrowth die Hand. Dies ermöglicht es, den Bedarf konkreter Weiterentwicklungen zu ermitteln: So kommt zwischen verschiedenen Beiträgen beispielsweise eine Diskussion zwischen der in Degrowth impliziten Forderung nach ‚weniger‘ und dem Kampf um ‚mehr‘ auf, wie es u.a. die Care Revolution oder Buen Vivir vertreten, indem sie mehr Raum für gemeinschaftliches Leben oder mehr Zeit und Ressourcen für Sorgearbeit fordern. Auch wenn dies nur scheinbar einen Widerspruch darstellt – denn Degrowth fordert keineswegs ein dogmatisches ‚Weniger‘ (S. 110) –, wirft es konkrete Fragen auf, zum Beispiel wie der Pflegebereich ausgebaut werden kann, ohne damit ökologische Probleme zu verschärfen.

Nicht alle Bewegungen, die im Buch dargestellt werden, würden sich unter Degrowth als Oberbegriff einordnen, und nicht alle Menschen, denen es zentral um Degrowth geht, stehen den beschriebenen Bewegungen nur positiv gegenüber. Und trotz dieser und anderer zahlreicher Differenzen handelt es sich um Bewegungen, die auf unterschiedlichen Wegen in ähnliche Richtungen arbeiten und häufig nicht klar voneinander abgegrenzt werden können. Noch viel wichtiger aber ist, dass es sich um Bewegungen handelt, die in diesem Pluralismus tendenziell eine Chance sehen und den Austausch sowie die Kooperation miteinander dem Konkurrenzdenken vorziehen. Wenn dieser konstruktive Umgang miteinander tatsächlich – und nicht lediglich im Buch – stattfindet und anhält, können diese Bewegungen enorm viel erreichen. In diesem Sinne könnte man sagen: Läuft bei Degrowth.

Zur Multimedia-Seite des Bandes mit weiteren Informationen und Veranstaltungshinweisen geht es hier.

Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V., DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hrsg.): Degrowth in Bewegung(en) - 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. 2017. oekom verlag, München, 416 Seiten.

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Mitteilungen

Postwachstum in der Politik

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Anlässlich der Bundestagswahl 2017 können Sie hier nachlesen, welche Parteien in ihren Wahlprogrammen das Wirtschaftswachstum als Zweck wirtschaftlichen Handelns in Frage stellen oder gar eine Postwachstumsökonomie einführen möchten.

Leise Anklänge von Kritik am bisherigen Wachstumsparadigma finden sich in den Programmen der Partei Menschliche Welt, der Piratenpartei sowie von Bündnis 90/Die Grünen. „Regionale Gemeinwohlwirtschaft fördern“ möchte die Menschliche Welt, für die Piratenpartei ist „Wirtschaftspolitik nicht gleich Wachstumspolitik“ und den Grünen geht es trotz des Bekenntnisses zur ökologischen Modernisierung darum „zu verhindern, dass blinder Wachstumsglaube und ungebremstes Profitstreben unseren einzigartigen Planeten zerstören.“. Auch Die Urbane. „möchte[…] erreichen, dass der Mensch und die Umwelt im Bewusstsein der Gesellschaft vor die Belange des Marktes gestellt werden.“

Wesentlich konkreter formulieren hingegen folgende Parteien ihre Abkehr vom wirtschaftspolitischen Wachstumsparadigma:

Die Ökologisch Demokratische Partei (ÖDP)

Im Wahlprogramm der ÖDP findet sich die Forderung nach einer „Postwachstumswachstumsökonomie von unten“:

„Die Erderwärmung schreitet voran. Die Pariser Weltklimakonferenz vom Dezember 2015 einigte sich auf eine Obergrenze von 1,5 °C für den Temperaturanstieg, weil sonst irreversible und hochgefährliche Kipp-Prozesse angestoßen werden (Polareis, Permafrostböden), aber wirklich konkrete Schritte, um dieses Ziel zu erreichen, sind noch nicht in Sicht. Ein Patentrezept dafür hat niemand. Viele Ansätze werden diskutiert. Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie oder solidarische Ökonomie liegen uns besonders nahe. Wir suchen eine Übersetzung in politische Schritte. Das erfordert viel Mut, Offenheit und Lernbereitschaft.“

Die Violetten

Schrittweise möchten auch die Violetten eine Postwachstumsökonomie einführen. In ihrem Wahlprogramm findet sich dazu folgender Absatz:

„DIE VIOLETTEN stehen für einen verantwortungsvollen Konsum: jetzt Genuss, dauerhaft eine nachhaltige Entwicklung und ein ethisch-gesellschaftlicher Fortschritt. Grund dafür ist unsere Überzeugung, dass alles miteinander in Beziehung steht. So hat unter anderem unser Überfluss zu Ressourcenknappheit und Mangel auf anderen Kontinenten geführt. Daher ist weiteres Wirtschaftswachstum aus unserer Sicht nicht zweckdienlich. Stattdessen streben wir eine schrittweise Postwachstumsökonomie (Wachstumsrücknahme) in vier Stufen an:

  1. Suffizienz (Genügsamkeit)
  2. Subsistenz (Selbstversorgung)
  3. mehr Regionalökonomie
  4. Rücknahme der Industrialisierung

Zu diesem Zweck werden wir eine nachhaltige Produktion von Gütern, die eine verlängerte Nutzungszeit haben und reparabel sind, ebenso fördern wie den Austausch von Dienstleistungen ohne Geldfluss und Konzepte der Selbst- und Kollektivversorgung, beispielsweise durch Kleingärten und Urban Gardening. Reduzieren wir unseren unnötigen oder sogar schädlichen Überfluss, erholen sich die armen Länder, so dass Menschen nicht mehr gezwungen sind, aufgrund wirtschaftlicher Not aus ihrer Heimat zu fliehen.“

Bergpartei

Die Bergpartei bezeichnet „[W]achstum als [H]olzweg“ und bekennt sich zu folgender Aussage:

„die bergpartei stellt den nutzen von wirtschaftlichem wachstum in frage und plädiert für ein bewusstes schrumpfen und entschleunigen, um der weltlage angemessen zu begegnen. dieses motto bezieht sie auch auf sich selbst. das ziel der bergpartei ist es nicht, vermeintlichen wählern_innen nach dem mund zu reden, um prozenthürden zu überwinden, sonden dem allgemeinen kanon der wachstumsgläubigen mit plakaten und aktionen entgegenzutreten.“ [sic]

V-Partei³

Ebenfalls sehr konkret formuliert die V-Partei³ in ihrem Wahlprogramm aus ihrer Sicht die Notwendigkeit einer Postwachstumsökonomie:

„Unbegrenztes Wachstum auf einem Planeten mit Ressourcengrenzen ist unmöglich. Schon lange verbrauchen wir zu viele Ressourcen und betreiben damit Raubbau an der Umwelt. Das ist nicht nachhaltig und vermindert die Chancen künftiger Generationen, auch in anderen Ländern und führt zu vermehrtem Artensterben. Obwohl diese Erkenntnis weit verbreitet ist, ist die Wachstumslogik immer noch im politischen Denken und deutschem Alltag dominant. Wirtschaftswachstum wird einseitig positiv ausgelegt.

Die V-Partei³ fordert hier zur Verantwortung und Vernunft auf. Wachstum darf nicht auf Kosten anderer geschehen und materielle Grenzen dürfen nicht weiter ignoriert werden. Es muss eine klare Unterscheidung zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum geben.

Wir sind uns bewusst, dass dies eine grundlegende Veränderung bedeutet, jedoch würde die fortgesetzte Ausbeutung von Mensch und Natur zwangsläufig zu stärkeren Veränderungen führen, die dann nicht mehr gesteuert werden können und womöglich katastrophal enden.

Die einzig logische Folgerung kann nur die Forderung nach einer Postwachstumsgesellschaft sein. Wege und Mittel für einen umfassenden Strukturwandel müssen sofort weitreichend untersucht werden, alles andere ist weder sozialtragfähig noch moralisch vertretbar. Konzepte wie Wettbewerbsfähigkeit sollen radikal hinterfragt werden. Die Kosten der Wirtschaft können nicht weiter externalisiert werden. In diesem Sinne müssen alternative Wirtschaftsformen und Projekte unterstützt und Ideen weiterentwickelt werden.“

 

Wie die Parteien CDU/CSU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen sowie die FDP Fragen von Netzwerk Weitblick e.V. zu den Sustainable Development Goals (SDGs) beantworten, können Sie hier nachlesen.

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Mitteilungen

Selbstbestimmt & Solidarisch!

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Eine Konferenz mit bis zu 300 Menschen aus verschiedenen aktivistischen Zusammenhängen – Bewegungsfreiheit, Antirassismus, Landwirtschaft, Degrowth, Klimagerechtigkeit

Was verbindet die Diskussionen über eine gerechte Gestaltung von Migration mit der Bewegung für eine ökologisch und sozial verträgliche Wirtschaftsweise? Wie hängen alternative Konzepte wie „Degrowth“ oder „Post-Development“ mit einer dekolonialen Perspektive auf Fluchtursachen zusammen?

Vom 6.-8. Oktober 2017 findet in Leipzig die Konferenz Selbstbestimmt und Solidarisch! statt. Das Programm finden Sie hier.

Verknüpfung der Diskussionen um Migration – Entwicklung – ökologische Krise

Auf der Konferenz werden unterschiedliche Themen verknüpft: Das Wachstums- und Wohlstandsmodell der früh industrialisierten Länder des globalen Nordens macht globale Gerechtigkeit und selbstbestimmte Entwicklung im globalen Süden unmöglich - nicht zuletzt angesichts von krasser Ungleichheit und ökologischer Zerstörung. Entwicklung im herkömmlichen Sinne kann nicht die Lösung sein. Sie führt zu katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen im Süden des Globus. Zudem sind Migration und Entwicklung keine Gegensätze, wie oft von der Politik dargestellt. Unter anderem leisten Geflüchtete und Migrant/innen durch regelmäßige Geldüberweisungen an ihre Familien und Freund/innen einen bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung ihrer Herkunftsgesellschaften. Und schließlich sind Menschen von vielfältigen ökologischen Krisen bedroht. Ungebremstes Wirtschaftswachstum, jetzt auch im Süden des Globus, kann daher nicht die Lösung sein.
Auf der Konferenz soll dem gängigen Diskurs um Fluchtursachenbekämpfung, Wachstumsimpulse durch Privatinvestitionen und Illegelalisierung von Migration eine positive Erzählung von selbstbestimmter Entwicklung und globaler Solidarität entgegengesetzt werden!

Selbstbestimmt und Solidarisch, heißt:
...der Vorstellung von Entwicklung als westlich-kapitalistischem Modernisierungspfad widersprechen

… deutlich machen, dass globale Solidarität Voraussetzung für kollektiv verankerte und an den Interessen der Menschen orientierte Entwicklungsprozesse ist.

 

Mit Vorträgen, Workshops, Theater, Konzerten, Vernetzungsmöglichkeiten und anderen Formaten, um sich auszutauschen.

Zur Facebook-Seite der Konferenz geht es hier.

Teilnahmebeitrag nach Selbsteinschätzung 0-60€

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Aktuelle Berichte

Akteure der Postwachstumsgesellschaft

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Grenzen überwinden und gemeinsam die Zukunft beeinflussen

Postwachstumsgesellschaft und räumliche Planung gemeinsam zu denken führt hin zu neuen Wahrnehmungen von städtischen Orten. Durch unsere Sinneswahrnehmungen erschließen wir Orte und bilden neue konstruierte Räume. Die vielfach diskutierte sozial-ökologische Transformation ist verbunden mit der Forderung nach räumlichen Veränderungen und nach Veränderungen unserer Wahrnehmung.

Das führt zu der Frage, wer Veränderungen vordenken, anstoßen, begleiten und schließlich umsetzen kann und sollte. Wer hat die notwendigen Ressourcen und Fähigkeiten, welche Machtverhältnisse beeinflussen das Handeln und welche Konflikte können entstehen? Dies waren Kernfragen einer Veranstaltung aus dem Jungen Forum NRW der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

Das gemeinsame Ziel des IdeenLabors „Akteure der Postwachstumsgesellschaft“, das am 29.06.2017 in Dortmund stattfand, war das Kennenlernen möglicher Postwachstumsakteure. Gesammelt wurden deren Utopien und Herausforderungen, um durch Diskussion und anschließende Systematisierung möglichen Kerninhalten einer Postwachstumsplanung näher zu kommen. Die Werkhalle, ein von den Urbanisten e. V. verwalteter und gepflegter Ort für Experimente und gewissermaßen ein Labor für kreatives Denken, bot dazu die optimalen Bedingungen: Co-Worker/innen, Ausstellungsflächen, historische Modelle und ein generationenübergreifendes Publikum an einem gemeinsamen Ort.

Vom Individuum zur Gesellschaft

Ausgangspunkt waren persönliche, spannende Geschichte und individuelle Fragen an eine Postwachstumsgesellschaft, die jede/r mitgebracht hat. Drei Inputstatements regten heterogene Perspektiven und Fragen zum Thema an: Katharina Schrot von der Sozialforschungsstelle der TU Dortmund berichtete aus dem durch das BMBF geförderten Forschungsprojekt „KoSI-Lab – Kommunale Labore Sozialer Innovationen. Das Projekt erfasst und bündelt das Potential sozial innovativer Gemeinschaften in Dortmund und in Wuppertal. Ihre Frage dabei: Wie kann man gemeinschaftliche Prozesse verschiedener Akteure organisieren, bei denen sich ‚auf Augenhöhe‘ begegnet wird? Kerstin Meyer vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen und Jan Bunse von dem Die Urbanisten e. V. in Dortmund sprachen über das BMBF-Forschungsvorhaben „Urbane Produktion“ und die Möglichkeiten und Herausforderung für eine emanzipierte Zivilgesellschaft und die Stadtentwicklung. Sie fragen: Wie können Produkte in Stadtteilen produziert und vermarket werden? Einen dritte Perspektive gab Sebastian Otto vom Stadtplanungsbüro Junker&Kruse aus Dortmund. Er zeigte die Herausforderungen, aber auch kreative Möglichkeiten privater Planungsbüros in der Kommunalberatung und Strategieentwicklung auf und brachte die Frage ein, wie Eigentümer/innen und Träger gerade in peripheren Klein- und Mittelstädten einfacher zusammenfinden könnten und was Planung hierzu beitragen könnte.

World Café-Diskussionen (Foto: Christian Lamker)

Eine kommunale Perspektive konnte leider nicht als Inputstatement ergänzt werden. Die angefragten kommunalen Vertreter/innen konnten aus Zeitgründen oder aufgrund einer bekennenden Wachstumsorientierung der eigenen Kommunen nicht für ein Statement oder als Diskussionsteilnehmer/innen zusagen.

Es bleibt noch viel Grundlagenarbeit zu tun, den Begriff und auch die mit ihm verbundenen positiven Narrative einer gemeinsamen Zukunft greifbar zu machen. Darüber hinaus waren Menschen mit ganz unterschiedlichen Rollen und Positionen in der Stadtgesellschaft in die Diskussionen involviert: Planer/innen, Wissenschaftler/innen, Aktivist/innen, Querdenker/innen, Freiberufler/innen, Freund/innen, Nachbar/innen, Eltern, Studierende, Entwickler/innen, Zweifler/innen, Träumer/innen und Utopist/innen.

Die Inputs und Diskussion sollten den persönlichen Erfahrungsschatz aller Anwesenden zusammenbringen, indem zusätzlich zu den mitgebrachten Fragen die eigene Meinung in drei Schritten kritisch reflektiert wurde.

  1. Wo regt Ihr Euch bei beruflichen oder gesellschaftlichen Aktivitäten über unhinterfragte Wachstumsparadigmen auf?
  2. Mit wem möchtet/werdet ihr das ändern?
  3. Wie kann Planung dabei helfen etwas zu verändern?

Im Anschluss an die Inputstatements hatten alle Anwesenden die Möglichkeit, an drei Tischen in einem World-Café die gesetzten Perspektiven – sozial-innovative Gemeinschaften, urbane Produktion, Stadtentwicklung im Spannungsfeld Stadt-Land – für eine Postwachstumsplanung zu vertiefen und gemeinsam zu überlegen: Was ist Postwachstumsplanung?

Systematisierung der Ergebnisse (Foto: Christian Lamker)

Dabei haben sich zum Ende der Diskussion zentrale Themenbereiche herauskristallisiert, aus denen sich eine Definition zusammensetzen kann und zu denen weitere Arbeit notwendig ist. Wir fassen diese Kernbereiche für die weitere Diskussion in drei Thesen zusammen.

 

 

 

Postwachstumsplanung braucht neue Erfolgskriterien als Handlungsgrundlage!

Eine Verbindung zwischen (neuen) Akteuren der Postwachstumsgesellschaft und räumlicher Planung benötigt alternative Indikatoren, Planungsziele und Erfolgsbewertungen: Bedürfnisse, Glück und Zufriedenheit bieten alternative Zugänge und sind nachweislich nicht ausschließlich von ökonomischen Faktoren und ökonomischem Wachstum abhängig, wenn Grundbedürfnisse erfüllt und ein gewisses Niveau der Wirtschaftsleistung bzw. des verfügbaren Einkommens erreicht ist (z. B. Happy Planet Index). Regelmäßig landen nach klassischen Indikatoren benachteiligte Gegenden und Länder weit oben in alternativen Indizes. Menschen brauchen eine Grundlage für ihr Leben – aber immer mehr davon bringt nicht auch mehr Glück und Zufriedenheit. Für eine Postwachstumsplanung benötigen wir eine andere Grundlage, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen, Gleichwertigkeit und letztlich Erfolg von Interventionen erkennen zu können. Gegenwärtig forscht hier bspw. das Wuppertal Institut zum Thema (www.gluecklich-in-wuppertal.de), aber auch in Städten wie Santa Monica wird das Wohlbefinden in das Zentrum der Stadtentwicklung gerückt (www.wellbeing.smgov.net).

Postwachstumsplanung bedeutet inklusive demokratische Entscheidungen!

