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Postwachstumsökonomie

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Nach der Vorlesung steht es den BWL Studenten klar vor Augen:„Deregulierte“ Unternehmen, also solche, die nur noch den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen sind, sollen mittelfristig über diese Mechanik „optimale“ Löhne etc. aushandeln. Im Job sieht das dann doch etwas anders aus, denn in Wirklichkeit wählen Unternehmen ausschließlich diejenige Beschäftigungs-, Innovations- und Rationalisierungspraxis, die den maximalen Profit verspricht. Dabei geht es niemandem darum, das „abgehängte Prekariat“ mit attraktiven Aufstiegschancen zu bestechen oder die Umwelt und den Ressourcenverbrauch zu senken. Dabei geht es nur um Kennzahlenwachstum, ohne dass realwirtschaftliche Effekte eine maßgebliche Rolle spielen.

Doch seit der Koinzidenz der Finanz-, Ölpreis- und Klimakrise ist es scheinbar jede/m klar geworden: Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Bewusstsein, damit der „Wandel hin zu einer ökologisch verträglichen Lebensweise“ klappt. Das meint auch Bundespräsident Christian Wulff anlässlich der Verleihung des Deutschen Umweltpreises Ende Oktober 2010. Gefragt seien alternative Konzepte für Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Ökologie, eben die gelungene Verbindung von Ingenieursgeschicklichkeit und einem kulturellen Wandel. So der Konsens.

Doch den Wirtschaftswissenschaftlern würde es trotzdem niemals einfallen, die bestehende Unordnung anzutasten. „Nachhaltigkeit“ jedenfalls hat seine kritische Spitze verloren und ist zu einem „catch-all“ Begriff für beliebige Inhalte geworden, „Nachhaltigskeitswissenschaftler“ haben in der Vergangenheit jedenfalls gern einen großen Bogen um die „heilige Kuh“, das Wirtschaftswachstum, gemacht, unter anderen, weil sich bei diesem Thema sofort die Fronten klären – wie immer, wenn es um Verteilungsfragen geht.

Diejenigen, die sich für eine nachhaltige Gesellschaft stark machen – sei es als kritische Konsumentin, durch zivilgesellschaftliches Engagement oder in der Wissenschaft – sollten dabei keine Berührungsangst vor wirtschaftlichen Themen haben. Die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Mainstream der Ökonomik ist sogar ein Muss, wenn wir die Transformation zur „Postwachstumsgesellschaft“ schaffen wollen. Es wäre – vor allem mit Blick auf das phänomenale Vermögen der (meisten) WirtschaftswissenschaftlerInnen, bestehende Probleme zu ignorieren – geradezu fatal, allein Ökonomen hier das Feld zu überlassen. Diese Disziplin muss aufgerüttelt werden, und allein von innen heraus wird sie es kaum schaffen. Dazu gilt es, aktuell als genuin ökonomisch definierte Begriffe wir „Wirtschaftswachstum“ neu zu besetzen und die Deutungshoheit der „dismal science“ zu brechen. Dies stärkt auch diejenigen kritischen Kräfte innerhalb der Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre, die ebenfalls den ideologischen Blindflug der Ökonomik beenden wollen.

Viele junge NachhaltigkeitswissenschaftlerInnen befassen sich bereits mit der Problematik der Transformation in Richtung einer „Postwachstumsgesellschaft“. In den betreffenden Studiengängen, etwa „Environmental Governance“ an der Uni Freiburg, „Sustainability, Economics and Management“ an der Uni Oldenburg, „Nachhaltiges Wirtschaften“ in Kassel oder „Sustainability Science“ an der Uni Lüneburg werden Studierende ausgebildet, die interdisziplinäres, kritisches Denken schon während der Studienzeit lernen. So vielversprechend diese notwendigen Ansätze auch sind: Auch die Mainstream-Studiengänge müssen sich verstärkt diesem Thema öffnen. Denn, um einen Unbekannten zu zitieren: „Nicht ist so gefährlich wie ein Ökonom, der sich nur mit Ökonomik beschäftigt.“

von

Benjamin Best ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Wuppertal Institut in der Forschungsgruppe 1: Zukünftige Energie- und Mobilitätsstrukturen. Zuvor absolvierte er den Masterstudiengang Sustainability Economics and Management an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er promoviert zur zivilgesellschaftlichen Beteiligung an der urbanen Energiewende in der InnovationCity Ruhr - Modellstadt Bottrop. Er ist Vorstandsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie e.V (VÖÖ) und war 2010 Mitgründer des Netzwerks Wachstumswende (NEWW).

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