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Weniger ist anders

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Leider wird es an vielen Stellen offenbar: Die bislang forcierten, geförderten wie auch geforderten Strategien zum Klimaschutz, Effizienz und Konsistenz, konnten die mit ihnen verbundenen Hoffnungen nicht erfüllen. Technische Innovationen haben nicht zu einer (ausreichenden) Senkung von Treibhausgasemissionen geführt. Das gilt auch für den Bereich Bauen, insbesondere für den Wohnungsbau. Weder das Dämmen des Gebäudebestandes im Land noch immer moderner werdende Haustechniksysteme oder das wachsende Angebot an regenerativen Energien sowie Rohstoffen haben den gestiegenen Pro-Kopf-Verbrauch senken können. Suffizienz wurde nicht gefördert oder gefordert, war auch als Wert weder bekannt noch anerkannt. Dabei birgt die mit Suffizienz einhergehende Änderung von Konsummustern Chancen.

Bilanz: Gestiegener Energiebedarf

So stimmt nachdenklich, wenn man die bisher in Deutschland erfolgten Bemühungen, den Energiebedarf im Gebäudesektor zu reduzieren, einer Gesamtschau unterzieht: Der Einsparung mittels Dämmmaßnahmen und rationeller Energieumwandlung von 9% steht im gleichen Zeitraum (1995 bis 2005) ein Mehrverbrauch von 13% infolge gestiegener Wohnflächeninanspruchnahme gegenüber.

Sehr plakativ beleuchten auch die Zahlen, die Daniel Fuhrhop den Schlussfolgerungen in seinem Buch „Verbietet das Bauen!“ zugrunde legt, das gleiche Phänomen: „Genau wie vor zwanzig Jahren leben auch heute gut achtzig Millionen Menschen in Deutschland. Doch während dieser Zeit stieg die Zahl der Wohnungen von 35 auf 41 Millionen. Wir bauten genug neue Wohnungen, um darin sämtliche Niederländer unterzubringen, obwohl die Zahl der Einwohner hierzulande stagniert.“ (Fuhrhop 2015, Seite 21)

Also erreichen wir die anvisierten Ziele nicht – trotz einer sehr strengen Energieeinsparverordnung (EnEV), trotz der attraktiven Förderungen der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit günstigen Darlehen und trotz einer bedeutungsvollen Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit dem vermutlich differenziertesten System der Welt zur Bewertung von Nachhaltigkeit im Bauen?

Ja, denn weder die Forder- noch die Förderinstrumente berücksichtigen das Konsumverhalten des Individuums. Die EnEV als verbindlich geltende und einzuhaltende Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende Anlagentechnik bei Gebäuden definiert einen Mindeststandard zum effizienten Betrieb in Verbindung mit einer regenerativen Energieversorgung von Gebäuden. Diese Verordnung wird sogar in regelmäßigen Abständen entsprechend des technischen Fortschritts verschärft, sodass in gar nicht so ferner Zukunft als Neubauten nur noch sogenannte Nullenergiegebäude genehmigt werden. Diese Regelung senkt in der Tat den Verbrauch in Gebäuden und reduziert den CO2-Ausstoß in Bezug auf die Gebäudefläche (kWh/m²a).

Das gleiche Prinzip gilt für die Unterstützung von Bauherren durch die weltweit größte nationale Förderbank, die KfW: Energieeffizientes Bauen und Sanieren über den gesetzlich geforderten Standard sowie die Umstellung auf die Versorgung mit erneuerbaren Energien wird mit sehr günstigen Krediten belohnt. Die von der Bank geförderten Maßnahmen führen – laut eigenen Angaben – zu einer Reduzierung des Treibhausgasausstoßes um viele hundert Millionen Tonnen. Theoretisch.

Beides, die EnEV und die KfW-Kredite, führen tatsächlich zu Erfolgen in Bezug auf den Verbrauch pro Fläche. Dies bewirkt jedoch leider keine Einsparung pro Kopf. Der Wohnflächenverbrauch pro Kopf steigt und steigt und steigt…

Staatlich geförderte Reboundeffekte

Der Umstand, dass die dargestellten Energieeinsparungen pro m2 Wohnfläche durch den steigenden Wohnflächenverbrauch pro Kopf (über)kompensiert werden, wird allgemein als Reboundeffekt beschrieben.  Ein Dilemma, das sich im Alltag an vielen Stellen wiederfindet: Flachbildschirme verbrauchen pro Quadratzentimeter Oberfläche immer weniger, werden jedoch dabei größer und größer, jeder zweite Garten wird mittlerweile nachts mit energiesparenden LEDs beleuchtet, die dritte Flugreise im Jahr ist nicht mehr ungewöhnlich.

