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Postwachstumsplaner*in werden – Teil 2

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Grenzen: Veränderung ermöglichen

Die Bandbreite der Reaktionen deutet auch auf eine Vielfalt des alltäglichen Planungshandelns hin, in dem viele Routinen abgearbeitet und oft nicht hinterfragt werden. Der praktische Alltag erfordert auch eine gewisse Einstellung dazu, Dinge zu erledigen und sprichwörtlich „vom Tisch zu bekommen“. Jede Forderung nach Veränderung sollte sich dementsprechend intensiv damit auseinandersetzen, wie es aktuell ist und welche Möglichkeiten zeitnah vorhanden sind.

Die meisten heutigen Aufgaben räumlicher Entwicklung und Planung sind nicht neutral oder objektiv lösbar. Probleme wie die Wohnungskrise beinhalten, je nach Perspektive, ein unzureichendes Angebot, veränderte gesellschaftliche Nachfrage, neue Lebensstile, steigende Mieten, demographische Veränderungen, Finanzmärkte und Zinsen. Planer*innen sind sehr erfahren damit, mit komplexen Situationen (oder ‚wicked problems‘) umzugehen. Aus anderen Beobachtungen der Planungspraxis lässt sich sogar die Gefahr sehen, dass Forschung zu einseitig auf bestimmte Modethemen schaut (Hellmich et al. 2017) und eine schwierige Gradwanderung vollzieht, sogar den Handlungsraum einzuengen.

Planende in Deutschland sind zunehmendem Druck ausgesetzt, räumliche Antworten auf Krisen zu liefern. Dazu gehören langfristige und sich beschleunigende Krisen (Wohnen, Klima, Biodiversität) ebenso wie kurzfristige unerwartete Krisen (Finanzkrise, COVID-19). Das kann sich anfühlen wie ein Rennen, in dem nur noch das Mithalten im Zentrum steht. Postwachstum bietet hier eine Perspektive an, mit der diese Krisen im Zusammenhang einer bisher zu wenig hinterfragten Wachstumsorientierung betrachtet werden können. Vor allem kann auf diese Weise verhindert werden, dass in einem fortdauernden Teufelskreis Externalitäten in zeitlicher Dimension (auf zukünftige Generationen) oder in räumlicher Dimension (auf andere Teile der Erde) verlagert werden. Zuletzt hat auch COVID-19 aufgezeigt, dass sich in negativer Weise Probleme in der Daseinsvorsorge, politischer Populismus, niedrige Impfbereitschaft und hohe Infektions- und Todeszahlen in den gleichen Teilräumen wiederfinden und verstärken. Mit einem ‚Wachstumsfetisch‘ lassen sich keine Städte und keine ländlichen Räume gestalten, die dauerhaft gute Lebensbedingungen und sozialen Zusammenhalt ermöglichen sollen.

Richtungen: Postwachstumsplaner*innen werden

„Der Traum vom ewigen Wachstum ist geplatzt“ (Bund Deutscher Architekten 2019, S. 2).

Die dargestellten Reaktionen sollen als ein Ausgangspunkt dienen, der in zwei Richtungen genutzt werden kann. Erstens, jede Raumplanerin und jeder Raumplaner kann sie nutzen, um sich selbst zu hinterfragen und über die eigene Position nachzudenken. Zweitens, wir können sie gemeinsam nutzen, um Unterschiede zu erkennen und zu verstehen, aber auch um daraus Verbindungen zu entwickeln. Kreative Ideen zur Veränderung können aus diesem Zusammenspiel entstehen und sollten Denkräume erhalten. Darüber hinaus können wir Kunzmanns (2004, S. 385) Aussage über Raumplanung und Kreativität als Aufruf für eine tiefgehende Veränderung weiterdenken: “to be an urban or regional guerilla to undermine established bureaucratic and political agendas” (Kunzmann, 2004, p. 385).

