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Energiesuffizienz in der Stadt

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Weniger ist mehr – Entschleunigung und maßvolles Leben für Energiesuffizienz in der Stadt

Städte werden für die Entwicklungen unseres Umwelt- und Ressourcenverbrauches und die Bestrebungen, diesen zu reduzieren und dem Klimawandel entgegenzutreten, eine entscheidende Rolle einnehmen. Bislang spielt Energiesuffizienz in Debatten um Klimaneutralität und nachhaltige Stadtentwicklung jedoch nur eine untergeordnete Rolle. In ihrer umfassenden Analyse beleuchtet Marie-Christine Gröne die Handlungsmöglichkeiten lokaler Akteure für Energiesuffizienz auf Stadtteilebene. Dabei verknüpft sie gekonnt raumbezogene Betrachtungen mit Akteursanalysen und Szenarien und stellt ihre Arbeit auf eine fundierte konzeptionelle Basis.

Raumwärme und Verkehr als zentrale Ansatzpunkte für weniger CO2-Emissionen

In ihren Forschungen konzentriert sich die Autorin auf die Bereiche Verkehr und Raumwärme, weil diese den Schwerpunkt der Energienachfrage bilden und somit interessante Ansatzpunkte für Energiesuffizienzmaßnahmen auf städtischer Ebene bieten. Als Untersuchungsraum dient Wuppertal Vohwinkel, ein Stadtteil, der von Schrumpfung betroffen und durch unterschiedliche Quartierstypen gekennzeichnet ist. Dabei werden in einem transdisziplinären Forschungsdesign die lokalen Akteure in die Analyse des Ist-Zustandes und in die Entwicklung von Szenarien und Langfriststrategien einbezogen. Im Zentrum steht die Frage nach den Handlungsmöglichkeiten und möglichen Strategien der Akteure sowie die Frage danach, wie ein Leben in einer von Energiesuffizienz geprägten Alltagswelt aussehen kann. Um die Auswirkungen von energiesuffizientem Verhalten messen zu können, werden Indikatoren im Bereich Personenverkehr und Energie(dienst)leistungen gebildet, anhand derer in den entwickelten Szenarien die Endenergienachfrage und die CO2-Emissionen berechnet werden.

Zukunftsszenarien, Akteure und ihre Handlungsspielräume

Im Rahmen eines transdisziplinären Forschungsdesigns wurden bereits bei der Formulierung der Forschungsfrage Gespräche mit den relevanten Akteuren aus Wuppertal (z. B. Klimaschutzbeauftragte, Mitarbeiter*innen der Wuppertaler Stadtwerke) geführt, um zu ermittelten, welche Bedeutung das Thema Energiesuffizienz aktuell hat. Darüber hinaus wurden Expert*inneninterviews und eine Delphi-Befragung durchgeführt.

Vor der Formulierung der Szenarien wurden außerdem mit Hilfe von Gedankenexperimenten Zukunftsvisionen für den analysierten Stadtteil Vohwinkel entwickelt, die dann mit den Akteuren in Workshops diskutiert wurden. In jeder Phase der empirischen Erhebungen waren Rückkoppelungen aufgrund von neuen Erkenntnissen zugelassen.

Als zentrale Akteure im Handlungsfeld Energiesuffizienz in der Stadtentwicklung wurden zivilgesellschaftliche Akteure, Bürger*innen, kommunale Verwaltungen, Verkehrsunternehmen, bekannte Persönlichkeiten, Wirtschafts- und Immobilienmarktakteure identifiziert. Mit Hilfe von verschiedenen Szenarien wurden die möglichen Einsparpotenziale im Bereich alltäglicher Personenverkehr und Raumwärme abgeschätzt und die Szenarien in Workshops diskutiert. Es zeigte sich, dass im Raumwärmebereich vor allem die Akteure des Immobilienmarktes von besonderer Bedeutung sind, sowie die Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft und es insbesondere um Veränderungen der Wohnansprüche (z. B. Wohnfläche) geht. Im Bereich des motorisierten Personenverkehrs sind vor allem kommunale Akteure sowie die Politik und die Planung von Bedeutung, weil für eine suffiziente Gestaltung des Verkehrs kompakte Siedlungsstrukturen, Nutzungsmischung und verkehrsplanerische Gegebenheiten eine große Rolle spielen.

