Standpunkte

Geschützte Bedürfnisse, nachhaltige Teilhabe

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Der Bewegung, die den Klimanotstand konstatiert und eine der Bedrohung angemessene Politik fordert, hat der Soziologe Armin Nassehi (in der Süddeutschen Zeitung vom 1. August 2019) vorgeworfen, sowohl die Demokratie wie die Ökonomie zu verachten. Die „Hybris“, von der Gesellschaft zu fordern, „dass sie alles anders machen muss“, führe zu Kontrolltechniken „bis hin zur geradezu autoritären Definitionsmacht darüber, wie ein sinnvolles und angemessenes Leben aussieht“. Wer nicht den „inneren Begrenzungen“ und der „Widerständigkeit“ einer Gesellschaft Rechnung trage, „die nichts anderes hat als ihre eigenen Routinen und Konflikte“, kopple die Klimafrage von der sozialen Frage ab. Statt „Selbstberuhigung in Gestalt katastrophischer Prophezeiungen“ sei die „Kunst“ gefragt, „Lösungen mit den Mitteln dieser Gesellschaft zu finden“.

Der Ökonom Nico Paech dagegen bezeichnet es in seiner Replik (in der Süddeutschen Zeitung vom 19. August 2019) als „eine der verheerendsten Lebenslügen“, das „von Umweltverbräuchen entkoppelte Komfortparadies“ zu versprechen, also „Nachhaltigkeit ohne Begrenzung des materiellen Wohlstands“. „Innerhalb ihrer eigenen Systemlogiken“ ließen sich moderne Gesellschaften „nicht davon abhalten, an der ökologischen Krise zu scheitern“. Die soziale Frage sei zugleich die ökologische: „Wer darf sich mit welchem Recht wie viel an materiellen Freiheiten aneignen, ohne über seine ökologischen Verhältnisse zu leben?“

Die beiden kontroversen Beiträge umreißen das Thema unserer Veranstaltung: Die Transformation zu einer Lebensweise, die planetare Grenzen des Ressourcenverbrauchs respektiert, muss unter Bedingungen zunehmender Ungleichheit gelingen. Suffizienz muss zugleich Konsum oberhalb eines zu schützenden Niveaus begrenzen und die Ansprüche benachteiligter Gruppen berücksichtigen, die heute von gesellschaftlich üblichen Mustern der Lebensführung ausgeschlossen sind.

Über die Chancen, Regelungen für diese beiden Anforderungen in einer demokratischen Gesellschaft auszuhandeln, wollen wir nach vier einführenden Kurzvorträgen in einer Gruppenphase und in einer moderierten Schlussdiskussion reden. Die Themen für die Gruppen:

  • Kann sich Umverteilung an der Idee eines Korridors mit zu gewährleistenden Untergrenzen und Obergrenzen orientieren?
  • Wo wäre das gesellschaftliche Narrativ hin zu einer Gerechtigkeitsrhetorik zu verschieben und wie ließe sich dies bewerkstelligen?
  • Was genau ließe sich rund um Grenzen des Konsums und Niveaus von Teilhabezielen realistischerweise aushandeln?

Ein Korridor geschützter Bedürfnisse

Antonietta di Giulio und Rico Defila arbeiten im Programm Mensch – Gesellschaft – Umwelt an der Universität Basel an der Frage, wie eine gesellschaftliche Verständigung über einen „Korridor“ nachhaltigen Konsums, also über minimale und maximale Konsumstandards, gelingen kann. Grenzen des Ressourcenverbrauchs, so ihre Überlegung, sind immer auch Aushandlungssache. Ohne eine neue Diskussion über Lebensqualität und über Gerechtigkeit werde es nicht gehen. Ihre Botschaft: Die Suffizienzdiskussion handelt davon, Ungerechtigkeiten zu beheben. Der sozialwissenschaftliche Beitrag könnte darin bestehen, „geschützte Bedürfnisse“ von anderen zu unterscheiden, die nicht zu gewährleisten sind. In einer Bevölkerungsumfrage haben sie in der Schweiz Menschen danach gefragt, ob Ergebnisse der Lebensqualitätsforschung zu den zu schützenden Bedürfnissen konsensfähig sind und wie sie auf Argumente für und gegen Unter- und Obergrenzen reagieren.

