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Postwachstumsökonomie – zwei Wege führen nach Rom

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„Viele Wege führen nach Rom“ lautet ein Sprichwort, das man gut auf eine Postwachstumsökonomie (PWÖ) übertragen könnte und auf die verschiedenen Zugänge und Lösungsansätze, um eine solche zu verwirklichen. Aus finanzwirtschaftlicher Sicht gibt es allerdings nur zwei Lösungswege. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein, was die geld- und fiskalpolitische Rolle von Zentralbank und Staat betrifft. So ist es umso verblüffender, dass beide Lösungswege zum selben Ergebnis führen und in eine PWÖ münden.

Ausgangspunkt

Corona hat eine Konjunkturkrise ausgelöst. Nationale Regierungen und EU-Kommission haben umfangreiche Investitions- und Konjunkturprogramme aufgelegt, um die akuten Folgen für Unternehmen und Beschäftigte zu lindern. Doch die kurzfristig eingeleiteten Programme sind nicht von Dauer und es bestehen berechtigte Zweifel, ob es gelingt, die Wirtschaft auf diese Weise nachhaltig aus der Krise zu führen. Es fehlt ein ökonomisches Gesamtkonzept, das auch nach der Krise eine stabile und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung gewährleistet.

Die Finanzmärkte spielen eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der Krise, indem sie die Realwirtschaft mit Liquidität und Kapital versorgen. In diesem Beitrag geht es um langfristige und krisenfeste Lösungen, die Finanzmärkte und damit die Wirtschaft als Ganzes betreffend. Ausgehend von der derzeitigen Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) werden zwei Lösungswege aufgezeigt, um die Finanzmärkte in einer Krise in eine anhaltend stabile Low-Profit-Phase zu überführen und die Wirtschaft in eine Postwachstumsökonomie (PWÖ) zu transformieren.

Nullzinspolitik

Die EZB betreibt eine Nullzinspolitik, seitdem sie im März 2016 den Leitzins auf null abgesenkt hat. Am Leitzins der EZB wiederum orientiert sich der Interbankenzinssatz Euribor (Euro Interbank Offered Rate). Der Euribor ist ein risikofreier Referenzzinssatz, an dem sich Investor/innen bei Anlageentscheidungen im Euroraum orientieren und liegt derzeit knapp unter 0% und Jahr. Doch auch in einer Nullzinsphase bestehen Marktrisiken, die je nach Unternehmen und Branche im Bereich zwischen 3-6% und Jahr kalkuliert werden. Demnach müssen Unternehmen auch in einer Nullzinsphase eine Rendite von 3-6% und Jahr erwirtschaften, um für Investor/innen attraktiv und für Banken kreditwürdig zu sein.

Die klassische Sichtweise

Klassische Ökonom/innen meinen, Unternehmen müssten gewinnorientiert wirtschaften, um rentabel und konkurrenzfähig zu sein. Unternehmen, die nicht rentabel sind, werden als Zombi-Unternehmen abgestempelt, die keine Existenzberechtigung am Markt haben. Auch bei einer Nullzinsphase wird – wie oben bereits erwähnt – von Unternehmen erwartet, dass sie Renditen zwischen 3-6% und Jahr erwirtschaften. Klassische Ökonom/innen verbinden damit die Vorstellung: Wenn alle Unternehmen mindestens 3-6% Rendite im Jahr generieren, dann würde dies zu einem Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) beitragen, und dies ist bekanntlich nach wie vor ein Ziel der klassischen Ökonomie.

Klassische Ökonom/innen übersehen, dass eine Zentralbank den Leitzins theoretisch auch in den negativen Bereich absenken könnte. So hat schon im Jahr 2014 der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff vorgeschlagen, dass Zentralbanken in einer Konjunkturkrise eine Negativzinspolitik einleiten sollten. Wie beeinflussen negative Zinsen das Anlageverhalten von Investor/innen? Angenommen, der Leitzins wird auf -3% gesenkt. Rechnet man bei realen Investitionen eine Risikoprämie von 3-6% hinzu (Aktien, Anteile einer GmbH, Immobilien usw.), dann kommt man in Summe auf eine Rendite von 0-3%, die Unternehmen erwirtschaften müssen, um Investor/innen und Banken zufrieden zu stellen. Doch das wollen klassische Ökonom/innen offenbar nicht gelten lassen. Sie verharren in der Vorstellung, dass Zinsen positiv und Renditen hoch sein müssten. Das Festhalten an neoklassischer Dogmatik verhindert bisweilen eine Abkehr von der Rendite- und Wachstumslogik und einen Paradigmenwechsel im Sinne einer PWÖ.

Bedarfsorientiert wirtschaften

In einer PWÖ bildet der Bedarf und die Leistungsfähigkeit der Unternehmen den Ausgangspunkt für die Wirtschaftsweise und nicht das Erzielen finanzieller Zuwächse. Demnach würde man in einer PWÖ einen Biobetrieb, der keine Rendite erzielt und „nur“ kostendeckend wirtschaftet, nicht als unrentabel abtun. Dasselbe gilt für Sozialunternehmen, die vielleicht nur 1-2% Dividende im Jahr erwirtschaften und an die Eigentümer/innen ausschütten. Doch wenn man Unternehmen erlaubt, bedarfsorientiert zu wirtschaften, dann braucht es eine Transformation des Finanzsystems. Es braucht ganz neue geld- und wirtschaftspolitische Maßnahmen und Instrumente. Ziel dieser Maßnahmen sollte es sein, günstige Finanzierungsbedingungen für Unternehmen zu schaffen, damit diese Non- und Low-Profit-Investitionen durchführen können.