Als konzeptioneller Rahmen der Analyse dienen Ansätze aus der Transitionsforschung und hier insbesondere die häufig verwendete Multi-Level-Perspektive, die ursprünglich aus der Innovationsforschung stammt. Gekonnt wendet Marie-Christine Gröne mit ihren umfangreichen und methodisch fundierten Daten die Multi-Level-Perspektive auf das Untersuchungsfeld an und zeigt darüber hinaus in einer umfassenden Problem- und Akteursanalyse die Handlungsorientierungen der Akteure auf. Wenngleich der beschriebene “Transition enabling cycle” als hilfreicher Rahmen besonders für transdisziplinäre Forschung dienen kann, so verwundert die Wahl des theoretischen Analysekonzeptes insofern etwas, als dann für die eigentlich relevante Beschreibung von Akteuren und ihren Interaktionen auf den Akteurszentrierten Institutionalismus zurückgegriffen werden muss. Besonders gelungen ist wiederum die Verknüpfung von räumlichen Gegebenheiten, möglichen Strategien und Maßnahmen für Energiesuffizienz und dem Blick in die Zukunft mittels drei Szenarien, wobei sowohl die quantitativen als auch die qualitativen Wirkungen der Szenarien aufgezeigt werden.

Räumliche Strukturen und Verhaltensänderungen für zukunftsfähige Lebensweisen

Die Arbeit kommt unter anderem zu dem Ergebnis, dass ein tiefgreifender Wandel notwendig ist, um zur Veränderung von Verhaltensweisen, Praktiken und infrastrukturellen Gegebenheiten zu gelangen und es wird deutlich, dass ein Handeln auf sehr verschiedene Ebenen (individuelle Ebene, kommunale Ebene, politisch-administrative Ebene) nötig ist, um die mit Energiesuffizienz verbunden Zielsetzung zu erreichen. Schließlich stellt die Autorin auch fest, dass im ambitioniertesten Szenario die Auswirkungen auf Alltagsleben und Organisations- und Stadtteilstrukturen sehr erheblich sein werden. Angesichts dieser Erkenntnis kann man sich die Frage nach dem Nutzen der Multi-Level-Perspektive stellen, wenn es doch am Ende weniger um technische Innovationen als vielmehr um Veränderungen von Praktiken und Organisationsstrukturen geht. Hier sind die theoretischen Implikationen vergleichsweise wenig ausgearbeitet und Konzepte wie „(transformative) soziale Innovationen“ könnten Anknüpfungspunkte bieten. Insgesamt trübt dies jedoch nicht dieses gelungene und sowohl methodisch als auch vom transdisziplinären Ansatz her sehr gut ausgearbeitete Buch, das einen relevanten Beitrag für die Energiesuffizienzforschung darstellt.

von

Friederike Rohde (Dipl. Soz. tech.) hat am Institute for Sustainability und dem Zentrum Technik und Gesellschaft (ZTG) der TU Berlin zu Themen wie Digitalisierung des Energiesystems, Smart Cities und nachhaltigem Wirtschaften gearbeitet. Seit Oktober 2018 forscht Sie am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Rahmen der SÖF-Nachwuchsforschungsgruppe „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ zu gesellschaftlichem Wandel und Digitalisierung. In Ihrer Promotion an der TU Berlin analysiert Sie wie sich technologiebezogene Zukunftsvorstellungen zum vernetzten Wohnen in Sozio-technischen Arrangements materialisieren.

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