Dies erklärt, warum die bereits erwähnten EnEV und KfW mit den damit verbundenen Forderungen und Fördermaßnahmen vieles erreichen, aber eines bisher sicherlich nicht: das Klima schützen. Beide staatlichen Steuerinstrumente beziehen sich im Wesentlichen auf den Energieverbrauch pro Fläche. Somit kann eine 400m2-Villa zugleich die EnEV erfüllen, von der KfW gefördert und von nur einem Single bewohnt werden. Dessen CO2 -Wohn-Bilanz ist dann – trotz der vorbildhaften Bauweise seines Hauses – unterirdisch. Die – teilweise sogar mit öffentlichen Geldern unterstützen – Effizienzsteigerungen führen mitunter sogar dazu, dass überhaupt oder auch größer gebaut und gewohnt werden kann.

So mehren sich die Stimmen, die darauf hinweisen, dass für eine tatsächliche Reduktion von Umweltbelastungen eine Kombination der drei Strategien Suffizienz, Effizienz und Konsistenz (genau in dieser Reihenfolge) erforderlich ist. Solange die Effizienzgewinne zum erhöhten Konsum führen, solange bleibt die nachhaltige Gesellschaft eine Hoffnung.  Demnach stehen auch unsere Lebens- und Konsumgewohnheiten auf dem Prüfstand.

Überwindung von Suffizienzbarrieren

Leider ist es nicht einfach, die Konsumgewohnheiten in Richtung Bescheidenheit, Maßhaltigkeit, Weniger zu korrigieren. Wir mögen es nicht, unsere Ansprüche zu reduzieren. Verzicht ist selten etwas Freiwilliges.

Die nachfolgenden, von Oliver Stengel (2011) aufgelisteten Suffizienzbarrieren benennen die zu überwindenden Herausforderungen auf dem Weg zum Weniger:

  • Verlustängste
  • Statusorientierung
  • Mehrheitsorientierung
  • Abgabe von Verantwortung
  • Konsumverleitung durch den Markt

Illustriert werden diese Barrieren etwa durch den grünen Ministerpräsidenten im Südwesten der Republik. Winfried Kretschmann verteidigt in einer Rede zum Aschermittwoch 2015 die Wahl seines Dienstfahrzeugs: „Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler, basta! Ich nehme einen Daimler S-Klasse. Ich kann doch keinen Fiat fahren.“ Mindestens vier von den fünf Barrieren gelten demnach auch für den Grünen. Sein Status und der Umstand, dass die anderen Ministerpräsidenten auch solche Autos fahren, lässt es beinahe selbstverständlich werden, dass er S-Klasse fährt. Wie viele andere Konsumbürger/innen kann er die Verantwortung über die Entscheidung abgeben (niemand regelt oder urteilt über die Entscheidung) und wird verführt durch das Marktangebot.

Wenn selbst die Grünen von den genannten Suffizienzbarrieren blockiert werden, unter welchen Voraussetzungen kann dann in der Gesellschaft überhaupt an Suffizienz gedacht werden?

Gesetzliche Verbrauchsgrenzen und attraktive Alternativen

Die Antwort führt in zwei Richtungen. Erstens müssen staatsseitig Verbrauchsgrenzen gesetzt werden. Aktuell herrscht eine Marktsituation, in welcher das Individuum seine Verantwortung in der ebenso konsumorientierten Masse abgibt und den Verlockungen des (Mehr)konsums kaum widerstehen kann. In einer solchen Situation wird es nur einer Minderheit gelingen, mit Vernunft, Weitblick und Verantwortung gegen diesen Strom zu schwimmen. Würde dagegen die Politik für alle Bürger/innen die gleichen begrenzenden Rahmenbedingungen vorgeben, wären die oben aufgeführten Suffizienzbarrieren auf einen Schlag alle zumindest deutlich abgeschwächt. Man darf nicht „blöd sein“[1], wenn man weniger konsumiert

In der Schweiz wird in diese Richtung gedacht. Mit dem Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft wird ein Pro-Kopf-Energieverbrauch zur maßgeblichen Nachhaltigkeits-Messgröße, um den Durchschnittsverbrauch in der Schweiz (von derzeit etwa 6300 Watt / Dauerleistung Primärenergie) in den kommenden Jahrzehnten drastisch zu senken.

