Neues aus der Wissenschaft Unternehmen

Suffizienz und Unternehmen

Kommentare 2

Wie dynamisch und innovativ ist eine „suffiziente“ Gesellschaft, also eine Gesellschaft, die nach neuen Gleichgewichten jenseits eines „schneller“, „globaler“, „mehr“ und „kommerzieller“ sucht? Oft besteht die Sorge, dass ein Ausstieg aus den Steigerungsimperativen der Moderne mit Stagnation und Eintönigkeit einhergeht.

Vermutlich ist genau das Gegenteil der Fall. Eine Gesellschaft, die den richtigen Ausgleich zwischen Zuviel und Zuwenig, zwischen Be- und Entschleunigung, zwischen Markt und Eigenarbeit, zwischen Globalem und Lokalem sucht, ist bunter und bedarf sehr viel mehr Phantasie als eine, die lediglich linearen Steigerungslogiken folgt.

Daher bedeuten die „4 E“, die wir im Buch „Damit gutes Leben einfacher wird“ als Orientierungspunkte für Suffizienzpolitik dargestellt haben, auch eine große Chance für Unternehmerinnen und Unternehmer.

Eine suffiziente Wirtschaft wird weniger kommerzialisiert sein als heute. Klassische ökonomische Tätigkeit bleibt aber zentrales Element des Wirtschaftens und erfordert ein mindestens gleiches Maß an Kreativität und Unternehmertum. Schon heute zeigt sich, dass die Neuorientierung Geschäftschancen eröffnet, die man auf den ersten Blick nicht vermutet:

Vom Entrümpeln zur Share-Economy

Das „Entrümpeln“, die Idee des Weniger, hat als kultureller Trend wichtige Lebens- und Produktbereiche ergriffen. Viele junge Menschen – gerade in den großen Städten – möchten kein eigenes Auto mehr besitzen. Es hat den Reiz als Status-Symbol verloren, die notwendige Pflege sowie die mühsame Parkplatzsuche in der Stadt lassen das eigene Auto mehr zur Last denn zur Lust werden. Automobilhersteller haben darauf reagiert. War Carsharing anfangs eine selbst-organisierte Form alternativer Mobilität in ökologisch-sensiblen Kreisen, gibt es heute entsprechende Angebote von allen führenden Automobilherstellern. Intelligente Nutzung mit weniger Automobilen wird zum Geschäftsmodell. Die gemeinsame Nutzung von Autos ist dabei erst der Anfang einer „Share-Economy„. Durch die Möglichkeiten der neuen Medien greift sie inzwischen auf viele andere Gebrauchsgüter über. Die größte Computermesse der Welt, die Cebit, hat deswegen im Jahr 2013 ihren Schwerpunkt diesen Entwicklungen gewidmet. In vielen Lebensbereichen greift ein neuer Purismus um sich – von Eingang-(Singlespeed-)Fahrrädern bis zur reduzierten Wohnungseinrichtung – und erfordert Unternehmerinnen und Unternehmer, die dafür Produkte und Dienstleistungen anbieten. Wichtig ist dabei, dass einfache und reduzierte Produkte nicht reiner Zusatzkonsum werden. Denn dann handelt es sich lediglich um einen „Suffizienz-Rebound„, das heißt Suffizienz als Auslöser für Mehrkonsum. Hier hilft es, wenn es viele Unternehmen gibt, die selber wachstumsneutral sind, ihre Strategie also nicht auf Wachstum auslegen. Davon gibt es heute schon eine ganze Reihe.

Entschleunigung als Marktchance

Ähnliches lässt sich beim Bedürfnis nach neuem Rhythmus als richtiges Maß zwischen Be- und Entschleunigung beobachten. Die „Slow Food“-Bewegung beispielsweise erlebt in den letzten Jahren einen massiven Zulauf. Essen als Oase des bewussten und entschleunigten Genusses wiederzuentdecken, hat Konjunktur – viele Restaurants haben die Chance für sich entdeckt. Ähnliches gilt für „Slow Travel“ als neues Format des entschleunigten Reisens. Aber auch im industriellen Bereich wurde längst erkannt, dass die Entschleunigung bestimmter logistischer Ketten die Zuverlässigkeit von Lieferungen erheblich erhöhen und Transportkosten senken kann. Die Wiederentdeckung langlebiger Produkte, die reparaturfähig sind und für die ein langfristiger Service besteht, sind eine Antwort auf die zunehmende Ernüchterung über die in den letzten Jahrzehnten entstandene Wegwerfkultur und geplante Obsoleszenz. Ähnlich wie beim Carsharing entwickelt sich hier aus einer Kultur ehrenamtlicher „Reparatur-Cafes“ der Keim für neue Geschäftsmodelle. Denn durch den Kulturwandel werden reparaturfähige Produkte wieder attraktiv, entsteht der Bedarf nach neuer Form der Qualifizierung und des Informationsaustausches über das Wieder-Instandsetzen von Produkten.