Neben den Inhalten und Erfolgskriterien rücken Modi der Entscheidungsfindung in den Mittelpunkt: erstens mutige Planungs- und Bodenpolitik, die die Eigentumsfrage stellt und sich hoheitlicher Instrumente und Eingriffe bedient, um knappe Ressourcen gerecht zu verteilen. Und zweitens non-konforme Nutzungen, die auch marginalisierten/neuen Aktueren Angebote bieten und damit gedankliche und reale Räume zum Umdenken schaffen. Es geht um demokratische Organisationsformen für eine polyrationale, polyzentrale, multi-level Governance einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Teil von Planungsprozessen – und damit letztlich Planer/innen – sein können. Positive Geschichten können die diskursive Freiräume dazu schaffen und sprachliche, kulturelle und mentale Grenzen überwinden.

Postwachstumsplanung stößt große Veränderungen durch kleinteilige Veränderungen an!

Die Zeit, große Veränderungen vor allem durch große Pläne und detaillierte Konzepte zu denken, ist mit den Anforderungen einer Postwachstumsgesellschaft endgültig beendet, da es nicht darum gehen kann, von einem Standpunkt aus den Raum zu planen und zu gestalten. Wenn alle gemeinsam denken, planen und handeln, braucht eine Postwachstumsplanung kein umfassendes Gesamtkonzept, sondern muss die richtigen Hebel finden und Steine ins Rollen bringen, die hin zu den gewünschten Veränderungen führen. Soziale Innovationen, die Räume des sozialen Zusammenhaltes und der lokalen Verantwortung durch Experimente und Interventionen fördern und eine Gesellschaft, die den Mut zum Scheitern mitbringt, sind dafür Voraussetzungen.

Die #postwachstumsplanung dreht sich also um Räume, benötigt neue Denkweisen, hinterfragt individuelles Eigentum, stellt sozialen Zusammenhalt in den Mittelpunkt, bewegt sich zwischen Zwang und zwangfreier Planung und braucht alternative Kriterien für Erfolg... Sie kann große Veränderungen mit sich bringen, sucht aber gerade nach kleinen Ansatzpunkten und Veränderungen, die aktivieren und ermutigen.

Unser Fazit: Eine simple universelle Lösung ist in weiter Ferne, jedoch bringen bereits viele kleine Initiativen das Wachstumsschiff vom Kurs ab und fordern neue Denkmuster bei allen Akteuren heraus. Postwachstumsplanung bezieht sich gemeinsam und gleichzeitig auf viele unterschiedliche, sowie mitunter zunächst ungewöhnliche Denkweisen und verbindet sie direkt mit praktischem Handeln. Die Diskussion wird am 21. September 2017 in Wuppertal fortgesetzt. Informationen und Anmeldung unter www.postwachstumsplanung.de. Wir bleiben dran an der #postwachstumsplanung – mit Ihnen allen!

 

Beitragsbild: © Christian Lamker

 

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Standpunkte

Alexander Grothendieck: Mathematiker und Aktivist

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Illustration © Valérie Paquereau

Alexander (frz.: Alexandre) Grothendieck (1928-2014) wurde als Sohn einer deutschen Schriftstellerin und eines ukrainischen Anarchisten in Berlin geboren, die ihn 1933 in die Obhut von Pflegeeltern gaben, nach Frankreich flohen und sich später im Spanischen Bürgerkrieg engagierten; er traf sie erst 1939 in Frankreich wieder. 1940 wurden die Grothendiecks in einem Konzentrationslager interniert, aus dem Alexander 1942 entkam, während sein Vater in Auschwitz ermordet wurde. Seine weitere Schul- bzw. Studienzeit verbrachte er als Staatenloser in Frankreich, Brasilien und den USA.

Noch sehr jung widmete er sich ganz der Mathematik und wurde rasch einer der bedeutendsten Mathematiker des Zwanzigsten Jahrhunderts. Als Mitglied des berühmten Autorenkollektivs Bourbaki vertrat er eine ausgesprochen elitäre Auffassung von seinem Fach und der Wissenschaft im Allgemeinen. Erst der Vietnamkrieg erschütterte seine Konzeption von der „reinen“ Wissenschaft, nach der sich die wahrheitssuchenden Wissenschaftler/innen und allen voran die Mathematiker/innen nicht um die Folgen ihres Handelns zu kümmern brauchten. 1966 erhielt er die Fields-Medaille, den inoffiziellen Nobel-Preis für Mathematik, schenkte sie aber ein Jahr später der französischen Pro-Vietnam-Bewegung CVN. Ein Besuch der Universität Hanoi im November 1967 bekräftigte seine Bedenken: Der hochtechnologisierte Krieg dort mit seinem Kriegsgerät, den elektronischen Selbstzündern und chemischen Waffen stellte sich ihm als direkte Folge angewandter Wissenschaft dar, deren Akteure allerdings sich keiner Verantwortung bewusst sind. 1969 ist er Gründungsmitglied der internationalen Vereinigung kritischer Wissenschaftler namens Survivre (Überleben), von 1970 an die wichtigste Triebkraft der französischen Sektion der jetzt in Survivre et Vivre umbenannten Bewegung und ihrer gleichnamigen Zeitschrift. Hier entwickelt er die Ideen, die ihn zu einem der wichtigsten Vordenker der Décroissance-Bewegung machen sollten.

Die „große evolutionäre Krise“ besteht nach Grothendieck in der „außerordentlichen Beschleunigung der Zeit“ und der biologischen Evolution durch den Wissenszuwachs der Menschheit. Der Anspruch der Wissenschaft als alleinige Wahrheit (scientisme) und die „Verwissenschaftlichung“ der Gesellschaft lege alle Macht in die Hände von Experten, die ihrem Selbstverständnis zufolge allein in der Lage sind, die aktuellen Probleme zu definieren und – mit technologischen Mitteln – zu lösen. Alles alte Wissen verliere an Wert, denn die Wissenschaft gebe vor, besser zu wissen, wie man zu wohnen, zu kommunizieren, sich zu ernähren oder sich fortzubewegen habe. Grothendieck spricht von einer „imperialistischen Annexion“, die das Leben des Einzelnen kolonisiere und anderen Kulturen einen westlichen Lebensstil aufzwinge. Wie für Jacques Ellul sind Wissenschaft und Technik auch für ihn keineswegs neutral, und der von ihnen angetriebene und gerechtfertigte „Fortschritt“ führt in eine Vielzahl von Katastrophen. Vehement lehnt er die Vorstellung ab, das neue Wissen könne im bestehenden System demokratisiert und damit der Allgemeinheit nützlich gemacht werden und zeigt im Gegenteil auf, wie es bestehende Herrschaftsverhältnisse zementiert und verschärft. Für eine wirkliche Demokratisierung des Wissens müsste die Wissenschaft selbst neu orientiert, um nicht zu sagen – revolutioniert werden, wie er 1971 zusammen mit Denis Guedj formuliert:

  • Die Ziele der Wissenschaft sollten ökologisch und menschlich ausgerichtet sein: dezentrale Energieversorgung, gesunde Ernährung, „leichte“ Technologien ohne oder mit geringem Ressourcenverbrauch, immer mit Blick auf den Erhalt des natürlichen Gleichgewichts.
  • Es sollte nicht mehr streng zwischen rein rationalem Denken und anderen Erkenntnisformen wie Intuition, Sensibilität, Sinn für Schönheit und Harmonie, Sinn für Einheit mit und in der Natur getrennt werden, die Arbeit des Forschers wäre somit nicht mehr abgespalten von seinem sonstigen, eigentlichen Leben und Empfinden.
  • Die Wissenschaft sollte auch in ihrer Organisation menschlicher werden. Expertentum und Zentralisierung verschwinden, da ein jeder in seinem Bereich ein Spezialist ist oder sein kann. „Der Schwerpunkt der Forschung verlagert sich vom Labor zum Feld, zum Teich, zur Werkstatt, zur Baustelle, zum Krankenbett etc., mit einer Entfaltung der kreativen Kräfte des Volkes im Ganzen.“ Denn:
  • Die neue, postindustrielle Wissenschaft soll zum Entstehen einer neuen Zivilisation beitragen, in der das allen zugängliche Wissen ausschließlich dem Wohle der Menschheit dient.

Heutzutage ist Alexander Grothendieck, nicht zuletzt durch Wikipedia, allenfalls als genialer, aber irgendwann zum Mystizismus übergegangener Mathematiker bekannt. Unbekannt ist der Technologiekritiker, der Aktivist und nicht zuletzt der Mensch dieses Namens. Grothendieck hat ernst gemacht mit seinen Überzeugungen. Zur Zeit seines Sinneswandels um 1970 gab er seine universitäre Stellung auf, weil sein Institut IHES zu einem geringen Teil aus dem Militärhaushalt finanziert wurde. An der Seite Pierre Fourniers organisierte er die entstehende Anti-Atom-Bewegung; er kann als führende Kraft der kritischen Wissenschaftler/innen der Siebziger Jahre gelten und hat auch dafür gesorgt, dass ökologische Fragen in Le Monde und im Nouvel Observateur behandelt wurden. Wenn er auch in späteren Jahren immer zurückgezogener lebte, blieb er doch seinen pazifistischen Grundsätzen treu, anders als der große andere hochintelligente Mathematik-Aussteiger Theodor Kaczynski, der sich gegen das Herannahen der Zivilisation an sein Exil in der Wildnis mit Briefbomben wehrte, die ihm den Namen „Unabomber“ eintrugen. Man wünschte sich viel mehr Radikale vom Format Alexander Grothendiecks.

 

Bibliographie

Die wichtigsten einschlägigen Texte Grothendiecks sind in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift Survivre et Vivre erschienen, vgl. den reich kommentierten Sammelband von Céline Pessis (Hg.): Survivre et Vivre. Ciritque de la science, naissance de l’écologie. Montreuil: L’Échappée 2014.

Biographie

Winfried Scharlau: Wer ist Alexander Grothendieck? www.scharlau-online.de
Yan Pradeau: Algèbre. Paris: Allia 2016.
Hervé Nisic: L’Espace d’un homme (Dokumentarfilm 2010, 52 Minuten)

Illustration © Valérie Paquereau

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Standpunkte

Vom Mittel zum Zweck: Das Wachstumsnarrativ im Journalismus

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Wachstum ist die zentrale Bezugsgröße des Wirtschaftsjournalismus. Keine aktuelle wirtschaftsjournalistische Veröffentlichung kommt ohne den impliziten oder expliziten Rückbezug auf das Wachstumsparadigma aus. Wie kommt das?

Ferdinand Knauß hat in seiner wegweisenden Untersuchung „Wachstum über alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde“ die historische Entwicklung der journalistischen Wachstumsfokussierung untersucht. Knauß zufolge beginnt diese in den 1920er-Jahren im Umfeld der Debatte über die deutsche Reparationslast. Lagen entsprechende Daten vor dem Ersten Weltkrieg schlicht noch nicht vor, werden ab 1925 mit der Gründung des Instituts für Konjunkturforschung unter der Ägide des Reichswirtschaftsministeriums erstmals Zahlen zum deutschen Volkseinkommen erhoben. Mit der wissenschaftlichen „Entdeckung“ des Volkseinkommens und der Entwicklung statistischer Methoden zur Wachstumsmessung beginnt laut Knauß auch der moderne Wirtschaftsjournalismus. Auf der Basis offizieller Daten kann dieser erstmals fundiert über das abstrakte Phänomen des Wirtschaftswachstums berichten – und damit auch die eigene Bedeutung steigern. Spätestens die Veröffentlichung der ersten Volkseinkommensstatistik des Statistischen Reichsamts für 1931 markiert demnach den Abschied vom marginalisierten Handelsjournalismus der Vorkriegszeit.

Seinen Durchbruch erlebt das neoklassische Wachstumsparadigma nach dem Zweiten Weltkrieg. Während die ältere Ökonomenzunft der Historischen Schule Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre noch kritisch auf die US-amerikanische Wachstumseuphorie blickt, verschreibt sich die jüngere deutsche Wirtschaftswissenschaft ganz dem neuen Konzept. Unter Wirtschaftsminister Ludwig Erhard wird das Wachstum der scheinbar neutralen, jedenfalls endlich messbaren Kennzahl des Sozialprodukts zum politischen Programm erhoben. Ein wachsender Kuchen soll die Not breiter Schichten lindern, „Wohlstand für alle“ ermöglichen und damit nicht zuletzt auch die Verteilungsfrage entschärfen. Wie Knauß anhand dreier Publikationen darlegt, verinnerlicht der Wirtschaftsjournalismus das Konzept des Sozialprodukts und seine Richtung, die Expansion, in den Nachkriegsjahren schnell. Taucht der Begriff Wirtschaftswachstum etwa in der Wochenzeitung „Zeit“ in den 1950er-Jahren nur 43 Mal auf, wird er in den 1960ern bereits 334 Mal genannt, 2000 bis 2009 ganze 1523 Mal. Mit Knauß ist der Wachstumsbegriff ein langlebiges „Über-Narrativ“, das von der überwältigenden Mehrheit der Wirtschaftsredakteure bis heute nicht hinterfragt wird. Die unendliche, anhand des Bruttosozialprodukts gemessene Wirtschaftsexpansion ist demnach ein Allheilmittel für politische, soziale, sogar ökologische Probleme, mithin der zentrale Fortschrittsindikator der Moderne.

Und tatsächlich war es ja auch der wachsende Massenwohlstand, der einen Ausweg wies aus den Krisen und Verteilungskonflikten des 20. Jahrhunderts. Die Ökonomie wurde zur Leitwissenschaft, von ihrem Expertenstatus profitierte auch der Wirtschaftsjournalismus. Anhand des Sozialprodukts konnten Wirtschaftsredakteure bessere Geschichten erzählen, was ihr Gewicht innerhalb der Redaktion weiter steigerte. Das änderte auch das Erscheinen des Berichts „Grenzen des Wachstums“ 1972 und die zunehmende Umweltproblematik in den 1980er-Jahren nicht. So wie die Mehrheit der Ökonomen und der politischen Parteien am neoklassischen Wachstumsparadigma festhält, so treu steht auch der Wirtschaftsjournalismus bis heute zu diesem Narrativ. Zu den wenigen „Abweichlern und Skeptikern“ zählt Knauß die „mittlerweile ausgestorbene Gruppe der letzten echten Ordoliberalen“ sowie „Feuilletonisten und Wissenschaftsjournalisten“ mit größerer Distanz zur Ökonomie und Politik. Als Ausweg schlägt er einen revidierten Wirtschaftsjournalismus vor, der „neue alte“, von tonangebenden Ökonomen verschmähte Erkenntnisquellen erschließt: Geschichte, Soziologie, Philosophie, Religionswissenschaft, Dichtung und bildende Kunst. Gefragt sei ein „feuilletonistischer Wirtschaftsjournalismus“, wie er sich etwa in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ finde, so Knauß.

Um es kurz zu sagen: Ein feuilletonistischer Wirtschaftsjournalismus mag in einer Wochenzeitung, einem Monatsmagazin funktionieren – als Rezept für den aktuellen Wirtschaftsjournalismus bei Nachrichtenagenturen, Onlineportalen, Tageszeitungen und Rundfunksendern erscheint die Forderung als zu abstrakt. In diesem Umfeld müssen Wirtschaftsjournalistinnen und Wirtschaftsjournalisten täglich kleine wie große Wachstumsgeschichten bearbeiten und (schnellstmöglich) publizieren. Wie kann unter diesen Umständen ein Ausweg aus der „langen Gegenwart des Wachstumsparadigmas“ gelingen? Eine finale Antwort ist noch nicht in Sicht. Drei Thesen sollen aber im Folgenden zur Diskussion gestellt werden.

1. Wirtschaftswachstum ist das politisch und wissenschaftlich dominierende ökonomische Narrativ. Ein kritischer Wirtschaftsjournalismus negiert diesen Status nicht, thematisiert ihn aber explizit.

Da alle im Bundestag vertretenen politischen Parteien (mit Ausnahme von Teilen der „Grünen“) und die überwältigende Mehrheit der deutschen und internationalen Ökonomen am neoklassischen Wachstumsparadigma festhalten, sollte ein kritischer Wirtschaftsjournalismus dessen Übermacht weder ignorieren noch plump abqualifizieren. Angesichts der Vielzahl von auf dem Wachstumsnarrativ basierender Meldungen gilt es vielmehr, sich auf eine journalistische Schlüsselqualifikation zu besinnen: der Frage Cui bono, wem zum Vorteil?

Wie das Clausewitz‘sche Handlungsmodell zeigt, lassen sich menschliche Handlungen in ihren Zweck, die Ziele und die gewählten Mittel unterteilen. Aus klassisch ordoliberaler Sicht liegt der übergeordnete Zweck des Wirtschaftens in der Sicherung der individuellen und gesellschaftlichen Freiheit. Das Ziel, also die Strategie, um diesen Zweck zu erreichen, ist Erhards „Wohlstand für alle“, der allen Bürgern ein Leben in ökonomischer Sicherheit ermöglicht. Das gewählte Mittel wiederum ist eine auf Wachstum ausgerichtete Politik, da allein ein höheres wirtschaftliches Niveau die prekären Lebensumstände und Verteilungskonflikte der Vergangenheit auflöst.

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war dieses Narrativ realiter gerechtfertigt: Wirtschaftswachstum führte zu mehr Wohlstand, dieser führte zu mehr Freiheit. Die Gleichung gilt jedoch für die hochentwickelten Staaten spätestens seit den 1990er-Jahren nicht mehr: Wie die Glücksforschung gezeigt hat, hat sich der volkswirtschaftliche Output hierzulande seit 1990 mehr als verdoppelt – das Lebensglück der Menschen aber, ihre Freiheit vom Unglück, ist nicht weiter gestiegen. Ökonomen sollte der Befund nicht verwundern, ist der abnehmende Grenznutzen doch eine zentrale Erkenntnis der neoklassischen Marginalanalyse. Und doch halten sie in der Mehrheit am Wachstumsnarrativ fest, auch, weil es in den Nachkriegsjahrzehnten zu einer fulminanten Umdeutung gekommen ist: Wirtschaftswachstum ist vom funktionalen Mittel zum übergeordneten Zweck des Wirtschaftens aufgestiegen. Ein kritischer Wirtschaftsjournalismus thematisiert diesen Status, indem er Wachstumsgeschichten nicht reproduziert, sondern journalistisch hinterfragt. Und das ist gar nicht so schwierig.

