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Hauptsache absolute Reduktion des Umweltverbrauchs

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Was heißt es für die Umweltpolitik, wenn sich bisher nicht sicher sagen lässt, ob eine ausreichende absolute Reduktion des Umweltverbrauchs bei weiterem Wirtschaftswachstum möglich ist? Dirk Arne Heyen plädiert dafür, die Wachstumsdebatte zwar weiter zu führen, sich aber auch auf Gemeinsamkeiten zu besinnen – insbesondere die absolute Reduktion des Umweltverbrauchs auf ein global nachhaltiges Niveau. Welche Art von Maßnahmen es dazu braucht, benennt er in diesem Artikel.

Ein zentraler Streitpunkt zwischen Vertreter/innen von Green Economy Konzepten auf der einen und Degrowth Konzepten auf der anderen Seite ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum mit ökologischer Nachhaltigkeit innerhalb planetarer Grenzen.

Green Economy Vertreter/innen argumentieren, Umweltverbrauch und Bruttoinlandsprodukt (BIP) ließen sich entkoppeln. Ressourcenschonende Technologien und Dienstleistungen könnten für „grünes Wachstum“ sorgen. Kritiker/innen entgegnen, dass zwar eine relative Entkopplung möglich sei, also der Umweltverbrauch langsamer wächst als das BIP. Ein deutlich sinkender Umweltverbrauch, wie für die Einhaltung planetarer Grenzen notwendig, bei weiterem Wirtschaftswachstum („absolute Entkopplung“) sei dagegen nicht möglich. Effizienzgewinne würden durch Rebound- und Wachstumseffekte gemindert und auch „grüne Technologien“ hätten ihren Ressourcenbedarf.

Doch wie ist die empirische Datenlage?

Global gesehen findet seit einigen Jahren eine relative Entkopplung statt: Ressourcenverbräuche und Emissionen steigen weniger stark als das Sozialprodukt. In einigen Ländern gibt es aber auch Anzeichen absoluter Entkopplung, etwa bei Luftschadstoffen und Treibhausgasemissionen. Laut Untersuchungen des World Resources Institute haben 21, bzw. in einer umfassenderen Betrachtung von Carbon Brief sogar 35 Länder zwischen 2000 und 2014 ihre nationalen CO2-Emissionen um bis zu 30 Prozent gesenkt, bei steigendem BIP. Eine OECD-Studie zeigte, dass es in mehreren OECD-Ländern zwischen 1980 und 2008 auch zu einer absoluten Reduktion des Materialverbrauchs kam.

Wachstumskritiker/innen argumentieren, dass diese Zahlen nur durch die Verlagerung emissions- und ressourcenintensiver Produktionsprozesse ins Ausland zustande kommen (Tilmann Santarius spricht von einem „rich country illusion effect“). Doch auch hier gibt es gegenteilige Befunde. In der Untersuchung von Carbon Brief sanken immerhin in etwa zwei Drittel der 35 Länder auch die konsumseitigen Emissionen, wenngleich in der Regel weniger stark. In Deutschland sank der Verbrauch abiotischer Rohstoffe in den letzten Jahren auch dann noch leicht, wenn man die Einfuhr sowohl von Rohstoffen als auch von Halb- und Fertigwaren berücksichtigt (siehe hier).

Man kann also festhalten, dass es sehr wohl Tendenzen absoluter Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch gibt – jedoch auch, dass diese Trends in Ausmaß und Geschwindigkeit in der Summe bisher bei Weitem nicht ausreichen. Im Hinblick auf eine hinreichende absolute Entkopplung in der Zukunft lässt dies eher skeptisch stimmen – sie lässt sich jedoch auch nicht ausschließen. Auch aus der eher theoretischen wirtschaftswissenschaftlichen Literatur lässt sich keine sichere Prognose ableiten, wie eine UBA-Studie von IÖW, RWI und Wuppertal-Institut kürzlich zeigte. Und angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen, die volkswirtschaftliche Schrumpfungsprozesse mit sich bringen, etwa im Hinblick auf Sozialversicherungssysteme, sollte man wohl mit vorschnellen Forderungen nach Wachstumsrücknahme vorsichtig sein.

