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Priorität für Wachstum oder Klimaschutz?

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Vor dem Hintergrund der alarmierenden Ergebnisse der Klimaforschung ist klar: „Wir müssen das menschliche Handeln in eine neue Richtung lenken, von der Ausbeutung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Erdsystem.“ (Will Steffen, Stockholm Resilienz Center).

Aber wie sehen die Klimaschutzszenarien des IPCC-Sonderberichts aus? Und hier setzt bei aller Wertschätzung der Klimaforschung des IPCC unsere kritische Auseinandersetzung an: denn die Klimaszenarien werden verbunden mit fünf sozioökonomischen Entwicklungsszenarien (Shared Socio-ecomoc Economic Pathways). Diese Entwicklungsszenarien, die auf ökonomischen Modellen beruhen, gehen alle von der Annahme aus, dass es weltweit weiteres Wirtschaftswachstum geben wird bis zum Jahr 2100, weil der Wohlstand – verstanden als Konsum pro Kopf – gesteigert werden soll. Unter dieser Annahme kann ein zumindest temporärer Überschuss – eine Überschreitung der kritischen Schwellen des CO2- Ausstoßes – nicht verhindert werden. Deshalb braucht es Technologien, die geeignet erscheinen, die – zu vielen – Emissionen der Erdatmosphäre wieder zu entziehen. Dabei steht derzeit im Mittelpunkt BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage), der Anbau von Biomasse und die folgende Verbrennung der Biomasse mit Abscheidung des CO2 und danach die Speicherung des CO2.

Diese sozio-ökonomischen Szenarien gehen von weiterem Wirtschaftswachstum aus, auch das sogenannte Sustainability-Szenario, das für 2010-2100 in den Industriestaaten eine durchschnittliche Wachstumsrate von 1,0-1,4 % annimmt und weltweit eine Wachstumsrate von 2,1-2,2 %. Aber wie steht es mit dem Verhältnis von Wirtschaftswachstum und Klimaschutz, mit der Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Klimaschutz? Welche Erfahrungen gibt es, seitdem Klimaschutz seit der Rio-Konferenz 1992 und den Klimavereinbarungen von Kyoto ein herausragendes politisches Ziel der Staatengemeinschaft wurde? Es gibt weltweites Wachstum und weltweit steigende CO2 Emissionen und auch in den Industriestaaten ist die absolute Entkoppelung, d.h. weniger CO2-Emissionen bei steigender Wirtschaftsleistung, nicht gelungen. In den Industriestaaten kommt hinzu, dass sie im Zuge der Globalisierung mit der Verlagerung ihrer Produktion in Länder des Südens und dem Import von Konsumgütern ihre CO2-Emissionen ins Ausland verlagern.

Die Hoffnung über Energieeffizienz und über eine Green Economy auch bei Wirtschaftswachstum die nötigen CO2 Reduktionen und nationalen Klimaziele zu erreichen, haben sich auch wegen des Rebound-Effekts nicht erfüllt. Die Bundesregierung hat ihre Klimaziele für 2030, weil sie absehbar nicht erreicht werden würden, von 40 % auf 35 % reduziert.

Deutschland ist in der europäischen Klimapolitik vom Vorreiter zum Mitläufer und jetzt zum Hauptbremser geworden – wie beim EU-Gipfel im Oktober 2018 zur Reduzierung der CO2-Emissionen bei Automobilen. Und warum? Weil im Automobilland Deutschland die Autoindustrie mit dem Verlust von Arbeitsplätzen gedroht hat und die Bundesregierung Wachstumseinbußen befürchtete.. „Auch der Klimaschutz steht unter Wachstumsvorbehalt“ so prägnant hat es der frühere Wirtschaftsminister Clément bei der Entscheidung über die Einführung des Emissionshandels formuliert, worauf dieses Instrument so durchlöchert wurde, dass es – wie beabsichtigt – wirkungslos wurde.

