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(Die) Bewegung in die Commons bringen

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Commons-Projekte zeigen schon heute im Kleinen wie eine Postwachstumsgesellschaft von morgen aussehen könnte. In „Die Welt der Commons – Muster gemeinsamen Handelns” (2015) stellen Silke Helfrich und David Bollier – beide selbsternannte Commons-Aktivist/innen – eine erstaunliche Sammlung von mehr als 50 Commons-Projekten und Initiativen aus aller Welt vor. Das Handeln der Commons-Akteur/innen steht klar im Vordergrund dieses Buches, weshalb viel Raum für ihre Erfahrungen und Perspektiven reserviert wird. Die Leser/innen begeben sich auf eine Weltreise von den USA, über Madagaskar, nach Neuseeland, um nur einige der bereisten Länder zu nennen, sowie auf eine Zeitreise, zu der überraschenderweise auch ein Text von Rosa Luxemburg beiträgt.

Der Begriff der „Commons“[i], bzw. der „Gemeinschaftsgüter“, wird bewusst nicht noch einmal diskutiert. Es geht weder um die natürlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen als solche, sondern mehr um das gemeinschaftliche Wirken, das „Commoning“, welches alle Commons-Projekte erst ermöglicht. Beim Commoning handelt es sich um einen Lern- und Emanzipationsprozess, durch den Teilnehmer/innen sinnstiftende Erfahrungen des Teilens, Kooperierens und Ausprobierens erleben. Das Narrativ des Menschen als kooperatives Wesen (Homo cooperativus) wird dem egoistischen Nutzenmaximierer (Homo oeconomicus) entgegengestellt. Die Einsicht, dass Commons auch unter widrigsten Bedingungen und oft auch in gesetzlichen Grauzonen entstehen, wird als Zeichen dafür interpretiert, dass Kooperation ein natürliches Bedürfnis des Menschen ist. Der Markt- und Konsumlogik des Kapitalismus, mit seiner künstlichen Vereinzelung von konkurrierenden Individuen, zentraler Machtstruktur, Hierarchiegefälle und Privatbesitz als Normalzustand, werden die Commons-Beispiele mit ihren resilienten und anpassungsfähigen Sozialstrukturen und -prozessen entgegengesetzt.

In diesem zweiten Band ihrer Commons-Trilogie[ii] schaffen die Herausgeber/innen eine solide Grundlage für eine Diskussion um die grundlegenden Muster erfolgreicher Commons-Projekte, wie Vertrauensbildung, Mitentscheidung, Freiwilligkeit, Absicherung gegenüber der Marktlogik, Transparenz, etc. Sie fragen etwa: Wie lassen sich Commons-Muster etablieren, um der Commons Bewegung mehr Wirkkraft zu verleihen, sowie eine größere Verbreitung und Abbau institutioneller Hürden zu erreichen?
Warum aber scheint es wichtig die Analyse gemeinsamer Muster für die Commons als Bewegung voranzutreiben? Ein Grundverständnis der übergeordneten Muster ist wünschenswert, damit sich in Zukunft so etwas wie eine Commons-Bewegung etablieren kann. Es ist bisher keinesfalls üblich, dass Commoners sich auch als solche verstehen und dass Projekte mit ähnlichen Interessen sich vernetzen um Hürden im Entwicklungsprozess besser meistern zu können.
Hier gibt es eine Analogie zur Postwachstums-Debatte, denn auch hier entstehen Projekte oft aus einem Bedürfnis heraus, eine politische Motivation mag oft zweitrangig für die Gründung gewesen sein und Unkenntnis von anderen Akteur/innen ist oft der Normalfall. Es wird also gleichfalls eine größere Vernetzung und Zusammenarbeit der Projekte gefordert um den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft erfolgreich zu bereiten. Die Postwachstums- und die Commons-Bewegung, würden beide von einem besseren Verständnis der zu Grunde liegenden Muster erfolgreicher Initiativen profitieren.

