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Postwachstumsplaner*in werden – Teil 1

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Gesellschaftliche Ziele in Bereichen wie Wohnen, Klimawandel, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft konfrontieren Raumplaner*innen mit wachstumsbasierten Krisen. Beispielsweise entspricht das Angebot an Wohnraum weder der Marktnachfrage noch sozialen Anforderungen, während die Entwicklung neuer Flächen und Bauprojekte Grenzen von Nachhaltigkeit, Flächenverfügbarkeit, Baumaterial und Treibhausgasemissionen erreicht. Raumplaner*innen versuchen, auf unterschiedliche Weise dieses Wachstum zu organisieren oder darauf zu reagieren. Die Konfrontation mit Gedanken aus der Postwachstumsdebatte erscheint dringend erforderlich. Die Vielfalt unterschiedlicher Reaktionen auf die Postwachstumsdebatte zu verstehen hilft dabei, Wege aufzuzeigen, eine räumliche Planung (in Stadt und Land) unabhängig von Wachstum zu denken. Das Ziel ist, das Entstehen und den Werdegang von Postwachstumsplaner*innen zu ermöglichen und geeignete Rollen für diese zu verankern.

Ausgangspunkt: Konfrontationen mit Postwachstum

Dieser Beitrag basiert auf Erfahrungen der Jahre 2016 bis 2021 aus organisierten Diskussionen (‚transformative Konfrontationen‘) in etablierten Netzwerken und Veranstaltungen der Stadt- und Raumplanung vor allem in Deutschland. Das Ziel war, Hürden auf dem Weg zu einer Raumplanung in einer Postwachstumsgesellschaft aus der Perspektive von Planenden zu verstehen und Möglichkeiten zu entdecken, mit denen Stadt- und Raumplanung von ihrer Wachstumsorientierung – oder ihrem ‚Wachstumsfetisch‘ – gelöst werden kann (zur Kritik siehe beispielsweise Barry 2020 und Rydin 2013). Die Erfahrungen sind auch in die internationale Reflexion innerhalb eines im ersten Halbjahr 2022 erscheinenden Buchs eingeflossen (Savini et al., im Erscheinen).

Ein gängiges Ziel in der heutigen Planungspraxis ist mit oder für wirtschaftliches Wachstum und eine Nachfrage nach Bauland zu arbeiten. Diese Erwartung wird politisch geäußert und ist Bestandteil der Raumentwicklungspolitik auf allen Ebenen. Zugleich stehen andere politisch festgelegte Ziele (wie Klimaneutralität, Mobilitätswende, gleichwertige Lebensverhältnisse) sich mitunter diametral gegenüber. Dabei werden negative, beschleunigende Faktoren (wie Finanzmärkte, Zinsentwicklung) ebenso wie langfristige kumulative Wirkungen (wie Zersiedelung, Überflutungsrisiken) selten in ihren großräumigen oder langfristigen Zusammenhängen diskutiert. Ist räumliche Planung in einem Teufelskreis gefangen, in dem Planende sich in ihren Rollen und Praktiken um Wachstum drehen und Gefahr laufen, langfristiges Wohlbefinden (von Menschen und Natur) aus dem Blick zu verlieren?

Hier können Gedanken aus dem Postwachstumsdiskurs weiterhelfen, die mitunter bereits als mögliches zukünftiges Paradigma angesehen werden (beispielsweise in ARL 2021) und eine neue Planungsethik anbieten (Savini 2021). In den zurückliegenden Jahren haben auch große Veranstaltungen und Netzwerke die Grundlagen aufbereitet und diskutiert (siehe auch Themendossier Postwachstum bei der ARL: https://www.arl-net.de/de/postwachstum). Planende würden dann Wachstum nicht mehr als notwendigen Ausgangspunkt oder zu erreichendes Ziel betrachten und mit einem ausdifferenzierten System an Erfolgskriterien zur Wohlstandsmessung arbeiten. Entwicklungen wie die Common Good Economy oder Kate Raworth’s Doughnut Economy finden bereits Widerhall in der Stadtentwicklungspolitik und zeigen eine Richtung, in der Ökonomie kein Selbstzweck ist. Ökonomie findet dort ihren Platz, wo zwischen sozialen Bedürfnissen und ökologischen Grenzen navigiert wird.

