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Green Economy – Verlängerung der Wachstumsillusion?

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Es liest sich gut und glatt – und vertraut: Das Konzept der Green Economy, wie es im Mittelpunkt der Konferenz von Rio + 20 steht. Die „green economy in the context of sustainable development and poverty eradication” soll dazu beitragen, all die wichtigen gesellschaftlichen Ziele zu erreichen, von sicherer Nahrung über sauberes Wasser und moderne Energieversorgung bis zu “sustained, inclusive and equitable growth“, das Beschäftigung schafft. Die Grüne Ökonomie soll ein Mittel sein, um das übergeordnete Ziel der Nachhaltigen Entwicklung zu erreichen. Die drei Säulen der Nachhaltigen Entwicklung – Ökonomie, Ökologie und Soziales – sollen integriert betrachtet werden, die Politik der Grünen Ökonomie soll durch die Integration von ökonomischer Entwicklung und ökologischer Nachhaltigkeit win-win-Chancen schaffen.

Zu dem politischen Instrumentarium für eine Grüne Wirtschaft zählen ökonomische und finanzielle Maßnahmen zur Anrechnung externer Kosten, ein Abbau von umweltschädlichen Subventionen, Investitionen in grüne Infrastruktur, ein nachhaltiges Beschaffungswesen. Durch technologische Neuerungen, verbesserte Ausbildung und besseres (Nachhaltigkeits-)Management soll die Effizienz gesteigert und der Ressourcenverbrauch verringert werden. Die monetäre Erfassung von Systemdienstleistungen der Biosphäre soll zu ihrer Wertschätzung und ihrem Schutz beitragen. Über ein Set von Indikatoren soll der Fortschritt der Politik der Grünen Ökonomie gemessen werden.

Aber was ist der Fortschritt an dem Konzept der Grünen Ökonomie?

Es baut auf dem (bekannten) 3-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit auf, auf der Hoffnung durch wirtschaftliche Anreize für ökologisch positives Verhalten und verstärkte Integration der Säulen multiple win-win-Lösungen zu erreichen. Es enthält den (bekannten) Katalog sinnvoller wirtschaftspolitischer Maßnahmen für ökologische Rahmenbedingungen für nachhaltiges Produzieren und Konsumieren.

Das ist wenig Neues und soll trotzdem neue Hoffnungen erwecken. Doch es umgeht die Frage, warum 20 Jahre nach Rio die ökologische Situation von der Klimaerwärmung bis zum Verlust der Artenvielfalt sich verschlechtert hat, trotz gegenteiliger politischer Zielsetzungen und mancher zaghafter umweltpolitischer Instrumente.

Unsere Überzeugung ist, dass das 3-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit mit der proklamierten Gleichrangigkeit ökonomischer, ökologischer und sozialer Interessen de facto dazu beigetragen hat, dass ökonomische Ziele Politik und Wirtschaft weiterhin dominieren, dass Klimaschutz unter Wachstumsvorbehalt steht, dass die Fischereiinteressen die Meere ruinieren und Landwirtschaftsinteressen die Artenvielfalt und die Böden. Statt die Harmoniemelodie der Nachhaltigkeit neu anzustimmen und das hohe Lied der Effizienzrevolution zu singen, ist eine Auseinandersetzung nötig, welche wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen wir brauchen, um die ökologischen Grenzen zu respektieren und einzuhalten und innerhalb der ökologischen Grenzen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu gestalten. Die Auseinandersetzung mit dem Glauben an unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt ist dafür nötig. Doch die Grüne Ökonomie (und ihre häufige Gleichsetzung mit green growth) verlängert die Wachstumsillusion und hemmt damit die Entwicklung von Konzepten und Experimenten für eine Postwachstumsgesellschaft.

Trotzdem: Wir brauchen eine Green Economy, ein nachhaltiges Wirtschaften – und Innovationen im Bereich umweltpolitischer Instrumente, Technik, gesellschaftlicher Institutionen und Lebensstile. Aber diese dürfen nicht nach dem Kriterium gewählt oder gefördert werden, wie viel Potential sie für wirtschaftliches Wachstum haben, sondern danach, wie viel sie zur Umweltentlastung und zum individuellen und sozialen Wohlbefinden beitragen. Eine nachhaltige Wirtschaft darf sich nicht allein auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen auf dem Markt konzentrieren. Sie muss die informelle Ökonomie einbeziehen, den Erhalt und die Schaffung von Commons, Gerechtigkeits- und Menschenrechtsfragen und vieles mehr.

Die hier vorgebrachte Kritik an der Green Economy, die sich auf die Wachstumsfrage der Industrieländer konzentriert, ist nur ein Teil einer vielfältigen Kritik von Stimmen aus dem Süden, von Frauen, von NGOs am Konzept der Green Economy.

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Prof. Dr. Angelika Zahrnt ist Ehrenvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und war von 1998 bis 2007 Vorsitzende. Von 2001 bis 2013 war sie Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung und im Strategiebeirat Sozial-ökologische Forschung des deutschen Bundesforschungsministeriums. Seit 2010 ist sie Fellow am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Sie hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht, u.a. zu den Themenbereichen Nachhaltigkeit, Produktlinienanalyse, Ökologische Steuerreform, Ökologie und Ökonomie, Frauen und Ökologie. Sie war u.a. Initiatorin der Studien „Zukunftsfähiges Deutschland“ (Basel 1997 und Frankfurt a.M. 2008). Zusammen mit Irmi Seidl ist sie außerdem Herausgeberin des Buches „Postwachstumsgesellschaft - Konzepte für die Zukunft“ und Mit-Initiatorin des Blogs Postwachstum.de. Mit Uwe Schneidewind hat sie das Buch „Damit gutes Leben einfacher wird – Perspektiven einer Suffizienzpolitik“ geschrieben. 2006 und 2013 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen und 2009 der Deutsche Umweltpreis.

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