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Rebound Effekte vereiteln eine hinreichende Entkoppelung

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Was genau sind Rebound Effekte? Rebound Effekte werden gemeinhin definiert als jener Prozentsatz einer effizienzsteigernden Maßnahme oder Technologie, die durch einen Anstieg der Nachfrage wieder aufgefressen wird. Um einen Rebound Effekt also zu berechnen, bedarf es einer Unterscheidung zwischen einerseits dem vom Ingenieur anvisierten Effizienz-Potential – Beispiel: ein neuer Motor in einem Auto verbraucht bei einer normierten Geschwindigkeit statt 6 Litern nur noch 3 Liter Sprit auf 100 Kilometern – und andererseits dem tatsächlich realisierten Energieverbrauch – etwa, wie viel Sprit das Drei-Liter-Auto über seine Lebenszeit tatsächlich verfahren hat. Ein Rebound Effekt von beispielsweise 50% würde ausdrücken, dass von der 100%igen Steigerung im Übergang vom Sechs- zum Drei-Liter-Motor die Hälfte durch eine Steigerung der Nachfrage kompensiert wurde. Kurz: Rebound-Effekte bezeichnen eine ‚Mehrnachfrage aufgrund einer Produktivitätssteigerung’.

Ausweitung des Konsums

Es gibt vielfältige Gründe (vgl. Santarius 2012), wie es zu Rebound Effekten kommen kann. So spart die Anwendung effizienterer Technologien häufig Geld ein, was dann für erneuten Konsum ausgegeben werden kann. Um bei dem Beispiel zu bleiben: wenn Autofahrer von einem Sechs-Liter-Auto auf ein energieeffizienteres Drei-Liter-Auto umsteigen, müssen sie für Pkw-Fahrten nur noch die Hälfte der Spritkosten aufwenden. Mit dem frei gewordenen Geld, das praktisch einem Einkommenszuwachs entspricht, können sie bei gleichen Kosten nun doppelt so weit fahren. Oder sie können das Geld in anderweitigen Konsum stecken – etwa mit dem Billig-Flieger zum Brunchen nach Barcelona fliegen. In beiden Fällen hätte die Energieeffizienzsteigerung keine Einsparungen bedingt. Selbst wenn sie das Geld in weniger energieintensive Güter stecken, etwa zum Friseur gehen oder die Volkshochschule besuchen, wird dies noch gewisse Rebound Effekte nach sich ziehen. Denn nun können Friseure und Lehrer mehr konsumieren.

Aufbau neuer Produktionsanlagen

Schon in der Herstellung effizienterer Technologien kann ein Teil des Einsparpotentials bereits aufgefressen werden. Um beispielsweise die volle Energiebilanz eines Elektro-Autos ermessen zu können, wird nicht nur eine Lebenszyklus-Analyse der Produktion, Nutzung und Entsorgung dieser Autos im Vergleich zu konventionellen Ölschluckern Auskunft geben. Auch der Energieaufwand für den Aufbau der Produktionsstätten zur Herstellung der Elektromotoren, der Akkumulatoren sowie neuer Stromtankstellen wird das tatsächliche Einsparpotential jedes einzelnen E-Autos ein Stück weit reduzieren.

Green Washing

Ferner verändern effizientere Produkte nicht nur ihre technischen Eigenschaften, sondern häufig auch ihren symbolischen Gehalt. Was einst als schädlich gebrandmarkt wurde, wird durch Effizienzsteigerungen ökologisch vertretbar – und dann umso häufiger gekauft. Eine empirische Erhebung in Japan hat zur Überraschung ihrer Forscher gezeigt, dass Autofahrer, die sich nach eigener Wahrnehmung einen „ökologischen“ Pkw zugelegt haben (z.B. Hybrid-Auto), ein Jahr nach dessen Kauf gut 1,6mal mehr Kilometer damit gefahren sind, als mit ihrem herkömmlichen Auto zuvor. Andere empirische Studien zeigen, dass der Konsum ‚ethischer’ Produkte dazu führen kann, dass KonsumentInnen es anschließend für gerechtfertigt halten, an anderer Stelle ‚unethisch’ zu konsumieren. Beispielsweise könnte die Umstellung aller herkömmlichen Leuchtmittel auf Energiesparlampen den Neukauf eines Plasmafernsehers oder ‚Beamers’ rechtfertigen.

Wachstumsschübe

Schließlich werden Energieeffizienzsteigerungen in der gesamten Wirtschaft einen Wachstumsschub auslösen. Für Ökonomen ist das ein Allgemeinplatz: natürlich macht jede Produktivitätssteigerung die Wirtschaft „fitter“ und forciert das Wachstum. Doch was als Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Wachstum mittlerweile völlig unstrittig ist, wird für den Zusammenhang zwischen Energieeffizienz und Wachstum nach wie vor vergessen oder – von manchen Energieeffizienz-Fetischisten – sogar geleugnet. Namhafte wissenschaftliche Institutionen, wie beispielsweise das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) oder die Internationale Energie Agentur (IEA), gehen in ihren Szenarien und Prognosen davon aus, dass der größte Teil der weltweit erforderlichen Einsparungen von Treibhausgasemissionen über Effizienzsteigerungen erzielt werden könne. Doch das Wachstum, das dadurch erst ausgelöst wird, wird in die Modelle nicht einkalkuliert.