2. Um das Wachstumsnarrativ wirtschaftsjournalistisch zu hinterfragen, ist der zitierte ökonomische Expertenkreis zu erweitern.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache.“ Dieser Satz der Reporterlegende Hanns Joachim Friedrichs ist mindestens so oft zitiert wie kritisiert worden, und enthält doch eine fundamentale Wahrheit. Egal, zu welchem Ergebnis er beim Erzählen einer Geschichte kommt: Guter Journalismus blickt auf das Ganze, holt abweichende Stimmen ein, bemüht sich um Objektivität. Das muss auch für den Wirtschaftsjournalismus gelten. Um Wachstumsgeschichten (etwa Erfolgsmeldungen über Zuwächse bei Produktion, Export oder Bruttoinlandsprodukt) zu hinterfragen, die ökonomische Zweckbestimmung also vom Kopf auf die Füße zu stellen, müssen die Folgen des Wachstums für den einzelnen Bürger, für die Gesellschaft und die Umwelt thematisiert werden. Im Wirtschaftsjournalismus geschieht das klassischerweise durch die Befragung eines wie auch immer ausgewiesenen Experten. Dieser verfügt über wissenschaftlich fundiertes Fachwissen und die Fähigkeit, Komplexität vereinfacht, aber nicht verfälscht darzustellen. Im Fall des Wachstumsnarrativs jedoch ist ein Grundproblem offensichtlich. Werden Wachstumsmeldungen nicht nur reproduziert, sondern eingeordnet, fragen die allermeisten Wirtschaftsjournalisten wie automatisiert den immer selben Expertenkreis an: wachstumsoptimistische neoklassische und keynesianische Ökonomen ausgewählter Forschungsinstitute. Dabei ginge es auch anders.

Um bei der Darstellung der Wirklichkeit im Sinne Hanns Joachim Friedrichs einen nötigen Kontrapunkt zu setzen, ist ein Hinzuziehen wachstumskritischer oder ökologischer Ökonomen überfällig. Nicht unbedingt nötig ist ein feuilletonistischer Rückgriff auf ausgestorbene „echte Ordoliberale“, Philosophen und Künstler. Dieser läuft vielmehr, so er denn von Zeit zu Zeit versucht wird, Gefahr, ein weiteres stereotypes Narrativ zu reproduzieren, – in diesem Fall ein journalistisches Klischee: den Kampf David gegen Goliath. Greifen Journalisten einmal wachstumskritische Stimmen auf, so zitieren sie meist nur wenige ausgewählte Ökonomen, oder gesellschaftliche „Aussteiger“, und exotisieren diese als Einzelkämpfer gegen das (wissenschaftliche und wirtschaftliche) System. Dies mag Eitelkeiten auf beiden Seiten schmeicheln, erweist dem eigenen Aufklärungsanspruch jedoch einen Bärendienst – und dient langfristig der Zementierung des Über-Narrativs eines Wachstums als allseits gewolltem Selbstzweck.

Ein kritischer Wirtschaftsjournalismus hingegen negiert Wachstumsgeschichten nicht oder heroisiert den punktuellen Widerstand, er bettet sie vielmehr ein. Dafür befragt er sehr viel häufiger als bisher neben den wachstumsoptimistischen Mainstream-Experten auch Vertreter der ökologischen und der wachstumskritischen Ökonomik. Deren Telefonnummern müssen allerdings in der Redaktion vorliegen; neben der Hol- existiert eine Bringschuld.

3. Um im medialen Mainstream anzukommen, müssen sich wachstumskritische Ökonomen aus der Komfortzone bewegen, politisch organisieren und ihre (populär-)wissenschaftliche Diskursmacht ausbauen.

Wie Ferdinand Knauß gezeigt hat, ist das Wachstumsnarrativ nicht durch Zufall im deutschen Wirtschaftsjournalismus angekommen. Ebenso wenig ist der Wachstumsoptimismus über Nacht zum dominanten ökonomischen Wissensregime geworden, gegen den Widerstand der Historischen Schule und anderer Strömungen. Das Wachstumsnarrativ brachte vielmehr drei im Diskurs überlegene Eigenschaften mit: Es verhieß wissenschaftliche Erkenntnis (Messung des Nationaleinkommens und seines Wachstums), versprach eine politische Vision (Auflösung von Not und Verteilungskonflikten durch ökonomische Expansion) und stützte sich auf die Organisation und den Durchsetzungswillen seiner Vertreter. Die Wachstumskritik hingegen hat bis heute nur die erste vorteilhafte Diskurseigenschaft in vollem Umfang entwickelt: Sie hat zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse hervorgebracht hinsichtlich der negativen Folgen (und der ausbleibenden Vorteile) ungebremsten expansiven Wachstums.

Zur politischen Ausarbeitung der Postwachstumsgesellschaft, zur Frage nach der visionären Praxis, wurden zentrale Defizite des Gegen-Narrativs bereits in „Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs“ herausgearbeitet. Auch nach 45 Jahren Debatte mangelt es demnach an der Entwicklung praktischer Politikkonzepte durch die wachstumskritische Ökonomik. Insbesondere die Ausführungen zum Mittel der Wahl, zur Policy-Ebene, bleiben unterkomplex. Dabei gilt im wissenschaftlichen, noch stärker im plakativen medialen Diskurs: Wer das Über-Narrativ kritisiert, muss Alternativen aufzeigen, die über einen wohlfeilen Aufruf zu asketischer Umkehr hinausgehen.

Damit die im wissenschaftlichen Diskurs zunehmend an Boden gewinnende ökologische Ökonomik endlich auch Aufnahme durch den Wirtschaftsjournalismus erfährt, braucht es mehr als einen Hans-Werner Sinn der Wachstumskritik. Es braucht Organisation, Vernetzung, die Bildung schlagkräftiger Institute und Think Tanks, die über den reinen Umweltbezug hinausweisen und die Mainstream-Ökonomik direkt angehen. Freilich ist es psychologisch angenehm, sich als Einzelkämpfer zu stilisieren; ein revolutionärer Nimbus allein verändert aber nichts. Freilich ist es schwierig, gegen den wissenschaftlichen Mainstream medial durchzudringen. Dass es zu schaffen ist, zeigten die Vertreter des Wachstumsnarrativs, die sich ab 1925 ebenfalls gegen eine dominierende Meinung durchsetzten – und so den Wirtschaftsjournalismus revolutionierten.

Wie man am Netzwerk Plurale Ökonomik, an diesem Blog und anderen Initiativen erkennen kann, ist der Anfang gemacht. Nun muss das Gegen-Narrativ in den Wirtschaftsressorts ankommen. Hierbei hilft eine Gesetzmäßigkeit des medialen Diskurses: Journalisten sind Herdentiere. Als solche schwanken sie zwischen den kommoden Zwängen des herrschenden Wissensregimes und dem eigenen Aufklärungsanspruch, dem Lechzen nach Neuem. Wenn nichts älter ist als die Zeitung von gestern, dann ist die herkömmliche Wachstumserzählung nach einem halben Jahrhundert wirklich „durch“. Die Zeit für eine neue Geschichte ist reif.

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Mitteilungen

„Her mit dem Guten Leben für alle!“

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Unter dem Motto „Gutes Leben für alle!“ findet dieses Jahr zum dritten Mal die Wandelwoche Berlin-Brandenburg statt. Über 30 Touren und Veranstaltungen zeigen gelebte Beispiele für sozial-ökologischen Wandel und eine selbstorganisierte und solidarische Zukunft.


Hervorgegangen aus dem Solikon – dem Kongress für solidarisches Wirtschaften 2015 in Berlin, macht die Wandelwoche in Form von Touren und Exkursionen die Vielfalt gelebter Alternativen für nachhaltige und zukunftsfähige Lebens- und Wirtschaftsweisen in der Region Berlin-Brandenburg sichtbar und erlebbar. Sie führen zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu Projekten und Initiativen, die sich der Suche nach dem “Guten Leben” und dem Experimentieren mit anderen Formen des Wirtschaftens verschrieben haben, z.B. Genossenschaften, Kollektive, solidarische Landwirtschaften, offene Werkstätten, Projekte von und mit Geflüchteten, … Mit den Touren wollen die Organisator*innen Menschen inspirieren und motivieren und Anknüpfungspunkte für den Wandel im eigenen Leben und Alltag sichtbar machen.

In diesem Jahr startet die Wandelwoche mit einem großen Eröffnungsfest mit Markt der Möglichkeiten, Bühnen- und Kinderprogramm, Workshops und Konzerten am 7. September ab 16 Uhr in den Prinzessinnengärten.

An den folgenden Tagen führen Touren unter anderem zu Projekten solidarischer Teilhabe von Geflüchteten, solidarischer Gesundheitsvorsorge, selbstorganisierten Wohnprojekten, alternativen Unternehmen und vielem mehr.

Explizit um eine Wirtschaft jenseits des Wachstums geht es beim 2. Berliner Postwachstums-Slam am 14. September.

Das vollständige Programm und weitere Informationen sind zu finden unter:  http://bbb.wandelwoche.org/

In diesem Jahr wird die Wandelwoche organisiert von das kooperativ, Projekthaus Potsdam, FairBindung e.V. und vielen anderen.

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Standpunkte

Abschied von der Cowboy-Ökonomie

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Die Ungleichheit in den Industrieländern ist enorm gewachsen, der ökologische Fußabdruck gleichzeitig auch. Zu diesem Desaster tragen viele Faktoren bei. Ein Faktor ist die herrschende Lehre von der Wirtschaft, die neoklassisch ausgerichtete Ökonomik.

Diese unterschätzt systematisch die Rolle von Energie im Wirtschaftsprozess. Sie hält Marktgesetze für Naturgesetze – Märkte sind demnach effizient. Sie klammert die Frage ökonomischer Macht weitgehend aus. Weiteres Wachstum ist für sie der Problemlöser für alles. Arbeitslosigkeit? Wir brauchen mehr Wachstum! Die Einkommen stagnieren? Die Wirtschaft muss mehr wachsen! Umweltschutz? Geht nur mit mehr Wachstum! Das Wachstum, so heißt es, sei die Quelle unseres Wohlstands.
Wahrscheinlich hat das mal (teilweise) gestimmt. Man muss im Jahr 2017 allerdings kein/e Raketenwissenschaftler/in sein, um zu sehen, dass die Wachstumswirtschaft aus einer langfristigen Perspektive zutiefst unökonomisch ist. Sie untergräbt ihre Grundlagen, sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt. Die herrschende ökonomische Lehre ist blind für die biophysikalischen Grundlagen des Wirtschaftens. Für viele Ökonom/innen des Mainstreams leben wir in einer Cowboy-Ökonomie (Kenneth Boulding). Keine Grenzen, nur weites, ungenutztes Land. Eine solche Cowboy-Ökonomie erobert Gebiete, grast sie ab und müllt sie voll. Dann zieht sie weiter – und tut immer wieder das Gleiche. Mit der Globalisierung aber wächst die Erkenntnis, dass die Erde rund ist – und man später die verschmutzten Gebiete wieder erreicht. Die Strategie der „Externalisierung“, der Auslagerung von Kosten, funktioniert nicht bis in alle Ewigkeit.
Auch wenn es hart klingt und eine Zuspitzung ist: Die Natur erscheint vielen Kolleg/innen des Mainstreams immer noch als Gratislager. Solche Vorstellungen sind selbst von gestern.
Trotz dieser Defizite ist es der neoklassisch ausgerichteten Ökonomik vom Schlage eines Gary Becker oder eines James Buchanan gelungen, viele andere Wissenschaften zu kolonisieren. Ein Beispiel (von vielen) sind die Bildungswissenschaften. Dort orientiert man sich seit fast 20 Jahren an ökonomischen Kriterien, die in Form von „Effizienzorientierung“, „Kompetenzen“ und „PISA-Ergebnissen“ halbwegs harmlos daherkommen – aber in Wirklichkeit den Bildungssektor tiefgreifend transformiert haben. Es geht nicht mehr um Bildung im Sinne von Humboldt, sondern um die Bereitstellung von flexiblem Humankapital.[1]
Manche Vertreter/innen der Mainstream-Ökonomik inszenieren sich selbst gerne als Universalwissenschaftler/innen, was sie jedoch keinesfalls sind. Ihre Disziplin ist legitim auf einem Gebiet, aber deren Aussagekraft doch begrenzt: Sie bezieht sich nur auf Zahlen, Bilanzen und Preise, also auf quantitativ erfassbare Größen. Das führt dazu, dass viele ökonomische Modelle, die zur Politikberatung herangezogen werden, zu kurz greifen.
Jene Fokussierung auf das Quantitative, zugespitzt formuliert jene „Wert-losigkeit“, war jedoch nicht immer charakteristisch für die Wissenschaft von der Ökonomie.
Die ökonomischen Klassiker wie Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill, aber auch Karl Marx und andere Denker des 18. und 19. Jahrhunderts, formulierten Theorien mit einem ethisch-philosophischen Hintergrund. Sie waren Ökonomen, aber eben auch (Sozial-)Philosophen. Sie fragten: Warum ist Wirtschaft da? Wer macht Geld? Und warum? Ist das gerecht?
Die ethische Fundierung der Wirtschaftswissenschaften ging zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zunehmend verloren. Für die Neoklassiker wie Alfred Marshall, Léon Walras oder William Stanley Jevons spielte das sozialphilosophische Moment keine Rolle mehr. Sie sahen die Ökonomik als absolute Wissenschaft –  wie die Naturwissenschaften.
Speziell die Physik und hier besonders die Arbeit Newtons beeindruckten die Neoklassiker. Walras und Jevons waren nicht nur Ökonomen, sie hatten auch Physik studiert. Analog zu einem mechanischen System, das ständig in Bewegung ist, fassten sie die Ökonomik als einen Kreislauf aus Konsum und Produktion auf, der von Preisen austariert wurde. Von den Marktgesetzen wurde angenommen, dass sie universell gültig seien. Wie die Schwerkraft. Gegen die kann man nicht sein. Moral hatte in diesem System keinen Platz mehr. Man beschränkte sich auf die Beschreibung von Sachverhalten, ohne zu hinterfragen, ohne zu werten. Notwendigerweise führt eine solche Haltung zu blinden Flecken, von denen dieser kurze Blogartikel exemplarisch nur einige wenige Beispiele anführen konnte.

Heute ist es wichtiger denn je, eine Gesellschaft zu konzipieren, in der Ökonomie und Ökonomik wieder in den Dienst des Menschen gestellt werden. Dabei geht es, wie Serge Latouche festgestellt hat, um nichts Geringeres als um die Dekolonisation der Vorstellungen und die Deökonomisierung des Denkens, damit wir die Welt von Grund auf verändern können.[2] Der erste Schritt besteht darin, die Dinge anders zu sehen, damit sie anders werden können.

 

[1] Zur Vertiefung empfiehlt sich beispielsweise: Krautz, Jochen: Ware Bildung: Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie, München 2011.

[2] Vgl. Latouche, Serge: Survivre au développement, Paris 2004, S. 115.

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Mitteilungen

I.L.A. Werkstatt für globale Gerechtigkeit

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Die I.L.A. Werkstatt für globale Gerechtigkeit (2017/18) sucht ab sofort hoch motivierte Mitstreiterinnen und Mitstreiter!

Die I.L.A. Werkstatt für globale Gerechtigkeit („International Solidarische Lebensweise als Alternative“) ist das Nachfolgeprojekt unserer ersten I.L.A. Werkstatt (2016/17). Ab Oktober 2017 möchten wir die einjährige Fortbildungs- und Schreibwerkstatt fortsetzen und uns, aufbauend auf der Kritik an der imperialen Lebensweise, mit der solidarischen Lebensweise und dem Weg dorthin auseinandersetzen.

Das Projekt wird vom Common Future e.V. getragen, in Zusammenarbeit mit verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt und von Engagement Global mit finanzieller Unterstützung des BMZ sowie aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes durch Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst und dem Katholischen Fond gefördert.

Die Schirmherr/innen des Projektes sind: Prof. Dr. Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Prof. Dr. Markus Wissen vom Fachbereich Wirtschafts­wissen­schaften der HWR Berlin. Prof. Dr. Barbara Muraca vom College of Liberal Arts der Oregon State University. Dr. Tilman Santarius vom Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung und der Technischen Universität in Berlin.

Bewerben kann man sich bis zum 07.09.2017
um die Teilnahme und Mitgliedschaft im Kern-Team! Zum Bewerbungsaufruf geht es hier.

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Rezensionen

Zurück zu den Wurzeln

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Die Zeitschrift „La Décroissance“, wichtigstes Periodikum der französischen Degrowth-Bewegung, hat im Juli 2014 einigen großen Vordenkern der französischen Postwachstumsphilosophie eine Sondernummer gewidmet. Mit „Aux origines de la décroissance. Cinquante penseurs“ liegt nun ein um ein Vielfaches erweiterter Sammelband vor, der nicht weniger als fünfzig Kritiker/innen der bestehenden und Vordenker/innen einer anderen Welt vorstellt.

Erschienen ist das Werk bei gleich drei Verlagen: Der kanadische Verlag Écosociété hatte die Idee einer erweiterten Buchveröffentlichung, die französischen Verlage L’Échappée und Le pas de coté, die bereits zwei aus der Zeitung hervorgegangene Titel veröffentlicht haben, haben sich angeschlossen.

