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Nachhaltigkeit braucht Suffizienz braucht Politik

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Es herrscht weitgehend Einigkeit, dass die heutigen Produktions- und Konsumweisen in Industrieländern auf Dauer nicht vereinbar sind mit den ökologischen Grenzen unseres Planeten. Für eine nachhaltigere Gestaltung kommen grundsätzlich drei Strategien in Frage: Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Die beiden erstgenannten Strategien stoßen in der Regel auf breite Akzeptanz, da sie den Konsum umweltfreundlicher machen, ohne ihn einzuschränken – Effizienz durch weniger Ressourceneinsatz für den gleichen Konsum; Konsistenz durch alternative, naturverträgliche Technologien. Suffizienz hingegen meint die Änderung von Konsummustern selbst und ist daher weniger populär – aber ebenso notwendig. Während sie oft als freiwillige Lebensstilgestaltung gesehen wird, soll sie hier als systemische Innovation verstanden werden, die nur im Zusammenspiel verschiedener interdependenter Faktoren gelingt. Ein wichtiger „Faktor“ ist dabei die Politik. Der Begriff ‚Suffizienzpolitik‘ hatte bis vor kurzem kaum zwei Dutzend Google-Treffer – das muss sich ändern, und wird es in Anbetracht der jüngsten Suffizienz-Veröffentlichungen auch sicherlich tun.

Was bedeutet Suffizienz und warum brauchen wir sie?

Klassisch suffiziente Handlungen sind das Rad statt das Auto zu nutzen, seltener Fleisch zu genießen oder einen kleineren Fernseher zu wählen. Suffizienz steht – in der Definition des Öko-Instituts – für Änderungen in Konsummustern, die helfen innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der Erde zu bleiben und bei denen sich Nutzenaspekte des Konsums ändern. Die Definition verweist – zwecks Abgrenzung zu Effizienz und Konsistenz – auf das Konzept des Nutzens, wobei mit Inanspruchnahme von Gütern und Dienstleistungen in der Regel ein ganzes „Nutzenbündel“ verbunden ist (z.B. nicht nur von A nach B kommen, sondern auch trocken und ohne Umsteigen). Eine Änderung kann von Individuen unterschiedlich stark als Verzicht empfunden werden und dies wiederum als mehr oder weniger akzeptabel oder gar durch Nutzengewinne (z.B. Gesundheit) aufgewogen werden.

Effizienz und Konsistenz werden nach realistischer Einschätzung nicht ausreichen, um innerhalb recht kurzer Zeit den Naturverbrauch eines Landes wie Deutschland auf ein global nachhaltiges Maß zu beschränken. So wichtig der technologische Fortschritt ist, er hat seine Grenzen: Effizienzgewinne werden durch den sogenannten „Rebound-Effekt“ gemindert oder durch allgemeines Wirtschafts-wachstum (über-)kompensiert; und auch neue Technologien sind nicht ohne Nachteile, Zielkonflikte und Kosten. Suffizienz kann da manches Mal die einfachere, kostengünstigere, konfliktärmere – ja, die elegantere Lösung sein. Welche jeweiligen Beiträge der drei Strategien „die bestmögliche“ Kombination darstellt ist eine auch stark vom Handlungsfeld abhängige (Forschungs-)Frage.

Die Entstehung von Suffizienz – und die Rolle der Politik

Suffizienz betrifft in starkem Maß individuelles Verbraucherhandeln. Ihre Umsetzung wird daher oft als freiwillige Leistung des Einzelnen angesehen. Manche Autoren und auch der Mehrheitsbericht der letzten Enquete-Kommission definieren(!) Suffizienz sogar als freiwillige Verhaltensänderung. Doch alle Verantwortung auf Einsicht und freiwilliges Handeln des Individuums zu schieben, ist weder fair noch zielführend. Konsumhandlungen sind stark von Alltagsroutinen und gesellschaftlichen Normen geprägt und eingebettet in Infrastrukturen. Ihr Wandel stellt daher eine umfassende „System-Innovation“ dar, das heißt es sind Veränderungen in vielen Bereichen nötig: u.a. Infrastrukturen, Märkte, Wissen, Werte und Leitbildern (vgl. Schaubild). Je mehr Elemente ökologisches Handeln eher befördern und nicht hemmen, desto eher wird der Einzelne sein Verhalten ändern.

Schaubild_Oeko_Institut_Suffizienz

Eine aktive Rolle der Politik, die über Verbraucher-Appelle hinausgeht, wird bisher nur rudimentär diskutiert und nur von Wenigen gefordert. Die Gründe: moralische Bedenken bei Eingriffen in die persönliche und wirtschaftliche Freiheit, aber vor allem die politische Sensibilität („Ökodiktatur“-Vorwurf).  In der Umweltbewusstseinsstudie 2008 sahen sich allerdings 80% der Befragten nur dann bereit, mehr für den Schutz der Umwelt zu tun, wenn alle entsprechend handeln würden. Ziel muss also sein, suffizientes Verhalten als Mainstream (als „normal“ und „angemessen“) zu etablieren. Da ausreichendes Maß und Geschwindigkeit eines rein kulturellen Wandels in höchstem Maße unsicher sind, sollten politische Angebote, Anreize und Vorgaben Teil einer Systeminnovations-Strategie sein (siehe hierzu meinen zweiten Beitrag).

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Der Beitrag basiert auf Überlegungen im Rahmen des Projekts „Suffizienz im Alltagsleben“, das 2012-2013 am Öko-Institut mit Mitteln der Stiftung Zukunftserbe durchgeführt wurde. Mitwirkende im Projekt waren neben dem Autor: Regine Barth, Christoph Brunn, Corinna Fischer, Rainer Grießhammer, Friedhelm Keimeyer und Franziska Wolff (Projektleiterin). Zudem wurde eine Reihe konstruktiv-kritischer Gedanken aus der weiteren Mitarbeiterschaft und dem Kuratorium des Öko-Instituts aufgegriffen. Für ausführlichere Projekt-Outputs, siehe die beiden Working Paper Fischer / Grießhammer (2013): „Suffizienz: Begriff, Begründung und Potenziale“, sowie Heyen et al. (2013): „Suffizienz: Notwendigkeit und Optionen politischer Gestaltung“.

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