Schlussfolgerungen für die Wachstumsdebatte

Wie hoch die Summe aller Rebound Effekte ist, hängt vom Zusammenhang zwischen Energienachfrage und Output ab; mit anderen Worten, wie energie- und materialintensiv alle zusätzlich hergestellten Güter und Dienstleistungen sind. Aus mehreren Meta-Studien (vgl.  UKERC 2007; Madlener/Alcott 2011), die hunderte von Einzelstudien zum Rebound Effekt zusammenfassen und auswerten, kann abgeleitet werden, dass Rebound Effekte langfristig mindestens 50% des Einsparpotentials von Effizienzmaßnahmen aufzehren werden.

Aufgrund der Vielzahl und Verschiedenartigkeit möglicher Rebound Effekte und der Einschätzung, dass sie mindestens die Hälfte der Einsparpotentiale aufzehren werden, können Nachhaltigkeitsziele wie die Verminderung der Treibhausgase um ca. 80-90% in den Industrieländern bis zum Jahr 2050 durch Effizienz- und Konsistenzstrategien alleine nicht erreicht werden. Es ist daher eine kurzsichtige Einschätzung zu glauben, wenn eine absolute Entkoppelung von BIP und Naturverbrauch erzielt wird, könnten Nachhaltigkeitsziele bereits erreicht werden. Irgendwann mögen sie zwar erreicht werden. Aber nicht in der uns noch zur Verfügung stehenden, immer knapper werdenden Zeit.

Da Rebound Effekte eine hinreichend starke bzw. rasante absolute Entkoppelung vereiteln, ist die Entkoppelungsdebatte obsolet. Weder die relative noch die absolute Entkoppelung stehen noch als konzeptionelle Grundlage für ein politisches Nachhaltigkeitsprogramm zur Verfügung. Die Tragefähigkeit der Biosphäre kann nur gewahrt – bzw. wiederhergestellt! – werden, wenn das Volkseinkommen aufhört weiter zu wachsen. Dann, in einer Wirtschaft ohne Wachstum, können Effizienz- und Konsistenzstrategien einen uneingeschränkt positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und ihre technisch möglichen Einsparpotentiale realisieren. Nicht die Frage der Entkoppelung, sondern die Frage, wie das Volkseinkommen stabil gehalten oder schrumpfen kann, ist daher die wichtigste und herausforderndste Frage unserer Zukunft.

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde eine Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Entkopplung vorgenommen.

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3 Kommentare

  1. Pingback: Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz. : Tilman Santarius

  2. Kris Kunst sagt am 12. Januar 2014

    Santarius trifft den Nagel auf den Kopf: Erst, wenn verhindert wird, dass durch Effizienzgewinne gesparte Kaufkraft in andere Verwendungen fließt, verhindern wir wirklich den Rebound-Effekt. Wie kann passieren? Durch eine Beschränkung der Kaufkraft. Von Weizsäcker schlägt vor, die Preise (durch eine Art Ökosteuer?) in dem Maße anzuheben, in dem die Effizienz steigt. Reicht das? Bestimmt nicht – das legt Santarius überzeugend dar. Es muss um eine viel drastischere Maßnahme gehen: Die Senkung der Kaufkraft im großen Stil, unabhängig von etwaigen Effizienz-Zuwächsen. Aber bitte schön wessen Kaufkraft, wie kann das sozial gerecht stattfinden? Schließlich geht es ganz unten und im öffentlichen Sektor eher darum, Kaufkraft noch zu steigern. Um wirklich den Luxuskonsum zu treffen, und zu allererst den exzessiven Luxuskonsum der Reichen, kommen wir um eine Währungs- und Vermögensreform nicht herum („Big-Bang-Haircut“). Nur diese annulliert ihre ungeheuren Finanzmittel, mit denen sie (neben ihren Spielereien auf den Finanzmärkten) eben auch ihren absurden Konsum finanzieren.

  3. Kris Kunst sagt am 13. Januar 2014

    Teil 2: In der heutigen Wirtschaftsordnung führt ein von Santarius vorgeschlagener Rückgang des BIPs gleich zu Abwärtsspiralen, die bis in die „Depression“ gehen können. Grund dafür ist die zentrale Rolle privater Kapitalgeber für die Investitionsfinanzierung: Sie halten ihr Kapital zurück, weil sie keine ausreichend verzinslichen Rückflüsse erwarten. Sie blockieren also mit ihrem „Investitionsstreik“ den gesamten Wirtschaftskreislauf. Deswegen ist es für eine Wirtschaft, die aus ökologischen Gründen über einen längeren Zeitraum schrumpfen muss, unumgänglich, dass sie Kapital öffentlich vergibt und sich freimacht von privaten Kapitalgebern. Nur die öffentliche Hand ist in der Lage, Investitionsmittel auch dann zu vergeben, wenn die „Verzinsung“ Null ist oder sogar negativ ausfällt.

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