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Postwachstum in vielen Worten: Zwei Fachkonferenzen im Vergleich

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Die ganz großen Fragen stehen immer noch im Mittelpunkt. Was bedeutet Wohlstand? Wovon wollen wir „mehr“? Und wenn ja, mehr für wen? Und wer trägt denn nun die Verantwortung für eine bessere Welt? Um Antworten zu finden, halte ich mich an den Kalender dieses Blogs und versuche, eine Veranstaltung pro Woche zur Postwachstumsgesellschaft zu besuchen. Immer wieder mit der Hoffnung, nicht noch mehr Fragezeichen im Kopf als Ergebnis mitzunehmen. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) beteiligten sich im Frühjahr 2013 mit zwei Konferenzen an der Debatte zur Postwachstumsgesellschaft. Sie stellten dort dieselben Fragen, schlagen aber als Ergebnis unterschiedliche Wege dahin vor.

Konkret – gern, aber wie? Die Veranstaltung des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft

Die Konferenz „Postwachstumsgesellschaft konkret“ des (FÖS) fand am 15. März in der Landesvertretung Baden-Württembergs statt. Der launige Werbespruch des Landes fing meine Erwartungen an den Tag ein: “Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Würde es die Postwachstums-Debatte heute schaffen, sich verständlich zu machen?

Als einleitender Programmpunkt wurde der Adam-Smith-Preis des FÖS verliehen – mit dem Plädoyer, Adam Smiths Theorien nicht als Leitbild eines fehlgeleiteten Neoliberalismus zu missverstehen. Auch sein Homo oeconomicus verfolge das humane Ziel des Glücks vorrangig vor dem Profit, bei dem Eigennutz und Gemeinwohl kein Widerspruch seien. Und ohne Eigennutz funktioniere auch Umweltpolitik nicht.

Nach dieser Ehrung wurde die Bühne frei gemacht für alle Referent*innen und Teilnehmer*innen der Konferenz. Ein Highlight: der charismatische Schlagabtausch zwischen Ralf Fücks (Bündnis 90/Die Grünen) und Michael Müller (SPD). Während Fücks für Europa als Vorreiterin grünen Wachstums und „eine neue Gründerzeit der Industrialisierung“ plädierte, hielt Müller mit seinen Ideen über eine erneuerte Moderne, bei der neues Denken und Emanzipation grundlegend sein müssen, dagegen. „Teilkorrekturen in Grün“, wie Müller Fücks‘ Ideen bezeichnete, seien Augenwischerei und würden von der so dringend benötigten Suffizienz ablenken.

Auf dem Abschlusspodium zu aus der Wachstumsenquete abgeleiteten Folgen für die Politik kam dann Daniela Kolbe, Vorsitzende der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ zu Wort. Sie stellte klar, dass der Abschlussbericht der Enquete nicht weiter sein kann als die gesellschaftlich-akademische Debatte und sieht ihren Verdienst darin, das Thema dort platziert zu haben, wo es von politischen Machthaber*innen gehört wird. Sind die enttäuschten Erwartungen an die Ergebnisse der Enquetekommission dann der Spiegel, den sich die Postwachstumsdebatte selbst vorhalten muss?

Felix Ekart, Juraprofessor der Universität Rostock, bereicherte das Gespräch mit einem Plädoyer dafür, das Ökologische und das Soziale zusammen zu denken, und für Gerechtigkeit, Wahrheit und Mut. Denn die schönste Debatte nutzt nichts, wenn der Mut fehlt, ihre Ideen auch Wirklichkeit werden zu lassen. Ebenso setzt sich auch Thomas Gambke für eine Emotionalisierung des Themas ein. Große Worte, die nicht konkret sind, aber ankommen. Ein sinnvoller Ansatz, wenn wir auf eine große Katastrophe als Augenöffnerin verzichten wollen, um das Anliegen des Postwachstums nicht nur für eine kleine Elite, sondern für alle verständlich zu machen. Wenn sich nichts ändert, bleiben die großen Fragen eben Fragen. Zu radikaler Veränderung scheinen in der Postwachstumsdebatte die wenigsten bereit zu sein. Ist das nun Vernunft oder Bequemlichkeit? Ein Fazit der Veranstaltung: Mehr Mut wird in der Politik benötigt, ebenso wie mehr Verantwortung in der Gesellschaft.

