Neues aus der Wissenschaft

Die Landnahme des Sozialen

Kommentare 1

Dieser Beitrag stellt die zentralen Thesen des Aufsatzes „Landnahme durch Bewährungsproben“ von Tine Haubner und Klaus Dörre dar, welcher in dem Sammelband „Kapitalismustheorie und Arbeit“ des Kollegs Postwachstum in Jena erschien. Er beschreibt die Auswirkungen des Wachstumszwangs kapitalistischer Gesellschaften für den Reproduktionssektor.

Den Wachstumszwang kapitalistischer Gesellschaften hat Rosa Luxemburg in „ihrer Akkumulation“ anschaulich als strukturellen Zwang zur Eroberung noch nicht kommodifizierter Territorien, Materialien, Rohstoffe oder Arbeitskräfte beschrieben (Luxemburg 1921: 417f.) Mit dem auf ihre Analyse rekurrierenden Landnahme-Begriff kann die Dynamik kapitalistischer Gesellschaften als eine ständige Okkupationsbewegung verstanden werden, die selbsterzeugte Schranken der Kapitalakkumulation zu überwinden sucht. Das bedeutet, dass permanent angestrebt wird, ein „nicht-kapitalistisches Anderes“ der Kommodifizierung zuzuführen.

Kommodifizierung des Wohlfahrtsstaates

Im Unterschied zu Luxemburg, folgt Klaus Dörres Analyse der Einsicht des Humangeographen David Harvey, nach dem dieses „nicht-kapitalistische Außen“ von den Akteuren nicht bloß aufgesucht und erobert, sondern auch aktiv innerhalb kapitalistischer Gesellschaften hergestellt werden kann. Bei der „finanzkapitalistischen Landnahme“, die in den 1980er Jahren einsetzt, handelt es sich um eine „Landnahme zweiter Ordnung“. Nun werden wohlfahrtsstaatliche Institutionen, kollektive Vertragsbeziehungen und Kompromisse okkupiert, die lange Zeit für sozialen Zusammenhalt gesorgt haben. Insofern kann diese Landnahme als „Landnahme des Sozialen“ bezeichnet werden (Dörre/Haubner 2012: 75).

Ausbeutung der Reproduktionsarbeit

Eine zentrale These unseres Aufsatzes „Landnahme durch Bewährungsproben“ lautet, dass Industriearbeit in flexibel-marktgetriebenen Produktionsweisen nur noch verwertet werden kann, wenn ihr fortwährend und in steigendem Umfang (überwiegend unbezahlte) Reproduktionsarbeit(en) hinzugefügt wird. Aufgrund demographischer Veränderungen, höheren Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen, der Extensivierung von Arbeit und der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen (und der nur geringfügig stärkeren Beteiligung von Männern bei der Hausarbeit) entstehen dabei Sorgeengpässe, die durch bezahlte Hausarbeit haushaltsfremder Personen oder durch eine gestiegene „Doppelbelastung“ der erwerbstätigen Frauen kompensiert werden. Die Abhängigkeit des Produktionssektors von Reproduktionstätigkeiten müsste eigentlich aufgrund der genannten Faktoren zunehmen, ihre gesellschaftliche Wertschätzung und die Löhne der darin Tätigen müssten steigen. Doch das lässt sich leider empirisch nicht zeigen. Die Reproduktionsarbeit und die darin Tätigen sind in eine äußerst wirkmächtige Wertehierarchie eingebettet, die das Ausbeutungsverhältnis als ein besonderes charakterisiert.

Die nicht gewinnorientierte, unbezahlte Reproduktion wurde und wird gegenüber den Produktionsarbeiten traditionell abgewertet und überwiegend von Frauen in Privathaushalten geleistet. Und gerade die (zumeist weiblichen) Beschäftigten der Pflegebranche leiden unter geringer gesellschaftlicher Anerkennung und prekären Beschäftigungsverhältnissen (Ehrlich/Hänel 2011: 9). Wir nehmen an, dass sich im Zuge dieser Landnahme außerökonomische Zwänge im Kontext sekundärer Ausbeutungsformen erhöhen. Sekundäre Ausbeutung steht für die Nicht-Einhaltung des Äquivalenzprinzips mittels außerökonomischer Anwendung von Zwang und/oder der Nutzung wirkmächtiger Diskriminierungen. Uns ist es wichtig, in diesem Kontext auf die Machtdimension der Kapitalakkumulation hinzuweisen.

Die Machtdimension der Kapitalakkumulation

Kapitalistische Akkumulation impliziert auch die Anhäufung asymmetrisch verteilter Machtressourcen, die dominante kapitalistische Akteure dazu nutzen können, bestimmte Tätigkeiten abzuwerten und so unter ihren Wert zu drücken. Bei der Analyse von Reproduktion in Markt und Nicht-Markt-Sphären geht es immer auch um die Tatsache, dass Risiken, Profite und Kosten entlang von „Achsen der Ungleichheit“ verteilt sind, weil machtgestützte, patriarchale und sexistische Diskriminierungsmechanismen wirksam sind. Darüber hinaus nehmen wir an, dass die gestiegenen Reproduktionserfordernisse, innerhalb der Pflegebranche, in einer besonderen Klasse von Bewährungsproben bewältigt werden müssen.

Der Begriff der Bewährungsproben geht auf den französischen Soziologen Luc Boltanski zurück. Er unterscheidet Wertigkeitsprüfungen, die auf Gerechtigkeits-, und Fairnessvorstellungen basieren von Kraftproben, die solche Regeln durch die Anwendung von machtgestützter Gewalt unterlaufen. Beide Wettkampftypen nutzen wir, um die Einhaltung bestimmter Regeln (bspw. das Äquivalenzprinzip des Tausches innerhalb primärer Ausbeutung) und die immer auch stattfindende Gewalt und Machtasymmetrie (im Kontext sekundärer Ausbeutung) analytisch zu unterscheiden. Damit verfügen wir über ein Heuristikum mit dem die gesellschaftliche Abwertung und Prekarisierung von Care-work analysiert werden kann (Dörre/Haubner 2012: 89/90).

Das perpetuum mobile kapitalistischer Akkumulation kommt einerseits insofern nicht von selbst zum Stillstand, als die Akkumulationslogik des Kapitalismus auf „das Außen“ also auf jene nicht-kommodifizierten oder nicht kommodifizierbaren Rationalitäten und Tätigkeitssegmente strukturell angewiesen bleibt. Andererseits sind aber gerade Fürsorge- und Pflegearbeiten zum Teil rationalisierungsresistent, weil sie nicht primär Tauschwert-orientiert sind und ein nicht genau quantifizierbares Maß an Zeit und emphatisch-emotionaler Zuwendung erfordern. Damit sind auch mögliche Grenzen dieser „Landnahme des Sozialen“ markiert.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.