Zwei Lösungswege

Es gibt grundsätzlich zwei Lösungswege, um die Finanzmärkte in einer Konjunkturkrise zu stabilisieren. Dabei spielen Zentralbank und Staat (Regierung) ganz unterschiedliche Rollen.
Beim ersten Lösungsweg senkt die Zentralbank den Leitzins in den negativen Bereich, wie von Rogoff (2014) vorgeschlagen. Der Leitzins könnte z. B. auf -3% bis -5% abgesenkt werden. Daraus folgt, dass sowohl private Investor/innen als auch Banken von einem negativen Referenzzinssatz ausgehen, der in etwa im Bereich zwischen -3% bis -5% liegt. Angesichts negativer Zinsen wären Investor/innen und Banken bereit, den Unternehmen günstig Eigen- und Fremdkapital zur Verfügung zu stellen. Kleinsparer/innen sollten hingegen für entgangene Zinserträge entschädigt werden, etwa durch staatlich gefördertes Sparen.

Beim zweiten Lösungsweg verhält sich die Zentralbank geldpolitisch neutral und erhöht den Leitzins z. B. auf 1-2%. Gleichzeitig führt der Staat eine Vermögensteuer auf Bankkonten, Spareinlagen, Staatsanleihen und andere risikofreien Geldanlagen ein. Denkbar wäre ein Vermögensteuersatz zwischen 3% und 5% und Jahr. Kleinsparer/innen wird ein Steuerfreibetrag eingeräumt, so dass diese weiterhin steuerfrei 1-2% Zinsen erhalten. Großanleger/innen hingegen, die über dem Freibetrag hinaus risikofrei anlegen, sind steuerpflichtig und haben Vermögensteuern zu entrichten. Eine Vermögensteuer auf Geldanlagen betrifft jedoch nicht die Kreditvergabe der Banken. Daher braucht es beim zweiten Lösungsweg zusätzlich zinsfreie und zinsgünstige Förderkredite für alle nachhaltigen Akteure (Haushalte, Unternehmen, Kommunen u. a.).

Gemeinsamkeiten

Beide Lösungswege haben gemeinsam, dass Großanleger/innen sich bei Anlageentscheidungen künftig an einem negativen Referenzzinssatz orientieren (-3% bis -5%) und infolge dessen eher bereit sind, sich an Unternehmen zu beteiligen, die sozial und ökologisch nachhaltige Non- und Low-Profit-Investitionen durchführen. Beide Lösungswege setzen allerdings voraus, Bargeld nach einem Vorschlag des amerikanischen Ökonomen Kenneth Rogoff (2016) weitgehend zu digitalisieren, um die Flucht ins Bargeld
zu verhindern. Beide Lösungswege nehmen Rücksicht auf Kleinsparer/innen, damit diese einen positiven Zinsertrag generieren können. Schließlich haben beide Lösungswege gemeinsam, dass es staatliche Förderungen braucht, um die Wirtschaft nachhaltig zu stabilisieren: beim ersten Lösungsweg staatlich gefördertes Sparen und beim Zweiten zinsgünstige Förderkredite.

Fazit

Der/die aufmerksame Leser/in wird sich fragen, welcher Lösungsweg nun der bessere ist und von Zentralbank und Staat verfolgt werden sollte? Aus rein finanzwirtschaftlicher Sicht sind beide Lösungswege gleichwertig, da beide denselben Effekt auf die Renditeerwartung der Investor/innen und auf die Kreditvergabe der Banken haben. Beide Lösungswege ermöglichen langfristig günstige Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und wirken sich stabilisierend auf die Finanzmärkte aus. Beide Lösungswege transformieren die Wirtschaft in einer Konjunkturkrise in eine anhaltend stabile Low-Profit-Phase, so dass der Übergang in eine sozial und ökologisch nachhaltige PWÖ gelingen kann.

 

Literatur

Chinesischer Zentralbanker spricht sich für „tief negative Zinsen“ aus. Handelsblatt, 06.04.2018. Fahrbach, Christian: Low-Profit-Investitionen – bewerten, finanzieren, fördern.

Münster Wien 2014. Fahrbach, Christian: Low-Profit – Ökonomie mit Ökologie versöhnen. Momentum-Kongress, Hallstatt 10/2016. (http://www.low-profit.eu/wordpress/wp-content/uploads/Momentum-16-Low-Profit.pdf)

Kaiser, Tobias: Star-Ökonom für Minuszinsen von bis zu sechs Prozent. Welt am Sonntag, 18.09.2016.

Low-Profit-Investition. Wikipedia, 02/2018.

Low-Profit-Organisation. Wikipedia, 07/2017.

Plickert, Philip: Überflüssig oder nützlich? Ökonom Rogoff will Bargeld abschaffen. FAZ, 19.11.2014.

Rogoff, Kenneth S.: Der Fluch des Geldes: Warum unser Bargeld verschwinden wird. München 2016

Sauga, Michael: Kenneth Rogoff, Harvard-Ökonom rechnet mit stärkerem Minuszins. Der Spiegel, 04/2020.

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