Cover_origine_decroissanceDie Auswahl beschränkt sich auf Autor/innen der letzten zweihundert Jahre. Es wäre ein Leichtes, auch frühere Wachstumsgegner/innen zu finden, oder vielmehr: Es ist schwer, im gesamten philosophischen und religiösen Schrifttum der Menschheitsgeschichte überhaupt nur eine Handvoll bedeutender Autor/innen auszumachen, die NICHT die im Kapitalismus gepriesenen Handlungsweisen und Charakterzüge wie Habgier, Konkurrenzkampf, Expansions- und Zweckdenken verurteilt und an ihrer Stelle Selbstbeschränkung, Nachhaltigkeit, Nächstenliebe und moralische Integrität gelehrt hätten. Der Begriff der Décroissance aber, also des Rückgangs, des Postwachstums, macht erst Sinn nach dem Beginn der Industrialisierung und des mit ihr verbundenen Sinnes-, Sitten- und Gesellschaftswandels. Von mittelalterlichen oder antiken Vordenker/innen der Décroissance zu sprechen, halten die Herausgeber folglich zurecht für ahistorisch.

Wen aber rechnen sie zu den Ursprüngen? Eine lange, bunte, aber doch nicht „erschöpfende“, d.h. bewusst weder vollständige noch ermüdende Liste birgt zwangsläufig einige Überraschungen. Selbstverständlich sind die Standard-Autoren jüngeren Datums wie André Gorz, Ivan Illich, Cornelius Castoriadis und Jacques Ellul ebenso vertreten wie Nicholas Georgescu-Roegen und Bernard Charbonneau, die den Begriff in den 1970er Jahren überhaupt erst geprägt haben.

Im deutschsprachigen Raum sozialisierte Leser/innen freuen sich über die (wenn auch noch recht junge) Rezeption von Autoren/innen wie Günther Anders, Gustav Landauer und Hannah Arendt jenseits des Rheins, mit Guy Debord und Herbert Marcuse sind zwei aus der Mode geratene, aber hochaktuelle psychologisch argumentierende Autoren vertreten, und es fehlen auch nicht die einschlägigen, mal mehr und mal weniger bekannten angelsächsischen Autoren wie Henry David Thoreau, Murray Bookchin, John Ruskin, William Morris oder Dwight Macdonald. Gerade hier aber kann, wer der englischen Sprache leidlich mächtig ist, noch viele Entdeckungen machen; Christopher Lasch und Lewis Mumford etwa haben ungemein lesenswerte Bücher über Geschichte und Aktualität der westlichen Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit und ihre Auswirkungen auf die Weltgesellschaft geschrieben.

Ohnehin wird auch der/die kundigste Leser/in unter den fünfzig überwiegend englischen und französischen, zuweilen sogar indischen Namen wie Ananda Coomaraswamy oder Majid Rahnema einige Entdeckungen machen. Jaime Semprun etwa hat die Bewegung zum Teil heftig kritisiert. Viele weitere Bezugsgrößen der Décroissance sind den meisten Menschen eigentlich aus anderen Bereichen geläufig, wie der Autor von „1984“ und „Animal Farm“ George Orwell, der italienische Regisseur und Essayist Pier Paolo Pasolini oder die Schriftsteller Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“) und Leo Tolstoi. Auch Jean Giono und Georges Bernanos sind hierzulande allenfalls als Romanciers bekannt.

Die Autor/innen des mit fünfzig gezeichneten Portraits illustrierten Buchs sind ausgewiesene Kenner/innen ihres Gebiets. François Jarrige z.B. hat viel über Maschinenstürmer gearbeitet und stellt hier u.a. die mythische Figur des Ned Ludd vor, der Philosoph Pierre Marcolini hat fünf Beiträge zu teils schwer zugänglichen philosophischen Denker/innen verfasst, und auch die „La Décroissance“-Herausgeber Pierre Thiesset und Vincent Cheynet sind mehrfach vertreten.

„Aux origines de la décroissance“ versteht sich als Einladung zum Weiterlesen und bietet folglich nur Zugänge und Kerngedanken, keine enzyklopädischen Kurzfassungen der jeweiligen Philosophien. So ist es mehr ein Lese- als ein Handbuch, als solches aber unbedingt empfehlenswert.

Biagini, Cédric/ Murray, David und Thiesset, Pierre (Hrsg.): Aux origines de la décroissance. Cinquante penseurs. 2017. L’Échappée, Paris, 300 Seiten.

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Rezensionen

Von Spatzen und Tauben

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Manche Menschen nehmen lieber die Taube auf dem Dach als den Spatz in der Hand: So greift auch Felix Holtermann in seiner als Buch veröffentlichten Masterarbeit mit dem Titel „Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs“ gleich nach den großen Themen. Wo der Begriff Postwachstum dank Niko Paechs medialer Präsenz Eingang in einige Mainstream-Medien gefunden hat (z.B. Zeit-Artikel vom 03.01.2017 oder schon 2011 in der Süddeutschen Zeitung vom 08.06.2011), die Politik gleichzeitig jedoch vehement an dem Wachstumsparadigma festhält, stellt der Autor die treffende Frage nach der Umsetzbarkeit der Wachstumskritik auf politischer Ebene. Denn – so stellt Holtermann sehr anschaulich dar: Die Wachstumskritik hat bereits eine längere Geschichte. Die ersten Zweifel am Streben nach dauerhaften Wachstum kamen schon zu Zeiten des Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren auf. Diese von Holtermann als „soziale Wachstumskritik“ bezeichnete Form äußerte sich in dem Beklagen des Verlusts traditioneller gesellschaftlicher Werte durch die ökonomische und damit politische Emanzipation breiter Bevölkerungsschichten. Doch auch die „ökologische Wachstumskritik“, die im Zentrum seiner Untersuchungen liegt, hat ihren Ursprung Anfang der 1970er Jahre und erfährt damit seit über 40 Jahren kontinuierlichen – wenngleich auch schwankenden – Zuspruch.

Die Wachstumskritik zwischen Nullwachstum und Nachhaltigkeit

In der Darstellung der Entwicklung der ökologischen Wachstumskritik liegt einer der Schwerpunkte des Buches – und gleichzeitig einer seiner größten Verdienste. Dem Autor gelingt es auf beeindruckend leichte Art und Weise, den Verlauf der Wachstumskritik über die vergangenen Jahrzehnte zu veranschaulichen. Dabei wirft er Fragen auf, beantwortet diese und stellt Ereignisse in Relation zueinander. Das Lesen erinnert eher an die Lektüre eines erstklassig geschriebenen Lehrbuchs als an das einer Abschlussarbeit. Holtermann gelingt eine Systematisierung der Wachstumskritik, die auch für Laien eingängig ist. Die große Linie zieht er zwischen der unter dem Begriff Nullwachstum subsumierbaren Kritik auf der einen und der Forderung nach qualitativem Wachstum – oder einer nachhaltigen Entwicklung –  auf der anderen Seite. Nullwachstum wird vor allem in den Berichten der 1970er Jahre gefordert: Im Bericht „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums) von 1972, in „Mankind at the Turning Point“ von 1974 sowie im RIO-Bericht von 1976. Der Begriff der Nachhaltigkeit mit der Idee eines auf Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch beruhenden qualitativen Wachstums wurden dagegen im sogenannten „Brundtland-Bericht“ von 1987 geprägt.

Analyse der politischen Umsetzbarkeit

Nach dem Abriss über die theoretische Wachstumskritik folgt die Hinleitung zum eigentlichen Titel des Buches: Die Analyse der politischen Konsequenzen der beiden Kritikstränge und Konzepte zur Umsetzung der theoretischen Wachstumskritik. Holtermann macht deutlich, dass die starke Wachstumskritik, welche auf Nullwachstum abzielt, vor allem in ihren Anfängen mit Meadows et al.‘s Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ nur wenige, radikale Forderungen auf höchster gesellschaftlicher Ebene stellt: Sie vertritt geradezu einen technokratischen, Top-down-Ansatz, der weit von einer demokratischen Umsetzung entfernt ist. Auch im späteren Diskurs stellten Bottom-up-Ansätze in der starken Wachstumskritik noch die Ausnahme dar. Die Vertreter/innen des Konzepts der ausgewogenen Nachhaltigkeit, welche sich für ein qualitatives Wachstum aussprechen, verfolgen hingegen einen demokratischeren Ansatz, der auf Mitbestimmung beruht und die Umsetzbarkeit der politischen Forderungen von Anfang an (seit dem Brundtland-Report) mitdenkt. Daher sei das Konzept qualitativen Wachstums anschlussfähiger an den gesellschaftlichen Mainstream und wurde überhaupt in die politischen Debatten aufgenommen. Der Autor schließt aus den vorangegangenen Ausführungen, dass es sich bei der starken Wachstumskritik mit der zentralen Forderung nach einem Paradigmenwechsel hin zum Nullwachstum um eine politische Utopie handelt, deren Umsetzung er als sehr unwahrscheinlich einstuft, da sie die politische Ordnung durch radikale Umgestaltungskonzepte wie globale Umverteilung, Konsum- und Investitionslenkung oder Vergesellschaftung grundlegend in Frage stellt. Anders verhält es sich indessen beim Paradigma des qualitativen Wachstums: Eine Umsetzung der politischen Forderungen erscheint realistischer, da die bestehende politische Ordnung nicht grundsätzlich anzweifelt.

Wo doch diese Einschätzungen des Autors für sich stehend bereits gut nachvollziehbar sind, kommt die in diesem Zusammenhang vorgenommene Einordnung der Vertreter/innen der jeweiligen Kritikstränge in das politische Spektrum „links“ oder „nicht links" etwas hurtig daher und wäre für die Eindrücklichkeit der Darstellungen nicht nötig gewesen. Dieser Kritikpunkt tut jedoch der allgemeinen Verständlichkeit des Textes keinen Abbruch.

Mehr Tauben?

Ausgehend von den Einordnungen zur Umsetzbarkeit der Wachstumskritik erscheint das positiv ausfallende Fazit des Autors etwas überraschend. Obgleich die Forderung nach Nullwachstum eine politische Utopie darstellt, verzeichnet Holtermann die Geburt des Nachhaltigkeitsparadigmas als den einen großen Verdienst dieser starken Wachstumskritik. Abschließend blickt er sogar optimistisch in die Zukunft. Wäre es an dieser Stelle nicht aber viel wünschenswerter, sich hier um eine andere Taube auf dem Dach zu bemühen statt sich mit dem Spatz in der Hand zufrieden zu geben?

Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten, dass dieses Buch eine gelungene und sehr lesenswerte Analyse der Frage danach bietet, warum eine politische Umsetzung auch nach mehr als 40 Jahren Wachstumskritik nur mühsam vorankommt.

 

Felix Holtermann: Zwischen Utopie und Umsetzung: Die Wachstumskritik im politischen Diskurs. 2016. LIT Verlag, Münster, 141 Seiten.

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Standpunkte

Wachstumsursachen in der neoklassischen Theorie

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In der neoklassischen Wachstumstheorie ist technologischer Fortschritt die Ursache für Wachstum schlechthin. Und tatsächlich scheint der technologische Fortschritt gerade heute, in Zeiten der Digitalisierung, eine entscheidende Ursache für Wachstum zu sein. Doch werden durch die Fokussierung auf technologischen Fortschritt nicht andere Wachstumsursachen übersehen? Und welche Rolle spielt der technologische Fortschritt in verschiedenen Postwachstumsansätzen?

Technologischer Fortschritt bringt Wachstum

In neoklassischen Wachstumstheorien ist technologischer Fortschritt die Hauptursache für Wachstum. Für ganz unterschiedliche Modelle1, die im Rahmen meiner Masterarbeit untersucht wurden, gilt sogar: Gibt es keinen technologischen Fortschritt, so gibt es auch kein langfristiges Wachstum.

Dies gilt sowohl für Modelle, die technologischen Fortschritt als gegeben annehmen (sogenannter exogener technologischer Fortschritt), als auch für fortgeschrittenere Modelle (endogener technologischer Fortschritt).
Es gibt eine Fülle von Ansätzen mit endogenem technologischen Fortschritt. Die grundlegende Überlegung ist dabei die folgende: Je mehr in Humankapital, d.h. zum Beispiel in Forschung und Entwicklung, investiert wird, desto mehr technologischer Fortschritt entsteht. Das scheint intuitiv, aber es stellt sich die Frage, ob durch die Fokussierung auf den technologischen Fortschritt nicht andere Wachstumsursachen übersehen werden.

Wachstumsursachen sind vielfältiger

Wenn die neoklassische Wachstumstheorie weitestgehend mit dieser einen langfristigen Wachstumsursache, dem technologischen Fortschritt, auskommt, ist es naheliegend zu fragen, ob sie die komplexen Entwicklungen der Gesellschaften im 21. Jahrhunderts angemessen modellieren kann. Im Folgenden sind zwei, aus meiner Sicht heute besonders relevante weitere Wachstumsursachen herausgegriffen, die in neoklassische Wachstumsmodelle nur schwer zu integrieren sind.

1) Eine Volkswirtschaft kann durch die Senkung von Standards wachsen, beispielsweise durch die Senkung von Umweltstandards. Die Überlegung ist, dass eine solche Senkung die Möglichkeiten von Akteur/innen in der Ökonomie erweitern und dadurch Wachstumspotentiale freisetzen könnten. Die Senkung von Umweltstandards entspricht zwar nicht den Tendenzen unserer europäischen Wirtschaft, jedoch könnte dieses Argument für den globalen Maßstab zutreffend sein. Verschiebt sich nämlich die Produktion von schmutzigen Industriegütern von einem Land mit hohen Standards in ein Land mit niedrigen Standards, passiert genau das.

Ein Beispiel: England wird gelegentlich für sein grünes Wachstum gelobt. Bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass dies zumindest teilweise mit dessen Deindustrialisierung zu tun hat.2 Da nicht gleichzeitig ein sinkender Verbrauch industrieller Güter zu beobachten ist, liegt es nahe, dass andere Länder diese industrielle Produktion übernehmen. Auch für Deutschland stellt eine Studie von 2011 fest, dass der Import einen höheren Betrag an CO2-Emissionen aufweist als der Export, was bedeutet, dass Deutschland ebenfalls höhere CO2-Emissionen aufweisen würde, wenn man den Außenhandel berücksichtigen würde.3

Es könnte sein, dass sich Industrien dorthin verschieben, wo Umwelt der geringere Kostenfaktor ist. Und geringere Produktionskosten implizieren niedrigere Preise. Was wiederum zu höherer Nachfrage und unter bestimmten Umständen zu Wachstum führen kann. Global kann es also zu Wachstum kommen, das nur darauf beruht, dass die Umwelt zunehmend verschmutzt wird. Wachstumsmodelle, die nicht sowohl Umweltbedingungen als auch Mehrländervergleiche berücksichtigen, können diesen Effekt nicht erfassen.

2) Die Expansion von Märkten in noch nicht monetarisierte Lebensbereiche kann ebenfalls zu Wachstum führen. Die Pflege von Angehörigen kann hierbei beispielhaft betrachtet werden. War es früher eher üblich, pflegebedürftige Angehörige selbst zu versorgen, so wird dies heute zunehmend von professionellen Pflegediensten übernommen. Weil diese Art der Pflege eine zu bezahlende Dienstleistung ist, wird sie auch durch das BIP erfasst. Das bedeutet, dass eine Ausbreitung von Pflegediensten zu BIP-Wachstum führen kann. Das gilt im Übrigen genauso für die Professionalisierung von anderen Dienstleistungen, die früher unentgeltlich im Privaten stattfanden. Für diese Wachstumsursache hat die neoklassische Theorie keine adäquate Erfassungsmöglichkeit, wenn sie versucht Wachstum ausschließlich auf technologischen Fortschritt zurückzuführen.4

Natürlich enthalten die untersuchten Wachstumstheorien zwangsläufig auch die genannten Punkte, weil es Residualvariablen gibt, die im Zweifel unerklärte Größen auffangen können. Aber es wird klar, dass diese neoklassischen Wachstumsmodelle diese zwei beispielhaft genannten Wachstumsursachen nicht adäquat abbilden können. Zwar ist die neoklassische Theorie für manche Betrachtungen sehr hilfreich, hier werden jedoch ihre Grenzen sichtbar. Daher ist eine Öffnung der Ökonomik für andere Theorieschulen sinnvoll und erforderlich. Vielleicht ist es sogar an der Zeit, an einer ganz neuen Wachstumstheorie zu arbeiten, die wichtige Trends des 21. Jahrhunderts berücksichtigen kann, wie die oben thematisierte Globalisierung und die Ausbreitung der Märkte ins Private.

Postwachstumsgesellschaft: Frei von Erneuerungsprozessen?

Konträr zur Wachstumstheorie kann festgehalten werden, dass bei den fünf untersuchten Postwachstumsansätzen5 der technologische Fortschritt keine große Rolle spielt.

Paech beispielsweise schreibt lediglich, dass "selbst erneuerbare Energien [...] nur vertretbar [sind], wenn sie nicht additiv sind, sondern dafür bereits verbaute Flächen oder Infrastrukturelemente genutzt werden."6 Dies deutet an, dass neue Technologien zur Modernisierung genutzt werden können, wenn dadurch nicht ein Mehr entsteht. Es lässt aber vieles offen - wie damit zum Beispiel prinzipiell umgegangen werden soll oder wie mögliche Arbeitsplatzverluste durch technologischen Fortschritt kompensiert werden könnten.

Sarkar, ein marktkritischer Autor, beschreibt in seiner Vision einer Postwachstumsgesellschaft eine derart einfache Gesellschaft, sodass technologischer Fortschritt sehr unbedeutend ist.7 Die größten Teile der Gesellschaft sind im landwirtschaftlichen Sektor tätig, während es einen industriellen Sektor gar nicht gibt. Da insbesondere dieser mit technologischem Fortschritt in Verbindung gebracht werden würde, könnte es zutreffend sein, dass technologischer Fortschritt zumindest keine große Rolle einnehmen würde.

Es kann nicht geschlussfolgert werden, dass technologischer Fortschritt insgesamt für Postwachstumsautor/innen keinerlei Relevanz hat. Die untersuchten Ansätze weisen hier jedoch die Schwäche auf, dass sie kaum dynamisch angelegt sind und kontinuierliche Veränderungen unzureichend beinhalten.

