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Sharing Economy: Gutes Teilen, schlechtes Teilen?

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Es ist nicht gewagt, dem Sharing eine große Zukunft zu prophezeien. Aber wie ist dieser Trend zu bewerten? Ist er für Gesellschaften, Ökonomien und Einzelne eher gut und chancenreich oder eher schlecht und risikoreich? Meine Antwort: Die Ökonomie des Teilens kann ebenso zu einem Generator von sozialer Kohäsion und nachhaltiger Entwicklung werden, wie sie zum permanenten Wettbewerb aller gegen alle und zur vollständigen Ökonomisierung unseres Lebens führen kann – bei gleichzeitigem Entstehen von global agierenden Digitalmonopolen mit Hang zum Totalitären. Zwingend ist aber keine dieser Entwicklungen. Es kommt darauf an, welchen politischen und rechtlichen Rahmen wir der Ökonomie des Teilens geben: regional, national, in der EU und weltweit.

Für eine praxisorientierte Differenzierung

Was nottut, ist zunächst eine realitätsnahe und praxisorientierte Differenzierung. Es gilt, den eher gemeinwohlorientiert arbeitenden vom eher gewinnorientiert arbeitenden Teil der Sharing Economy definitorisch zu scheiden. Nur so vermeidet man, alles in einen Korb zu werfen, und stellt sicher, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Food Sharing, Stadtgärten, Mitfahrzentralen, Reparatur-Cafés, Kleidertauschpartys, Nachbarschaftsautos, Recyclingbörsen oder Übergangsnutzungen leer stehender Immobilien sind nun einmal etwas völlig anderes als kommerzielle Buchungsplattformen für Übernachtungs- und Transportmöglichkeiten, frei flottierende Carsharing-Angebote, Geräte- und Werkzeugverleih, Maschinenringe, Coworking Spaces oder Kleider-Flatrates.

Sind die definitorischen Klärungen erst einmal vorgenommen, gilt es für beide Systeme, angemessene Gestaltungs- bzw. Regulierungsregime zu erarbeiten. Ziel muss es dabei sein, einen lernenden Ordnungsrahmen zu schaffen, der Richtungssicherheit im Sinne von Gemeinwohlorientierung, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfairness garantiert, aber auch offen genug ist, um reflexiv auf technische und soziale Innovationen sowie eventuelle Überraschungseffekte reagieren zu können.

Wie hätte eine intelligente Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen für die Ökonomie des Teilens nun auszusehen? Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass wir zwar erst am Anfang einer systematischen Debatte über diese Frage stehen, aber bereits heute immer wieder Einzelphänomene hochpoppen, die wie Schlaglichter den politischen Gestaltungsbedarf markieren.

Die dreifache Gestaltungsaufgabe der Politik

Die politische Gestaltungsaufgabe ist meines Erachtens eine dreifache: Wo Sharing gemeinwohlorientiert organisiert ist, hat Politik die Aufgabe, es zu fördern, zu stabilisieren und auch vor feindlichen Übernahmen zu schützen. Wo Sharing eine gewinnorientierte Wirtschaftsaktivität wie jede andere ist oder wird, sind durch adäquate Regulierung Wettbewerbsfairness, Steuergerechtigkeit und die Einhaltung von Sozial-, Sicherheits- und Umweltstandards zu gewährleisten. Wo wirtschafts- und sozialpolitische Grundsatzentscheidungen getroffen werden, sollte in Zukunft systematisch mitgedacht werden, ob sie eher zur Bildung von sozialem Kapital beitragen oder eher zu dessen Erosion.

Im ersten Gestaltungskreis liegen besonders für Städte und Gemeinden zahllose Handlungsmöglichkeiten, vor allem in der Überführung von spontanen Entwicklungen in tragfähige und robuste Strukturen.

Wer Stadtgärten, Naturerfahrung und Naturdidaktik im Freien fördern will, kann kommunale Flächen bereitstellen und Urban Gardening als gesetzlich vorgeschriebene ökologische Kompensationsmaßnahme für bauliche Eingriffe in den Stadtkörper deklarieren. Wer Reparaturcafés oder Bauteilebörsen einrichten will, kann mit der Berufsschule, der Handwerkskammer oder dem örtlichen Abfallentsorger etwas auf die Beine stellen. Wer Nahrungsmittelverschwendung verhindern will, kann Supermärkte, Restaurants, Kantinen und Haushalte dazu anhalten, Überschüsse dem „Food-Sharing-Markt“ oder den Tafeln für Bedürftige zur Verfügung zu stellen.

In den genannten Feldern des gemeinwohlorientierten Teils der Sharing Economy hat man es politisch im Regelfall mit einem hohen Maß an Idealismus auf fast allen Seiten zu tun. Der kritische Faktor ist hier meist die Nachhaltigkeit, verstanden als Dauerhaftigkeit des Engagements der Akteure. Oft hängt der Erfolg solcher Projekte an der Einsatzbereitschaft einer kleinen Gruppe von besonders aktiven Menschen, weshalb ein gewisses Maß an Professionalisierung auf Dauer unerlässlich ist.

