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Mit vereinten Kräften für ein gutes Leben

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Die multiple Krise des Kapitalismus

Ausgangspunkt von ‚Radikale Alternativen‘ ist die von Alberto Acosta und Ulrich Brand attestierte Krise des globalen Kapitalismus, die 2008 begann. Diese hat viele Gesichter. Sie umfasst nicht nur die Finanz- und Produktionssektoren, sondern auch die Bereiche Politik, Ethik, des Sozialen und nicht zuletzt – die Ökologie und die Kultur. Es zeigt sich immer mehr, dass der Kapitalismus es nicht vermag, großen Bevölkerungsgruppen ein gutes Leben zu garantieren. Das Erleben der Ungleichheit und Ungerechtigkeit lässt in vielen Ländern der Welt den Zuspruch für autoritäre und fremdenfeindliche Kräfte erwachsen. Daher wird es immer dringlicher, Alternativen im politischen Diskurs aufzustellen, „deren Durchführbarkeit sich im politischen Kampf heraus­kristallisieren muss.“ (16) Diese sog. ‚radikalen Alternativen‘ aufzuzeigen und bereits Bestehende zu verbinden, ist Aufgabe des vorliegenden Buches. Dabei werden insbesondere die Transformations­strategien des globalen Nordens: Degrowth bzw. Postwachstum und die des Südens: „Buen Vivir“ und Post-Extraktivismus vorgestellt, um Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten ihrer gegenseitigen Ergänzung und Verknüpfung aufzuzeigen.

Transformation als Ausweg aus der Zivilisationskrise

Generell, so machen es die Autoren  deutlich, handelt es sich bei der Krise nicht nur um eine Krise des Wirtschaftssystems, sondern um eine Krise der gegenwärtigen Zivilisation. Zu gravierend sei die Ausbeutung von Mensch und Natur, zu spürbar die Krise der internationalen Politik, zu groß die Ungerechtigkeit in der Wohlstandsverteilung. Um größere politische, soziale und ökologische Zusammenbrüche zu verhindern, seien tiefgreifende Lösungen erforderlich, die die gesellschaftlichen Akteure des globalen Nordens und Südens gleichermaßen anstoßen müssten, da der Schlüssel für eine Veränderung in der gesellschaftlichen Mobilisierung liege. Denn ein Wandel könne nicht stattfinden, wenn nur darauf gewartet werde, dass die Industrieländer handeln, die, dem Mantra des Wirtschaftswachstums verschrieben, im stetigen Wettbewerb mit den Schwellenländern stehen und von globalen Strukturen gestützt werden.

Dialoge zwischen den Alternativen

Degrowth und Post-Extraktivismus, die bisher kaum aufeinander bezogen wurden, bieten gem. den Autoren fruchtbare Verknüpfungspunkte, da sie die gleichen Logiken des wachstumsbasierten Kapitalismus kritisieren: die imperiale Produktions- und Lebensweise, welche vom globalen Norden aus zunehmend im Süden übernommen wird, sowie den Extraktivismus, der durch seine, bis heute anhaltenden, kolonialen Strukturen den globalen Süden von der Rohstoffnachfrage im Norden abhängig macht. Zentrales Hindernis für die Implementierung beider Alternativen sei in erster Linie ein Festhalten an der imperialen Produktions- und Lebensweise. Ein kultureller Wandel, der den Begriff von Wohlfahrt neu definiert und die Dichotomie zwischen Natur und Mensch aufhebt, sei deswegen unumgänglich. Zudem müsse die Natur entökonomisiert werden. Die Autoren bemängeln dabei, dass sich beide Konzepte einem sehr diffusen Konzept von Politik und Staat bedienen, was ihrer Stärkung entgegensteht. So sei vor allem die Gesetzgebung ein wirksames Instrument, Errungenschaften des Transformationsprozesses zu schützen, indem bspw. Gemeinschaften und nichtmenschlichen Wesen, wie Flora und Fauna, vermehrt Rechte zugestanden werden.

Transformation ohne Masterplan

Für das Gelingen einer sozial-ökologischen Transformation fordern die Autoren eine radikalere Demokratie, bspw. durch direktdemokratische Elemente insb. auf kommunaler Ebene. Dabei sind Pluralität, Streit und Konflikte Teil dieser emanzipatorischen Demokratie, die „viel Aufwand und viel Kreativität“ (134) erfordere. Zudem müssten alternative Lebensweisen, die auf sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit beruhen, politisch und institutionell unterstützt werden. Dies beinhalte neben einem Lernprozess auch eine Demokratisierung des Wissens und nicht zuletzt: eine „utopische Dimension“ (158). Die Autoren negieren dabei die Notwendigkeit eines Masterplans. Vielmehr sehen sie gerade in seinem Nichtvorhandensein „eine der größten Möglichkeiten, da sie von dogmatischen und autoritären Abenteuern befreit“ (132). Insgesamt ist das Buch dicht und verständlich geschrieben und eignet sich daher für ein breites Publikum, welches auch ohne spezielles Fachwissen von der Schlüssigkeit und Leidenschaft der Argumentation zum Denken und – im besten Falle: Handeln – angeregt wird. Fraglich bleibt jedoch, ob Acostas und Brands Fahrplan, der sich bewusst einem Masterplan entzieht, sich in Anbetracht des Zeitdrucks (nur 9 Jahre bis zum 1,5-Grad-Ziel!) als geeignet erweist.

 

Acosta, Alberto / Brand, Ulrich. 2018. Radikale Alternativen. Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann. München: oekom Verlag.

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