Wohlstand – wie anders? Linke Positionen der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Als der Frühling langsam in Berlin Einzug hielt, lud die Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) zur Veranstaltung „Wohlstand –wie anders?“ am 10. April ein.

Auch hier war das Ziel hoch gesteckt: nach Ulrich Brands Worten sollte man bei dieser Konferenz nämlich „vom Konkreten ins Konkrete“ kommen. Dass Zeit dabei das größte Mangelgut ist, scheint zumindest der kleinste gemeinsame Nenner aller Fachveranstaltungen zu sein. Bei der RLS umso mehr, da eine enorme Vielzahl von Themen an einem Tag behandelt wurde. Wie bei der FÖS-Konferenz waren auch hier wirklich konkrete Handlungsvorschläge das Ergebnis kleinerer Workshops. Arbeitszeitverkürzung, ein allgemeines Grundeinkommen, das Anlegen von Umweltsteuern in einem Sozialfonds, die Aktivierung sozialer Strukturen zur gemeinschaftlichen Vorsorge, solidarische Landwirtschaft – Ideen gibt es genug, nur an Verantwortung und Mut scheint es zu mangeln.

Ihre Nähe zur Partei „Die Linke“ merkte man der RLS sicher an, ebenso das Eigeninteresse der FÖS-an ihrem Kernthema der ökologischen Steuerreform. Während bei der FÖS-Konferenz Redebeiträge vom weiblichen Publikum noch launig herausgefordert wurden, war der Einsatz für den Feminismus bei der RLS-Veranstaltung allgegenwärtiger Programmpunkt. Gut so! Auch wenn die Rolle der feministischen Theorie für die aktuelle Postwachstumsdebatte dabei auch durchaus selbstkritisch bewertet wurde, brachte sie doch neue Denkansätze mit ein.

Bei beiden Konferenzen sprachen sich viele Teilnehmer*innen dafür aus, nicht an den Bedürfnissen vieler Betroffener vorbei zu debattieren. Die Frage der globalen Gerechtigkeit – wer darf wie wachsen? – bietet dazu immer wieder Zündstoff für Diskussionen. Es wird Zeit, Vertreter*innen des globalen Südens tatsächlich für ihre Belange auf diesen Veranstaltungen sprechen zu lassen. Dafür sind Konferenzen eben da: Meinungen und Erfahrungen zusammenzubringen. Und das möglichst vielfältig, um die Realität im Kleinen abzubilden. Nur so können Konferenzen wie die hier beschriebenen ihrem Anspruch gerecht werden, realistische Lösungen zu finden und ihre Umsetzung vorzubereiten.

Meine gedankliche Essenz des Tages mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Wir sind als Menschen nicht überfordert vom derzeit spürbaren Zu-Viel, Zu-Schnell, Zu-Groß. Wir sind unterfordert. Ein Mensch will so viel mehr, als einfach nur zu konsumieren – wir wollen lernen, etwas schaffen, und gut sein bei dem, was wir tun. Wie soll sich das in Materiellem allein ausdrücken? Konsum als Verlust von Zeit und Lebensqualität – wenn der Drang nach Quantität die Qualität verdrängt, und das Persönliche nicht gefordert wird, leben wir tatsächlich unter unseren Verhältnissen.

Das ist zwar als Erkenntnis keine Antwort auf die großen Fragen, und auch keine konkrete Handlungsanweisung an die politische Macht, aber das Ergebnis eines sinnvoll genutzten Tages.

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