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Anmerkungen zu Niko Paechs Postwachstumsökonomie

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Plädoyer für weniger Individualethik, mehr Kapitalismuskritik und eine intersektionale Gerechtigkeitsperspektive

Niko Paech ist mit seinem Plädoyer für eine „Befreiung vom Überfluss“ einer der prominentesten Vertreter einer Postwachstumsökonomie in Deutschland, seine Bücher werden viel diskutiert und er tritt regelmäßig in der Presse auf. Im Vordergrund steht dabei nicht nur das Entlarven von grünem Wachstum als Scheinlösung, sondern auch eine Alternative Konzeption für eine durch Suffizienz und Lokalisierung geprägte Wirtschaftsalternative. Als Weg dahin setzt Paech vor allem auf individuelle „Verantwortungsübernahme“ – auf Konsumverzicht, Selbstversorgung und den Aufbau von lokalen Strukturen um sich durch Entrümpelung, Reparatur oder Eigenbau von der Konsum- und Wachstumswirtschaft zu befreien. Frustriert von politischen Parteien, wachstumsorientierten Mehrheiten und den aus Paechs Sicht wenig hoffnungsvollen Versuchen sozialer Bewegungen, durch Druck auf der Straße das Gesellschaftssystem zu verändern, skizziert er damit den Weg ‚von der aussichtlosen Institutionen- zur Individualethik‘ (Paech 2021).

Mit seinem alleinigen Fokus auf die Individualethik sowie dem Verständnis von Postwachstum als Programm individueller Konsumverweigerung verkürzt Paech allerdings die viel grundlegender ansetzende Diskussion um wachstumsbefreite Alternativen. Er manövriert sich in eine handlungstheoretische Sackgasse, in der nur der individuelle Konsumverzicht, das persönliche Weniger und das beispielhafte Vorleben suffizienter Praxen in den Nischen als Handlungsoptionen übrigbleiben.

In unserem Verständnis geht Degrowth nicht in dem Versuch auf, eine systemische und nicht zuletzt in kapitalistischen Wachstumszwängen begründete ökologische Krise auf einer individuellen Ebene zu lösen. Vielmehr verlangt Degrowth nach einer (Re-)Politisierung der ökologischen Krise, die neben zerstörerischen Naturverhältnissen auch andere Macht- und Herrschaftsverhältnisse wie Patriarchat, Kolonialität/Rassismus und Klassismus in ihre Analyse einbezieht und die die Frage nach dem ‚guten Leben für Alle‘ nicht als Frage eines individuellen Lebensstils, sondern als öffentliche Aufgabe begreift (vgl. Muraca 2015; Schmelzer/Vetter 2019; Dengler 2020). So verstanden ist eine Postwachstumsökonomie ein gesellschaftliches Projekt, das in seiner Forderung nach einer sozial-ökologischen Transformation die Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen durch gesellschaftliche Kämpfe und alternativökonomische Experimente anstrebt und damit über eine Individualethik weit hinausgeht.

Mit Paechs Fokus auf Individualethik bleibt zudem unreflektiert, dass die Handlungsmöglichkeiten der Konsumverweigerung – auch wenn Paech behauptet diese seien „finanziell voraussetzungslos“ (Paech 2021: 184) – de facto bürgerliche Praktiken sind, die sich vor allem in gebildeten, gesellschaftlich gesehen privilegierten und oft finanziell doch abgesicherten Milieus verbreiten (vgl. Eversberg/Schmelzer 2018; Lessenich 2016). Um abseits dieser Milieus – die trotz ‚grüner Gesinnung‘ oft die ressourcenintensivsten Lebensweisen pflegen (vgl. Blühdorn 2020) – verallgemeinerbar zu werden, müssen durch kollektive Praktiken gesellschaftliche Strukturen so verändert werden, dass eine ressourcenschonende Lebensweise für viele überhaupt erst möglich wird. Uta von Winterfeld (2011) spricht hier vom ‚Recht auf Suffizienz‘.