An der Stelle ertappe ich mich auch selbst: Führe ich mir die Vision einer etablierten Postwachstumsgesellschaft vor Augen, stelle ich mir zwar vor, dass eine große Transformation und daher tiefgreifende Veränderungsprozesse stattgefunden haben werden, aber die Gesellschaft selbst stelle ich mir mit wenig Veränderungsprozessen vor, gewissermaßen als konvergenten Endzustand. Sollte daher eine Postwachstumsgesellschaft ohne stetige Veränderungsprozesse formuliert werden? Ich denke, dass dies ein Fehler wäre. Eine statische Gesellschaft ist theoretisch denkbar und die Menschheit hat eine solche in der vorindustriellen Zeit auch schon durchlebt. Aber ist eine Gesellschaft ohne Wandel, ohne technischen Fortschritt, ohne strukturverändernde Erfindungen auch heute möglich? Überspitzt gefragt: Kann man die kreative Ingenieurin davon abhalten, technologische Veränderungen hervorzubringen? Und selbst wenn, will man Wandel verbieten? Oder kommt es viel mehr darauf an, ihn in die richtige Richtung zu lenken? Bei all den Überlegungen sollten in jedem Fall auch gesamtwirtschaftliche Postwachstumsansätze diese Fragestellungen nicht ausblenden. Daher lohnt sich an der Stelle weitere Forschungsarbeit.

Dieser Blogbeitrag basiert auf der Masterarbeit „Technological Change in Growth and Degrowth Theory“ (Hannes Vetter, 2016, Universität Heidelberg).

 

© Bild: "Innovation Drive" von Christian Heilmann. Lizenz: CC BY 2.0

 

1. Die in der Masterarbeit untersuchten Modelle sind die folgenden: Ramsey-Cass-Koopmans Model, AK Model, Schumpeterian Growth Model, Directed Technological Change Model (D. Acemoglu) und Dasgupta-Heal-Solow-Stiglitz Model.

2. Stagl, Sigrid (2006). Multicriteria evaluation and public participation: The case of UK energy policy. In: Land use policy 23.1: 53-62.

3. Peters, G. P., Minx, J. C., Weber, C. L., & Edenhofer, O. (2011). Growth in emission transfers via international trade from 1990 to 2008. Proceedings of the national academy of sciences. 108(21), 8903-8908.

4. Nimmt man es genau, könnte man beispielsweise für (reine) Dienstleistungen eine Zunahme des Inputfaktors Arbeit annehmen und wäre damit wieder konsistent mit dem neoklassischen Grundmodell. Allerdings wurde nicht mehr gearbeitet, sondern nur mehr kommerziell gearbeitet, womit man dann vor dem (bekannten) Problem steht, dass nur Erwerbsarbeit und nicht Arbeit allgemein Berücksichtigung findet.

5. Ansätze von N. Paech, S. Latouche, M. Miegel, S. Sarkar und H. Daly wurden in der Masterarbeit untersucht.

6. Paech, Niko (2012). Jetzt hören Sie mit den Radieschen auf. In: Die Tageszeitung (TAZ) vom 21.Januar 2012.

7. Sarkar, Saral (2001). Die nachhaltige Gesellschaft. Eine kritische Analyse der Systemalternativen. Zürich: Rotpunktverlag.

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Standpunkte

Digitalisierung und Postwachstum

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Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie war beispielsweise ein zentrales Thema beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos und sowohl das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als auch das für Arbeit und Soziales haben kürzlich Weißbücher zu dieser Entwicklung veröffentlicht. Auch die Medien greifen das Thema fortlaufend auf. Dabei sind sich alle Akteure einig: Die Digitalisierung wird nicht nur die industrielle Produktion (Industrie 4.0) revolutionieren, sondern voraussichtlich alle Lebensbereiche betreffen. Digitale Geräte werden unsere Konsumgewohnheiten (Online Shopping), unsere Kommunikation (Social Media), unsere Mobilität (Car und Bike Sharing, selbstfahrende Autos), die Art, wie wir unsere Gemeinschaften organisieren (Smart Cities), und auch die Politik verändern. Ein prominentes Beispiel, das zeigt, inwiefern die Digitalisierung bereits heute Einzug in die politische Sphäre hält, ist die zurückliegende Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten: Die Gefährdung von Arbeitsplätzen durch die Implementierung neuer Technologien war für viele Wähler/innen ausschlaggebend, um für Donald Trump zu stimmen. Darüber hinaus beeinflussten die digitalen Medien, zuvorderst zu nennen sei Facebook, den Wahlkampf entscheidend.

Die Digitalisierung wird eine wichtige Rolle in ökonomischen und politischen Entwicklungen einnehmen. Viele Jahre lang wurde der Diskurs von Autor/innen geprägt, welche die Ausgestaltung und Auswirkungen der digitalen Technologien als gegeben annehmen. Aus dieser Sicht ist die einzige Frage, wie wir als Gesellschaft die Auswirkungen der Digitalisierung sozial und ökologisch abfedern können (Brynjolfsson und McAfee, 2014). Inzwischen gibt es jedoch auch eine Debatte darüber, dass digitale Technologien an sich auch unterschiedliche Formen annehmen können. Ist dies der Fall, kann es unterschiedliche „Digitale Zukünfte“ geben, über die Gesellschaft und Politik mitentscheiden können. Soviel scheint jedoch in jedem Fall sicher: Die Auswirkungen der Digitalisierung werden weitreichende Veränderungen gesellschaftlicher Institutionen und Zusammenhänge implizieren. Wie dies erfolgen wird, ist eine entscheidende Frage für das 21. Jahrhundert.

Aus diesem Grund sollten sich soziale Bewegungen mit dem Thema auseinandersetzen und in die gesellschaftliche Debatte einbringen. Aus großen Veränderungen gehen immer Gewinner/innen und Verlierer/innen hervor. Soziale Bewegungen können dazu beitragen, dass die Kosten für weniger privilegierte Menschen abgefedert werden. Umbrüche eröffnen Möglichkeiten der Mitgestaltung, deshalb sollten sich soziale Bewegungen aktiv an der Entwicklung neuer Regeln und der Aushandlung gesellschaftlicher Kompromisse beteiligen. Dabei habe ich die Umweltbewegung und vor allem die Degrowth-Bewegung im Blick. Sie sollten sich in die Diskurse einbringen, da die digitale Transformation zentrale Themen dieser Akteure berühren wird. Diese Entwicklung wird in naher Zukunft erfolgen und sowohl Risiken als auch neue Möglichkeiten mit sich bringen.

Ich sehe vor allem fünf Bereiche, in denen sich Themen der Degrowth-Bewegung und der Digitalisierungsdebatte überschneiden:

  1. Wachstum und Entkoppelung

Eines der zentralen Versprechen der Digitalisierung ist wirtschaftliches Wachstum. In Deutschland wird der Diskurs von Akteuren der Industrie, die den Begriff der Industrie 4.0 geprägt haben, dominiert. Dieser beschreibt vor allem die Implementierung digitaler Technologien in Produktionsprozesse, die unter anderem dazu dienen, menschliche Arbeit zu substituieren. Mit anderen Worten: Die Arbeitsproduktivität soll gesteigert werden. Wenn diese Entwicklung nur halb so erfolgreich ist, wie sie verspricht, wird die Arbeitsproduktivität signifikant ansteigen.

Ein mögliches Szenario ist, dass diese Produktivitätszuwächse neues Wirtschaftswachstum auslösen. Unter der Annahme von Vollzeitbeschäftigung hätte die erhöhte Faktorproduktivität große Zuwächse des Bruttoinlandsproduktes zur Folge. Wie bereits Niko Paech (2017)  und Tilman Santarius (2017) argumentiert haben, erfordert diese Entwicklung eine erneute Diskussion über die Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum.

Es erschient unwahrscheinlich, dass die Digitalisierung, bzw. die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs), eine hinreichende Entkopplung implizieren wird. Zur Erinnerung: Wir müssen die Anstiege der Ressourceneffizienz von durchschnittlich 1,5% auf 4,4% erhöhen, um die Klimaziele verwirklichen zu können. Hier sei angemerkt, dass damit – zu einer Wahrscheinlichkeit von 66% – jedoch gerade einmal eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2°C möglich wäre. Das von vielen Naturwissenschaftler/innen empfohlene 1,5°C-Ziel ist in diesem Fall noch völlig außer Reichweite (Antal und van den Bergh, 2016).

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen einen positiven Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum. Die (vorläufige) Analyse zeigt, dass die Digitalisierung nicht nur zu ökonomischem Wachstum aufgrund der steigenden Arbeitsproduktivität führt, sondern zugleich eine erhöhte Energienutzung zur Folge hat. Denn IKT-Systeme verbrauchen nicht nur in der Anwendung selbst, sondern auch in der Herstellung der Geräte und in der im Hintergrund arbeitenden Infrastruktur große Mengen Energie (Salahuddin und Khorshed, 2016; Cardona et al., 2013). Doch selbst wenn die Digitalisierung zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen beitragen würde, würde diese Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit zu anderen Umweltproblemen führen, insbesondere bezüglich der Ressourcengewinnung (siehe hierzu auch den Abschnitt zu globalen Aspekte).

Dies bedeutet nicht, dass Digitalisierung hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit zwangsläufig negativ zu bewerten ist. Die Umstellung des Energiesystems auf 100% erneuerbare Energien ist ohne die Anwendung digitaler Technologien kaum vorstellbar, denn sie ermöglichen die Anpassung der Energienachfrage seitens der privaten Haushalte und der Unternehmen bezüglich des Angebots. Letzteres wird weniger flexibel sein, da die Energiequellen Sonne und Wind kaum kontrollierbar sind. Solange unser Wirtschaften jedoch derart stark auf Wachstum ausgerichtet ist, wird es die positiven Effekte aufheben. Daher stellt sich die Frage, inwiefern die Chancen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, genutzt und gleichzeitig die nachteiligen ökologischen Effekten verhindert werden können.

Entkopplung ist seit jeher ein zentrales Thema des Postwachstumsdiskurses. Es ist eines der Hauptargumente gegen stetiges Wirtschaftswachstum. Mein Eindruck ist, dass es unausweichlich sein wird, die Implikationen der Digitalisierung in dieser Debatte zu berücksichtigen. Bereits jetzt argumentieren Verfechter/innen der Industrie 4.0, dass die Digitalisierung aufgrund der deutlichen Steigerungspotentiale hinsichtlich der Ressourceneffizienz positive Umwelteffekte haben werde (Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, 2013). An dieser Stelle sollte sich die Degrowth Community in die Diskussion einschalten. Nicht nur um die Entkopplungsdebatte mit zu prägen, sondern auch um die Umwelteffekte der Digitalisierung im Blick zu behalten und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.

  1. Die smarte Diktatur?

In seinem Buch „Die Smarte Diktatur“ zeichnet Harald Welzer ein düsteres Bild der digitalisierten Gesellschaft. Gemäß seiner Argumentation produzieren Individuen zukünftig eine große Menge persönlicher und detaillierter Daten, indem sie digitale Technologien (E-Mails, Social Media, Apps, Internetsuchen etc.) nutzen. Auch das Internet der Dinge, beispielsweise Sensoren in der Kleidung, der Zahnbürste, im Auto oder Kühlschrank, wird sensible Daten erzeugen. Wer Zugang zu diesen Informationen erhält, wird in der Lage sein, Menschen zu manipulieren oder zu kontrollieren. In naher Zukunft werden unsere Daten alles über uns verraten können. So kann aus ihnen herausgefiltert werden, wann wir aufstehen und uns auf den Weg zur Arbeit machen, wer zu unseren Freund/innen gehört, welche Interessen bzw. politischen Ansichten wir haben und über welches Wissen wir verfügen.

Unternehmen nutzen diese Informationen, um ihre Produkte besser vermarkten zu können. So erhalten wir individualisierte Internetsuchergebnisse oder personalisierte Werbung. Politischen Akteuren dienen die Daten der Beeinflussung des Wahlverhaltens. Die US-Wahl hat gezeigt, dass personalisierte Facebook-Kommunikation im Wahlkampf eine entscheidende Rolle einnimmt. Des Weiteren können die Daten von Regierungen missbraucht werden, um Bürger/innen zu manipulieren und zu kontrollieren. Seit der Affäre um Edward Snowden wissen wir, dass die NSA und andere Geheimdienste unsere Internetkommunikation größtenteils verfolgen können. Dies verschafft ihnen einen tiefen Einblick in die Bevölkerung und erlaubt es, mögliche Bedrohungen durch oppositionelle Bewegungen frühzeitig zu identifizieren. Ein besonders furchterregendes Beispiel ist China, wo Dienste, die mit Facebook, Google, Instagram und elektronischen Zahlungsmöglichkeiten vergleichbar sind, über nur eine App – WeShare – verfügbar sind. Diese App wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung genutzt. Sie bündelt die Dienste nicht nur, sondern gewährt der chinesischen Regierung Zugang zu der Fülle an Daten. Damit gibt es bereits ein reales Beispiel für die „smarte Diktatur“.

Wenn die Vision einer Postwachstumsgesellschaft eine relativ gleiche Machtverteilung impliziert, sollten der Zugang zu Daten und deren Eigentum in Degrowth-Debatten thematisiert werden. Auch wenn andere Akteure wie netzpolitik.org oder der Chaos Computer Club bereits seit Langem zu diesen Themen arbeiten, gibt es zahlreiche inhaltliche Anknüpfungspunkte zur Postwachstumsbewegung. Ein wichtiges Thema ist die Verwendung von Daten für ökologische Zwecke, beispielsweise für die Energiewende. Die Generierung und Verfügbarkeit dieser Daten kann im Spannungsverhältnis mit Datenschutz stehen. Im Allgemeinen bekommt die Debatte um die Ökodiktatur im Zuge der Digitalisierung eine neue Dimension, in der Vertreter/innen der Degrowth-Bewegung eine entscheidende Rolle einnehmen und Kritik vortragen könnten.

  1. Ungleichheit und Beschäftigung

Ein Großteil der Analysen der Digitalisierung prognostiziert die Rationalisierung vieler Arbeitsplätze und einen Anstieg der Ungleichheit (Brynjolfsson und McAfee, 2014). Der technologische Wandel könnte nicht nur die Rationalisierung physischer Tätigkeiten (bspw. in der Fabrikarbeit oder der Logistik) fortsetzen, sondern auch kognitive menschliche Arbeit substituieren. Um ein paar Beispiele zu nennen: Selbstfahrende Autos könnten Lastwagen- sowie Taxifahrer/innen überflüssig machen; Übersetzungsprogramme ersetzen menschliche Übersetzungsdienste; gewisse Zeitungsartikel werden nicht mehr von Journalist/innen, sondern von Algorithmen verfasst; Lehrer/innen werden durch digitale Lernangebote verdrängt etc. Dabei können digitale Technologien zwar nicht alle Tätigkeiten eines Jobs übernehmen, aber sie ersetzen menschliche Arbeit in bestimmten Bereichen. Die übrigen Tätigkeiten könnten dann unter den verbleibenden Beschäftigten aufgeteilt werden, was einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge hätte.

Einige Analytiker/innen haben Schätzungen dazu vorgelegt, wie viele Arbeitsplätze von Rationalisierungen bedroht sein werden. Laut Frey and Osborne (2013) könnten in den USA 47% der Jobs betroffen sein. Wird diese Berechnung auf Deutschland angewandt, ergeben sich 42% (ZEW, 2015). In einer weiteren Untersuchung bezifferte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (2015) die Arbeitsplatzverluste hingegen mit nur 9% in den USA und 12% in Deutschland. Dieser immense Unterschied ergibt sich aus der Frage, ob Arbeitsplätze rationalisiert werden, obwohl nur ein Teil der Tätigkeiten durch digitale Technologien übernommen werden kann. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (2016) kommt wiederum zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung ungefähr genauso viele Arbeitsplätze schaffen wie vernichten wird. Dies wird mit einem massiven Wirtschaftswachstum begründet – was jedoch wie gesagt problematisch hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit wäre.

Die beschriebenen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ist einer der Hauptgründe für die zunehmende Ungleichheit: Menschen, die bisher gut bezahlte und sichere Beschäftigungen hatten, werden durch die Arbeitslosigkeit in prekäre Jobs gedrängt. Während mittel und schlecht bezahlte Arbeit davon am stärksten betroffen ist, steigt hingegen die Nachfrage nach speziell qualifizierten Arbeitskräften, im Besonderen in der Informatikbranche und im Ingenieurswesen. Dies erhöht die Löhne derer, die bereits zuvor gut bezahlt wurden. Dadurch steigt die Lohnungleichheit. Darüber hinaus verschiebt sich das Verhältnis von Lohn- und Kapitaleinkommen zugunsten von letzterem. Grob gesagt werden die Eigentümer/innen von Software und Robotern zunehmend mehr verdienen.

Wenn Degrowth eine „gerechte Verkleinerung der Produktion und des Konsums“ (eigene Übersetzung, Schneider, Kallis and Martinez-Alier, 2010) impliziert, sind diese Entwicklungen alles andere als unwichtig. Letztendlich gewinnt die Frage nach dem Eigentum an den Produktionsmitteln und der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wieder an Bedeutung.

  1. Globale Gerechtigkeit

Zum Zusammenhang zwischen Digitalisierung und globaler Gerechtigkeit gibt es eine Menge zu sagen. An dieser Stelle möchte ich lediglich einige Beispiele anführen: Die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien impliziert einen immensen Anstieg der Rohstoffnachfrage (DERA, 2016). Dies hat Umweltprobleme in den Abbaugebieten (PowerShift, 2017) zur Folge. Darüber hinaus werden Arbeitsrechte bei der Ressourcengewinnung und in der industriellen Verarbeitung häufig verletzt (Amnesty International, 2016). Die Digitalisierung verstärkt diese Entwicklung, da der Zugang zu Rohstoffen von besonderer Bedeutung für die globale Industrie ist. So werden (geo-)politische Interessen verstärkt, beispielsweise fordert die deutsche Industrie im Angesicht steigender Rohstoffnachfrage von der Bundesregierung eine Garantie über den Zugang zu Ressourcen.