Kurzum: Die beiden „Lager“ in der ökologisch orientierten Wachstumsdebatte brauchen ihre Argumente keineswegs zu unterdrücken, sondern sollen – insbesondere vor dem Hintergrund künftiger Entwicklungen und Evidenzen in Sachen Entkopplung – weiter fundiert streiten. Sie sollten dabei jedoch die aktuell bestehenden Grenzen der Belastbarkeit ihrer Positionen anerkennen.

Stärkerer Fokus auf Gemeinsamkeiten!

Beide Seiten sollten sich zudem stärker ihrer Gemeinsamkeiten bewusst werden und diese gegenüber denjenigen vertreten, die in einem ökologisch unsensiblen Wachstumsglauben verharren. Dazu gehört insbesondere, dass die Einhaltung planetarer Grenzen einer deutlichen absoluten Reduktion des Umweltverbrauchs bedarf. Zudem scheint es aus ökologischen wie auch ökonomischen Gründen „lagerübergreifend“ sinnvoll, sich damit zu beschäftigen, wie unsere Gesellschaft unabhängiger von Wirtschaftswachstum werden kann, ohne das gesellschaftliche Wohlergehen – für das das BIP ein unzulänglicher Indikator ist – wesentlich zu beeinträchtigen.

Die diese Überlegungen beinhaltende „vorsorgeorientierte Postwachstumsposition“ ist somit sehr zu unterstützen. Während in der entsprechenden, oben auch schon zitierten Studie der Fokus der politischen Schlussfolgerungen auf Maßnahmen zur Reduzierung der Wachstumsabhängigkeit liegt, fallen die umweltpolitischen Schlussfolgerungen leider eher dünn und einseitig aus. Zwecks Internalisierung externer Kosten wird ausschließlich die Bedeutung ökonomischer Politikinstrumente betont. Anscheinend war im heterogenen Projektteam kein Konsens über nicht-marktliche Instrumente erzielbar.

Vor dem Hintergrund der zentral gestellten Entkopplungsfrage und der von beiden Seiten angestrebten Einhaltung planetarer Grenzen müsste die wesentliche gemeinsame umweltpolitische Schlussfolgerung eine andere, unabhängig von Instrumententypen sein – nämlich ein gemeinsamer Fokus auf solche Maßnahmen, die insbesondere in Industrieländern dezidiert auf eine absolute Reduktion des Umweltverbrauchs auf ein nachhaltiges, global gerechtes Niveau abzielen. Selbstverständlich gehören hierzu auch ökonomische Politikinstrumente, aber nicht nur. Denn neben ökonomischer Effizienz sind auch andere Kriterien zur Bewertung und Auswahl von Politikinstrumenten wichtig, insbesondere die Effektivität in der Zielerreichung (unter Berücksichtigung von Rebound-Effekten), aber auch sozioökonomische Verteilungswirkungen und andere Gerechtigkeitserwägungen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit können folgende, sich teilweise überschneidende Elemente zu einem Maßnahmenpaket für eine absolute Reduktion des Umweltverbrauchs zählen:

Dies ist die gekürzte Fassung eines Aufsatzes, der in „Ökologisches Wirtschaften“ (Ausgabe II/2019) erschien.

Beitragsbild: © Dirk Arne Heyen

2 Kommentare

  1. Alfred Reimann sagt am 7. Juni 2019

    Wird der Flächen- u. Ressourcenverbrauch höher besteuert (Boden-, Rohstoff- u. Co2- Steuer) und die Einnahmen als Umweltgeld pro Kopf in gleicher Höhe ausgeschüttet, brauchen wir niemanden einschränken in seinen Handlungsmöglichkeiten. Keine Kontrollen, keine Denunzierung und Bestrafung, keine Bürokratie und Fremdbestimmung, vor allem weniger Neid, da alle anderen davon profitieren, für ihren Umweltschutz belohnt werden.

  2. Hans-Peter Heinrich sagt am 11. Juni 2019

    Angesichts einer immer weiter wachsenden Weltbevölkerung dürften solche Spekulationen illusorisch sein!
    Ich frage mich, wieso man diese, etwas anders geartete „Rebound“-Situation derart konsequent bei diesen ganzen Wachstumsdebatten ausblenden kann? Als ob dieser Wachstumswahn sich nicht auch in der Bevölkerungsfrage auswirken würde – d.h. darf er es nicht, da das Thema zu heikel ist?

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