Zwei Schwächen hat dieses Werk leider. Erstens ist es strukturell wenig nachvollziehbar und die von den Herausgeber/innen sicher gut gemeinte Analogie ihres Werkes mit dem Aufbau einer Musikkomposition, schafft leider wenig Klarheit für die Leser/innen. Gerade die Vielfalt der Beiträge, die in diesem Buch zusammen getragen wurden, wirkt sich negativ auf die Nachvollziehbarkeit der Argumentation aus. Zum Glück sind die meisten Beiträge in sich geschlossene Einheiten und können unabhängig voneinander gelesen werden.
Die zweite Schwäche ist die teilweise schwer zugängliche Sprache, die oftmals ausschließlich an Akademiker/innen bzw. Commons-Forscher/innen gerichtet zu sein scheint. Dieser Eindruck entsteht auch durch die hohe Diversität der Texte, von insgesamt 60 verschiedenen Autor/innen, die ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Gespür dafür an den Tag legen, ihre Argumente für nicht-Expert/innen zu erklären. Die Informationen sind an vielen Stellen stark verdichtet und nicht immer überwiegt das Gefühl, zum auserwählten Kreis der Rezipient/innen zu gehören. Möglich, dass diese letzte Kritik für ein Fachbuch irrelevant ist, aber gerade wenn argumentiert wird, die Commons als Bewegung wirkmächtiger machen zu wollen und viele Akteur/innen anzusprechen, dann wäre es sinnvoller gewesen die Texte auch sprachlich für eine breitere Masse zugänglich zu machen. Schade, dass diese Chance nicht genutzt wurde!
Die Leser/innen, die sich ihren Weg durch die gerade im ersten Kapitel eher analytische Sprache schlägt, werden reichhaltig im extensiven Mittelteil des Buches durch eine beeindruckende Vielfalt an inspirierenden Commons-Beispielen belohnt. Trotz potentieller fachsprachlicher Hindernisse ist „Die Welt der Commons” ein hochinspirierendes Werk.

Es bleibt zu hoffen, dass viele aktive Commoners die Zeit finden, um dieses Buch zu lesen, und sich durch ein bewussteres Commoning in Zukunft neue Vernetzungen und Innovationsmöglichkeiten innerhalb des Commons Experimentierfelds herausbilden – mit dem Ziel, gemeinsam eine wirkmächtige Commons Bewegung zu entwickeln. In dieser Zukunftsvision wird es dann vielleicht nicht der Homo cooperativus, sondern der Homo oeconomicus sein, der seine Andersartigkeit rechtfertigen muss und mit institutionellen Widerständen zu kämpfen hat.

[i] Eine ausführliche Aufschlüsselung des Commons-Begriffes ist 2009 unter dem Titel „Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter“ von Silke Helfrich und der Heinrich-Böll Stiftung im Oekom Verlag erschienen. URL: http://www.boell.de/de/navigation/wirtschaft-soziales-6315.html; letzter Zugriff 1.2.2016.

[ii] Der erste Band „Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat“ ist 2012 im Transcript Verlag erschienen. Einen dritten Band haben die Autor*innen bereits angekündigt.

 

Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns, herausgegeben von Silke Helfrich, David Bollier und der Heinrich-Böll-Stiftung, ist 2015 beim Transcript Verlag erschienen.

Alle, die sich am liebsten direkt ins Commoning stürzen möchten, können sich noch bis zum 12. März 2016 für die 4. Commons Sommerschule anmelden.

 

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Niels Jobstvogt ist Dipl. Biologe, Doktor der Ökologischen Ökonomie, idealistischer Freilerner und Postwachstums-Aktivist. Er philosophiert viel und gerne über Transformation, alternative Wirtschaftsformen, ökologische Nachhaltigkeit und andere Postwachstums-Themen. Derzeit ist er für die Attac Berlin – Degrowth AG aktiv.

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