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Transformationen hin zu nachhaltiger Arbeit

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In den letzten Jahren ist zunehmend deutlich geworden, dass die gegenwärtigen Arbeitsformen die Grundlagen für zukünftiges Arbeiten untergraben. Um einen Übergang hin zu einer nachhaltigeren Arbeit einzuleiten, setzen die hegemonialen Nachhaltigkeitskonzepte vor allem auf die Schaffung von ökologischeren Formen der Erwerbsarbeit im Rahmen einer weiterhin wachstumsorientierten und kapitalistischen Green Economy. Weitergehende Konzepte fordern dahingegen auf der Grundlage eines ausgeweiteten Arbeitsbegriffs, der auch unbezahlte Eigen-, Sorge- und Gemeinarbeit einbezieht, einen Übergang von einer derzeit auf Erwerbsarbeit basierenden Arbeitsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft ein (Seidl/Zahrnt 2019).

Kritisch anzumerken ist allerdings – und damit soll hier bewusst die Rolle des Advocatus Diaboli übernommen werden – dass mit der insbesondere im Postwachstumsdiskurs vorgenommenen Fokussierung auf Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit auch problematische Engführungen verbunden sind, welche zu einer Ausblendung von Innovationspotentialen innerhalb der Erwerbsarbeit sowie von sozialen und ökologischen Nebenfolgen der Transformation führen könnten.

Reproduziert die Kritik der Erwerbsarbeit soziale Hierarchisierungen?

Zu fragen ist zuallererst, inwiefern mit der Kritik der Erwerbsarbeit nicht implizit althergebrachte Hierarchisierungen und soziale Distinktionsmechanismen reproduziert werden. Rekurriert wird in der Debatte um den Übergang zu einer Tätigkeitsgesellschaft häufig auf Hannah Arendt und deren in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1958) vorgenommene Unterscheidung in drei Arten des Tätigseins: das dem Erhalt des Lebens dienende Arbeiten, das handwerklich-künstlerische Herstellen und das politische Handeln, das von ihr als die höchste Aktivitätsform angesehen wurde. Arendt wurde wiederum von Aristoteles inspiriert, der neben der als superior angesehenen Lebensform des bios theoretikos, die durch die Befreiung von der Last der Arbeit und die Möglichkeit zur Muße gekennzeichnet ist, das politische Leben als besonders erstrebenswert betrachtete. Als inferior und letztlich nur für Sklaven geeignet erschienen dahingegen die mit Körper und Materie verbundenen und dem bloßen Erwerb dienenden Arbeiten: „Deswegen bezeichnen wir ja auch die Fertigkeiten, die den Körper in Mitleidenschaft ziehen, und Lohnarbeiten als banausisch, denn sie berauben den Geist der Muße und machen ihn gemein.“ (Aristoteles 2005: 1337b6 ff.) Diese Hierarchisierung diente auch der sozialen Distinktion und der Legitimierung sozialer Ungleichheiten in der antiken Gesellschaft. Auch wenn die aktuelle Kritik der Erwerbsarbeit primär auf die Aufwertung reproduktiver Tätigkeiten abzielt, so ist doch zu bedenken, dass implizit auch soziale Distinktionsmechanismen, die von diesem antiken Erbe beeinflusst sind, ebenfalls eine Rolle spielen könnten und zu einer Vernachlässigung der Erwerbstätigen und ihrer spezifischen Situation führen.

Jede sozial-ökologische Transformationsstrategie zum Umbau der Arbeitsgesellschaft muss jedoch die Konsequenzen für die Erwerbstätigen mitberücksichtigen, um problematische soziale Nebenfolgen zu vermeiden. Gerade auch das aktuell aufgrund der Coronakrise durchgeführte Realexperiment eines (kurzfristigen und nicht intendierten) Übergangs zu einer Postwachstumsgesellschaft macht nicht nur Potentiale eines entschleunigten, suffizienteren Lebens und Arbeitens deutlich. Erkennbar werden auch die sozial sehr unterschiedlich verteilten Folgen einer disruptiven Ausbremsung der Erwerbarbeitsgesellschaft, welche die bereits bestehenden sozialen Ungleichheiten (z. B. zwischen prekär und ‚normal‘ Beschäftigten) eher noch verschärfen.

Arbeitszeitverkürzungen durch digitale Technologien?

