Neues aus der Wissenschaft

Die Auflösung der Produktbindung

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Alles Tun und Werden entwickelt sich auf unserer Erde in Kreisläufen, ist geprägt vom Wechselwirken mit begleitenden und dem Weiterreichen an nachfolgende Prozesse. Eingebettet in das Ökosystem Erde schadet die ökonomische Fehlorientierung der linearen Wertkettenökonomie rekursiv unserem Lebensraum und reduziert unsere utopischen Optionen auf die ruinösen Visionen derer, die an der Maximierung ihres Wohlstands und den damit verbundenen Machtoptionen arbeiten.
Angetrieben werden die ökonomischen Austauschprozesse von Dingen gegen Geld von ruinösem Wettbewerb, prozyklischem Renditedruck und anthropogener Obsoleszenz. Die geplante Obsoleszenz strebt eine weitgehende Auflösung der Produktbindung beim „Endkunden“ an. Der „Endkunde“ soll so bald als möglich bereit sein, sich etwas Neues zu kaufen und dabei immer weniger erhalten, um so den Ertrag der investiven Entscheidung im Barwert zu erhöhen.

Shareconomy macht es nicht besser

Die Shareconomy (im Sinne von Nutzen statt Eigentum verkaufen) ist nur eine trügerische Lösung zur Entkopplung der gesellschaftlichen Wohlstandsmehrung von ihren Ressourcenverbräuchen. Sie stellt eine besondere Form geplanter Obsoleszenz dar. Der Kunde erwirbt in ihr nur noch für die Dauer der Nutzung alleine den Besitz am Produkt. Die Dauer der erworbenen Nutzungslizenz definiert die Dauer der Nutzung. Auf Eigentum soll er ganz verzichten. Die Shareconomy zu Ende gedacht, enteignet die Gesellschaft. Selbst Verfügungsrechte werden nicht vollständig erworben, da der Lizenzgeber seine Eigentumsrechte in die Nutzungsphase ausdehnt, z.B. durch Vorgaben zur Wartung (wie oft, beim wem).

Aufgrund der damit auf die Nutzperiode verkürzten Produktbindung verliert der Nutzer tendenziell den Bezug zu den auf Haltbarkeit bezogenen Produkteigenschaften. Es kommt ihm nur noch auf die Nutzeigenschaften an. Der Gebrauchswert einer Ware reduziert sich in der Shareconomy über den bisherigen Tauschwert auf den Nutzwert innerhalb der zeitlich begrenzten Nutzperiode. Wird der Nutzwert digitalisiert (z.B. Software, Games, Applikation, Cloud), wird das Warensubstitut Geld gegen flüchtige Bits getauscht und der Kunden erhält nur noch einen flüchtigen „binären Wert“ und damit noch weniger als bei einer Dienstleistung, die zumindest noch analoge Wirkung zeigen kann (z.B. Massage, Fensterreinigung). Eine Entkopplung von Ressourcen findet nicht statt, da zur digitalisierten Leistungserstellung erhebliche Investitionen und Kapitalbindungen erforderlich sind. Nun wird der Müllhaufen zwar wenig schnell größer, doch der Geldhaufen wächst weiterhin am anderen Ende der Wertkette, ohne das es zu einer Anhäufung von Vermögenswerten bei den Kunden kommt. Der schleichenden Enteignung folgt der Vermögensverfall.

Shareconomy erhöht eher die Rendite und nicht die Haltbarkeit

Wechselt das Unternehmen auf hohem Preisniveau vom Verkauf zum Verleihen seiner Erzeugnisse, können hohe monatliche Raten bei den Endkunden im Markt realisiert werden. Da die Preissensitivität bei den im Vergleich zum Kaufpreis niedrigeren Raten deutlich geringer ist, können Unternehmen im Zeitverlauf die erzeugte Haltbarkeit bei gleichem Barwert der monatlichen Raten (gleich hohes Zinsniveau vorausgesetzt) reduzieren, da die Kunden bezogen auf die Haltbarkeitseigenschaften aufgrund der kurzen Nutzungsdauer keine Preissensitivität aufweisen werden. Auch der Wettbewerb wird kaum einen positiven Einfluss auf Haltbarkeit haben, da für die Entscheidung zum Vertragswechsel zum Wettbewerb die Haltbarkeit als Wechselgrund aufgrund der kurzen Nutzperioden irrelevant ist (Telekom: „Jedes Jahr ein neues Handy.“). Ist ein Produkt hinsichtlich seiner Innovationspotentiale in der Entwicklung ausgereizt, forciert dies den Wechsel auf das Lizenzmodell. Auch im Businessbereich setzen sich die Strategien der Shareconomy über die Lizenzierung bspw. von Cloud-Angeboten weiter durch. Am Ende dieser „Dematerialisierung“ werden finanzwirtschaftliche Dienstleistungsunternehmen nur noch die Nutzbarmachung gesellschaftlicher Güter als Dienstleistung anbieten und sich so ganz von den Stoffströmen entkoppeln und deren Folgelasten den realwirtschaftlichen Unternehmen und der Gesellschaft überlassen. Die Shareconomy ist letztlich ein Finanzprodukt und folgt der Logik der Kapitalmärkte.