Transformation muss die Wohlstandsverteilung berücksichtigen

Irene Becker (Riedstadt) ist Expertin für empirische Verteilungsforschung. Wie ihre Analysen zu schichtspezifischem Konsum zeigen, bestehen im unteren Wohlstandsbereich neben den Ausgaben für Grundbedarfe kaum Möglichkeiten für soziokulturelle Teilhabe. Am Gegenpol, in der Reichtumsschicht, wird für den Konsum ein Vielfaches der Konsumaufwendungen des Armutssegments ausgegeben, zudem verbleiben große Summen für die Vermögensbildung. Während also am unteren Ende der Verteilung Teilhabeziele verletzt werden, ist der exklusive Konsum, den Reichtum ermöglicht, nicht durch Teilhabeziele legitimiert. Soll die ökologische Transformation diese Verteilung berücksichtigen, muss sie sich an einem Zielkorridor des Lebensstandards orientieren, der den „Aufholbedarf“ bisher benachteiligter Gruppen berücksichtigt.

Politisches Urteilen und bürgerschaftliche Partizipation

Carolin Bohn arbeitet am Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung der Universität Münster zu bürgerschaftlichen Partizipationsformaten, denen bei der Definition und Umsetzung von Nachhaltigkeitspolitik eine Schlüsselrolle zukommen muss. Sie fragt danach, wie politische Urteilsbildung über Verteilungsgerechtigkeit, über eine angemessene Auffassung von Wohlstand und über die notwendigen Begrenzungen individueller Freiheit partizipativ gelingen kann. Dass unter Bedingungen ungleicher Teilhabechancen komplexe und umfassende ökologische Probleme in kurzer Zeit gelöst werden müssen, stellt für Beteiligungsprozesse eine große Herausforderung dar. Was also sind Kriterien für eine gelingende politische Urteilsbildung über gute und gerechte Transformationsschritte?

Soziale Teilhabe und Qualität des Lebens – der historische Fall

Jürgen Kädtler, als gelernter Historiker am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen, erinnert daran, dass auch das heute brüchige bundesdeutsche Wohlfahrtsmodell der 50er- bis 70er-Jahre Ergebnis politischer und sozialer Arrangements war. Was im Rückblick als ein zusammenhängendes historisches Arrangement erscheint, entstand in einer Reihe unterschiedlicher Konflikt- und Aushandlungsmuster, in denen einzelne Fragen sozialer Teilhabe in einer für die Betroffenen hinreichend befriedigenden Weise gelöst wurden: zum Beispiel Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, dynamische Rente als Statussicherung, Reduzierung von Winterarbeitslosigkeit, Branchenstrukturwandel ohne Arbeitslosigkeit. Leitmotiv der seinerzeitigen Aushandlungsprozesse war weniger Partizipation als vielmehr Tripartismus. Inwieweit waren diese Lösungen Voraussetzung für die Debatten über Lebensqualität, die Ende der 60er- Jahre und in den frühen 70-er Jahren stattfanden? Und kann man, so seine Frage, aus dem historischen Fall noch etwas für die heute notwendige Transformation lernen?

 

Dieser Artikel ist Teil der Kooperation des Blog Postwachstum mit der Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“, die vom 23. bis 27. September 2019 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattfinden wird. Alle Artikel zur Konferenz finden Sie unter dem Schlagwort Great Transformation Jena.

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Peter Bartelheimer koordinierte für das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen drei Verbundvorhaben zur sozioökonomischen Berichterstattung. Für ihn sind die Rückkehr von Prekarität in die alten kapitalistischen Zentren und die Umwelt- und Klimakrise miteinander gekoppelte Erscheinungen eines Umbruchs im Produktions- und Sozialmodell des Nachkriegskapitalismus, der entweder in eine neue Zivilisationskrise oder in einen neuen historischen Kompromiss zwischen Marktökonomie und Ansprüchen auf selbstbestimmte Lebensführung führen muss. Antonietta Di Giulio und Rico Defila forschen im Programm Mensch - Gesellschaft - Umwelt an der Universität Basel inter- und transdisziplinär unter anderem zu nachhaltigem Konsum. Sie sind überzeugt, dass eine gesellschaftliche Aushandlung von Unter- und Obergrenzen des Ressourcenverbrauchs nur gelingen kann, wenn sie nicht im Zeichen von Verzicht oder asketischer Lebensstilvorgaben steht, sondern im Zeichen einer Neubewertung von Lebensqualität und Gerechtigkeit.

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