Zu hinterfragen ist auch die im Postwachstumsdiskurs teils freudig übernommene These einer durch neue digitale Technologien ermöglichten Ersetzung von menschlicher Arbeit, bzw. von Produktivitätssteigerungen, welche eine Reduktion des Volumens der Erwerbarbeit ermöglichen würden. Entsprechende Verkündungen eines Endes der Erwerbsarbeitsgesellschaft in den 1980er Jahren erwiesen sich rückblickend betrachtet als zu vorschnell. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass die Produktivitätssteigerungen in der Industriegesellschaft durch den Einsatz der sog. ‚technischen Sklaven‘ mit einer erheblichen Steigerung des Ressourcenverbrauchs einhergingen. Ein erneuter Anstieg des Materie- und Energieverbrauchs, und nicht etwa eine smarte grüne Ökonomie, könnte auch die Folge der durch Digitalisierung ermöglichten Automatisierung sein. Ein „Ressourcenfluch 4.0“ (Pilgrim et al. 2017) ist insbesondere dann zu erwarten, wenn leibliche menschliche Arbeiter durch Roboter substituiert werden. Für einen Übergang zu einer postfossilen Gesellschaft könnte es daher sogar notwendig werden, dass in bestimmten Bereichen wieder vermehrt menschliche Arbeitskraft eingesetzt werden muss. Ob diese Arbeiten dann im Rahmen formeller Erwerbarbeit oder im informellen Bereich ausgeübt werden, ist zwar offen, es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Erwerbsarbeit weiterhin von Bedeutung sein wird.

In sozial-ökologischen Transformationskonzepten sollten daher auch Möglichkeiten einer über die Schaffung von Green Jobs hinausgehenden weitreichenden Restrukturierung der Erwerbsarbeit ins Auge gefasst werden. Dabei ist zu bedenken, dass zwar gegenwärtig die Erwerbsarbeit unter den Bedingungen kapitalistischer Produktionsverhältnisse im Rahmen einer marktförmigen Wachstumsgesellschaft ausgeübt wird, dass aber auch alternative Organisationsformen möglich sind.

Auch Erwerbsarbeit muss neu gedacht werden

Innerhalb der Betriebe könnten im Sinne einer Wirtschaftsdemokratie neue erweiterte Formen der Mitwirkung der Arbeitnehmer/innen eingeführt werden. Es würden so auch Möglichkeiten geschaffen, dass die Beschäftigten ökologische Einstellungen verstärkt in betriebliche Prozesse einbringen. Ebenso ließen sich Konzepte einer Wiedereinbettung der arbeitsteiligen Ökonomie in die Gesellschaft und die Natur entwickeln, die auf einer Zurückdrängung des Primats der Marktsteuerung und der Überwindung des Wachstumszwangs beruhen. Grundlage hierfür könnte ein Einsatz der digital-kybernetischen Technologien sein, der nicht auf die Substitution menschlicher Arbeit fokussiert, sondern vielmehr auf die Ersetzung marktförmiger Organisation von Erwerbsarbeit durch elaboriertere Steuerungsmechanismen. Es geht damit um die Chancen, welche eine die Arbeitswende unterstützende „Steuerungswende“ (Jochum/Schaupp 2019) bietet.

Damit soll hier kein Plädoyer für die Vernachlässigung der anderen Tätigkeitsbereiche gehalten werden – sehr wohl aber dafür, dass die Potentiale einer demokratisierenden sozial-ökologischen Rekonfiguration der Erwerbsarbeit ausgeschöpft werden. Transformationen innerhalb sowie eine Aufwertung der Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit sollten nicht als alternative, sondern als sich ergänzende und unterstützende Strategien für einen Übergang hin zu nachhaltiger Arbeit angesehen werden (Jochum/Barth 2020).

 

Literatur:

Arendt, H. (1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben. Piper.

Aristoteles (2005). Politik. Buch VII – VIII. Über die beste Verfassung (Werke Bd. 9/Tl. 4). Akademie.

Jochum, G.; Barth T. (2020) Auf dem Weg zu nachhaltiger Arbeit? Zur Rolle von Arbeit in der Entwicklung nachhaltiger sozialer Innovationsprozesse. In:  Franz, H.W.; Beck, G.; Compagna, D.; Dürr, P.; Gehra, W.; Wegner, W. (Hrsg.). Nachhaltig Leben und Wirtschaften. Springer, S. 53-74.

Jochum, G.; Schaupp, S. (2019): Die Steuerungswende. Zur Möglichkeit einer nachhaltigen und demokratischen Wirtschaftsplanung im digitalen Zeitalter. In: Butollo, F./ Nuss, S. (Hrsg.).  Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit. Berlin: Dietz. S. 327-344.

Seidl, I.; Zahrnt, A. (Hrsg.) (2019): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Metropolis.

Pilgrim, H.; Groneweg, M.; Reckordt, M. (2017): Ressourcenfluch 4.0. Die sozialen und ökologischen Auswirkungen von Industrie 4.0 auf den Rohstoffsektor. Power Shift.

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