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Tier- und Umwelt: Subjekte, nicht nur Ressourcen

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Unser aktuelles Wirtschaftssystem hat uns in seinem unermüdlichen Wachstumszwang in die Klimakatastrophe geführt, und obwohl spätestens seit den 1970er-Jahren die Grenzen des Wachstums bekannt sind, zerstören wir die uns umgebende Welt immer weiter. Bei der Debatte um die Gestaltung eines zukünftigen Wirtschaftssystems wird bisher viel über Tier- und Umwelt als „Ressourcen“ und „Produkte“ gesprochen, leider jedoch selten über sie als Akteur*innen. Tier- und Umwelt werden als vermeintlich kostenloses Gut und leistungsloser Gewinn verwertet. Dabei legt selbst die ökonomische Ratio nahe: Tier- und Umwelt sind mit ihren Ökosystemdienstleistungen selbst eine Quelle der Wertschöpfung. Welche Kosten entstehen, wenn die Arbeit, wie beispielsweise das Bestäuben von Pflanzen allein durch Menschen oder Maschinen ausgeführt werden müsste?

Ein Ausweg aus dem ewigen Wachstumszwang

Wie können wir es schaffen, endlich nachhaltig zu wirtschaften und die Tier- und Umwelt in ihrer Existenz zu bewahren? Aus meiner Sicht ist dies nur möglich, indem wir die Tier- und Umwelt als lebende Subjekte anerkennen, die eigene Bedürfnisse und Interessen haben. Durch diese Anerkennung als Subjekte, die einen Eigenwert haben, kann die Rechtsordnung ihre Erhaltungsinteressen schützen und damit ein Gegengewicht zur Beeinträchtigung durch ausbeuterische Wachstumsinteressen bilden. Vergleichbar dem Konstrukt einer juristischen Person können Tier- und Umwelt beispielsweise über ein Recht auf Integrität, Leben und Eigentum verfügen.

Wir sind in unserem Überleben auf die Tier- und Umwelt angewiesen, da wir untrennbar mit dieser verbunden sind. Wir benötigen von Pflanzen produzierten Sauerstoff zum Atmen und sind auf die Bestäubung von Pflanzen durch Insekten zur Nahrungsproduktion angewiesen (Brondizio, Settele, Díaz, Ngo, IPBES 2019). Die Liste an weiteren Beispielen ist endlos. Entsprechend wichtig ist ihr Schutz auch für das Fortbestehen der Menschheit.

Ein Lebewesen, verletzlich und sterblich, genauso wie du und ich

Allein schon die Abhängigkeit in unserem Überleben von der Tier- und Umwelt müsste uns dazu veranlassen, die Interessen und Bedürfnisse nichtmenschlicher Akteur*innen wahrzunehmen und zu berücksichtigen.

Darüber hinaus gibt es unterschiedlichste Begründungslinien, deren Ergebnis die Anerkennung der Tier- und Umwelt als mit-lebende Wesen und potenziell wirkmächtige Subjekte ist. Die Akteur-Netzwerk-Theorie, ursprünglich entwickelt von Michel Callon und Bruno Latour (Schulz-Schaeffer 2000), beschreibt, dass sich Handlungsmacht (Agency) nicht nach der individuellen Position Interessen durchzusetzen zu bewerten ist, sondern sich an Interaktionsprozessen beteiligter Akteur*innen bemisst. Die Akteur*innen erhalten durch ihre Verbindungen Wirkungspotenzial und so sind alle Entitäten – nicht nur Menschen – Akteur*innen und potenzielle Träger*innen von Handlungsmacht.

Ein weiteres Argument für die Anerkennung von Tier- und Umwelt als Akteur*innen ist, dass Rechtssubjektivität nicht allein an den Menschen, sondern an Kreatürlichkeit, also an das Sein als Kreatur an sich (Ohrem 2016) geknüpft sein sollte sowie an die Fähigkeit zu leiden (Bentham 1789, S. 236). Diese Argumente bilden eine Basis zur Anerkennung von nichtmenschlichen Akteur*innen als lebende Subjekte. Sie sind aufgrund ihrer Verwundbarkeit und Sterblichkeit sowohl leidensfähig als auch in der Lage, eigene Bedürfnisse und Interessen zu entwickeln.

Legt man einen moralischen Standpunkt zugrunde, der davon ausgeht, dass alles Leben ‚gleichen Wert‘ hat und der Gegenpol zum Egoismus ist, folgt daraus: Wenn wir uns selbst einen Eigenwert zuschreiben, dann müssen wir in Anerkennung der Wirklichkeit auch allen anderen Entitäten einen Wert zugestehen (vgl. Nagel 1998, Gorke 2018).

