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Wie wir die anthropogene Obsoleszenz beenden

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Obsoleszenz und ihre Schadfolgen sind im Fokus der Debatten um Kreislaufkonzepte und Wachstumseuphorie angekommen. Die vom Menschen gemachte Obsoleszenz („anthropogene Obsoleszenz“) entsteht durch Entscheidungen, die in Handlungen, Unterlassungen, Vorgaben und deren Wirkung münden. Ebenso wie die vom Menschen getriebenen Handlungen den zyklischen Klimawandel der begonnenen Warmzeit („Holozän“) beschleunigen, so führt die meistens von ökonomischen Interessen getriebene Verkürzung der Nutzungsdauern von Ressourcen zu einer Beschleunigung der anthropogenen Obsoleszenz, die in ihren Schadfolgen zu sozialen Ungerechtigkeiten, Wohlstandsverlusten, ökonomischen Folgeschäden und einer ruinösen Ressourcenverschwendung und –verknappung führt.
Der Lebensraum der Menschen wurde und wird nach wie vor durch die anthropogene Obsoleszenz ebenso folgenschwer transformiert wie durch den vom Menschen verstärkten Klimawandel. Die Bedeutung einer breiten Debatte um die Schadfolgen der anthropogenen Obsoleszenz und der dringend gebotenen Entwicklung von umsetzbaren Gegensteuerungsmaßnahmen und Lösungen ist von ebenso herausragender Bedeutung. Diese Relevanz wird mittlerweile auf europäischer Ebene erkannt und klar durch die Anforderungen der Sustainable Development Goals (insbesondere SDG 8 und 12) adressiert.

Anthropogene Obsoleszenz – mehr Trennschärfe

Produkte sind Systeme von Informationen und Stoffen. Diese Produktsysteme wie auch die Ergebnisse ihrer Anwendung (z.B. bei Dienstleistungen) unterliegen im Zeitverlauf der Obsoleszenz. Die Ursachen für deren Obsoleszenz finden wir in betrieblichen Entscheidungen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Verhaltensweisen.

Die anthropogene Obsoleszenz untergliedert sich in die

  • geplante Obsoleszenz
    Mit geplanter Obsoleszenz werden die betrieblichen Strategien und Methoden von Organisationen (z.B. Hersteller, Einzelhandel, Dienstleister, After-Sales-Bereich) umfasst, bei denen durch betriebliche Entscheidungen eine durch ökonomische Zielsysteme begründete Obsoleszenz von Ressourcen, Produktsystemen und Dienstleistungen anstrebt werden. Typische Methoden sind psychische, ethische, funktionelle, qualitative und ökonomische Obsoleszenz. Auch ökonomisch definierte Laufzeitbegrenzungen von Arbeitsverhältnissen, Projekten und Unternehmen sind letztlich systemische Ausprägungen der geplanten Obsoleszenz.
  • exogene Obsoleszenz
    Von außen auf die Obsoleszenz eines betrieblichen Leistungsergebnisses wirkende Vorgaben von Regierungen, Institutionen, Verbänden, Organisationen und Wettbewerbern nehmen Einfluss auf innerbetriebliche Produktentwicklung, betriebliche Leistungserstellung und konsumtive Entscheidungen und Handlungsmöglichkeiten. Sie können die Obsoleszenz von Ressourcen, Produkten und Dienstleistungen herbeiführen, begünstigen oder beschleunigen (exogen: aus äußeren Ursachen entstehend oder aus dem Äußeren eines Systems heraus nach innen wirkend).
  • human-ethologische Obsoleszenz
    Verhaltensausprägungen beim Menschen, die zu (gegenüber der möglichen) verkürzten Produktnutzungen führen, soweit diese nicht durch geplante oder exogene Obsoleszenz herbeigeführt werden. Ihre Ursachen liegen in genetischen, verhaltenspsychologischen, gruppendynamischen und kulturellen Faktoren und begleiten den zivilisatorischen Entwicklungsprozess von Anfang an. In die Entscheidungsprozesse der Nutzungssphäre gehen persönliche Erfahrungen, kulturell geprägte, ethische und ästhetische Forderungen und nicht zuletzt die jeweilige affektive Gestimmtheit einer Person ein.