  1. Konviviale Digitalisierung?

Ist die Digitalisierung also eine zu fürchtende Entwicklung? Meine Antwort lautet: Nein, es gibt in der Tat auch Potentiale. Wie oben bereits angeführt, trägt die Digitalisierung zur Energiewende bei, indem sie die ausschließliche Nutzung von erneuerbaren Energien ermöglicht. Außerdem könnte sie – richtig angewandt – dabei helfen, die dezentrale Energiegewinnung zu ermöglichen. Ob die Kontrolle darüber bei einzelnen Unternehmen, beim Staat oder kleinteiligen Produzent/innen liegt, hängt von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren ab. An dieser Stelle könnten sich Nichtregierungsorganisationen, soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Akteure in sehr relevanter Weise in die Debatte einschalten.

Die Digitalisierung ist auch für die Sharing Economy von Bedeutung, da sie den Austausch darüber erleichtert, wer was (Fahrräder, Autos, Kleidung, Räume etc.) anbietet oder benötigt. Zwar ist die Sharing Economy innerhalb der vergangenen Jahre von großen Konzernen wie Uber, AirBnB oder Amazon vereinnahmt worden. Doch Beispiele wie fairmondo zeigen, wie die digitale Ökonomie im Sinne von offener oder plattformbasierter Kooperation gestaltet werden kann, nämlich nach demokratischen, dezentralen, fairen und nachhaltigen Prinzipien. Diese Projekte sind allerdings noch recht klein und darüber hinaus eher selten zu finden. Dies sähe unter günstigeren sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen aber höchstwahrscheinlich bedeutend anders aus.

Die Digitalisierung wird vermutlich ein relevantes Gesellschaftsthema bleiben. Interessant zum Umgang mit der Digitalisierung könnte ein Vergleich mit dem Thema Globalisierung sein. Beim Thema der Globalisierung hat es sich als eine zielführende Herangehensweise herausgestellt, sie nicht prinzipiell abzulehnen, sondern sich auf die negativen Seiten – insbesondere die ökonomische Globalisierung – zu fokussieren. Für die Digitalisierung gilt aus meiner Sicht ebenfalls, dass sozial-ökologische Bewegungen sich dieser nicht prinzipiell verschließen, sondern mit einem kritischen Blick begleiten sollten. Die Digitalisierung könnte in bestimmten Bereichen zu einer ökologischen und solidarischen Organisation der Wirtschaft beitragen und die Vernetzung zwischen Menschen und Bewegungen verstärken. Daher sollten ihre positiven Aspekte gefördert werden, während die nachteiligen Effekte beschränkt werden sollten. Die Degrowth-Bewegung sollte sich in die Debatte einschalten, um die Transformation der Gesellschaft beeinflussen zu können.

© Bild: "Robot Walk" von Victory of the People. Lizenz: CC BY 4.0.

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Standpunkte

Pierre Fournier: Anführer wider Willen

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Pierre Fournier (1937-1973) ist zu früh verstorben, um ein umfangreiches „Werk“ zu hinterlassen, und gleich mehrere andere Persönlichkeiten sind als Pierre Fournier bekannt geworden, darunter ein Cellist und zwei Comiczeichner. Wenn heute in Décroissance-Kreisen jede/r weiß, welcher Mensch gemeint ist, wenn sein Name fällt, dann weil er ab einem gewissen Zeitpunkt sein Leben dem verzweifelten Kampf gegen die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen gewidmet und letztlich geopfert hat.

Als gelernter Zeichner ergriff er zunächst einen bürgerlichen Beruf bei der französischen Steuerbehörde und zeichnete nur nebenbei. Nach Ablehnungen bei allen namhaften Zeitungen veröffentlichte er 1962 erste Zeichungen in Hara-Kiri, der Zeitung, die später infolge einer staatlichen Zensurmaßnahme in Charlie Hebdo umbenannt werden würde. Dort lässt man ihn gewähren, als er, mittlerweile als hauptberuflicher Zeichner und Autor, ab 1967 nach einer Ölpest in der Bretagne unter dem Pseudonym Jean Neyrien Nafoutre de Séquonlat ("J’en ai rien à foutre de ces cons-là" = "Mit den Idioten habe ich nichts am Hut, die gehen mir am Arsch vorbei") in immer längeren und ernsteren Artikeln die Umweltzerstörung anprangert, die bis dato nur in den wenig auflagenstarken christlichen und rechtsextremen Zeitungen thematisiert wird. Bald geht es um die atomare Bedrohung und Verseuchung, dann um Pestizide, den Tourismus, um pharaonische Infrastrukturprojekte und unsoziale Städteplanung.

1969 veröffentlicht er ein erstes „ökologisches Manifest“ und nutzt seine Zeitungsseiten zur Agitation gegen den Reaktorbau in Fessenheim und Bugey, gegen die Erweiterung des Militärgeländes von Larzac und andere heute noch bekannte Orte des Widerstands gegen staatliche Willkür und Technokratie. Wenn es so weitergeht, sagt er, hat die Menschheit nur noch wenige Jahrzehnte vor sich. Tausende folgen seinen Protestaufrufen, Fournier wird zum Sprachrohr der entstehenden ökologischen Bewegung. Statt weiterhin halb Paris für den Kauf von Biobrot und -gemüse zu durchqueren, zieht er aufs Land und versucht, mit Gleichgesinnten eine Kommune zu gründen. Der Versuch scheitert an den falschen Vorstellungen seiner Mitstreiter/innen, aber er kehrt nicht mehr in die Metropole zurück, sondern hält trotz Familie mit kleinen Kindern an der Idee eines zwar mühsamen, aber authentischen Lebens in kleinen Dörfern fest und beklagt mit bittersten Worten deren Zerstörung durch Straßenbau und quasi unreglementierte Renovierungen und Neubauten.

Die Auseinandersetzungen mit den etablierten Medien, die er der Blindheit gegenüber den drängenden ökologischen Problemen und der Parteinahme gegenüber der Industrie bezichtigt, zwingt ihn zu noch stärkerer wissenschaftlicher Absicherung, zu noch genauerer Argumentation, und er sucht den Kontakt zu prominenten Warnern wie Linus Pauling, Alexandre Grothendieck, Bernard Charbonneau oder Ralph Nader, mit unterschiedlichem Erfolg. Seine Radikalisierung insbesondere bezüglich der vermeintlichen Neutralität der Wissenschaft führt auch immer öfter zu Streit mit seinem Chefredakteur François Cavanna. Trotzdem (oder ebendarum) erscheint Ende 1972 im selben Verlag Fourniers eigene Monatszeitung, La Gueule ouverte (das offene Maul), das erste ökologische Periodikum Frankreichs. Wenig später stirbt er, erschöpft, an einem Herzinfarkt infolge einer lange bekannten Herzdeformation.

Fournier hat mit seinen Seiten in Hara-Kiri/Charlie Hebdo wachgerüttelt, informiert, koordiniert und die etablierten Medien zur Beschäftigung mit der Umweltzerstörung und ihren Gegner/innen gezwungen. Er war der Hauptinitiator der ersten Anti-Atom-Demo Frankreichs und gehört zu den Gründern der französischen Umweltbewegung. Anders als so vielen erst später auf den Öko-Zug aufgesprungenen 68ern war ihm der Erhalt der Natur und der menschlichen Lebensgrundlagen von vorneherein das Hauptanliegen.

Wem Fourniers „Katastrophismus“ heute als überholt oder unangemessen erscheint, möge Folgendes bedenken: Die meisten seiner Sorgen sind heute aktueller denn je. Wenn einige Katastrophen noch nicht eingetreten sind, so weil die dank seiner Arbeit entstandenen Protestbewegungen einiges bewegt haben, aber auch, weil die Natur in vielerlei Hinsicht widerstandsfähiger, „resilienter“ ist, als man damals annahm. Andererseits: In wievielen Punkten lag er richtig? Tschernobyl und Fukushima, das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren, die Verseuchung der Böden, der Luft und der Meere, die Abhängigkeit von Massenmedien und Maschinen aller Art hat er bereits vor 50 Jahren vorhergesehen.

Zurzeit gibt es wahrscheinlich in ganz Europa keinen so unerbittlichen und integren Fürstreiter für eine „ökologische Revolution“ wie den Anführer wider Willen Pierre Fournier.

Illustration © Valérie Paquereau

Literatur:

Pierre Fournier: La vie des gens. Paris: Square 1971.

Pierre Fournier: Où on va? J’en sais rien mais on y va. Paris: Square 1973.

Pierre Fournier: Y’en a plus pour longtemps. Paris: Square 1975.

Pierre Fournier: Carnets d’avant la fin du monde. Paris: Les Cahiers dessinés 2003.

Patrick Gominet, Danielle Fournier: Fournier, précurseur de l’écologie. Paris: Les Cahiers dessinés 2011.

Laurent Fournier: Pierre Fournier. In: Cédric Biagini, David Murray, Pierre Thiesset: Aux origines de la décroissance. Paris: L’échappée 2017.

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Aktuelle Berichte

Räume für die Postwachstumsgesellschaft

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„However, most planners practice as if people were merely seekers of material comfort – economic men and women – and give little attention to human desires to live meaningfully, securely, and attached to significant others. Apparently, professional planning education and socialization promote amnesia, encouraging students and practitioners to forget what they know about their own desires when they think about clients, constituents, and colleagues, and to see people as one-dimensional seekers of physical well-being”.
(Baum 2017: 306)

Postwachstumsgesellschaft und räumliche Planung sind bisher wenig gemeinsam gedacht worden, obwohl beide Diskussionen zunehmend alle Menschen in den Mittelpunkt stellen. Das gemeinsame Ziel lebenswerter Städte für und durch alle Menschen ist Grund genug, neue Brücken zu schlagen.

Stadtplanung und die Räume, Akteure und Prozesse einer Postwachstumsgesellschaft zusammenzubringen ist der Anlass für eine Initiative der Regionalgruppe NRW im Jungen Forum der Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL).

PWRäume1

Auf der Suche… (Foto: Christian Lamker)

Mögliche Räume einer Postwachstumsgesellschaft sollten anders erschlossen, erlebt und erfühlt werden. Als Auftakt für ein dreiteiliges Ideen-Labor haben sich am 18. Mai 2017 in Essen 13 Personen für drei Stunden ganz auf die Wahrnehmung städtischer Räume eingelassen und sich mit ihren Sinnen auf die Reise zu neuen Rauminterpretationen gemacht.

Was macht die Menschen einer Stadt glücklich? Ohne Wachstum braucht es eine positive Erzählung der gewünschten Entwicklung für den Gesamtraum und für jede Bewohnerin und jeden Bewohner, die inspiriert und motiviert. Die Abkehr von klassischem Wachstumsdenken bietet den Anlass, über Planung auch verstärkt aus emotionaler und künstlerischer Perspektive nachzudenken, alternative Geschichten über den Erfolg zu entwickeln und dabei gemeinsam zu lernen. Wer verfügt heute und zukünftig über die Macht in einer Stadt? Wie können unterschiedliche Entwicklungen über räumliche, institutionelle und mentale Grenzen hinweg ausgeglichen werden?

Wir nehmen unsere Städte mit allen für uns verfügbaren Sinnen auf: Sehen, Hören, Riechen, Tasten und Schmecken. In den meisten Situationen sind wir uns nicht bewusst, wie unsere Sinne zusammenwirken und schließlich unsere Wahrnehmung eines Ortes prägen und sich zu einem persönlichen und emotionalen Bild des Raums verdichten. Glücklich machen uns sprichwörtlich Situationen, die wir mit allen Sinnen genießen können. Unsere Wahrnehmung und positive wie negative Gefühle entwickeln sich in uns aus vielfältigen Sinneseindrücken und unserer eigenen Interpretation, die auf Erfahrungen basiert. Welche Sinne aber sprechen städtische Räume tatsächlich an? Sieht die lebenswerte Stadt für mich schön aus? Hört sie sich gut an? Riecht sie gut? Fühlt sie sich gut an? Oder schmeckt sie gut? Weiter gefragt: Sind die von uns belebten und geplanten Räume mit allen Sinnen attraktiv? Wie wirken Sinneseindrücke auf unsere Emotionen und Handlungen? Wo grenzen Raume durch Sinnesreize bestimmte Personen und Handlungen aus?

In vier Teams ging es los. Jedes Team hatte die Aufgabe, sich den Raum nur mit jeweils einem Sinn zu erschließen. An drei Stationen wurde der Raum visuell betrachtet, gehört, gerochen und ertastet. Die Eindrücke haben ihren Weg in spontane Skizzen, Markierungen auf Karten und Stichpunkte gefunden. Der Weg brachte uns von der neuen ThyssenKrupp-Zentrale bis zum Niederfeldsee in Essen-Altendorf. Zu jedem Sinn haben die Teams angepasste Hinweise bekommen: Handlungsanleitungen zur Raumerkundung, Hinweise zu Möglichkeiten der Erfassung und Dokumentation sowie eine Einleitung in die Bedeutung ‚ihres‘ Sinns.

PWRäume3

Beispiele: Tasten (oben), Hören (unten)

PWRäume2

In der gemeinsamen Diskussion in lockerer Atmosphäre wurden die Sinneseindrücke und Raumwahrnehmungen wie ein Puzzle neben-, über- und untereinandergelegt. Für jeden lag ein anderes Teil oben, jedes Teil prägte ein anderes Gefühl. Eine visuell einheitliche große Fläche wie vor dem ThyssenKrupp-Hauptquartier gliedert sich nach ihrem Geruch in kleine unterschiedliche Abschnitte: Holz, Farbe, Abendessen. Chaos und Unordnung produzierten vielschichtige und abwechslungsreiche Sinneseindrücke, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Orte lenkten und zur Auseinandersetzung mit dem Ort anregten. Offen blieb die Frage, wie viel Chaos wir mit allen Sinnen ertragen. Spannende Erkenntnis für uns: Die (für Planer/innen) ungewöhnliche Herangehensweise an Räume war eine ideale Basis, um kreativ, unabhängig von Vorerfahrungen und gleichberechtigt die individuellen Eindrücke in die Gruppe einzubringen.

Den Abschluss bildete der Ausblick darauf, wie Planung in Verbindung mit den gewonnenen Eindrücken steht. Die erlebten Räume wurden planvoll hergerichtet. Ziel war es, unseren vorgefertigten Eindruck beiseite zu schieben und einzutauchen in die Art und Weise, wie wir diesen Raum erleben. In Essen fanden wir Geruchsräume, ertasteten Stadtstrukturen, erspähten Verborgenes und ließen uns von Motorengeräusche und Vogelgezwitscher leiten. Unser Fazit: Ein Experiment, das neue Perspektiven auf Stadt und Planung öffnet. Unsere Empfehlung: Unbedingt ausprobieren!

Die Diskussion wird an zwei Terminen mit neuen Orten, anderen Herangehensweisen und weiteren Fragen fortgesetzt: am 29. Juni in Dortmund und am 21. September 2017 in Wuppertal. Informationen und Anmeldung unter www.postwachstumsplanung.de. Wir bleiben dran an der #postwachstumsplanung – mit euch allen!

 

Quelle: Good, Ryan et al. (2017). Confronting the challenge of humanist planning. Planning Theory & Practice, 18(2): 291–319.

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Standpunkte

Öko-Hedonismus als Ansatz für Suffizienz?

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Seit Mitte Mai läuft in den Kinos der Film „Beuys“, eine Dokumentation über den Künstler Joseph Beuys und sein Werk. Eine seiner zentralen Aussagen lautet: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Kunst ist im Sinne Beuys nicht als etwas, mit dem man sein Wohnzimmer dekoriert, sondern als Freiheit und selbstbestimmtes Leben zu verstehen. Damit widersetzt er sich nicht nur dem bürgerlichen Verständnis von Hochkultur und Kunst, sondern bietet eine lebensphilosophische Perspektive, deren Bedeutung auch im Kontext der Debatte um eine Postwachstumsgesellschaft von großer Relevanz ist.
Kunst als Lebensweise jenseits einer Wachstumsgesellschaft visiert eine qualitative Entwicklung an, für die eine fortwährende materiell-quantitative Entwicklung nicht förderlich, sondern eher hinderlich ist, da sie zu viel Zeit, Aufmerksamkeit und anderweitige Ressourcen beansprucht. Somit bezieht sich eine entsprechende Lebensweise nicht in allen Ausformungen direkt auf das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, welche dringend eine Abkehr vom ewigen Wachstum fordert, indirekt trägt sie aber dazu bei und bietet somit eine nötige Erweiterung der Perspektiven auf eine Lebensweise in der Postwachstumsgesellschaft.

Selbstentgrenzung statt Askese

Wie wäre es also, für Suffizienz nicht mit der Aussage „weil wir die Erde retten müssen“ zu werben, sondern mit „weniger arbeiten, mehr faul rumliegen“? Es würde die Debatte bereichern, es würde Menschen ansprechen, die mit der Idee von Verzicht ihre Probleme haben und es würde an der Grundideologie unserer Gesellschaft, der protestantischen Ethik und ihrem Leistungsparadigma rütteln, auf der letztendlich die Wachstumsgesellschaft aufbaut. Hier liegt auch ein Problem der Argumentation der Öko-Askese: Zu verzichten wurde schon immer von Herrschenden propagiert um materielle Armut zu legitimieren und auch in der kapitalistischen Wirtschaftsweise liegt weiterhin viel Verzicht. Grundbedürfnisse werden zunächst zugunsten eines Produktionsregimes reguliert, um dann später per Konsumakt kompensatorisch befriedigt zu werden. Dies hat schon vor langer Zeit die Kritische Theorie richtig benannt. Deren Ansätze weiter zu denken ist geboten, zumal das Thema Ökologie damals noch wenig Berücksichtigung fand. Eine Selbstbegrenzung aus Gründen der Nachhaltigkeit ist zwar sachlich richtig, aber für viele Menschen nur bedingt attraktiv, da ihr Leben bereits voll von Selbstbegrenzungen ist, um im System mithalten zu können. Der Gegenentwurf ist eine Selbstentgrenzung, die sich von vielen Beschränkungen der materialistischen Lebensweise, welche vorwiegend von Produktion und Konsum bestimmt ist, zu befreien – und ein interessantes Leben zu schaffen. Dies mag für manche im Gärtnern und Reparieren liegen, für andere im Lesen und Schreiben, für wieder andere im reinen Sein des Müßiggangs. Dieser wird sich Sport und Spiel widmen wollen, jene der Musik, andere wiederum der Kunst. Es wird viele Leute geben die noch mehr Zeit auf Technoparties verbringen wollen, nächtelang am Computer sitzen oder dem Motorsport fröhnen. Nicht alles wird unmittelbar umweltfreundlich und naturverbunden sein – aber insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Gesamtressourcenverbrauch reduziert wird, der das Kernproblem der Nachhaltigkeit darstellt.