Dafür braucht es starke soziale Bewegungen, kollektiven Widerstand und politisches Handeln – also konkret: Nicht nur Menschen, die entscheiden, nicht mehr zu fliegen, sondern die auch gemeinsam den Bau eines neuen Flughafens blockieren, für ein Verbot von Kurzstreckenflügen protestieren (eine Position, für die es übrigens gesellschaftliche Mehrheiten gibt), und sich politisch für einen grundlegenden Degrowth der Flugindustrie einsetzen (vgl. Stay Grounded 2019); die nicht nur individuell weniger Strom verbrauchen, sondern gemeinsam den Hambacher Forst besetzen und mit Ende Gelände den Kohleausstieg durchsetzen (vgl. Schmelzer 2016); oder die nicht nur selbst in kleineren Wohnungen oder Tiny Houses leben, sondern per Volksentscheid Deutsche Wohnen und Co. enteignen oder die städtische Energieversorgung vergesellschaften und dann demokratisch den Wohn- und Energiesektor an sozialen und ökologischen Zielen statt Profiten ausrichten (vgl. Kuhnhenn et al. 2020).

Nicht nur weniger Individualethik und mehr Kapitalismuskritik, sondern auch ein intersektionaler Gerechtigkeitsbegriff würde Paechs Postwachstumsökonomie stärken. Paech tendiert dazu, einen ökologischen Imperativ zu verabsolutieren und die notwendige Gesellschaftsveränderung auf eine „Reduktion (…) menschlicher Möglichkeiten“ (Paech 2021: 185) zu reduzieren. Dabei vernachlässigt er das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Ungleichheitsdimensionen: neben ökologischer und intergenerationaler Ungleichheit, die Paech betont, sind moderne Gesellschaften beispielsweise entlang von Kategorien wie Klasse, Race und Geschlecht differenziert – in Anlehnung an den Schwarzen Feminismus sprechen wir von ‚Intersektionalität‘ (vgl. Kelly 2019). Diese sich bedingenden und wechselseitig miteinander verschränkten Formen struktureller Diskriminierung gilt es zu berücksichtigen, wenn es nicht nur um Klimaschutz, sondern um Klimagerechtigkeit gehen soll. Wenn sich Paechs „wachstumskritischer Gerechtigkeitsbegriff“ (Paech 2021: 175) in Abgrenzung zur „typischerweise von links-emanzipatorischer Seite betrachtete[n] horizontale[n], also ausschließlich interpersonelle[n] Verteilung“ (ebd.) zuallererst auf eine „vertikale, also intergenerationale Dimension“ (ebd.) bezieht, sind Fragen globaler Gerechtigkeit im Hier und Jetzt nur zweitrangig. Notwendige Diskussionen um Reparationen für koloniale Verbrechen und Klimaschulden sind aus dieser Perspektive nicht zu führen.

Ein intersektionaler Degrowth-Ansatz würde zudem anerkennen, dass es beim ‚Ganzen der Arbeit‘ nicht nur um Lohnarbeit vs. „Zeitressourcen zur Eigenversorgung“ (Paech 2021: 173) geht, sondern z. B. auch um Fragen nach Care-Arbeit, Beziehungsgeflechten und (Inter-)Dependenzen (vgl. Knobloch 2019). Vorschläge dazu gibt es – auch im deutschsprachigen Raum – viele, z. B. die Subsistenzperspektive (vgl. Bennholdt-Thomsen/Mies 1997) oder die Vier-in-einem-Perspektive (vgl. Haug 2008), die wichtige Ansatzpunkte für eine Postwachstumsökonomie bieten.

Generell sind die Vorschläge für Postwachstum/Degrowth vielfältiger, feministischer, kapitalismuskritischer und internationaler als Paech suggeriert. So gibt es in Deutschland unterschiedliche Strömungen in der wachstumskritischen Diskurslandschaft, bei denen suffizienzorientierte Wachstumskritik (wie Paech sie vertritt) neben anderen Ansätzen steht, darunter etwa ein sozialreformerischer Fokus auf Wachstumsunabhängigkeit, konservative Wachstumskritik (wie jene des von Paech ohne diese Einordnung oder Abgrenzung zitierten Meinhard Miegel) sowie kapitalismuskritische und feministische Vorschläge für Degrowth (vgl. Schmelzer 2015; Schmelzer/Vetter 2019, für ähnliche empirische Ergebnisse vgl. Eversberg/Schmelzer 2018). Besonders schade ist, dass Paech die seit gut zehn Jahren intensiv geführte internationale Degrowth-Diskussion – ein ausgesprochen produktives interdisziplinäres Forschungsfeld, das nicht nur die ökologische, heterodoxe und feministische Ökonomik sowie sozialwissenschaftliche, anthropologische, historische, technikwissenschaftliche und andere Forschungen umfasst, sondern mittlerweile hunderte Artikel, Dutzende wissenschaftliche Themenhefte sowie diverse einschlägige Bücher, Konferenzen und Workshops hervorgebracht hat – weitgehend ignoriert (für einen Überblick des Feldes vgl. Kallis et al. 2018).