Zugleich – und das betrifft dann die Seite der Konsument/innen – sollte ein suffizientes Leben nicht nur möglich, sondern einfach und attraktiv, im besten Falle attraktiver, werden als eines nach den bisher üblichen Konsummustern.

Es reicht eben nicht aus, für unsere Zukunftsfähigkeit nur eine Reihe von Reduktionszielen zu formulieren. Für neue gesellschaftliche Paradigmen, für veränderte Produktionsformen, Geschäftsmodelle, Lebensstile und Denkweisen wird nicht nur ein Weniger vonnöten sein, sondern ein Anders. Wenn aber veränderte Konsummodelle mit anderen oder neuen Nutzen verbunden werden, kann das ein gutes Tauschgeschäft für alle Beteiligten inklusive der Umwelt werden.

Und Nutzen aus einem verringerten Verbrauch gibt es viele. Eine Reduktion von Wohnfläche führt in der Regel zu erheblichen finanziellen Einsparungen. Zudem kann mit einer kleineren Wohnung verbunden sein, dass sich die Teilhabe am öffentlichen Leben erhöht, also zum Beispiel verstärkt soziale Kontakte auslöst. Statt alleine im großen Wohnzimmer vor dem Riesenflachbildschirm zu sitzen, kann man ins Kino gehen oder in der Eckkneipe sich am Sonntagabend zum Tatort-Stammtisch treffen. Des Weiteren wird vielleicht sogar ein Wohnprojekt bezogen, in welchem Räumen gemeinsam genutzt werden – eine andere Wohnform als das klassische Mehrfamilienhaus. Miteinander ist nicht nur oft günstiger und ressourcenschonender, sondern eben auch nicht allein. Dies stellt gerade in den bundesdeutschen Großstädten mit einem Anteil von mehr als 50% an Einpersonenhaushalten einen wichtigen Aspekt dar.

Suffizienzpotenziale

Wie viel Wohnraum theoretisch frei wäre, d.h. nicht gebaut werden müsste, wenn es weniger Singlehaushalte gäbe, hat Hanno Rauterberg einmal in der Wochenzeitung DIE ZEIT überspitzt skizziert: „In Wahrheit ist die Wohnungsnot in Hamburg eine Luxusnot. Die meisten leben auf mehr Quadratmetern denn je. Vor allem sind es die Singles – mehr als 50% aller Haushalte -, die das Wohnen rar und teuer machen. Entschlösse sich nur jeder Zehnte, aus seinem Einzel- ein Doppelleben zu machen, stünden auf einen Schlag über 40.000 Wohnungen frei.“ (Rauterberg, DIE ZEIT 10/2015)

Weitaus wissenschaftlicher wurde in der Veröffentlichung „Suffizienzpfad Energie“ (Pfäffli et al. 2012) das bisher in der allgemeinen Diskussion nicht berücksichtigte Potenzial anhand der variablen Personenfläche, Nutzerverhalten im Betrieb sowie in der Mobilität untersucht. Die Autoren kommen zum bemerkenswerten Ergebnis, dass sich selbst in effizient (entsprechend Passivhausstandard) und konsistent betriebenen Gebäuden durch moderate Suffizienz der Primärenergieverbrauch und die Treibhausgasemissionen nochmals um ca. 45 % reduzieren lassen.

Somit sind Suffizienzkonzepte ein echter, bisher nicht gespielter Joker, um die Klimaschutzziele im Bausektor eventuell doch noch zu erreichen.

Konzepte für eine suffiziente Baukultur

Gebäudekonzepte und Planungsansätze, die zeigen, wie suffizientes Bauen aussehen könnte, gibt es schon verschiedene. Ob die nachfolgenden Prinzipien suffizienzmotiviert entstanden sind oder eher aus anderen Gründen, spielt dabei keine wesentliche Rolle.

nicht (bauen)_Ein Dutzend Studentenwerke in Deutschland vermitteln nach dem Prinzip „Wohnen gegen Hilfe“ Zimmer zur Untermiete bei älteren Menschen, die in (zu) großen Wohnungen leben. Auf diese Weise sind die Senioren weniger allein und für die Studierenden müssen keine extra Wohnungen gebaut werden. Der Orientierungsrahmen für die Miete beträgt 1h Mitarbeit im Haushalt/m² Wohnfläche im Monat.

kleiner/ weniger (bauen)_In Ballungsräumen werden – meist wirtschaftlich motiviert – Klein- bis Kleinstwohnungssysteme entwickelt. Leben auf 20-30m² Wohnfläche wird für die zahlreichen Alleinstehenden mit durchdachten Einbauschranklösungen vielfältig (und großzügiger als es auf den ersten Blick scheint) möglich.