Klimaschutzmaßnahmen und Wirtschaftswachstum können miteinander vereinbar sein, wie beim Ausbau der erneuerbaren Energien, aber Klimaschutz darf nicht vom Wachstum abhängig sein. Die planetaren Grenzen sind auch unsere menschlichen Grenzen und Wirtschaft und Gesellschaft müssen so organisiert werden, dass diese Grenzen eingehalten werden – auch wenn das Änderungen in unserem Wirtschaftssystem und eine Abkehr vom Wachstumsparadigma bedeutet. Wir brauchen eine Postwachstumsgesellschaft, in der Wirtschaft und Gesellschaft auch ohne Wachstum funktionieren.

Die seit den „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 immer wieder aufkommende Debatte lässt sich nicht mit neuen Wortschöpfungen entschärfen oder gar lösen, mit qualitativem Wachstum, mit grünem Wachstum oder auch nachhaltigem Wachstum – wie das  auch in den Sustainable Development Goals oder jetzt in dem Nachhaltigkeitsszenario des IPCC angenommen wird. Die Auseinandersetzung mit dem Paradigma Wirtschaftswachstum und unserer derzeitigen tatsächlichen Abhängigkeit des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems vom Wirtschaftswachstum ist zentral für die Klimapolitik.

Dies ist auch meine persönliche Erfahrung. Als Misereor und der BUND in die Mitte der Neunzigerjahre als deutsche Übersetzung der Agenda 21 von Rio die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ veröffentlichten, mit den gleichen weitreichenden Reduktionszielen für CO2 und Rohstoffe wie sie heute gefordert werden, gab es kein extra Kapitel zum Thema Wachstum, sondern die Aussage: Die ökologischen Grenzen, damals Umweltraum genannt, seien die Grenzen für die wirtschaftliche Entwicklung. Wachstumsraten seien ein Ergebnis wirtschaftlicher Aktivität und kein eigenständiges Ziel. Wir waren damals überzeugt, dass die Weltgemeinschaft die Brisanz der Klimaentwicklung erkannt hätte und klimapolitisches Handeln Priorität hätten. Das war ein Irrtum – und diesen dürfen wir nicht wiederholen. Die Debatte um Wirtschaftswachstum muss offensiv in die Debatte um Klimaschutzpolitik eingeführt werden. Denn in den Klimaschutzszenarien werden Wachstumsraten angenommen, die zu so hohen Treibhausgasemissionen führen, dass das 1,5°-Ziel überschritten würde.

Die Integrated Assessment Modelle arbeiten mit Nutzen-und Wohlfahrtsfunktionen, die das Ziel haben, den materiellen Wohlstand zu maximieren. Der Gesamtnutzen ergibt sich dabei aus dem Konsum pro Kopf multipliziert mit der Anzahl der Menschen. Dabei erhöhen – wegen der logarithmischen Funktion – Konsumzugewinne in armen Ländern den Gesamtnutzen stärker als Konsumzugewinne in reichen Ländern.

Das Dilemma ist: Die Konsumsteigerung ist das Ziel, aber gleichzeitig sind wirtschaftliche Aktivitäten und Konsum der Hauptmotor für Treibhausgasemissionen.

Dies Dilemma soll nach dem IPCC-Sonderbericht durch folgende Strategien gelöst werden:

  1. Effizienz
  2. andere Formen der Energiebereitstellung,
  3. Technologien für negative Emissionen, d. h. Technologien, die CO2-Emissionen wieder aus der Atmosphäre zurückholen und unwirksam werden lassen.

Welche Optionen dabei zum Einsatz kommen, wird nach Grenzvermeidungskosten entschieden (gesamtwirtschaftliche Kosten pro eingesparter Tonne CO2). Dabei werden die gesellschaftlichen und Umweltkosten der Maßnahmen nicht berücksichtigt.