Der homo oeconomicus in der Hängematte

Die meisten Ansätze zu einem selbstbestimmten, interessanten, freudevollen Leben führen aus der gängigen materialistischen Lebensweise heraus, da sich eigentlich der Aufwand für das Warenglück nicht lohnt. Rein logisch wäre der homo oeconomicus beim heutigen Stand der Technik eigentlich ein Faulenzer und Lebenskünstler.

Ich schlage vor, diesen Ansatz unter dem Arbeitstitel „Öko-Hedonismus“ weiter zu erforschen. Unter der Maßgabe, dass alles was Freude bringt (Hedonismus) erstrebenswert sei, wobei die Maßgabe einer nachhaltigen Entwicklung (Öko) nicht außer Acht zu lassen ist. In der genaueren philosophischen Auseinandersetzung ergibt sich die ökologische Komponente eigentlich direkt aus dem Hedonismus, da Nachhaltigkeit ja die Grundlage für die Freude sichert – aber als Schlagwort klingt Öko-Hedonismus aufregender. Kunst, Kultur, Lebenskunst – hier liegt ein großes Potential mit dem Thema „Glück“ zur Herausforderung der „Nachhaltigen Entwicklung“ beitragen zu können.

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Rezensionen

„Die Utopie freier Arbeit“

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Arbeitszeitverkürzung als Weg, um aus der sozialen Krise herauszukommen? Michael Hirsch entwirft in seinem Buch „Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft“ Ideen für eine neue Gesellschaftsordnung und sucht nach einer „zeitgemäße[n] Antwort auf die Frage nach dem guten Leben“. Die Grundordnung der Vollzeitbeschäftigung als „normaler“ und vom Staat gewünschter Lebensentwurf soll ersetzt werden durch eine neue emanzipatorische Grundordnung der kurzen Vollzeit, die ohne einen neuen Geschlechtervertrag nicht denkbar ist.

Hirsch zeigt, wie die Arbeits- und Sozialpolitik, die Familien- und Geschlechterpolitik, aber auch Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturpolitik auf der Vollzeitnorm aufbauen und kommt zu dem Ergebnis: Wir brauchen einen Ausweg aus der Herrschaft der Ökonomie.

Primat der Arbeit

Vollzeitbeschäftigung ist die Norm. Nicht nur als Lebensentwurf und Gestaltung der eigenen Biographie. Auch als anerkannter und erstrebenswerter sozialer Status, auf den der aktivierende Wohlfahrtsstaat setzt und das Bildungssystem aufbaut. Ziel ist immer die (Zwangs-)Integration in den Arbeitsmarkt. Aber: Arbeitsverhältnisse werden knapper und unsicherer, Löhne werden niedriger und soziale Ungleichheiten verstärken sich. Menschen, die nicht berufstätig sind, werden von der Gesellschaft ausgeschlossen. Menschen, noch immer vor allem Frauen, die Betreuungsarbeit verrichten, haben Lohneinbußen und erfahren mangelnde soziale Anerkennung. Wo bleibt die Freiheit der/des Einzelnen? Und die Freiheit, eine Biographie zu wählen, die nicht von Erwerbstätigkeit geprägt ist, in der bürgerliches Engagement kein „Add-On“ ist oder in der Familienarbeit nicht „vereinbar“ sein muss? Michael Hirsch argumentiert in seinem Buch für eine neue emanzipatorische Gesellschaftsordnung, die nicht Vollzeiterwerbstätigkeit als Grundlage hat, für ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine „Care-Revolution“. Denn: „Über die eigene Arbeits- und Lebenszeit verfügen, heißt in letzter Instanz über das eigene Leben verfügen“. Er plädiert dafür, klassische Erwerbsarbeit einzusparen und Arbeitszeit und Einkommen gerecht zu verteilen.

 „Nicht-Arbeitszeit für alle“

Hirsch argumentiert zunächst für ein bedingungsloses Grundeinkommen und ein Bürgerrecht auf soziale Sicherheit und Zugehörigkeit. Wer ein Einkommen hat, kann Bürgerarbeit und Familienarbeit nachgehen – Nichterwerbstätigkeit würde anerkannt und Vollzeitbeschäftigung überwunden. Gleichzeitig wird die Angst vor Arbeitslosigkeit aufgehoben und so die soziale Unsicherheit. Staatliche Beschäftigungsförderung wird dann nicht mehr als wirtschaftspolitische Strategie umsetzbar, stattdessen müssten Formen außerhalb der Erwerbstätigkeit anerkannt werden. Der aktivierende Sozialstaat weicht einem Sozialstaat mit einer „sozialen Einkommensgarantie“.

Universelle Betreuungsarbeit nach Nancy Fraser

Vor allem geht es Hirsch aber um einen neuen Geschlechtervertrag: In einer Ordnung, in der Vollzeitbeschäftigung die Norm ist und auch die weibliche Beschäftigungsrate gesteigert werden soll, sind ohne veränderte Rollenbilder immer noch Frauen diejenigen, die familiäre Tätigkeiten übernehmen und daher doppelt benachteiligt werden. Die Übertragung des männlichen Lebensmodells auf die Frauen führt zu Lohneinbußen und mangelnder sozialer Anerkennung. Um auf dieses Problem eine Antwort zu formulieren bezieht sich Hirsch auf Nancy Frasers Modell der „universellen Betreuungsarbeit“. Sein fortschrittlicher Gegenentwurf erkennt unbezahlte Betreuungsarbeit als gleichgestellt zu bezahlter Arbeit an. Hirsch fordert, das weibliche Lebensmodell auf die Männer zu übertragen: Betreuungsaufgaben und Erwerbstätigkeiten zu erbringen und anzuerkennen. Dies führe zu einer gleichen Anerkennung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und zur gleichen Beteiligung von Frauen und Männern. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung, um für eine kurze Vollzeit zu argumentieren.

Mit Arbeitszeitverkürzung zu einem guten Leben

Hirsch bezieht sich auch auf ökologische Zusammenhänge und betont einmal mehr, dass eine hohe Produktion mit hohem Konsum und Energieverbrauch einhergeht. Er fordert Genügsamkeit und weniger Wachstum. Hirsch zeigt auf, dass Bildung aktuell primär der Arbeitskraftbildung und Qualifikation dient, aber die Menschen dazu befähigen sollte, freie Entscheidungen zu treffen.

Hirsch argumentiert aus feministischer, ökologischer und sozialer Sicht für eine Arbeitszeitverkürzung. Er zeigt Auswirkungen des Paradigmas der Vollzeiterwerbstätigkeit auf unterschiedlichen Ebenen auf. Seine Ideen sind nicht neu, aber er liefert einen guten Überblick über die hier vorgebrachten Argumente, bringt verschiedene Konzepte zusammen und zeigt den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Politikfeldern auf. Die ökologische Perspektive kommt dabei etwas zu kurz, da der Fokus vor allem auf der emanzipatorischen Perspektive und einem bedingungslosen Grundeinkommen liegt. Die Qualität liegt aber darin zu zeigen, dass der Weg in eine neue soziale Ordnung nur erfolgreich sein kann, wenn ein Umdenken in allen Bereichen geschieht. Hirschs Buch kann auch als praktische Anleitung für die Umsetzung dienen. Seine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem guten Leben lautet: Arbeitszeitverkürzung.

Hirsch, Michael: Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft. Eine politische Philosophie der Arbeit. 2016. Springer, Wiesbaden, 256 Seiten.

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Aktuelle Berichte

Fragen eines alternativen Lebens

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Erster Berliner Postwachstums-Slam

Eine Bühne, sieben Slammer/innen, je zehn Minuten Zeit für Postwachstum. Am 14. Juni 2017 fand in den Kreuzberger Prinzessinnengärten der erste Postwachstums-Slam statt. Das Wachstumsparadigma als politisches Leitmotiv, Meditation als Ausweg aus der Konsumgesellschaft oder die Rolle konvivialer Technik in der Postwachstumsgesellschaft – viel Anregung für ein Leben nach dem Wachstum. Der Slam wurde organisiert von IÖW, Netzwerk n, Fairbindung und dem Förderverein Wachstumswende.

34511335193_2b172cd9ea_oDie Beiträge des Abends waren bunt gemischt: Ergebnisse praktischer Studien und theoretische Forschungsarbeiten, aber auch poetische Slamtexte beleuchteten Postwachstum von allen Seiten. Auf Nachfrage der Moderatorin Josefa Kny von der Stiftung Futurzwei konnten alle Slammer/innen beschreiben, wie ihr Leben in der Postwachstumsgesellschaft aussähe. Häufigste Antwort: keine Vollzeitstelle mehr annehmen und bewusster konsumieren.

Zu Beginn stellte Matthias Schmelzer die Geschichte des Wachstumsparadigmas und dessen Kritik vor. Der Fokus der Politik auf Wachstum sei unangebracht, sind doch die ökologischen Grenzen längst überschritten. Das Paradoxe daran: „Je weniger Wachstum es gibt, desto stärker der Fokus darauf“.

„Weniger Superhelden und mehr Teddybären.“

Sonja Geiger von der TU Berlin stellte ihr Forschungsprojekt vor und fragt sich, ob die Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein, nachhaltigem Konsum und tatsächlichem immer noch oft umweltschädlichem Handeln durch Meditation verringert werden kann. Mindestens könne regelmäßiges Meditieren dazu führen, dass man zufriedener wird, mit dem was man hat. Für Meditation und einen Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft hat auch Jan Peter Schulz argumentiert. Das nach immer mehr, weiter und höher strebende Individuum wurde zum Vorbild und die Gesellschaft produziere einen Druck, immer Superheld zu sein. Es sei stattdessen an der Zeit, sich selbst nicht länger als „Mangelwesen“ zu verstehen und das „Jetzt“ mehr wertzuschätzen. Kurz: „Wir brauchen weniger Superhelden und mehr Teddybären.“

Konviviale Technik, unternehmerische Freiheit und Gedichte für Aussteiger

Hermine Bähr forderte einen lebendigen Diskurs innerhalb und außerhalb der Wissenschaft, damit die Forschung tatsächlich zum Wandel beiträgt. Mit mehr praktischen Beispielen gäbe es auch mehr Geschichten, die unsere Wahrnehmung und Vorstellungen prägen. Auch IÖW-Fellow Jana Gebauer wünscht sich, dass sich die Wahrnehmung verändert: Vor allem KMUs sind bereits viel unabhängiger vom Wachstum, als ihnen zugeschrieben wird. Sie entscheiden sich bewusst gegen Wachstum, um stattdessen mehr unternehmerische Freiheit bei zu behalten.

34511339223_6aa367e0b9_oAndrea Vetter vom Konzeptwerk Neue Ökonomie erklärte die Idee von konvivialer Technik und die techno-imaginären Möglichkeiten einer Postwachstumsgesellschaft: Was soll Technik in einer Postwachstumsgesellschaft bedeuten? Sie stellte klar, dass es möglich ist, Technologien lebensfreundlich – also konvivial – zu gestalten.

Bastian Geiken trug drei Gedichte vor, in denen der Wunsch danach durchklang, etwas zu ändern und aktiv zu werden: „Protest ist tausendmal besser als nur hochnäsig dahin zu reden.“ Das Publikum und die Slammer/innen waren sich einig: Jede/r selbst hat die Möglichkeit, die Welt zu verändern.

Fotos © Nicolai Herzog

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Mitteilungen

Zehn Minuten Postwachstum

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Der Postwachstums-Slam greift das Format „Science Slam“ auf. Dieser bietet, genau wie das Vorbild Poetry Slam, eine Bühne zum Präsentieren der eigenen Arbeit. Doch beim Postwachstums-Slam stellen sich keine Schriftsteller/innen mit selbst geschriebenen Texten vor, sondern Nachwuchswissenschaftler/innen. Statt im kahlen Hörsaal präsentieren die Teilnehmenden in gemütlich-grüner Atmosphäre ihr Forschungsthema oder Erkenntnisse aus der Praxis. Sie haben zehn Minuten Zeit, um die eigene Arbeit so verständlich, anschaulich und ansprechend wie möglich vorzustellen.

Entgegen gängiger Formate soll es beim Postwachstums-Slam aber nicht darum gehen, im Wettstreit den oder die beste/n Slammer/in zu prämieren! Stattdessen soll ein wertschätzender Raum geschaffen werden, um mit und voneinander zu lernen sowie neue Erkenntnisse und inspirierende Impulse in die Breite zu tragen.

Am Slam nehmen teil:

  • Sonja Geiger (TU Berlin): Vom Kissen aus die Welt retten? Wie uns meditieren nachhaltiger macht
  • Michael Berning: Buen Vivir und BNE - Impulse für eine gute nachhaltige Bildung
  • Jan Peter Schulz: Jedes Märchen braucht eine Heldenfigur- Zur Rolle der Bürger/innen in der Postwachstumsgesellschaft
  • Hermine Bähr: Degrowth-Stories: Kraftvolle Geschichten für eine Welt im Wandel
  • Andrea Vetter (Konzeptwerk Neue Ökonomie): Konviviale Technik
  • Matthias Schmelzer (Konzeptwerk Neue Ökonomie): Das Wachstumsparadigma: Geschichte, Hegemonie, Alternativen

Organisiert wird der Postwachstums-Slam von FairBindung e.V., dem Förderverein Wachstumswende e.V., dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und dem netzwerk n e.V., die sich allesamt auf unterschiedliche Weise dafür einsetzen, Alternativen zum vorherrschende Wachstumsparadigma zu untersuchen, zu stärken und zu verbreiten: In der Schule, an den Hochschulen und in der Wissenschaft sowie in der breiten Öffentlichkeit.

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Mitteilungen

Call for Participation: VÖW Herbstakademie

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Wie können nachhaltige Lebensstile oder Produktionsformen mittels Digitalisierung ermöglicht werden? Wann wird durch Digitalisierung riskiert, dass Energie- und Ressourcenverbräuche oder soziale Ungleichheit zunehmen?

Digitalisierung im Grünen

Im Fokus der von der Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW) gemeinsam mit der Forschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ organisierten Herbstakademie stehen die Chancen und Risiken der Digitalisierung für eine nachhaltige Gesellschaft. Sie findet vom 4. bis 8. Oktober 2017 in Berlin statt.

Anhand der Themen Mobilität, Energiewende und Zeitwohlstand werden Potenziale und Herausforderungen der Digitalisierung wissenschaftlich erarbeitet und praktisch erfahrbar gemacht. Außerdem sollen mögliche Pfade für eine sozial-ökologische Transformation ausgelotet werden.

Call for Participation geöffnet

Das Rahmenprogramm der Herbstakademie wird die Chancen und Risiken der Digitalisierung für eine sozial-ökologische Transformation beleuchten. Innerhalb dieses Rahmens besteht die Möglichkeit, sich über mehrere Tage hinweg in drei parallelen Tracks intensiv mit einzelnen Themenfeldern auseinanderzusetzen:

A) Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation (Rahmenprogramm)

B) Digitalisierung der Energiewende (Track 1)

C) Digitale Mobilität (Track 2)

D) Zeit-Rebounds durch Digitalisierung (Track 3)

Noch bis 15. Juni 2017 sind (Jung-)Wissenschaftler/innen als auch politische Aktivist/innen und Praktiker/innen aus der Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsszene dazu eingeladen, sich für die diesjährige Herbstakademie bewerben. Schicken Sie dazu bitte das ausgefüllte Bewerbungsformular an info@voew.de. Bis Mitte Juli wird über eine Annahme entschieden.

Informationen zur Teilnahme

Die Herbstakademie findet im Gästehaus auf der Insel Schwanenwerder in Berlin statt. Die Unterbringung erfolgt in Mehrbettzimmern. Eine barrierefreie Unterbringung kann nach Anmeldung gewährleistet werden. Bei ausreichender Nachfrage kann Kinderbetreuung ggf. organisiert werden.

Der Teilnehmerbeitrag für die Herbstakademie beträgt 120 EUR (90 EUR für VÖW-Mitglieder) und beinhaltet Teilnahmegebühr sowie Kost und Logis. An- und Abreise müssen von den Teilnehmenden selbständig organisiert und getragen werden. In Fällen sozialer Härte werden wir versuchen, eine gemeinsame Lösung zu finden.

 

Mehr Informationen zur Akademie: www.voew.de/herbstakademie

E-Mail an die Organisator*innen: info@voew.de

Mehr Informationen zur Forschungsgruppe: www.nachhaltige-digitalisierung.de

Organisator/innen

Forschungsgruppe Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation

Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung (VÖW)

Kooperationspartner/innen

TU Berlin, Fachgebiet Arbeitslehre/ Ökonomie und Nachhaltiger Konsum (ALÖNK)

Universität Bremen, Fachgebiet Resiliente Energiesysteme (FGRES)

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Rezensionen

Postwachstum zwischen Mikropraktiken und Makropolitik?

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Warum ist Suffizienzpolitik nicht automatisch emanzipativ, sondern kann durchaus repressive Züge haben? (von Winterfeld: 65) Welche Gegenvision zu jetzigen Fehlentwicklungen hält das konvivalistische Manifest bereit? (Adloff: 154) Was ist Eigenzeit und wie hängt sie mit Zeitpolitik zusammen? (Reheis: 160) Warum reduziert ein ökologisches Grundeinkommen das „Haben-Müssen“ und fördert das „Sein-Können“? (Schachtschneider: 201) Welche Impulse setzt die EU bereits heute für solidarische Unternehmensformen? (Bender/Bernholt: 260) Inwiefern verharren wir aktuell in einem „Krankheitswesen“ und wie können wir zu einem „Gesundheitswesen“ gelangen? (Studer: 282) Und weshalb sollte eine Wirtschaftsförderung 4.0 die „Regionalwirtschaft und kooperative Wirtschaftsformen“ unterstützen? (Kopatz: 305)

Wer spannende Argumente zu diesen Fragen wissen möchte, sollte unbedingt den im oekom verlag erschienenen und von Frank Adler und Ulrich Schachtschneider herausgegeben Sammelband Postwachstumspolitiken. Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaftlesen.