Die gesellschaftliche und politische Debatte hat heute bereits viele Transformationsnarrative internalisiert. Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, ökologische Grenzen, Klimaneutralität und der Kohleausstieg sind keine Nischendiskurse. Sie sind national und global beschlossene Ziele, denen sich dementsprechend niemand entziehen darf. Im Sinne der Rechte zukünftiger Generationen hat das nicht zuletzt das Bundesverfassungsgericht 2021 angemahnt. Ob dabei der Begriff ‚Postwachstum‘ aufgegriffen wird oder nicht, eine Richtung scheint vorgezeichnet und unausweichlich. Eine vorausschauende Planung muss die Frage nach Gewinner*innen und Verlierer*innen stellen und (räumliche) Verteilungsfragen frühzeitig betrachten.

Die Grenzen des Wachstums in der Stadt- und Raumplanung werden zum Ende des Jahres 2021 fast schockhaft deutlich: die Nullzinspolitik führt zu einer immer schneller steigenden Nachfrage nach Wohnraum, Wohnungspreise und Mieten steigen trotz aller Corona-Schocks weiter und Baumaterial wird rar und teuer. Postwachstum erinnert daran, dass ein immer mehr und ein immer schneller nicht hilft, die grundlegendsten aller Planungsziele wie gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Wohnbedürfnisse und soziale und kulturelle Bedürfnisse (§1 Abs. 6 BauGB) zu erfüllen. Postwachstumsplaner*innen könnten eine aktive Rolle übernehmen, normative Richtungen aus dem Postwachstumsdiskurs aufnehmen, in die Vielfalt ihrer Rollen übernehmen und Postwachstum damit im wahrsten Sinne des Wortes ‚Raum‘ verschaffen.

Hinweis

Die Grundlagen dieses Beitrags basieren auf langjähriger Zusammenarbeit mit Viola Schulze Dieckhoff und anderen Kolleginnen und Kollegen (siehe auch www.postwachstumsplanung.de). Viola und allen anderen gebührt ein außerordentlicher Dank. Dieser Beitrag ist angelehnt an eine englischsprachige Fassung (siehe Lamker 2021). Ebenso danke an alle Planerinnen und Planer, die sich auf die Diskussion über Postwachstum bisher eingelassen haben und eine herzliche Einladung an alle, die das noch tun möchten.

Dies ist der zweite Teil eines zweiteiligen Artikels. Zum ersten Part gelangen Sie hier.

Literatur:

Bund Deutscher Architekten (BDA) (2019): Das Haus der Erde. Positionen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land. Auf dem 15. BDA-Tag am 25. Mai 2019 in Halle /Saale. 2. Aufl. Hg. v. Bund Deutscher Architekten (BDA). Bund Deutscher Architekten (BDA). Berlin. Online verfügbar unter https://www.bda-bund.de/wp-content/uploads/2019/04/20190819_DasHausDerErde_Monitor.pdf.

Hellmich, Meike; Lamker, Christian Wilhelm; Lange, Linda (2017): Planungstheorie und Planungswissenschaft im Praxistest. Arbeitsalltag und Perspektiven von Regionalplanern in Deutschland. In: Raumforsch Raumordn 75 (1), S. 7–17. DOI: 10.1007/s13147-016-0464-x.

Kunzmann, Klaus Rainer (2004): Culture, creativity and spatial planning. In: Town Planning Review 75 (4), S. 383–404. DOI: 10.3828/tpr.75.4.2.

 

von

Dr. Christian Lamker (*1984) ist Assistant Professor für Sustainable Transformation & Regional Planning an der Universität Groningen (Niederlande). Er forscht und lehrt am Fachgebiet Raumplanung und Umwelt zu Rollen in der Planung, Postwachstumsplanung, Planungstheorie, Regionalplanung und leadership in nachhaltiger Transformation. Er hat studiert und gearbeitet in Dortmund, Aachen, Auckland, Detroit und Melbourne und koordiniert den Masterstudiengang Society, Sustainability and Planning (SSP) in Groningen. Kontakt: c.w.lamker@rug.nl, www.postgrowthplanning.com Twitter/Instagram: @raumplaner & @postgrowthplan

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