Kreislauf in Ketten gelegt

Selbst die angestrebte „Kreislaufwirtschaft“ legt die Wertkette lediglich über zwei voneinander getrennte Zahnräder, deren Achsen in diesem Bild die Endpunkte bleiben. In ihnen versinnbildlichen sich das realwirtschaftliche und das finanzwirtschaftliche System, wobei sich die Entscheider der finanzwirtschaftlichen Sphäre von den Risiken der stofflichen Realwirtschaft entkoppeln und möglichst risikoarm hohe Barwerte investiver Entscheidungen zugunsten der Stakeholder anstreben. Die Realwirtschaft wird zur „Black-Box“ zur Erzeugung dieser Barwerte. Selbst Unternehmen werden zu Produkten mit geplanter Obsoleszenz. Ignaz Lopez (ehemaliger Einkaufsmanager von VW) hatte diese Logik in den 1990ern für das Lean Management vorgedacht, in dem er verschlug, es würde für VW reichen, man kümmere sich um die Marke „VW“ und ließe die Zulieferer in der Produktionshalle alle Aufgaben zu deren Kosten und Risiko erledigen. Die Shareconomy ist eine ähnliche Wettbewerbsstrategie zur Entkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft.

Soziales Sharing ist anders

Dagegen ist „Soziales Sharing“ als nicht-monetär getriebene Ausprägung mit individuellem oder gesellschaftlichem Eigentum in der Nutzenphase davon getrennt zu betrachten. Soziales Sharing ermöglicht eine Nutzenintensivierung, fördert soziales Miteinander und kann so eine gemeinwohlorientierte Wohlstandsmehrung begünstigen. Über Ko-Konsum können gegenüber dem Lieferanten der genutzten Güter erhöhte Anforderungen an Haltbarkeit und anderen Produktqualitäten durchgesetzt werden.

Die Digitalisierung mobiler Kommunikation begünstigt eine deutliche Reduzierung der gesellschaftlichen Transaktionskosten kollektiver Entscheidungen. Dienstleistungsangebote, die soziales Sharing unterstützen, sind insoweit von der Shareconomy getrennt zu bewerten. Hier werden soziale Innovationen zur gemeinwohlorientierten Wohlstandsmehrung oft mit neu verpackten Geschäftsmodellen verwechselt oder in solche transformiert. Inwieweit Suffizienz eine Entkopplung der Märkte im Interesse der Investoren bewirkt, beleuchtet der dritte Teil der Artikelreihe.

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von

Stefan Schridde ist Initiator und Vorstand von MURKS? NEIN DANKE! e.V . (http://www.murks-nein-danke.de/blog), einer bürgerschaftlichen Organisation für nachhaltige Produktqualität und gegen geplante Obsoleszenz. Er arbeitet freiberuflich als Dozent, Coach und Berater für Stadt- und Regionalentwicklung, Business Development, Projektmanagement, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement und Social Media. Er ist zudem geschäftsführender Gesellschafter der ARGE REGIO Stadt- und Regionalentwicklung GmbH.

2 Kommentare

  1. Patrick B. sagt am 9. August 2016

    Deine Kritik an der Sharing Economy ist bemerkenswert. Dass nur „die anderen“ reich werden, war ein für mich neuer Aspekt. Allerdings ist Vermögensanhäufung nicht nur positiv, sondern kann auch mit Unfreiheit verbunden sein. Und eine emotionale Beziehung zu meinem Rasenmäher werde ich nie aufbauen, hier sind Nutzungsgemeinschaften zu begrüßen und können unter gewissen Umständen die Nachhaltigkeit erhöhen. – Ansonsten wird die Sharing Economy kommen, so oder so, ist ja schon da. Sie bringt Vorteile – und neue Probleme, die wir lösen müssen. Hier sind die Folgen einer sich auflösenden Produktbindung in der Tat zu beachten.

  2. Stefan Schridde sagt am 15. November 2016

    Eine Lösung besteht im Beibehalten des Eigentums in der Nutzerphase. Ko-Konsum auf kommunalem, privatrechtlichen und privaten Niveau in Nutzergemeinschaften stärkt die Kontrolle in der Beschaffung und ermöglicht das Durchsetzen von Haltbarkeitsanforderungen.

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