Eine gesellschaftliche Debatte über die Annahmen dieser ökonomischen Modelle, die die Höhe der angenommenen C02-Emissionen zentral bestimmen, findet nicht statt. Die Debatte wird sich absehbar an den Auswirkungen der Technologien für negative Emissionen entzünden.

So halten wir von Friends of the Earth die Risiken von BECCS (das in allen Szenarien vorgesehen ist) für zu hoch:

  1. Für die zu eliminierenden Mengen an CO2 sind riesige Flächen Land nötig, ca. ein Drittel der aktuellen Anbaufläche weltweit und es besteht daher die Gefahr weiterer Waldrodungen für den Anbau von Biomasse.
  2. Der Anbau von Biomasse erfolgt in Monokulturen mit einem hohen Einsatz von Pestiziden und gefährdet die Biodiversität.
  3. Die Risiken der Speicherung von CO2 sind zu hoch.

Wir halten deshalb den Ansatz für falsch, bei Rückholtechniken für die Emissionen anzusetzen, sondern setzen darauf, die Entstehung von CO2 zu verringern, nicht nur über Effizienz und alternative Energiebereitstellung, sondern auch über Suffizienz.

Aber diese Option zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen wird überhaupt nicht angesprochen – über Verhaltensänderungen im Konsum und Lebensstilen die Emissionen zu verringern, z. B. in den Bereichen Ernährung/insb. Fleischkonsum, Verkehr/Sharing-Modelle, Flugverkehr, Regionalisierung.

Effizienzmaßnahmen und neue Energieformen sind wichtig, aber ohne Suffizienzmaßnahmen wird das Klimaziel 1,5° nicht zu erreichen sein. Um Suffizienz im nötigen Umfang wirksam werden zu lassen, brauchen wir fördernde Suffizienzpolitik. Wirksame Suffizienz steht allerdings im Konflikt mit Konsumsteigerung.

Der IPCC-Bericht selbst fordert einen Systemwechsel, „a completely new paradigm“. Systemwechsel bedeutet nach unserer Einschätzung den Abschied von der gegenwärtigen Priorität für Wirtschaftswachstum und das Ziel einer Postwachstumsgesellschaft, in der nicht mehr die Steigerung der materiellen Güter im Mittelpunkt steht, sondern ein gutes Leben – weltweit und für künftige Generationen.

 

Literatur:

Kuhnhenn, Kai (2018): Economic Growth in mitigation scenarios: A blind spot in climate science. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung. Online abrufbar unter: https://www.boell.de/en/economic-growth-in-mitigation-scenarios

Spangenberg, Joachim (2018): Neoclassical economists misguide the IPCC – with dangerous consequences. International Sustainable Development Research Society: ISDRS Newsletter 3/2018. Online abrufbar unter: http://isdrs.org/?wysija-page=1&controller=email&action=view&email_id=28&wysijap=subscriptions

 

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Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und war von 1998 bis 2007 Vorsitzende. Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung und im Strategiebeirat Sozial-ökologische Forschung des deutschen Bundesforschungsministeriums. Seit 2010 ist sie Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Sie hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht, u.a. zu den Themenbereichen Nachhaltigkeit, Produktlinienanalyse, Ökologische Steuerreform, Ökologie und Ökonomie, Frauen und Ökologie. Sie war u.a. Initiatorin der Studien „Zukunftsfähiges Deutschland“ (Basel 1997 und Frankfurt a.M. 2008). Zusammen mit Irmi Seidl ist sie außerdem Herausgeberin des Buches „Postwachstumsgesellschaft - Konzepte für die Zukunft“ und Mit-Initiatorin des Blogs Postwachstum.de. Mit Uwe Schneidewind hat sie das Buch „Damit gutes Leben einfacher wird – Perspektiven einer Suffizienzpolitik“ geschrieben. 2006 und 2013 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen und 2009 der Deutsche Umweltpreis.

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