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Herausforderung Wohnfläche

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Suffizienzpolitische Impulse aus einem BUND-Workshop

In Deutschland steigt nicht nur die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf, sondern auch die Zahl der Wohnungen insgesamt (Statistisches Bundesamt 2021). Dieser Anstieg bedeutet einen erhöhten Energie- und Ressourcenverbrauch. Hinzu kommt, dass der Wohnraum in Deutschland ungleich verteilt ist. Während einerseits ca. 9 Mio. Ein- bis Zwei-Personen-Haushalte auf großzügiger Wohnfläche wohnen und es viel Leerstand gibt, leben andererseits ungefähr genauso viele Menschen in überbelegten Wohnungen (ebd.). Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware. Neubau, oft im Hochpreissegment, geht doppelt daneben: Er konterkariert das Ziel der Flächenneutralität bis 2050 der Bundesregierung und kann zudem die soziale Wohnungsnot nicht lindern.

Diese große Herausforderung, die eine Begrenzung und gerechtere Verteilung der Wohnfläche in Deutschland bedeutet, birgt gleichzeitig bedeutende Potenziale für Suffizienzpolitik in diesem komplexen Handlungsfeld.

In dem BUND-Workshop „Herausforderung Wohnfläche: Ressourcen schonen – Wohnraum gerechter verteilen“ Anfang März 2022 gingen Umwelt- und Sozialexpert*innen aus Wissenschaft und organisierter Zivilgesellschaft das Thema an.

Die Leitfagen des Workshops waren:

  • Wie relevant sind die Potenziale im Bereich Wohnfläche einzuschätzen?
  • Wie können suffizienzpolitische Instrumente wirksam werden?
  • Wie sieht die soziale Perspektive darauf aus?

Expert*innen aus der Forschung und Praxis gaben Impulse zu Wohnen auf weniger Fläche aus ökologischer und sozialer Perspektive. Ihre Kernaussagen werden im Folgenden zusammengefasst.

Wohnen auf weniger Fläche – Potenziale zur Minderung des Energie-, Ressourcen- und Flächenverbrauchs

Anja Bierwirth, Leiterin des Forschungsbereich Stadtwandels beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, zeigt auf:

  • Bei Befragungen zeigen sich viele bereit für die Reduktion von Wohnraum und gemeinschaftliches Wohnen und dafür Umzug oder Umbau in Betracht zu ziehen
  • Eine ressourcenschonende Stadtentwicklung setzt auf weniger Keller und Tiefgaragen, vertikale Nachverdichtung, Sanierung, Mehrfamilienhäuser und Effizienzstandards
  • Förderliche Rahmenbedingungen für Wohnen auf weniger Fläche sind Wohnberatung, „Nutzung“ als Thema der Energieberatung, Förderprogramme, Nutzung und Anpassung des Planungs- und Baurechts sowie Konzeptvergabe
  • Neben den ökologischen Potenzialen ergeben sich Synergien wie bedarfsgerechte, bezahlbare Wohnungen sowie Integration und gesellschaftliche Vielfalt
Die soziale Schieflage in der aktuellen Wohnraumsituation in Deutschland

Jennifer Puls von Paritätischen Gesamtverband und Wiebke Werner vom Mieterverein Berlin kommentieren:

  • Insgesamt herrscht ein soziales Ungleichgewicht in der Wohnflächenverteilung und Mietbelastung: 10% der Wohnungen sind in Deutschland überbelegt, davon besonders betroffen sind Menschen in Armut, Alleinlebende, Alleinerziehende und deren Kinder. Ausgehbeschränkungen in der Corona-Pandemie verschärfen die Situation zusätzlich. Gleichzeitig sind die Wohnungen älter und schlechter ausgestattet und diese Gruppen haben eine vergleichsweise höhere Mietbelastung. Für sie geht es also auch um eine grundsätzliche Wohnwertverbesserung.
  • Ein wichtiger Grund für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Städten ist der Neubau im hochpreisigen Sektor, der am Bedarf vorbei geht. Dies ist sowohl klimapolitisch als auch in sozialer Hinsicht problematisch. Es bedarf einer gründlicheren Bedarfsevaluierung und Beeinflussung der Neubauziele
  • Leerstand müsste durch Gesetzesverschärfung und Fahnungsmöglichkeiten gelindert werden
  • Wohnungstauschprogramme sollten gefördert, Untervermietungen erleichtert und angereizt werden

Adäquates und klimaneutrales Wohnen sollten sich alle Menschen leisten können.

Unsichtbarer Wohnraum – Eine soziale Alternative?

