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Unleashing Fantasy for Transformation

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Mit Ursula K. Le Guin zur Kunst, Gesellschaften zu entwerfen
– Ein konvivialer Readers’ and Writers’ Room –

 

Wie stellen wir uns eine bessere Gesellschaft vor? Wir könnten fortschreiben, was angelegt und evident ist. Kompakte Modelle aus vergangenen Daten extrahieren. Szenarien entwickeln und die Wahrscheinlichkeiten bestimmen, mit denen sie eintreffen. Grundsatzpapiere schreiben. Warnen und Pfade in die am wenigsten erschreckende Zukunft empfehlen. So weit, so üblich. Nur ist die Degrowth-Bewegung nicht angetreten, um im Üblichen stecken zu bleiben. Sie sucht das radikal Andere – und den Raum, um ‚alternative Realitäten‘ auszumalen: Was wäre, wenn … alles ganz anders wäre? Was alles? Und wie anders?

Mit Le Guin und dem radikal Anderen…

Die Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin (1929-2018) arbeitet mit Gedankenexperimenten als Methode, um über alternative Wirklichkeiten – und deren Wünschbarkeit – nachzudenken. Le Guin kontrastiert unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe, etwa expansiv-kapitalistische mit solidarisch-anarchistischen und indigen-ortsgebundenen. Reflektiert und gefiltert durch die Wahrnehmung immer etwas außenstehender Protagonist­_innen schildert sie politische Institutionen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisationsformen, sexuelle Identitäten, Wertesysteme, Vorstellungen und Manifestationen von Freiheit und Verantwortung, von Eigentum und Gerechtigkeit, von Fortschritt, Technologie und Wissenschaft. Im Was-wäre-wenn-Modus spürt sie deren Entwicklungen und Wirkungen nach: Wie schlagen sich bestimmte Ausprägungen dieser gesellschaftlichen Charakteristika im Arbeits- und Lebensalltag nieder, in der Umwelt- und Lebensqualität, in den Machtstrukturen, den Geschlechter- und den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, in der Sprache, den Symbolen und Narrativen oder in den Bedürfnissen, Motiven und Befähigungen der Einzelnen? Wie sieht das gereift nach einigen Generationen aus und was wird gewonnen, gefährdet oder verloren sein? So ermöglicht sie grundlegende Fragen an jeden ihrer Entwürfe: Ist das das gute Leben – für wen und für wen nicht oder nicht mehr?

Sich auf Le Guin zu beziehen heißt also, Bewusstsein für Möglichkeiten und Probleme zu entwickeln, um radikale Ideen anhand ihrer vorstellbaren Wirkungen immer noch weiter zu denken. Als kollektive Form der Selbstverständigung sind ihre Geschichten zudem methodisch interessant: Sie setzen Ideen in einen Kontext, der vermittelbar und erfassbar ist und einen gemeinschaftlichen Bezugsraum herstellen kann. Mehr als die Ideen allein erzeugt die Erzählung das Verständnis, entwickelt die erzählerische eine visionäre Kraft. Wir lassen uns daher inhaltlich und methodisch von Le Guin inspirieren, um mögliche Konturen von Postwachstumsgesellschaften auszuloten und neue Narrative für die Große Transformation zu entwerfen.

… über konviviale Gedankenexperimente im reader’s and writers‘ room …

Dafür begeben wir uns in einen konvivialen readers’ and writers’ room, eine kommentierte szenische Lesung und assoziative Schreibwerkstatt. Wir lesen und kommentieren Textstellen aus Le Guins Werken The Dispossessed (1969), The word for world is forest (1976) und Always Coming Home (1984). In diesen Texten wird die besondere Rolle deutlich, die Gegensätze, Radikalität und das Offenlegen von Problemen für das Visionieren haben: Wie wollen wir wirklich leben, woraus entsteht Motivation und Attraktivität, welche Zukunft wollen wir verhindern oder ermöglichen? Unseren Zugang zu den Texten bilden unsere jeweiligen Zugänge zu Degrowth: Feminismus, Selbstorganisation, Technik und Wirtschaften. Wir stellen vor, welche Ideen Le Guins zu diesen Themen wir für die Konturen einer Postwachstumsgesellschaft besonders interessant finden. Im writers’ room können sich dann alle selbst an der Methode des Gedankenexperiments versuchen: Fragend und schreibend entwickeln wir Assoziationen und eigene Vorstellungen zum Leben in einer möglichen Postwachstumsgesellschaft.

… hin zu science fictioning for the good life und Konturen einer Postwachstumsgesellschaft

Zum Abschluss reflektieren wir, was wir inhaltlich wie methodisch gewinnen können, wenn wir unsere Suche nach neuen gesellschaftlichen Konturen und Narrativen, die radikal und tiefgreifend sind, mit den Mitteln eines science fictioning ‚for the good life‘ betreiben. Könnte es unseren Vorstellungsraum dekolonisieren und unsere Vorstellungskraft beflügeln? Hilft es, Alternativen zum Status Quo zu entwerfen, sie mit lebens- und alltagsrelevanten Details zu füllen und in eine neue Erzählung, eine neue Sprache einzubinden? Könnte es einen Weg bieten, die ethischen Implikationen und Spannungen zu prüfen und die Wünschbarkeit und Gerechtigkeit unserer Entwürfe zu stärken? Vor allem Le Guins Essays wie A non-euclidian view of California as a cold place to be (1982) und The carrier bag theory of fiction (1986) helfen uns dabei zu reflektieren, wie und welche Utopien wir erzählen wollen und wie wir überzeugend für die „gute“ Utopie argumentieren können – in der Hoffnung, dass es uns so besser gelingen kann, eine breitere Debatte darüber anzustoßen, welche Zukunft, welche alternative Realität wir gemeinsam wollen.

Organisator_innen und ihr Degrowth-Bezug: Corinna Dengler (Universität Vechta: Feminismus)//Matthias Fersterer (Zeitschrift Oya: Utopismus)//Jana Gebauer (Die Wirtschaft der Anderen: Wirtschaften)//Eugen Pissarskoi (Universität Tübingen: Ethik)//Kristina Utz (FairBindung: Selbstorganisation)//Andrea Vetter (Konzeptwerk Neue Ökonomie: Technik)//Simon Walch (I.L.A. Kollektiv: Narrative)

 

Dieser Artikel ist Teil der Kooperation des Blog Postwachstum mit der Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“, die vom 23. bis 27. September 2019 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattfinden wird. Alle Artikel zur Konferenz finden Sie unter dem Schlagwort Great Transformation Jena.

Beitragsbild: © keep it balanced

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