Wie Zimmermann feststellt:

„Da nur diese anderen Wesen mein Leben ermöglichen, muss sich mein moralisches Handeln durchweg auf sie beziehen. Sie begrenzen den Möglichkeitsraum meines Handelns und verleihen ihm erst durch diese Begrenzung seine potenzielle Moralität“ (2018).

Der Blick in die Welt zeigt, dass andere Länder schon längst begonnen haben, die Interessen von Tier- und Umwelt anzuerkennen und zu integrieren. Beispielsweise wurde der Fluss Río Atrato in Kolumbien 2016 als Körperschaft des Rechts mit einem Recht auf Schutz und Erhalt (Fischer-Lescano 2018) anerkannt.

Sich in sein Gegenüber hineinfühlen und verstehen wollen

Die Erforschung der Interessen und Bedürfnisse von Tier- und Umwelt ist über Empathie und Mitgefühl möglich und erfahrbar. Der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit bedarf es nicht notwendigerweise, denn Empathie funktioniert auch ohne Sprache, da wir mitfühlen können und – nicht nur bei Kleinkindern – in der Lage sind, einen nicht-sprachlich vermittelten Willen zu antizipieren. Empathie hat zwei Elemente, die affektive (emotionale) und kognitive (hineindenkende) Empathie, beides ist wichtig für das Verstehen von Tier- und Umwelt. Zuerst bedarf es immer einer Motivation, sich in das Gegenüber hineinzufühlen, die nur gegeben ist, wenn ich mein Gegenüber als Subjekt anerkenne. Welches Interesse könnte ich sonst an seinen Bedürfnissen haben? Quellen zur Unterfütterung der kognitiven Empathie liefert die wissenschaftliche Forschung, denn über sie bekommen wir wichtige Informationen über mögliche Bedürfnisse und Interessen der Tier- und Umwelt, die wir aufgrund ihrer Andersartigkeit nicht intuitiv kennen.

Mit der Anerkennung der Subjektivität von Tier- und Umwelt ist ein erster Schritt getan, um uns von einer rein auf das menschliche Wohlergehen fokussierten Wirtschaft zu verabschieden. Die Frage, wie wir zukünftig leben und wirtschaften wollen, betrifft unmittelbar alle Lebewesen auf dieser Erde. Die Berücksichtigung der Interessen von Tier- und Umwelt schafft ein Gegengewicht zum unermüdlichen Wachstumszwang.

Um einen Ausgleich zwischen den Interessen von Tier- und Umwelt und Mensch zu erreichen, eignet sich die Umweltmediation als Konfliktlösungsverfahren. Hierin werden zuerst die betroffenen Akteur*innen ermittelt, für die jeweilige betroffene Entität eine Vertretung gestellt, die deren Interessen im Verfahren vertritt und mithilfe von Mediator*innen ein Interessenausgleich zwischen den Parteien angestrebt. Dies unterscheidet sich von klassischen Umweltmediationen insoweit, dass Tier- und Umwelt darin Objekte sind, über die verhandelt wird.

Vertiefendes zur Umweltmediation und der Anerkennung der Subjektivität von Tier- und Umwelt findet sich in der Masterarbeit „Interspezifische Mediation: Beteiligung nicht-menschlicher Akteurinnen an Konfliktlösungsverfahren„, verfasst zusammen mit Raphael Schulte-Kellinghaus.

 

 

Literatur:

 

Bentham, J. (1789). An Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Oxford: Clarendon Press.

Brondizio, E. S., Settele, J.; Díaz, S.; Ngo, H. T. IPBES (2019): Global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. Bonn:https://doi.org/10.5281/zenodo.3831673

Fischer-Lescano, Andreas (2018). Natur als Rechtsperson. In: Zeitschrift für Umweltrecht (4), S. 205–217.

Gorke, Martin (2018). Eigenwert der Natur. Ethische Begründung und Konsequenzen. 2. Auflage Stuttgart: S. Hirzel Verlag.

Ohrem, Dominik (2016). (In)VulnerAbilities. Postanthropozentrische Perspektiven auf Verwundbarkeit, Handlungsmacht und die Ontologie des Körpers. In: Wirth, Sven; Laue, Anett; Kurth, Markus; Dornenzweig, Katharina; Bossert, Leonie; Balgar, Karsten (Hrsg.): Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies. Bielefeld: transcript, S. 67–92.

Schulz-Schaeffer, Ingo (2000). Akteur-Netzwerk-Theorie: zur Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik. In: Weyer, Johannes (Hrsg.): Soziale Netzwerke: Konzepte und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkforschung. München: Oldenburg, S. 187-210.

Nagel, Thomas (1998). Die Möglichkeit des Altruismus. Bodenheim: Philo Fine Arts Stiftung.

Zimmermann, Gill (2018), Zur Ökologie der Moral bei Bruno Latour. Foucault-Blog Universität Zürich. DOI:10.13095/uzh.fsw.fb.210

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