In ihrem Buch lassen die Herausgeber 30 Autor/innen aus Theorie und Praxis zu Wort kommen und widmen sich der übergeordneten Frage, welche Politiken, Strategien und Akteur/innen eine große Transformation hin zu einer wachstumsunabhängigen Gesellschaft vorantreiben können. Das in drei Themenkomplexe unterteilte Fachbuch beschreibt dabei nicht nur konkrete Maßnahmen in verschiedenen Politikfeldern, sondern sucht auch nach möglichen Kooperationen und erörtert, wie die Mikroebene - die „Nischenprojekte der Postwachstumspioniere“ (Flemming: 138) - mit der Makroebene, also den politischen Rahmenbedingungen, zusammenwirken (sollte). So beschreibt das Buch verschiedene Aspekte einer neuen Politik, die eine umfassende Erneuerung bisheriger Lebensweisen anstoßen soll, um so zu einer bedürfnisorientierten, resonanzfähigen und kooperativen Gesellschaft jenseits des Wachstumsdogmas zu gelangen.

Mit diesem Buch schließen die Herausgeber eine zentrale Lücke im bisherigen Postwachstumsdiskurs: Sie zeigen auf, wie sich die praktischen Postwachstumsideen von heute mit konkreten Politikmaßnahmen vereinen ließen, sodass der schrittweise Übergang in eine Postwachstumsgesellschaft gelingt. Denn der „hegemoniale gesellschaftliche Block für ein »Weiter« mit Wachstum kann [...] nicht einfach nur von oben oder nur von unten aufgelöst werden“ (Adler/ Schachtschneider: 10), sondern braucht „eine breite Allianz von sehr unterschiedlichen Akteuren“ (Adler/ Schachtschneider: 22).

Ähnlich vielfältig wie die durch die Beiträge abgedeckten Themen sind auch die Hintergründe der Autor/innen: So schrieben u.a. Soziolog/innen und Sozialwissenschaftler/innen wie auch die Herausgeber Adler und Schachtschneider, als auch Philosoph/innen, Politikwissenschaftler/innen und Volkswirte mit. Praxisexpert/innen aus der Zivilgesellschaft ergänzen die Theoretiker/innen. So wird insgesamt ein breites Wissensspektrum abgedeckt.

Titel_Schachtschneider_Postwachstumspolitiken_4cAnders als bisherige Publikationen zum Thema Postwachstum, wie beispielsweise Jacksons „Prosperity Without Growth“ (2009) oder Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft von Seidl/ Zahrnt (2010) thematisiert „Postwachstumspolitiken“ deutlich mehr die notwendige Wechselwirkung zwischen „Mikropraktiken“ und „Makropolitik“ (Adler/ Schachtschneider: 10) und versucht damit hervorzuheben, dass eine große Transformation nur durch eine schrittweise Machtverschiebung erfolgen kann, wobei dennoch heute schon wichtige Weichenstellungen in zahlreichen Politikfeldern erfolgen können.

Insgesamt blickt das Buch auf unterschiedliche Aspekte von Postwachstumspolitiken und stellt die Vielzahl der Potentiale und Hindernisse von politischen Maßnahmen und Nischenprojekten vor. Die Autor/innen zeigen nicht nur konkrete Handlungsfelder und -möglichkeiten auf, sondern benennen auch deutlich die Widerstände und Schwierigkeiten. Damit leistet „Postwachstumspolitiken“ einen wichtigen Beitrag zum Diskurs, deren Autor/innen man keinerlei idealistische Verklärung vorwerfen kann. Einzig kritisch anzumerken ist, dass Genderaspekte im Sammelband nur kurz umrissen werden, obwohl gerade von der feministischen Wachstumskritik interessante Impulse bspw. zur doppelten Externalisierung von Reproduktion und Natur ausgehen. Die Herausgeber thematisieren dieses Defizit jedoch explizit in ihrer Einleitung.

Trotz dieser kleinen Kritik, garantiert das Buch über alle Beiträge hinweg eine spannende Lektüre und ermöglicht den Leser/innen Denkanstöße auf verschiedenen Ebenen: auf der persönlichen und psychologischen, ebenso wie auf der politischen und wirtschaftlichen. Dabei sind die insgesamt 22 Beiträge nicht nur an eine bereits informierte Fachöffentlichkeit adressiert, sondern bieten auch für Menschen, die sich bisher nicht direkt mit Postwachstumsgedanken auseinandergesetzt haben, wertvolle Impulse und einen guten Überblick über die Breite und Tiefe des Diskurses.

Adler, Frank / Schachtschneider, Ulrich: Postwachstumspolitiken. Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft. 2017. oekom verlag, München, 328 Seiten.

 

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Mitteilungen

Kein Wachstum ist auch (k)eine Lösung

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„Was passiert mit unserer Wirtschaft und unseren Sozialsystemen, wenn das Wachstum ausbleibt? Ist es Motor oder Hemmschuh für einen ökologischen Umbau? Entspricht das Immer-mehr nicht dem menschlichen Wesen? Was ist mit den Menschen im globalen Süden?“

Diese und weitere Fragen werden Postwachstumsvertreter/innen häufig gestellt. Die vom Konzeptwerk Neue Ökonomie verfasste und von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Broschüre „Kein Wachstum ist auch (k)eine Lösung“ beleuchtet in dreizehn kurzen Kapiteln gängige Behauptungen, die rund um diese Fragen entstanden sind.

„Wie wird argumentiert? Was ist dran?“

Im ersten Teil dekonstruieren die Autor/innen klassische Argumente für mehr Wirtschaftswachstum bzw. für die vermeintliche Alternativlosigkeit des Wachstumsparadigmas. Im zweiten Teil widmen sie sich häufig geäußerter Kritik an wachstumskritischen Positionen - sei es Postwachstum, Degrowth oder Décroissance.

Die Publikation steht hier zum Download bereit.

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Standpunkte

Jacques Ellul: Global denken, lokal handeln

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Jacques Ellul gilt heute als einer der wichtigsten Vordenker der französischen Décroissance-Bewegung, die sich seit etwa der Jahrtausendwende formiert und mit der ich mich in meinem Buch „Der Schritt zur Seite“ beschäftige. Man kann Ellul nicht in eine Schublade stecken. So war er Widerstandskämpfer, Marx-Kenner und zugleich Antikommunist, was ihn von so vielen heute (noch) hochverehrten französischen Denkern unterschied, die trotz aller offensichtlichen menschlichen und Umweltverbrechen unter Stalin und darüber hinaus den UdSSR-Kommunismus als alleinige Alternative zum Kapitalismus sahen.

Er war libertär, dem Geiste nach den Situationisten nahestehend und Guy Debord freundschaftlich verbunden, zugleich aber auch gläubiger Christ, was eine Aufnahme in Debords engen Zirkel in dessen Augen unmöglich machte. Aktiv und „lokal“ hat sich Ellul gegen die Verschandelung der französischen Regionen durch Industrie, Infrastruktur, Tourismus und generell den „Fortschritt“ zur Wehr gesetzt. Theoretischer und „global“ hat er als Autor von Dutzenden größeren Veröffentlichungen schon früh Phänomene und Zusammenhänge beschrieben, die erst später, zum Teil erst heute, ihre katastrophalen Folgen zeigen – moderne Propaganda, Globalisierung, Atom-, Nano- und Gentechnik, „Fortschritt“ als Religionsersatz, die Gleichformung des Menschen, die Rolle des Staates, kurz: den „technologischen Totalitarismus“, mit all seinen psychologischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen.

Vor allem blieb er sein Leben lang seinen Überzeugungen treu und war niemals auf akademische oder mediale Ehren aus. Leidlich bekannt geworden ist er zunächst in den USA, nachdem dort sein erstes Buch La Technique durch Vermittlung von Aldous Huxley übersetzt und veröffentlicht worden war. Entsprechend bedeutsam ist auch heute noch die Beschäftigung mit seinen Schriften im englischsprachigen Raum. In seiner Heimat Frankreich wird er gerade erst (wieder)entdeckt, nicht zuletzt als Autor des fast schon zur Marke gewordenen Spruchs „global denken, lokal handeln“.

13 Thesen zur "Technologie"

Es ist schwer, Elluls sehr umfangreiches Werk im Rahmen eines kleinen Artikels auf wenige greifbare Sätze herunterzubrechen. Der Ellul-Kenner Jean-Luc Porquet rechnet folgende zu Elluls wichtigsten und aktuellsten Analysen – der Begriff „Technologie“ (bei Ellul technique) ist hier als die Gesamtheit der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnis zu verstehen, ähnlich Lewis Mumfords „Megamaschine“:

1. Die Technologie macht die Zukunft unvorhersehbar.
Niemand weiß, wie die Welt in zwanzig Jahren aussehen wird. Ein Beispiel: 1965 hat Gordon Moore korrekt vorhergesagt, dass sich Rechnerleistungen und Chipkapazitäten alle anderthalb Jahre verdoppeln würden, aber niemand konnte sich noch vor wenigen Jahren die Folgen dieser Entwicklung ausmalen.

2. Die Technologie ist weder gut noch schlecht.
Das bedeutet nicht etwa, sie sei neutral und alles hänge von ihrer Anwendung ab. Ihre Entwicklung vollzieht sich jenseits aller Moral, die negative, militärische, unmenschliche Nutzung läuft parallel zur positiven.

3. Die Technologie wächst aufgrund ihrer inneren Logik unaufhörlich.
Zunächst voneinander unabhängige Entdeckungen und Entwicklungen verbinden und verstärken sich, führen zu neuen Entdeckungen und Anwendungen, man denke an die immer weiter um sich greifende Gen- oder Nanotechnologie. Was gemacht werden kann, wird gemacht.

4. Die Technologie schafft Probleme, die sie durch neue Technik zu lösen verspricht.
Egal ob Umweltverschmutzung, Klimawandel, Artensterben, Atommüll – alle großen und viele nur im Vergleich „kleine“ Probleme wie z.B. die Zivilisationskrankheiten sind Folgen der technologischen Entwicklung, und das vermeintlich einzige Heilmittel ist „mehr davon“.

5. Die Probleme der Technologie werden erst bewusst, wenn sie unentwirrbar und massiv sind.
Die von uns Industrienationen herbeigeführten Veränderungen (Klima, Gifte, Artensterben etc.) betreffen den ganzen Erdball; wir spüren die Auswirkungen unseres Handelns allerdings erst mit jahrelanger Verzögerung.

6. Die Technologie ist undemokratisch.
Niemand wählt den „Fortschritt“, im besten Falle werden wir informiert oder als Laien an einen runden Tisch voller Expert/innen und Entscheider/innen gebeten.

7. Die Technologie ist zur Religion geworden.
„Fortschritt“ und Wachstum sind Dogmen, wer sie kritisiert, ist Ketzer und wird medial geächtet.

8. Die Technologie stärkt den Staat, der wiederum die Technologie antreibt.
Ellul warnte die Umweltbewegung vor einer Politisierung im bestehenden System und generell vor wachsender Überwachung und Unterdrückung unter ökologischem Vorwand.

9. Die transnationalen Unternehmen sind Abkömmlinge der Technologie.
Zu Elluls Zeiten galt für die Chemie- und Pharmaindustrie das Gleiche wie heute für Google, Facebook oder Amazon: Der „Fortschritt“ bestimmt die Wirtschaft und umgekehrt, Staat, Gesellschaft und der Mensch in ihnen sind nachgeordnet.

10. Eine technologisierte Gesellschaft braucht Propaganda.
Der Staat „bildet“ die Meinung der Wähler, damit sie zu wollen meinen, was für sie entschieden wurde.

11. Werbung und technologische Irreführung („Bluff“) sind der Antrieb der technologischen Gesellschaft.
Werbung ist die Propaganda der Technologie- und Konsumgesellschaft. Ihre Milliarden finanzieren Rundfunkmedien und „freie“ Presse, ihre Inhalte formen Ansichten, Geschmäcker und Lebensstile.

12. Die Technologie macht alle Kulturen gleich; sie ist die eigentliche Globalisierung.
Egal ob im Nachbarland, in China oder bei „indigenen Völkern“, die vermeintlichen Segnungen der westlichen Industrie nivellieren über kurz oder lang alle kulturellen Unterschiede.

13. Die Technologie erschöpft die Naturvorkommen.
Was heute banal erscheint, wusste Ellul schon 1954: Der „Fortschritt“ stößt an natürliche Grenzen.

Damit sind, wie gesagt, Elluls Ideen gerade einmal angerissen. Man sieht, er gehört zweifellos zu den im positiven Sinne „radikalen“ Denker/innen, denen es nicht darum geht, techn(olog)ische Lösungen für ebensolche Probleme zu finden, sondern die Übel der modernen Welt von ihrer Wurzel (lat. radix) her zu verstehen. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens seine wichtigsten Werke bald der deutschsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht werden.

 

Illustration © Stéphane Torossian, aus dem Buch: Cédric Biagini, David Murray, Pierre Thiesset (Hg.): Aux origines de la décroissance. Cinquante penseurs. Paris: L'Echappée 2017.

Eine Langfassung des Artikels ist in der Nr. 59 der philosophischen Zeitschrift Lichtwolf erschienen (September 2017).

 

Französisch- und englischsprachige Auswahlbibliographie (nach Original-Erscheinungsdatum sortiert):

Money and Power. Trans. LaVonne Neff. Downers Grove, IL: InterVarsity, 1984. Basingstoke, England: Marshall Pickering, 1986. Eugene, OR: Wipf & Stock, 2009.
L’homme et l’argent (Nova et Vetera). Neuchâtel: Delachaux & Niestlé, 1954. Lausanne: Presses Bibliques Universitaires, 1979.
Reprinted in Le défi et le nouveau: œuvres théologiques, 1948–1991. Paris: Table ronde, 2006, 2007.

The Technological Society. Trans. John Wilkinson. New York: Knopf, 1964. London: Jonathan Cape, 1965. Rev. ed. New York: Knopf, 1967.
La technique, ou, l’enjeu du siècle. Paris: Colin, 1954. Paris: Économica, 1990, 2008.

Propaganda: The Formation of Men’s Attitudes. Trans. Konrad Kellen and Jean Lerner. New York: Knopf, 1965. New York: Random, 1973.
Propagandes. Paris: Colin, 1962. Paris: Économica, 1990, 2008.

The Political Illusion. Trans. Konrad Kellen. New York: Knopf, 1967. New York: Random House, 1972.
L’illusion politique. Paris: Robert Laffont, 1965. Paris: Livre de poche, 1977. Paris: Librairie Générale Française, 1977. Paris: Table ronde, 2004, 2012.

A Critique of the New Commonplaces. Trans. Helen Weaver. New York: Knopf, 1968. Eugene, OR: Wipf & Stock, 2012.
Exégèse des nouveaux lieux communs. Paris: Calmann-Lévy, 1966. Paris: Table ronde, 1994, 2004.

Métamorphose du bourgeois. Paris: Calmann-Lévy, 1967. Paris: Table ronde, 1998, 2012.

Les Chrétiens et l’État. With Jacques Jullien and Pierre L’Huillier. Tours: Mame, 1967.

Autopsy of Revolution. Trans. Patricia Wolf. New York: Knopf, 1971. Eugene, OR: Wipf & Stock, 2012.
Autopsie de la révolution. Paris: Calmann-Lévy, 1969. Paris: Table ronde, 2008.

De la révolution aux révoltes. Paris: Calmann-Lévy, 1972. Paris: Table ronde, 2011.

Hope in Time of Abandonment. Trans. C. Edward Hopkin. New York: Seabury, 1973. Eugene, OR: Wipf & Stock, 2012.
L’espérance oubliée. Paris: Gallimard, 1972. Paris: Table ronde, 2004.

The Ethics of Freedom. Trans. Geoffrey Bromiley. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1976. London: Mowbrays, 1976.
Éthique de la liberté. V. 1, Paris: Librairie Protestante, 1973. Geneva: Labor et Fides, 1973. V. 2, 1974. V. 3, Paris: Centurion, 1984.

The New Demons. Trans. C. Edward Hopkin. New York: Seabury, 1975. London: Mowbrays, 1975.
Les nouveaux possédés. Paris: Fayard, 1973. Paris: Mille et une nuits, 2003.

The Betrayal of the West. Trans. Matthew O’Connell. New York: Seabury, 1978.
Trahison de l’Occident. Paris: Calmann-Lévy, 1975. Paris: Princi Negue, 2003.

The Technological System. Trans. Joachim Neugroschel. New York: Continuum, 1980.
Le système technicien. Paris: Calmann-Lévy, 1977. Paris: Cherche-midi, 2004, 2012.

The Empire of Non-Sense: Art in the Technological Society. Trans. Michael Johnson and David Lovekin. Winterbourne, UK: Papadakis, 2014.
L’empire du non-sens: l’art et la société technicienne. Paris: Presse Universitaires de France, 1980.

The Humiliation of the Word. Trans. Joyce Main Hanks. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1985.
La Parole humiliée. Paris: Seuil, 1981. Paris: Table ronde, 2014.

Changer de révolution: l’inéluctable prolétariat. Paris: Seuil, 1982. Paris: Table ronde, 2015.

Anarchy and Christianity. Trans. Geoffrey Bromiley. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1991. Eugene, OR: Wipf & Stock, 2011.
Anarchie et Christianisme. Lyon: Atelier de Création Libertaire, 1988. Paris: Table ronde, 1998, 2001.

The Technological Bluff. Trans. Geoffrey Bromiley. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1990.
Le bluff technologique. Paris: Hachette, 1988, 1990, 2004. Paris: Pluriel, 2012.

What I Believe. Trans. Geoffrey Bromiley. Grand Rapids, MI: Eerdmans, 1989.
Ce que je crois. Paris: Grasset, 1987, 1989.

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