Privat gemeinschaftlich (nutzen)_Selten genutzte Räume wie Gäste- oder Arbeitszimmer werden in Gemeinschaftswohnprojekten oft miteinander und damit kommunikativer genutzt. Die individuelle Wohnfläche wird reduziert, die gemeinsamen Flächen besser ausgenutzt (und ausgestattet).

Öffentlich gemeinschaftlich (nutzen)_In Karlsruhe wird das Foyer des Staatstheaters tagsüber von den Studenten als Bibliothekserweiterung genutzt. Die „TheaBib“ bietet 150 Sitzplätze sowie WLAN und eine Kaffeebar. Die Doppelnutzung schaffte die Raumnot ab, spart kommunale Gelder und bringt Studierenden die Kultur näher.

temporär (nutzen)_Ein ehemaliges Blumengeschäft wurde im Umfeld der Darmstädter Kulturszene zum avantgardistischen Kulturzentrum „Das Blumen“. Sieben Jahre konnte der Leerstand erfolgreich zwischengenutzt werden.

flexibel (bauen)_Immobilien stehen manchmal am „falschen“ Ort und sind damit nahezu wertlos. Das „mobi-space“  ist ein hochwertiges Pavillon-System, das schnell umzieht, das sowohl als Ersatzschule wie auch als temporäres Büro eingesetzt werden kann.

umgenutzt_Ein ehemaliges und lange leerstehendes Pflegeheim in Augsburg wurde mit wenig Aufwand und viel Kreativität umgenutzt zum „Grandhotel Cosmopolis“: ein Asylheim, ein Hotel mit Kulturzentrum, das alle Nutzer/innen zusammenführt … und glücklich macht.

 

 Kriterien für ein suffizientes Bauen

Mit dem Ziel, einen Planungs- und Bauentwicklungsprozess aktiv in Richtung auf entsprechende Weniger-Gebäudeverbrauch-pro-Person zu fördern, haben Matthias Fuchs und der Autor dieses Beitrags eine Kriterienliste zum suffizienten Bauen erstellt. Diese lässt sich hier einsehen.

 

 

 

[1] Vgl. die Werbekampagne von Mediamarkt „Ich bin doch nicht blöd“.

Literatur:

EnEV: Energieeinsparverordnung vom 24. Juli 2007 (BGBl. I S. 1519), die zuletzt durch Artikel 3 der Verordnung vom 24. Oktober 2015 (BGBl. I S. 1789) geändert worden ist. Online im Internet: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/enev_2007/gesamt.pdf (Stand: 30.11.2016)

Fuhrhop, Daniel (ed.). 2015. Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift, 2nd edn. München: oekom verl.

Pfäffli, Katrin, Jürg Nipkow, Stefan Schneider, and Martin Hänger. 2012. Grundlagen zu einem Suffizienzpfad Energie. Das Beispiel Wohnen. Zürich. Accessed 1 December 2016. http://www.2000watt.ch/fileadmin/user_upload/2000Watt-Gesellschaft/de/Dateien/2000-Watt-Gesellschaft/Umsetzung/Suffizienzpfad_StadtZuerich_2012.pdf.

Rauterberg, Hanno (2015): Es ist zum Klotzen. ZEIT ONLINE vom 18.03.2015. Online im Internet: http://pdf.zeit.de/2015/10/wohnungsbau-neubauten-architektur.pdf (Stand: 01.12.2016).

Stengel, Oliver. 2011. Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. München: Oekom Verlag.

Umweltbundesamt (UBA) 2014: Rebound-Effekte. Online im Internet: https://www.umweltbundesamt.de/themen/abfall-ressourcen/oekonomische-rechtliche-aspekte-der/rebound-effekte (Stand: 30.11.2016)

 

Beitragsbild: © Arne Steffen

Dipl.-Ing. Architekt, MBA. Geschäftsführender Partner in werk.um architekten, Darmstadt. Abschluss des Architekturstudiums an der TU Darmstadt im Jahre 1992. Nach verschiedenen freiberuflichen Stationen 1995 Gründung von werk.um architekten, seitdem geschäftsführender Partner. 2010 Abschluss des Studiums ‚Sustainability Management‘ an der Leuphana Universität Lüneburg als MBA. Initiator und – mit der db deutschen bauzeitung sowie dem Wuppertal Institut – Veranstalter der ersten beiden Bau-Suffizienztagungen (2014 und 2015) in Deutschland. Rege Autoren- und Vortragstätigkeit.

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