Der lernende rechtliche Ordnungsrahmen

Auch bei der Frage nach der rechtlichen Regulierung der verschiedenen Sharing-Dienste muss am Anfang ein Plädoyer für Differenzierung stehen: Es ist ein Unterschied, ob eine Studentin während der Semesterferien Dritten gegen kleines Geld oder Geschenke ihr Zimmer für ein paar Tage zur Verfügung stellt oder Privatwohnungen systematisch und quasi gewerbsmäßig über einen längeren Zeitraum und zu durchaus erklecklichen Preisen vermietet werden. Sicher, ordnungsgemäß zu versteuern ist beides – aber Letzteres hat eben auch gesellschaftliche Konsequenzen, etwa weil ein faktisches Konkurrenzverhältnis zu Hotels, Pensionen und Jugendherbergen aufgebaut wird, das Mietpreisniveau steigt oder ganze Stadtquartiere, vor allem in den „angesagten“ Lagen der Großstädte, wegen der permanenten Fluktuation ihren sozialen Charakter verändern.

Die regulativen Aufgaben, die sich aus der Sharing Economy und ihren Wirkungsweisen ergeben, sind anspruchsvoll, aber lösbar. Grundsätzlich sollte gelten: Es kann nicht um ein „Totregulieren“ des kommerziell ausgerichteten Teils der Sharing Economy gehen, nur weil er mit ständischen Interessen kollidiert und manche Branchen einem erhöhten Veränderungsdruck aussetzt. Ein solches Vorgehen wäre angesichts der Dynamik dieses Sektors und seiner engen Verwobenheit mit der Internetökonomie insgesamt nachgerade töricht. Es geht vielmehr um eine angemessene Regulierung der Ökonomie des Teilens, um einen lernenden Ordnungsrahmen, der die sozial negativen Effekte der Kommerzorientierung eindämmt und das Gemeinwohl sowie die fiskalischen Interessen des Staates fest im Auge hat.

Konkret würde dies für das Vermietungsbeispiel folgendes bedeuten: Die Anzahl der Tage, an denen Privatwohnungen vermietet werden dürfen, sollte begrenzt werden, wobei die Obergrenze von 90 Tagen, für die sich die Stadt San Francisco entschieden hat, zu hoch liegt. Gleichzeitig ist die Vermittlungsgebühr von Unternehmen wie Airbnb durch geeignete Maßnahmen zu deckeln.

Grundwerte, Grundhaltungen, Grundausrichtungen: Worauf es am Ende ankommt

Der dritte Gestaltungskreis bettet den Diskurs in einen größeren Rahmen, den die Gesellschaft der Ökonomie zu geben versucht, um selbige (wieder) in soziale Ziele einzubetten. Viele der Phänomene, die wir in der Sharing Economy heute beobachten, haben ihre Wurzeln eher in Veränderungen an anderer Stelle, gewissermaßen im vorgelagerten Bereich. Das betrifft positive wie negative Entwicklungen.

Dass Menschen zusammen gärtnern wollen oder untereinander Kleider tauschen, ist das Ergebnis einer neuen Wertschätzung für das Natürliche und eines gestiegenen Ressourcenbewusstseins, also ohne Zweifel von einem echten Wertewandel geprägt. Dass Menschen sich am Crowdfunding beteiligen, um sinnvolle Projekte zu unterstützen, ist vielleicht einer neuen Lust am Wirksamwerden geschuldet, welche Geld auch als soziales Gestaltungsmittel begreift. Genauso gut gilt aber: Dass Menschen am Food Sharing und Food Saving teilnehmen, ist vielleicht nicht nur ein Zeichen für die gestiegene Wertschätzung von Nahrungsmitteln, sondern auch Ausdruck einer kranken Agrarproduktion und einer unsäglichen Wegwerfkultur. Dass Menschen mittlerweile auf Dinge angewiesen sind, die andere nicht mehr brauchen oder haben wollen, verweist vielleicht auch auf das Versagen des Sozialstaats und das Auseinanderklaffen von Reich und Arm.

Dass viele Ausprägungen der Sharing Economy eher der Freude am Neuen und echter Unternehmungslust entspringen, während andere eher aus Zwängen oder gar aus der Not geboren werden, ist wohl eine unbestreitbare Wahrheit. Insofern liegen die eigentlichen Fragen, die wir uns als Gesellschaft stellen müssen, vor der Befassung mit den Einzelphänomenen der Sharing Economy. Wie gerecht soll es in unserer Gesellschaft zugehen, wie verstehen wir das Soziale, und wie verhält es sich zum Unternehmerischen? Wie nachhaltig wollen wir als Gesellschaft wirtschaften, und welche Welt wollen wir den zukünftigen Generationen hinterlassen? Von den Antworten darauf und den resultierenden Voreinstellungen wird es abhängen, ob es uns durch Gestaltung und Regulierung gelingt, die Ökonomie des Teilens zu einem sozialökologischen Erfolgsmodell zu machen.

 

Es handelt sich bei diesem Beitrag um eine stark gekürzte Version des Originaltexts „Sharing Economy: Gutes Teilen, schlechtes Teilen?“, der zuerst in den Blättern für deutsche und internationale Politik 11/2015 erschienen ist.

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Reinhard Loske ist Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Von 1998 bis 2007 war er Mitglied des Deutschen Bundestages (Bündnis 90/Die Grünen). Informationen zu seinen Publikationen finden Sie auf seiner Website.

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