Aufgrund der gesellschaftlich bedingten Wechselwirkungen der unterschiedlichen Entscheidungsebenen ist eine trennscharfe Abgrenzung der human-ethologischen Obsoleszenz zu den Varianten der geplanten und exogenen Obsoleszenz analytisch geboten und zur Erforschung und Entwicklung von geeigneten Gegenmaßnahmen zielführend.

Die direkten und indirekten Schadfolgen der geplanten Obsoleszenz sind aufgrund ihrer ruinösen Ressourceninanspruchnahme und ihrer Einwirkung auf Gesellschaft und Umwelt am größten und verursachen erhebliche systemische Effekte. Aufgrund des starken Wechselspiels von Lobbyismus, Stakeholdern und Politik ist die „exogene Obsoleszenz“ der betrieblichen Sphäre näher als der human-ethologischen Obsoleszenz. Die human-ethologische Obsoleszenz kann, soweit sie ohne die Wirkungen geplanter oder exogener Obsoleszenz betrachtet wird, als natürliche Eigenschaft der Lebensform Homo sapiens sapiens letztlich auch der natürlichen Obsoleszenz zugerechnet werden. Die hier getroffenen Zuordnungen berücksichtigen den anthropogenen und entscheidungsorientierten Ansatz des Autors.

Produktverschleiß ist keine Folge natürlicher Obsoleszenz

Der Kreislauf vom Werden und Vergehen aller biotischen und abiotischen Stoffen und Informationen ist ein wesentliches Grundprinzip der Evolution und wird mit Naturgesetzen soweit bisher verstanden umschrieben. Wechselwirkung, Entropie und Emergenz kennzeichnen ihre Ausprägungen im Zeitverlauf („natürliche Obsoleszenz“).

Alle Stoffe und Informationen eines Produktes oder von in der Natur vorkommenden Dingen unterliegen in ihrem Ursprung ebenfalls der natürlichen Obsoleszenz. Soweit in betrieblichen Zusammenhängen (z.B. in der Produktentwicklung) solche Eigenschaften wie Material, Robustheit, Abrieb, Tribologie, Bruchfestigkeit, Erosion u.ä. erforscht (z.B. in der Materialprüfung) und für die ökonomisch geplante Gebrauchsdauer berücksichtigt oder gewollt nicht beachtet werden, ist von geplanter Obsoleszenz zu sprechen.

Produktverschleiß ist daher in nahezu allen Erscheinungsformen keine Folge natürlicher Obsoleszenz. Geplante Obsoleszenz ist so gesehen die ökonomische Ausprägung der human-ethologischen Obsoleszenz, mit der sich eine Untergruppe der Gemeinschaft der Menschen gegen die eigene Art wendet. Das dahinter stehende Grundprinzip ist die Entkopplung einzelner sozialer Gruppen von den Risikosphären der anderen Gruppen durch die Auflösung von Produktbindung. Dies wird im zweiten Teil der Artikelreihe näher ausgeführt.

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von

Stefan Schridde ist Initiator und Vorstand von MURKS? NEIN DANKE! e.V . (http://www.murks-nein-danke.de/blog), einer bürgerschaftlichen Organisation für nachhaltige Produktqualität und gegen geplante Obsoleszenz. Er arbeitet freiberuflich als Dozent, Coach und Berater für Stadt- und Regionalentwicklung, Business Development, Projektmanagement, Personalentwicklung, Qualitätsmanagement und Social Media. Er ist zudem geschäftsführender Gesellschafter der ARGE REGIO Stadt- und Regionalentwicklung GmbH.

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