Daniel Fuhrhop von den Scientists for Future macht auf das große Potenzial ungenutzten Wohnraums aufmerksam:

  • Unsichtbarer Wohnraum ist u.a. die ungenutzte Wohnfläche in zu groß gewordenen Wohnungen älterer Menschen, wenn Kinder ausgezogen sind und jemand allein bleibt, sofern die Bewohner*innen den Raum anders nutzen können und wollen
  • Durch soziale Maßnahmen, wie Wohnen für Hilfe, soziale Wohnraumvermittlung oder Wohnraumabtrennung kann unsichtbarer Wohnraum nutzbar gemacht werden
  • Die Nutzung unsichtbaren Wohnraums gibt eine Antwort auf demografischen Wandel, Wohnraummangel und Klimakrise
  • Politische Forderungen gehen in diese Richtung: Unsichtbaren Wohnraum finden – forschen – fördern!

Die Impulse der Expert*innen umreißen die bestehenden Missverhältnisse, zeigen aber auch beispielhaft die großen sozial-ökologischen Potenziale auf. Viele kreative Lösungen bleiben bisher unangetastet.

Umwelt- und sozialpolitische Schritte für die Begrenzung und Umverteilung von Wohnfläche

In der nach den Impulsen folgenden Diskussion erarbeiteten mehr als 60 Expert*innen aus Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen zentrale Vorschläge für umwelt- und sozialpolitische Maßnahmen:

  • Netto-Null-Flächenverbrauchsziele für 2030 umsetzen (national und kommunal)
  • Neubau verhindern bzw. bedarfsorientiert Bauen durch gründlichere Bedarfsanalysen, Aktualisierung der Daten, mehr Vorgaben von Kommunen, „suffizienzkonforme“ Neuausrichtung des rechtlichen Rahmens auf Umbau/Ausbau/Umnutzung statt Neubau, Hindernisse aus den Landesbauordnungen entfernen (Stellplatzpflicht etc.), Anreize zur Flächenverbrauchsreduktion für Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften, Vermieter*innen, Haushalte etc. (z.B. Umzugsprämien)
  • Leerstand erschließen, z.B. durch die Einrichtung von zentralen kommunalen Stellen und Leerstandskatastern
  • Bezahlbaren Wohnraum schaffen, u.a. durch die Verpflichtung kommunaler Wohnungsgesellschaften min. 10% Sozialwohnungen und min. weitere 50% bezahlbare Wohnungen anzubieten (bezahlbar = max. 30% des verfügbaren Haushaltseinkommens)
  • Große Wohnflächen pro Kopf reduzieren, mit Hilfe von Förderungen neuer Wohnkonzepte (wie Wohnen für Hilfe), dabei Vermittlungsstellen und laufende Betreuung sicherstellen, Beratungsprogramme für Eigentümer*innen, flexible Wohnraumgestaltung, doppelte Raumnutzung (z.B. von Büroräumen)
  • Konsequent sozial-ökologische Stadtentwicklung, Aufklärung von Stadtplaner*innen und Herstellung von Politikkohärenz, z.B. durch Programmabstimmungen in den Stadtverwaltungen
  • Überarbeitung des Mietrechts, z.B. sodass Kleinvermieter*innen nicht länger großen Wohnungsunternehmen gleichgestellt sind und Wohnungstausch rechtliche Grundlage gegeben wird (Bsp. Österreich)
  • Gesellschaftliche Debatten und Neubewertungen zu Fragen wie wir leben wollen und was guten Wohnraum ausmacht anstoßen

Wichtig dabei sind die Zusammenarbeit aller Ebenen und starke Bündnisse. Die Workshop-Teilnehmenden waren sich einig, dass für eine sozialgerechte Suffizienzpolitik im Bereich Wohnfläche alle Ebenen gefragt sind: EU, Bund, Länder und Kommunen. Lösungen müssen miteinander erarbeitet, Rahmenbedingungen und Maßnahmen koordiniert werden und eine Verantwortungsdelegation von oben nach unten verhindert werden. Es bedarf Austausch und das Schmieden von Bündnissen mit Sozial- und Umweltverbänden und Kommunen. Der BUND wird das Thema Wohnen weiterverfolgen. Nicht zuletzt die große Resonanz auf den Workshop und das Interesse zeigen, dass es sich lohnt, diesen Bereich weiterzubearbeiten.

Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie unter www.bund.net/suffizienz-impulspapier sowie www.bund.net/bauwende.


Literatur:

Statistisches Bundesamt, 2021, Pressemitteilung Nr. 506 vom 4. November 2021. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/11/PD21_506_63.html, abgerufen am 01.05.2022.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), 2019: Klimaschutzplan 2050 – Klimaschutzpolitische Grundsätze und Ziele der Bundesregierung.

Statistisches Bundesamt, 2021: Wohnungsbestand im Zeitvergleich. Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/Tabellen/liste-wohnungsbestand.html, abgerufen am 01.05.2022.

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