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Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende?

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Wie sieht ein typischer Tag im Jahr 2040 aus?

Werden wir unsere Zeit frei einteilen, danach, wie Bedürfnisse von uns und anderen Menschen in unserer Gemeinschaft aussehen? Wie wäre es, du und ich, vielleicht arbeiten wir diese Woche mal zwanzig Stunden statt dreißig in unserem Kollektiv, damit wir endlich diese Rollstuhlrampe zum Kinderladen reparieren können?

Oder ist unsere Zeiteinteilung abhängig von anderen Dingen? Vielleicht bist du Krankenpfleger/in, du arbeitest in einem Krankenhaus – in einem privaten, die öffentliche Gesundheitsversorgung ist schon vor zehn Jahren quasi irrelevant geworden – und dir wird mitgeteilt, dass du diese Woche noch eine halbe Station zusätzlich mitübernehmen musst. Du schickst schnell eine Absage an die ehrenamtliche Sprechstunde, denn du ahnst, dass du heute nicht aushelfen kannst - dort arbeitest du manchmal freiwillig, um Menschen, die sich gesundheitliche Behandlungen nicht leisten können, zu unterstützen…

Wie selbstbestimmt unsere Arbeit ist, hängt davon ab, in welchen Verhältnissen wir arbeiten, wie unterschiedliche Formen von Arbeit anerkannt werden und auch, aus welchen Motiven heraus wir arbeiten. Das Buch „Ende des Wachstums – Arbeit ohne Ende“ setzt sich nicht nur kritisch mit Zukunftsszenarien zu einer Arbeitswelt ohne Wirtschaftswachstum auseinander, es wagt sich auch an grundlegende Fragen (was ist Arbeit?), macht konkrete Vorschläge, wie die Konzepte der Wahlarbeitszeit und des Commoning, und stellt Überlegungen an zu Themen wie Care-Arbeit, Gendergerechtigkeit, Arbeitszeit(verkürzung), faire Lohnkultur, Grundeinkommen, Produktivität und Umweltbelastung, Rolle von Wohlfahrtsstaat und alternativen Produktionsweisen.

Das Buch wurde herausgegeben von Hans Diefenbacher, Benjamin Held und Dorothee Rodenhäuser und ist entstanden aus der gleichnamigen Tagung im Jahr 2015. Es enthält Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, vor allem der Volkswirtschaft und Soziologie. Die Beiträge sind vielfältig – am ehesten zusammenzufassen als Antworten auf die Frage: Wie kann Arbeit in einer Welt ohne Wirtschaftswachstum aussehen und mit welchen Herausforderungen ist zu rechnen?

Über diesen Fragen schwebt die Grunderkenntnis, die im Einstieg des Buches von Volker Teicher und Hans Diefenbacher herausgestellt wird: Sie analysieren Szenarien, die den Wandel der Arbeitswelt durch Industrie 4.0 und Zuwanderung in den Fokus stellen – und kommen zu dem Schluss, dass sozial-ökologische Aspekte nicht genug Beachtung finden. Könnten diese Umbrüche als Chance genutzt werden, Veränderungen in der Arbeitswelt zu designen? Solche Veränderungen könnten beinhalten, mehr Anerkennung für Care-Arbeit auch staatlich zu verankern, wie Mascha Madörin in ihrem Beitrag zu „Überlegungen zur Zukunft der Care-Arbeit“ herausstellt, oder, wie von Christine Ax vorgeschlagen, Arbeit nach dem Leitbild des „Wirkens“ im Handwerk zu gestalten - zum Beispiel, wenn Energieproduktion dezentral wieder von Bürger/innen selbst in die Hand genommen wird. Jürgen Rinderspacher räumt mit dem zu einfachen Schluss auf, dass Arbeitszeitverkürzungen automatisch mit Entlastungen der Umwelt einhergehen – einerseits führen sie nicht unbedingt zu geringerer Produktivität in der Industrie, da einfach neue Stellen geschaffen werden könnten, und auf der Seite der Arbeitnehmerinnen und -nehmer sei unklar, ob die neu gewonnene Zeit nicht auch für umweltbelastende Tätigkeiten genutzt würde.

Ein konkretes Tool ist die von Andreas Hoff vorgeschlagene Wahlarbeitszeit, mit der man die Arbeitszeit innerhalb einer gewissen Stundenspanne flexibel variieren könnte. Eine Vision wird auch von Brigitte Kratzwald beschrieben: Sie sieht im Commoning eine Produktionsweise, die auf Bedürfnisbefriedigung und Gemeinschaft basiert. Michael Opielka fragt danach, wie ein Wohlfahrtsstaat ohne Wirtschaftswachstum Bereiche wie Kultur, Gesundheits- und Bildungswesen organisieren und finanzieren kann und schlägt eine „transversale“ Sozialpolitik vor. Der Begriff geht auf Nira Yural-Davis zurück und wird von Opielka in einer knappen Skizze als Politik beschrieben, die Menschenrechte als Orientierungspunkt nimmt und persönliches statt stoffliches Wachstum fördert. Den Abschluss bilden Beispiele von gegenwärtigen Postwachstumsprojekten, deren Mitarbeiter/innen von der AG Postwachstumsgesellschaft (Lehrforschungsprojekt an der Goethe Universität Frankfurt) rund um Birgit Blättel-Mink, Alexandra Rau und Sarah Schmitz zu ihren Erfahrungen befragt wurden. Die teilnehmenden Projekte haben sich dabei nicht unbedingt selbst als Postwachstumsprojekt definiert: Befragt wurden ein Kaffeekollektiv, Ärzt/innen, die ehrenamtlich nicht versicherte Migrant/innen versorgen, eine solidarische Klinik und eine ethische Bank. Es ging darum, wie die Akteure dieser Projekte ihre Arbeit organisieren und wahrnehmen - z. B. um die Frage, wie Care-Arbeit integriert wird oder inwiefern Arbeit gesundheitsfördernd gestaltet wird. Die Antworten sind so vielfältig wie die untersuchten Projekte; im Fazit herausgestellt wird unter anderem die Spannung zwischen Kapitalismuskritik und gleichzeitiger Notwendigkeit, als Projekt selbst zu wachsen, um bestehen zu können (und ggf. faire Löhne zahlen zu können).

Die Argumentationen sind schlüssig und verständlich, auch für Leser/innen, die keinen soziologischen oder volkswirtschaftlichen Hintergrund mitbringen. Bei der Lektüre würde man sich ab und zu wünschen, dass die Autor/innen direkt auf an anderer Stelle im Buch formulierte Probleme antworten – als Zusammenstellung so vielfältiger Tagungsbeiträge wird man als Leser/in zumeist eher gefordert, Bezüge selbst herzustellen. Obwohl dabei gefühlt genauso viele Vorschläge für diesen Wandel gemacht werden, wie Herausforderungen und Diskussionspunkte aufgeworfen werden, stimmen die Beiträge optimistisch und lassen hoffen, dass die Arbeit der Zukunft sich orientiert an Bedürfnissen, Gemeinschaft und Selbstbestimmung.

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