Zusammenfassend plädieren wir dafür, den scheinbaren Dualismus zwischen einer Institutionen- und einer Individualethik zu überwinden, statt ihn einseitig aufzulösen, um sich nicht durch eine Diffamierung kollektiver gesellschaftlicher Kämpfe (vgl. z. B. Paech 2021: 169f.) Strategien zu verbauen, die integraler Bestandteil einer Postwachstumsökonomie sein sollten. Gesellschaftliche Transformation braucht ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Strategien und dies wird auch seit Jahren in Degrowth-Diskussionen so gedacht und praktiziert: Neben Freiraumstrategien, in denen Menschen in Nischen wachstumsbefreite Praktiken erproben, ermöglichen ‚nicht-reformistische Reformen‘ es, revolutionär-realpolitische Forderungen wie Lohnarbeitszeitverkürzung, Maximaleinkommen oder eine Deckelung des Energie- und Materialverbrauchs zu verallgemeinern, wenn sie in gesellschaftlichen Kämpfen um Gegenhegemonie miteinander vermittelt werden. Wir stimmen Paech zu, dass in dieser politischen Gemengelage auch individuell versucht werden sollte, die eigene Theorie zur Praxis zu machen – als Ausgangspunkt für eine sozial-ökologische Transformation sehen wir das allerdings nicht.

 

Dieser Beitrag ist zuvor bereits in längerer Version in der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Ausgabe 22(2) erschienen.

 

Literaturverzeichnis

Bennholdt-Thomsen, V./Mies, M. (1997): Eine Kuh für Hillary. Die Subsistenzperspektive, München: Frauenoffensive.

Blühdorn, I. (2020): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit: Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet, Bielefeld: Transcript.

Brand, U./Wissen, M. (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im Globalen Kapitalismus, München: oekom.

Dengler, C. (2020): Feminist Futures: Was Degrowth von feministischer Wissenschafts-, Wirtschaft- und Wachstumskritik lernt. Rahmenschrift zur kumulativen Dissertation, Universität Vechta.

Eversberg, D./Schmelzer, M. (2018): The Degrowth Spectrum: Convergence and Divergence Within a Diverse and Conflictual Alliance, in: Environmental Values Vol. 27/No. 3, 245–67.

Haug, F. (2008): Die Vier-in-Einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Hamburg: Argument.

Kallis, G./Kostakis, V./Lange, S./Muraca, B./Paulson, S./Schmelzer, M. (2018): Research on Degrowth, in: Annual Review of Environment and Resources Vol. 43, 291–316.

Kelly, N. (2019): Schwarzer Feminismus: Grundlagentexte, Münster: Unrast.

Knobloch, Ulrike (2019): Ökonomie des Versorgens. Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum, Weinheim: Beltz Juventa.

Kuhnhenn, K/Pinnow, A./Schmelzer, M./Treu, N. (2020): Zukunft für alle: Eine Vision für 2048: Gerecht. Ökologisch. Machbar, München: oekom.

Lessenich, S. (2016): Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin: Hanser.

Liegey, V./Nelson, A. (2020): Exploring Degrowth: A Critical Guide, London: Pluto Press.

Muraca, B. (2015): Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums, Berlin: Wagenbach.

Paech, N. (2021): Postwachstumsökonomie: Von der aussichtslosen Institutionen- zur Individualethik. In: zfwu Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik, Vol. 22/No. 3, 168–190.

Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München: oekom.

von

Corinna Dengler arbeitet als Universitätsassistentin (Postdoc) am Sozioökonomie-Department der Wirtschaftsuniversität Wien und lehrt und forscht dort zu feministisch-ökologischer Ökonomie. Ihre Dissertation hat sie zu feministischen Perspektiven auf Degrowth/Postwachstum verfasst und sie ist Teil des Koordinierungskreises des Netzwerkes Feminisms and Degrowth Alliance (FaDA). Matthias Schmelzer ist Aktivist und arbeitet als Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Er hat Geschichte, Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und der University of California, Berkeley studiert und an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) mit einer Arbeit über “The Hegemony of Growth. The OECD and the Making of the Economic Growth Paradigm” promoviert, die 2016 von der Cambridge University Press verlegt wurde. Er ist außerdem freier Mitarbeiter beim Konzeptwerk Neue Ökonomie und hat als Fellow am DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften in Jena zur Degrowth-Bewegung geforscht.

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