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Brauchen Unternehmen Wirtschaftswachstum?

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Mathias Binswanger untersucht in seiner Monographie „Der Wachstumszwang“ (Wiley, 2019), warum der Kapitalismus auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist. Der „Segen“ des Wachstums verwandle sich mit steigendem Wohlstand in einen „Fluch“, denn stabiles Nullwachstum sei nicht möglich (S. 13–17). Die neoklassische Theorie übersehe diesen Zwang, weil sie Geld für neutral hält (S. 37). Der Autor bekräftigt damit die Thesen seines 2018 verstorbenen Vaters Hans Christoph Binswanger, der ab 1991 die Theorie der „Wachstumsspirale“ (Metropolis, 2006) ausgearbeitet hatte. Den dort rein monetär mit Zinsgewinnen der Banken begründeten Wachstumszwang vertrat ursprünglich auch M. Binswanger (J. Post Keynes Econ. 2009, 2015), er relativiert diese These jedoch heute (S. 95).

Binswanger liefert einen bemerkenswert breiten Überblick über die diskutierten Wachstumszwänge und -treiber. Er bezieht sich zu technischem Fortschritt, Innovationen, Wettbewerb und Kapitalakkumulation auf Keynes, Schumpeter und Marx und rekapituliert eigene Theorien zu „Tretmühlen“ der Konsument/innen. Der Wachstumszwang bestehe aber nicht für einzelne Unternehmen, sondern erst im makroökonomischen Zusammenhang (S. 58). Zentral ist für ihn die Geldschöpfung, die Nettoinvestitionen ermögliche, aber auch erzwinge (S. 55, 123).

Die beiden Hauptthesen des Buches: Für Wachstum muss neues Geld geschöpft werden, also die Geldmenge steigen. Unternehmen müssen Gewinne erzielen, aber können dies nur, wenn netto investiert wird und die Volkswirtschaft wächst. Da Ersteres wenig kontrovers ist, konzentriere ich mich auf Zweiteres.

Leider unterscheidet Binswanger bei „Gewinne“ nicht klar den buchhalterischen vom ökonomischen Gewinn. Ersterer ist Erlöse minus Kosten, woraus die Unternehmer/innen sowie Kapitalgeber/innen entlohnt werden müssen. Ökonomischer Gewinn bezeichnet den danach eventuell vorhandenen, frei verwendbaren Überschuss. Zwar schreibt er, dass Nullwachstum möglich ist, wenn der buchhalterische Gewinn ausgeschüttet wird (S. 69) – setzt aber zugleich voraus, dass Unternehmen zusätzliche Überschüsse erzielen müssen und diese in Kapitalakkumulation investieren. Wächst dann allerdings die Wirtschaft nicht, geraten die Unternehmen in eine Verlustspirale, denn durch zunehmende Abschreibungen explodieren die Kosten (S. 78). Es bleibt aber unbegründet, warum Unternehmen diese verlustträchtigen Investitionen vornehmen.

Die Dynamik von Binswangers Modell (S. 267–277) mit gewinngetriebenen Investitionen und verlustträchtigen Zusammenbrüchen zeigt meine Abbildung, die im Buch fehlt. Langfristig konvergiert das Modell wie abgebildet zu stabilem Nullwachstum, in dem Unternehmen keine freien Überschüsse mehr erzielen und nicht mehr akkumulieren. Binswanger argumentiert daher, Nullwachstum sei nur möglich, wenn „der Gewinn“ (sprich: der ökonomische Gewinn) auf null fällt.

Verglichen mit früheren Publikationen zeigt sich eine interessante Entwicklung: Das Mindestwachstum, bei dem Unternehmen positive buchhalterische Gewinne erzielen können, wurde von H. C. Binswanger (2006) mit 1,8 % und von M. Binswanger (2009) mit 0,45 % berechnet. Nun ist diese Aussage  deutlich abgeschwächt: mehr als 0 % Wachstum sei nötig, damit Unternehmen ökonomischen Gewinn als Kapital akkumulieren können.[1] Der buchhalterische Gewinn kann aber durchaus noch positiv sein, solange er ausgeschüttet wird – was exakt das Ergebnis jener Modelle ist, die der Autor wegen „ihrer Realitätsferne … nicht als Argument gegen den Wachstumszwang“ akzeptiert (S. 133).

Aus meiner Sicht kann das vorgestellte Modell keinen Wachstumszwang begründen, was kaum verwundert, denn es enthält die vorher identifizierten zentralen Elemente gar nicht: technischen Fortschritt, Arbeitslosigkeit, den ständigen „Anreiz zur Reinvestition“ für Unternehmen (S. 74), positive Sparquoten von Haushalten (S. 93) oder die Akkumulation von Eigenkapital durch Banken (S. 96). Ein mathematisches Modell, das den Zwang zu Kapitalakkumulation und Wachstum konsistent begründet, steht weiterhin aus. Binswanger vollbringt aber mit seinem Buch die bedeutsame Leistung, die Bestandteile einer Theorie des Wachstumszwangs zusammenzutragen und zur Forschung zu diesem gesellschaftlich wichtigen, aber umstrittenen Thema anzuregen.

 

[1]   Dies ergibt sich aus Formel (15) auf S. 274, die einen (inhaltlich unbedeutenden) Tippfehler enthält, den der Autor auf Nachfrage bestätigte: im Nenner müsste cw² statt w² stehen.

 

Hinweis: Dieser Artikel wurde in der Fachzeitschrift Ökologisches Wirtschaften Ausgabe 3/2019 erstveröffentlicht.

von

Oliver Richters, studierter Physiker, ist Doktorand am Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Von 2012–16 war er Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie. Er ist aktiv in den Netzwerken Plurale Ökonomik und Wachstumswende sowie in der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe nachhaltiges Geld.

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