Und selbst dort, wo es auf den ersten Blick für Unternehmen nichts zu holen zu geben scheint, nämlich bei der „Entkommerzialisierung„, locken Möglichkeiten für innovative Unternehmerinnen und Unternehmer. Denn wer selber kochen, reparieren, restaurieren oder Gartenbau betreiben will, muss dafür oft verlorengegangene Fähigkeiten (wieder) erwerben. Hier entsteht ein Markt für Kurse, Ratgeber und Erfahrungsaustauschplattformen.

Von den Orientierungsmarken der „vier E“ ist die Regionalisierung bisher am wirksamsten. Die Wiederentdeckung des lokalen Bezugs als besonderes Produktmerkmal spielt insbesondere bei Lebensmitteln eine große Rolle. Selbst große Fastfoodketten legen heute Wert darauf, dass ein möglichst großer Teil ihrer Vorprodukte aus regionaler Produktion kommt – als Ausdruck einer besonderen Qualität der angebotenen Lebensmittel. Aber auch viele andere Hersteller werben mit dem Argument heimischer Produktion und erreichen damit eine immer größere Zahl an Konsumenten.

Unternehmertum entlang der „vier E“ ist heute trotz alledem noch ein Nischenphänomen. Und die Entwicklung in eine suffiziente Gesellschaft wird sich nicht durch marktliche Impulse alleine vollziehen. Die skizzierten Beispiele zeigen aber, dass auch in einer suffizienten Gesellschaft dynamische und innovative Unternehmen weiter eine wichtige Rolle spielen werden. Eine Gesellschaft, die gutes Leben leichter macht, braucht daher sowohl die richtigen politischen Rahmenbedingungen als auch Unternehmen, die diese Rahmenbedingungen innovativ aufgreifen.

Eine Vertiefung dessen, wie eine Suffizienzpolitik aussieht und wie Unternehmen sie vorantreiben können, findet sich im Buch “Damit gutes Leben einfacher wird. Konturen einer Suffizienzpolitik“. Weitere Informationen zu dem Buch finden Sie hier.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Email this to someonePrint this page

2 Kommentare

  1. Vielen Dank Frau Zahrnt und Herr Schneidewind für diese Ausführungen! Ich halte es für überaus wichtig sich konstruktiv Gedanken zu machen, wie Unternehmen zentrale Gestalter_inenn einer Postwachstumsökonomie werden können. Allerdings halte ich die von Ihnen aufgezeigten Beispiele für „suboptimal“, da sie aus meiner Sicht wichtige Probleme unseres derzeitigen Wirtschaftens (Ungleichheit, Demokratie, Eigentumsverhältnisse) nicht berücksichtigen. Ausführlicher argumentiere ich dies in einem Blogbeitrag auf dem Blog des Konzeptwerk Neue Ökonomie:
    http://www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org/welche-unternehmen-gibt-es-in-der-postwachstumsoekonomie/
    Über eine weitere Diskussion diesbezüglich würde ich mich freuen!

  2. „Bitte, bitte, lieber Gott, mach uns alle solidarisch, damit wir das von allen Erarbeitete brüderlich teilen können.“ Damit hat der Moralverkäufer die vielen Armen, die sich nichts dabei denken, auf seiner Seite; in Wahrheit wird wieder nur das Folgende bewiesen:

    „Die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit ist wohl die, dass die Moral von der Religion mit Beschlag belegt wurde.“

    Arthur C. Clarke

    Der Moralverkäufer überträgt das Prinzip der Solidarität, das nur in der Familie oder in einer dörflichen Urgemeinschaft von bis zu 150 Mitmenschen funktioniert, auf eine Volkswirtschaft mit vielen Millionen Menschen, in der dieses Prinzip begreiflicherweise nicht funktioniert. Solange aber genügend Dumme glauben, eine „Moral“ könne wichtiger sein als die Regeln der makroökonomischen Grundordnung, lässt sich das arbeitende Volk umso leichter ausbeuten!

    Macht oder Konkurrenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *