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VÖÖ Jahrestagung 2012 „Geld und Wachstum“

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Die Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) hat ihre Tagung 2012 unter die Überschrift „Geld und Wachstum“ gestellt. Die moderne Geldordnung sei eine black box, die von der Gesellschaft kaum thematisiert oder hinterfragt werde. Nach dem Motto: Über Geld und Religion spricht man nicht. Aber: money makes the world go ‚round! Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Lebens wird vom Geld bestimmt.

"Geld, Wachstum, Verschuldung, Finanzchaos - wer blickt noch durch?"

Auf der Tagung wurde das Geldsystem als ein zentrales Problem identifiziert. Jedoch fehlt es an gemeinsamen Visionen, an einer Akzeptanz für wirtschaftliche Vielfalt und, vor allem, an einem funktionierenden Alternativmechanismus zur gesellschaftlichen Integration jenseits von Geldeinkommen und Erwerbsarbeit. So stand in vielen Diskussionen die Frage im Vordergrund: Was tun?

Vorschläge zur Lösung der Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa und zum Übergang in eine Wirtschaft ohne Wachstum

Die landläufige Kritik der Geldordnung greife viel zu kurz, so einige Referenten auf der Tagung. Prof. Dr. Dirk Löhr zeigte, dass die Ökonomie sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren müsste, und „flexibel“ sowohl Wachstum als auch Schrumpfung möglich sein sollte. Basierend auf den Arbeiten von Allais und Phelps stellte Löhr die These auf, dass dafür der Kapitalakkumulation ein Ende gesetzt werden müsse, also kein zusätzliches Vermögen aufgebaut werden dürfte. Stattdessen sollten die Menschen und ihre Bedürfnisse als Zweck des Wirtschaftens gelten.

Oliver Richters von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe nachhaltiges Geld (WANG)  stellte die Studie „Wachstumszwänge in der Geldwirtschaft“ vor. Die Studie untersucht anhand von Szenarien, inwieweit das Geldsystem zur Aufrechterhaltung von Stabilität Wachstum generieren muss.

Den archimedischen Punkt trifft meines Erachtens das ehemalige Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Professor emeritus Prof. Dr. Gerhard Scherhorn. Er möchte die Externalisierung von sozialen Kosten effektiv verhindern, um den Kapitalismus „aus den Angeln zu heben“ und Nachhaltigkeit zu verwirklichen. Private Kapitelakkumulation speist sich, so Scherhorn, aus Externalisierungsgewinnen – und das kapitalistische Wirtschaftsrecht räume Eigentümern ein „Externalisierungsprivileg“ ein. Diese Privilegien sind im § 903  BGB verankert. Der Gesetzgeber soll nach einem Vorschlag von Scherhorn diesen Paragraphen so ergänzen, dass Unternehmen in die Pflicht genommen werden, Gemeinressourcen wiederherzustellen. Durch das Wettbewerbsrecht wäre diese Pflicht auch international einklagbar. Dafür hat Scherhorn eine politische Kampagne ins Leben gerufen: gemeingüter nehmen & geben.

Auf einer lokalen und regionalen Ebene setzen die sogenannten Komplementärwährungen an. „Laboratorien für Alternativen“ seien diese Komplementärwährungen laut Prof. Dr. Margrit Kennedy. Eine Vielfalt der Währungen trägt

- zum Erhalt der gesellschaftlichen Subsysteme bei

- macht unabhängiger von globaler Arbeitsteilung und industrieller Fremdversorgung

- dient damit als effektiver Puffer gegen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Es sei an der Zeit, dass die Politik diese Chance von Regionalwährungen erkenne. Kennedys Vorschlag ist bestechend: Denkbar sei, dass ganze Städte und Bundesländer aus der alleinigen Gemeinschaftswährung Euro ausscheren, indem sie flächendeckend ein regionales Geldsystem als Zweitwährung einführen. Diese wird für den internen Handel und Zahlungsvorgänge benutzt, während der Euro weiterhin für den externen Zahlungsverkehr und die internationalen und globalen Handelsbeziehungen zur Verfügung steht.

Das Thema der Regionalwährungen wurde auf der Tagung von Christian Gelleri vertreten, der die erfolgreiche Regionalwährung „Chiemgauer“ aus der Taufe gehoben hat und auf der Tagung versucht hat, sie in den Kontext der Postwachstumsökonomie zu stellen. Durch die Regionalisierung würden Wertschöpfungsketten verkürzt und Wertschöpfungsstufen eingespart. Auf der anderen Seite werden regionale Wirtschaftsstrukturen gestärkt und neu geschaffen. Gelleri warf zudem die Frage auf, ob eine Postwachstumsökonomie zu einer absoluten ökologischen Entlastung führe oder nicht.

Geld und Wachstum sind kontroverse Themen. Letztlich ist und bleibt es meines Erachtens auch nach der VÖÖ-Tagung irgendwie unangenehm, über Geld zu reden. Die Gesellschaft breitet eine große und dunkle Decke des Schweigens über ihrer Geldordnung aus. Statt von funktionierenden Modellen alternativer Geldsysteme zu sprechen, nimmt man pauschal an, dass diese sowieso „unrealistisch“ seien. Das bestärkt Politiker darin, Experimente mit Regionalwährungen zu ignorieren, statt sie auf ihre Praxistauglichkeit in einem größeren Umfang hin zu überprüfen, eine wissenschaftliche Begleitung zu unterstützen, und daraus ihr eigenen Schlüsse zu ziehen. Die Initiative gemeingüter nehmen & geben setzt zwar am archimedischen Punkt der ökologischen und sozialen Probleme an – der Externalisierung – aber es wird viel Arbeit kosten, die politischen Akteure davon zu überzeugen, sich für die Diskussion zu öffnen.

Wer nicht auf Politiker warten möchte und von der Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels überzeugt ist, muss sich klar machen, dass Geld ein zentraler Ansatzpunkt für echte Nachhaltigkeit ist. Es ist wichtig, über Alternativen zum Bestehenden nicht nur nachzudenken, sondern sie im eigenen Handeln zu verwirklichen.


von

Benjamin Best ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Wuppertal Institut in der Forschungsgruppe 1: Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen. Zuvor absolvierte er den Masterstudiengang Sustainability Economics and Management an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er promoviert zur zivilgesellschaftlichen Beteiligung an der urbanen Energiewende in der InnovationCity Ruhr - Modellstadt Bottrop. Er ist Vorstandsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie e.V (VÖÖ) und war 2010 Mitgründer des Netzwerks Wachstumswende (NEWW).

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