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Die wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Enkel

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2030 werden alle ökonomischen Probleme gelöst sein. Materielle Bedürfnisse können leicht gestillt werden. Die Erwerbstätigen arbeiten nur noch 15 Stunden in der Woche. Die Menschen haben Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Statt Reichtum steht Lebensqualität im Vordergrund. Die Ökonomen werden als „bescheidene, sachkundige Leute, vergleichbar Zahnärzten“, betrachtet.

Diese paradiesisch anmutende Utopie wurde Ende der 1920er Jahre von John Maynard Keynes entwickelt. Mitten in der Weltwirtschaftskrise, im Jahr 1930, veröffentlicht Keynes seinen  Artikel „Economic Possibilities for Our Grandchildren“ (deutsche Übersetzung von Norbert Reuter). Darin wagte Keynes einen Blick 100 Jahre in die Zukunft. Er entwarf die Vision einer von materiellen Zwängen befreiten Gesellschaft unter der Voraussetzung, dass es keinen großen Krieg und kein größeres Bevölkerungswachstum geben wird.

Für Keynes bringen die gewaltigen Produktivitätssteigerungen, die den Wohlstandszuwachs ermöglichen, aber auch Probleme mit sich. So spricht Keynes von „einer neuen Krankheit“: der „technologischen Arbeitslosigkeit“. Diese entsteht, wenn der arbeitssparende technische Fortschritt schneller voranschreitet, als neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Diese Form der Arbeitslosigkeit stellt noch heute ein großes Problem dar, gerade für schlecht qualifizierte Beschäftigte. Für Keynes sind dies aber lediglich kurzfristige Anpassungsprobleme. Langfristig wird die Menschheit ihre ökonomischen Probleme lösen. Damit wird die Gesellschaft aber einem ihrer „traditionellen Zwecke“ beraubt. Große gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche werden somit folgen.

Doch können die materiellen Bedürfnisse wirklich irgendwann gestillt werden? Keynes unterscheidet zwischen absoluten und relativen Bedürfnissen. Absolute Bedürfnisse werden unabhängig von der Situation der Mitmenschen gefühlt. Relative Bedürfnisse werden gefühlt, „wenn Ihre Befriedigung uns über unsere Mitmenschen erhebt“. Diese Bedürfnisse sind potentiell „unersättlich“. Keynes geht jedoch davon aus, dass die Befriedigung der absoluten Bedürfnisse ab einem gewissen Punkt dazu führen wird, dass sich die Bürger vermehrt „nicht-wirtschaftlichen Zwecken widmen“.  Doch bis dieser Punkt erreicht ist, wird sich die Gesellschaft noch lange Zeit vormachen (müssen): „dass das Anständige widerlich und das Widerliche anständig ist; denn das Widerliche ist nützlich, das Anständige ist es nicht. Geiz, Wucher und Vorsicht müssen für eine kleine Weile noch unsere Götter bleiben“.

Zweifellos war Keynes in einigen Prognosen zu optimistisch. Zwar fiel seit 1920 die durchschnittliche Arbeitszeit je Beschäftigten, aber nicht in dem Ausmaß wie Keynes sich dies vorstellte. 80 Jahre nach Keynes sind wir zudem, vor allem aus globaler Sicht, alles andere als kurz davor die materiellen Bedürfnisse ohne Probleme zu befriedigen. Doch bilden Keynes‘ Ideen noch heute eine fruchtbare Grundlage für eine Diskussion über wünschenswerte gesellschaftliche Zukünfte. Fest steht: Wachstum als Selbstzweck hat in (Keynes‘) Utopie keinen Platz.

Mehr zum Thema:

Lorenzo Pecchi and Gustavo Piga (2008): Economic Possibilities
for our Grandchildren: A Twenty-first Century Perspective

Peter Kalmbach: B2 Economic Possibilities for our Grandchildren
„Nation and Athenaeum“ 1930

Fabian Fritzsche: Ohne Wachstum läuft nichts.

Aussprüche und Parabeln von Keynes

David Hofmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Er arbeitet u. a. zu den Themen alternative Wirtschaftsweisen, Postwachstum sowie zu Fragen der Wirtschafts- und Umweltpolitik. Seit 2011 ist er Redakteur des Blogs Postwachstum.de. Studiert hat er Volkswirtschaftlehre sozialwissenschaftlicher Richtung an der Universität Potsdam.

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