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Možemo! Degrowth-News aus Zagreb

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Die 9. Internationale Degrowth Konferenz fand in einer heraufordernden Krisenzeit statt. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die sich zuspitzende Klima- und Biodiversitätskrise, extremistische und populistische Bewegungen, Inflation, soziale Erschütterungen und Zukunftsängste setzen unsere demokratischen Gesellschaften unter erheblichen Druck. Zugleich befinden sich ambitionierte Umweltpolitiken in der Defensive und Verteilungskämpfe gewinnen an Schärfe. Immer mehr Bürger*innen wenden sich vom europäischen Einigungsprojekt ab. Nach Den Haag, Manchester, Malmö, Budapest, Leipzig, Venedig, Barcelona und Paris waren dieses Mal die Augen der Degrowth-Bewegung auf Zagreb gerichtet. 

Ein besonderer Ort 

In der kroatischen Metropole war die durchaus heterogene Degrowth-Community vom 29. August bis zum 2. September 2023 an einem besonderen Ort zu Gast. In einem Land mit erheblichen Transformationserfahrungen und -schmerzen, in einem Land, das dieses Jahr den Euro einführte und dem Schengen-Raum beitrat und zugleich über langanhaltende Wirtschaftsschwächen klagt. Das von vielen ausländischen Tourist*innen begeistert besucht wird und dabei gerade viele junge Menschen in seinen Bann zieht und auf der anderen Seite unter Abwanderung in andere EU-Staaten leidet. Besonders spannend fanden wir als Teilnehmende der Konferenz daher, dass auch aktuelle politischen Entwicklungen in der Stadt Zagreb auf der Konferenz aufgegriffen wurden. Leider war das für Kroatien insgesamt weniger der Fall.  

Možemo! 

Eines unserer persönlichen Highlights war es, die kroatische Partei – und vermutlich besser als Bewegung verstandene – “Možemo!“ („Wir können!“) kennenzulernen. Die Partei wurde 2019 als Sammlung von grünen und linken Bewegungen und Gruppen initiiert. Aufgrund der großen Unzufriedenheit schaffte sie es bereits 2021 die stärkste Fraktion im Stadtrat von Zagreb zu werden und gewann sensationell auch im gleichen Jahr die Wahl zur Bürgermeister*in. Insofern wundert es nicht, dass die Rolle von Städten in der Umsetzung von Postwachstumsansätzen sowie die urbane Perspektive auf Degrowth selbst ein Schwerpunkt der Konferenz war. So gab es neben den Reflektionen zur Situation in Zagreb auch viele spannende Inputs und Beispiele aus Barcelona, anderen katalanischen Kommunen, Paris, Grenoble, Kopenhagen oder niederländischen und schwedischen Gemeinden. Zudem wurden Perspektiven von Aktivist*innen aus Berlin geteilt. Interessant zu erleben war auch, dass sich immer mehr Städte ganz unterschiedlicher Größe mit dem Ziel der Klimaneutralität untereinander vernetzen (bspw. in Spanien das Netzwerk „citiES 2030“ oder in Schweden das „Viable Cities-Netzwerk“). Zudem wurde des „Municipal Degrowth Network“ vorgestellt, das eine Datenbank von Best Practices, Policies und Projektbeispielen aufbaut. Die vielen praktischen Beispiele zeigten eindrucksvoll wie viele Veränderungen bereits heute möglich sind.  

Strategie – ja, aber 

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt war die intensiven Diskussionen über verschiedene Strategien Degrowth- und Postwachstumsansätze stärker in die gesellschaftliche Umsetzung zu bringen. Hier wurden u. a. Überlegungen der Kolleg*innen von Degrowth Vienna intensiv besprochen. Insgesamt zeigte sich aber wie die letzten Jahre auch, dass zentrale (Herkules-) Aufgaben nach wie vor ungelöst sind. So wird Degrowth vor allem auf der Ebene der großen neu zu entwickelnden und verbindenden Narrativen sowie der überall in den Sessions anzutreffende fundierte Systemkritik (also der Metaebene) diskutiert. Und es gibt andererseits eine Vielfalt von Basisinitiativen, lokalen Beispielen und Experimenten (auf der Mikroebene), die prägend für die Degrowth-Community sind. Doch es fehlt noch an strategischen und praktischen Ansätzen, die auf die Ebene von konkreten Veränderungen der – wissenschaftlich ausgedrückt – „mittleren institutionellen Ebene (Mesoebene)“ ausgerichtet sind: Also auf bestehende nicht-nachhaltige „sozio-technischen Systeme“ in den zentralen gesellschaftlichen Bedürfnisfeldern wie Wohnen, Ernährung oder Mobilität mit ihren real-existierenden und zu transformierenden gesellschaftlichen (Groß-)Institutionen und Handlungslogiken.  

Die ganze Themenvielfalt im Blick 

Die Konferenz selbst konnte durch spannende Keynotes zu ganz unterschiedlichen Themenbereichen die Bandbreite der Diskurse innerhalb der Bewegung offenlegen. Über „Degrowth-Kommunismus“ von Kohei Saito über dekoloniale Kontexte von Roland Ngam bis zur Rolle der Utopie von Alexandra Köves war für unterschiedlichst Interessierte eine Menge informativer und anregender Beiträge vertreten. 