Reaktionen: Postwachstum trifft Planende

Den Kern der Debatten über die Verbindung von Postwachstum mit (öffentlicher) Stadt- und Raumplanung bildeten zwei Elemente: erstens, die absoluten Grenzen verfügbarer Ressourcen (insbesondere Flächen) und zweitens, die Lösung des ökonomischen Fokus in etablierten Erfolgskriterien (insbesondere dem BIP). Zugleich erfüllt Stadt- und Raumplanung die wichtige gesellschaftliche Aufgabe, Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse ebenso zu sichern wie natürliche Lebensgrundlagen zu erhalten. Wenn Postwachstum auf Planende trifft, geht es also um grundlegende Fragen einer ganzen Disziplin.

Aus Beobachtungen der transformativen Konfrontation mit Planenden aus Praxis und Forschung und deren internationaler Reflexion lassen sich neun grundlegende Typen von Reaktionen zusammenfassen, die institutionelle, kognitive und persönliche Hürden verdeutlichen (siehe auch Lamker 2021; Lamker & Schulze Dieckhoff 2019; 2020):

  1. Unzeitgemäß: „Wir haben das in den 1970ern gemacht…!“
  2. Unnötig: „Es gibt Mond und Mars… (und ausreichend Ressourcen dort)!“
  3. Unangemessen: „Wir machen nur Wachstum…!“
  4. Exklusiv: „Das ist etwas für junge Menschen und/oder junge Wissenschaftler*innen…!“
  5. Unverantwortlich: „Wir folgen politischen Vorgaben und Aufträgen…!“
  6. Unsicher: „Was können wir damit tun…?“
  7. Spekulativ: „Was ist die Rolle von Planenden dabei…?“
  8. Inspiriert: „Wie können wir Teil davon werden…?“
  9. Revolutionär: „Wir müssen das Planungssystem zerstören und von Grund auf neu aufbauen…!“

Einerseits ist es wenig überraschend, dass Planende sehr unterschiedlich reagieren. Teil der Diskussionen waren Planende aller Altersgruppen und mehrerer räumlicher Ebenen (insbesondere Stadt, Region, Bundesland). Andererseits war doch unerwartet, wie weit die Unterschiede zwischen vollständiger Ablehnung (unzeitgemäß, unnötig) bis zu überwältigender Zustimmung (inspiriert, revolutionär) in der gleichen beruflichen Praxis sein können. In einer Diskussionsrunde verwies ein Planungswissenschaftler darauf, die Debatte sei aufgrund der Fülle von Ressourcen auf dem Mond und dem Mars überflüssig. Postwachstum sei für räumliche Planung damit keine Notwendigkeit. In der gleichen Diskussion forderte ein pensionierter Regionalplaner, das Planungssystem zu zerstören und von Grund auf neu aufzubauen. Postwachstum sei für räumliche Planung damit der Kern einer Neuorientierung. Möglicherweise verbergen sich hinter solchen Unterschieden fundamentale Unterschiede im Verständnis von Planung. Ebenso könnten persönliche Hintergründe, Erfahrungen oder Geschäftsmodelle zu solch drastischen Unterschieden führen.

Jenseits der eher anekdotenhaften Extreme zeigt sich in der Breite eine Anerkennung der Grenzen heutiger Ansätze, zufriedenstellende Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu liefern. Vielen Planenden ist bewusst, dass es dabei um mehr als eine Anpassung von Instrumenten geht und tatsächlich zugrunde liegende Paradigmen auf dem Tisch liegen. In der Praxis ist die Entwicklung neuer Flächen zunehmend konfliktbehaftet – aus ökologischer und aus sozialer Sicht. Die Verbesserung individueller Projekte gelingt mitunter gut, aber kumulative Effekte wirken mittel- und langfristig negativ und bleiben unbeleuchtet. In einer gewissen Offenheit liegt zugleich eine große Unsicherheit, wie künftige Rollen und Praktiken einer wachstumsunabhängigen räumlichen Planung aussehen könnten.