Sehr erfreulich zu beobachten war, dass es den ehrenamtlichen (!) Konferenzorganisator*innen vor Ort gelungen ist, viele de- und post-koloniale Perspektiven einfließen zu lassen und Speaker*innen aus vielen verschiedenen Weltregionen für eine Teilnahme zu gewinnen. Jedoch war es wieder so, dass der überwiegende Anteil der Teilnehmenden aus dem Globalen Norden (sowie vermutlich aus wenigen europäischen Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und Deutschland) anreiste, was gerade die am stärksten von der Klimakrise betroffenen Menschen marginalisiert repräsentierte. Hier hätten einige, sparsam dosierte Online-Formate eine Brücke schlagen können, die Zugänglichkeit zu erhöhen.  

Interessant empfanden wir als Transformationsforschende, die sich viel mit Governance-Fragen beschäftigen, dass wir in unserer Session kritisch hinterfragt wurden, ob wir politische Systeme und Handlungsansätze nicht zu stark aus den Blickwinkeln (mehr oder weniger gut) funktionierender westlicher Demokratien mit pluralen und starken zivilgesellschaftlichen Kräften denken. So könne es gut sein, dass viele Ergebnisse nicht auf andere europäische Länder ohne weiteres sinnvoll übertragbar sind. Wir denken, dass das eine der verschiedenen relevanten Leerstellen in der (gerade auch wissenschaftlichen) Debatte zu Postwachstum und Degrowth ist.   

Zu viel Konsens? 

Eine weitere Beobachtung von uns war, dass die Konferenz nur bedingt auf thematischen Dissens ausgelegt war. So waren keine Vertreter*innen einer Green-Growth-Agenda prominent in den Panels vertreten. Die Community blieb weitgehend unter sich, was aber in Krisensituationen durchaus verständlich ist. Vielleicht liegt darin auch begründet, dass das mediale Echo zur Konferenz leider bisher extrem verhalten war. Sehr erfreulich war aber, dass mit Philippe Lamberts (MdeP) auch ein maßgeblicher Protagonist der Debatte auf EU-Ebene mit einer Session präsent war und so ein direkter Link zur “Beyond Growth“ Konferenz 2023 in Brüssel hergestellt wurde.    

Die deutlichsten kritischen Worte fanden Menschen aus dem Globalen Süden, die sich für mehr als nur eine policy-basierte Veränderung des Status Quo aussprachen und antiimperialistische und anti-neokoloniale Forderungen stark machten 

Darüber hinaus blieben einige Debatten, die innerhalb der Bewegung insgesamt noch geführt werden müssen, teils unbeleuchtet. So wurden zwar Fragen zur Vereinbarkeit der Degrowth-Bewegung mit der politischen Linken prominent dargelegt, die Rolle des Staates an sich wurde jedoch weniger thematisiert. Ebenso wurden in Zagreb makroökonomische Forschungsthemen, gerade auch das Thema Wirtschaftswachstum im engeren Sinne, weniger beleuchtet und es fehlte uns im Allgemeinen an ergänzenden Perspektiven der Wirtschaftsforschung in einigen Debatten.  

Im Großen und Ganzen war die diesjährige Degrowth-Konferenz eine spannende und informative Erfahrung und vor allem auch für den Zusammenhalt für die vielen oft als Einzelkämpfer*innen oder in kleinen Gruppen in einer „feindlicher Umgebung“ agierenden Teilnehmenden. Zentral für weitere Schritte erscheint in der Retrospektiven eine stärkere Vernetzung, wie von Kohei Saito deutlich gemacht: „Das Verbinden von Grün und Rot“, um im politischen Kontext Kämpfe um Transformation zu verbinden und sich gegenseitig besser zu verstehen. Ein konkreter Beitrag hierfür war die Gründung eines International Degrowth Network im Vorlauf zur Konferenz.  

Den Atlantik im Blick  

Insofern richtet sich schon heute unser hoffnungsvoller Blick auf die nächste Degrowth-Konferenz bereits im nächsten Jahr in Pontevedra im spanischen Galizien. Das der traditionelle zweijährige Konferenzrhythmus nun intensiviert wird, ist ein weiteres ermutigendes Signal für die kommenden Monate. Es gibt also mehr als genug engagierte Menschen und fruchtbare Ideen um die nächsten Schritte zu gehen. Die zehnte International Degrowth Conference wird gemeinsam mit der 15. Conference of the European Society for Ecological Economics (ESEE) vom 18 – 21 June 2024 stattfinden. Die gemeinsame Konferenz soll dazu beitragen Pontevedra als die europäische Degrowth-Hauptstadt 2024 zu positionieren. Wir sind gespannt. 

 

Noch mehr Sessions der Konferenz zum Nachschauen finden sich hier. 

Transparenzhinweis: Alle Autor*innen des Artikels arbeiten in unterschiedlichen Funktionen am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. 

Malte Terzer ist studentischer Mitarbeiter am IÖW und hat zuvor Politikwissenschaften und Soziologie an der Goethe Universität Frankfurt am Main studiert. Derzeit ist er im M.A. Zukunftsforschung der FU Berlin eingeschrieben. Er beschäftigt sich mit Post-Kapitalismus und radikaler Transformationstrategie.

David Hofmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Er arbeitet u. a. zu den Themen alternative Wirtschaftsweisen, Postwachstum sowie zu Fragen der Wirtschafts- und Umweltpolitik. Seit 2011 ist er Redakteur des Blogs Postwachstum.de. Studiert hat er Volkswirtschaftlehre sozialwissenschaftlicher Richtung an der Universität Potsdam.

Jannis Niethammer ist im Bereich Justice, Equity and Democracy des ICLEI Europasekretariats tätig. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Integration von sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit in städtischen Transformationsprojekten. Zuvor studierte er M.Sc. Environmental Governance an der Universität Freiburg und arbeitete als studentischer Mitarbeiter im Bereich "Umweltökonomie und Umweltpolitik" des IÖW insbesondere zu Postwachstumsthemen.

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