Hinweis

Die Grundlagen dieses Beitrags basieren auf langjähriger Zusammenarbeit mit Viola Schulze Dieckhoff und anderen Kolleginnen und Kollegen (siehe auch www.postwachstumsplanung.de). Viola und allen anderen gebührt ein außerordentlicher Dank. Dieser Beitrag ist angelehnt an eine englischsprachige Fassung. Ebenso danke an alle Planerinnen und Planer, die sich auf die Diskussion über Postwachstum bisher eingelassen haben und eine herzliche Einladung an alle, die das noch tun möchten.

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Blog-Beitrags. Zum folgenden Part gelangen Sie hier.

 

Literatur:

Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL) (2021): Forschungskonzept 2017-2022. Aktualisierte Auflage für den Zeitraum 2020-2022. Hannover. Online verfügbar unter urn:nbn:de:0156-56364.

Barry, John (2020): Planning in and for a post-growth and post-carbon economy. In: Simin Davoudi, Richard Cowell und Iain White (Hg.): The Routledge companion to environmental planning. London and New York: Routledge (Routledge Handbooks Online), 120–129.

Lamker, Christian Wilhelm (2021): Becoming a Post-Growth Planner. In: Rooilijn (September). Online verfügbar unter https://www.rooilijn.nl/artikelen/becoming-a-post-growth-planner.

Lamker, Christian Wilhelm; Schulze Dieckhoff, Viola (2020): Postwachstum + Planung = Postwachstumsplanung?! Erfahrungen aus der Konfrontation zweier Diskurse. In: Anton Brokow-Loga und Frank Eckardt (Hg.): Postwachstumsstadt. Konturen einer solidarischen Stadtpolitik. München: oekom verlag, 90–103.

Lamker, Christian Wilhelm; Schulze Dieckhoff, Viola; Grotefels, Susan; Mössner, Samuel; Schulz, Christian; Wiese-von Ofen, Irene (2019): Mit oder gegen den Strom? Postwachstumsplanung in der Fishbowl. In: RaumPlanung (201), 48–54. Online verfügbar unter https://www.researchgate.net/publication/332259750_Mit_oder_gegen_den_Strom_Postwachstumsplanung_in_der_Fishbowl_RaumPlanung.

Rydin, Yvonne (2013): Future of planning. Beyond growth dependence. Bristol: Policy Press.

Savini, Federico (2021): Degrowth and planning: cities in the face of the climate crisis. In: Save the planet for amateurs, 10.11.2021. Online verfügbar unter https://planetamateur.com/2021/11/10/degrowth-and-planning-cities-in-the-face-of-the-climate-crises.

Savini, Federico; Ferreira, António; Schönfeld, Kim Carlotta von (Hg.) (im Erscheinen): Post-Growth Planning. Cities beyond the market economy: Routledge.

von

Dr. Christian Lamker (*1984) ist Assistant Professor für Sustainable Transformation & Regional Planning an der Universität Groningen (Niederlande). Er forscht und lehrt am Fachgebiet Raumplanung und Umwelt zu Rollen in der Planung, Postwachstumsplanung, Planungstheorie, Regionalplanung und leadership in nachhaltiger Transformation. Er hat studiert und gearbeitet in Dortmund, Aachen, Auckland, Detroit und Melbourne und koordiniert den Masterstudiengang Society, Sustainability and Planning (SSP) in Groningen. Kontakt: c.w.lamker@rug.nl, www.postgrowthplanning.com Twitter/Instagram: @raumplaner & @postgrowthplan

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