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Dem Fleisch-Wachstum ein Ende setzen

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„Deutsche Fleischproduktion erreicht Rekord!“ – so schallte es im Februar dieses Jahres durch die Medien. Mit einer Gesamtschlachtmenge von 8,22 Mio. Tonnen Fleisch im Jahr 2015 wurde laut dem Statistischen Bundesamt der bisherige Rekord aus dem Jahr 2011 (8,20 Mio. Tonnen) leicht übertroffen. Die Fleischwirtschaft dürfte dieses neue Rekordergebnis wohlwollend aufgenommen haben – darauf ausruhen wird sie sich nicht. Wachstum bleibt ihre Devise, die Erschließung neuer Exportmärkte der aktuell dominierende und von der Politik unterstützte Weg. Wirtschaftspolitisch mag dieser Kurs erfolgsversprechend wirken – es spricht jedoch einiges dafür, genau die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen.

Global steigende Fleischproduktion

Mit derzeit erwarteten Produktionsrekorden auch in den USA und weiteren Produktionssteigerungen etwa im asiatischen Raum stehen auch andernorts die Zeichen auf Wachstum. Laut der Welternährungsorganisation (FAO) hat sich die globale Fleischproduktion bereits in den vergangenen fünfzig Jahren auf insgesamt 319 Mio. Tonnen Fleisch vervierfacht. Prognostiziert werden vor der Annahme einer wachsenden Weltbevölkerung und einer weiter steigenden globalen Fleischnachfrage 355 Mio. Tonnen Fleisch im Jahr 2024 und 470 Mio. Tonnen im Jahr 2050. Erwartet werden darüber hinaus auch Produktionsanstiege bei anderen Tierprodukten wie Milch und Eiern.

Aus Reihen der Wirtschaft und Politik wird das weitere Wachstum der Fleischproduktion zumeist als hehres Ziel stilisiert. Nur so könne eine globale Ernährungssicherheit, die aktuell als eines der bedrohlichsten Weltrisiken gilt, gegenwärtig und zukünftig gewährleistet werden. Doch was im Duktus der Wachstumsbefürworter als ernährungssichernd ausgelobt wird, läuft auf das genaue Gegenteil hinaus. Die Gründe dafür sind längst bekannt:

Verknappung der Ressourcen

Spätestens seit der 1972 veröffentlichten und seitdem viel diskutierten Studie „Die Grenzen des Wachstums“ sollte auch wirtschaftspolitisch zumindest eine Erkenntnis durchweg Fuß gefasst haben: Auf einem begrenzten Planeten ist ein dauerhaftes Wachstum schlichtweg unmöglich; eine unbeschränkte Nutzung der planetarischen Ressourcen birgt erhebliche Risiken. Auf eines dieser Risiken machte in den letzten Jahren u. a. der Welthunger-Index 2012 noch einmal aufmerksam: Eine der größten Gefahren für die globale Ernährungssicherheit liegt in der zunehmenden Verknappung von Ressourcen wie Land und Wasser – Ressourcen, die schon durch die gegenwärtige Fleischproduktion erheblich mit reduziert werden.

Fleischproduktion verknappt Ressourcen

Bereits 35 % der jährlichen Weltgetreideernte, 61 % des europäischen Getreides und rund 59 % der deutschen Getreideproduktion werden allein für die Tierfütterung eingesetzt. Besonders problematisch sind hierbei die sogenannten Veredelungsverluste: So bleibt durchschnittlich von sieben verfütterten pflanzlichen Kilokalorien am Ende nur eine einzige in Form von Tierprodukten erhalten. Andere wissenschaftliche Berechnungen sprechen sogar von einem durchschnittlichen Input-Output-Verhältnis von 10:1 oder 11:1.

Ganz gleich, welche Berechnungen auch herangezogen werden: Die Umwandlung von pflanzlichen Ressourcen in Fleisch und andere tierliche Produkte geht stets mit einem erheblichen Verlust an Nahrungsenergie und Nährstoffen einher. Entscheidend wird dieser Befund bezüglich der für den Futtermittelanbau verwendeten Ackerflächen: Grundsätzlich ließen sich von diesen Flächen mehr Menschen ernähren, wenn darauf Pflanzen für die direkte menschliche Ernährung angebaut würden. Was hier zunächst als Option anklingt, wird vor folgendem Hintergrund zur Notwendigkeit:

Rund ein Drittel der weltweit nutzbaren 1,4 Mrd. ha Ackerfläche dient bereits zum Anbau von Futtermitteln. Um möglichst durchgehend einen maximalen Ertrag auf diesen Flächen zu erzielen, wird auf intensive Bewirtschaftungsmethoden wie den Anbau von Monokulturen und den kontinuierlich hohen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden gesetzt. Dies obgleich ein Drittel der globalen Ackerfläche bereits als mittelgradig bis stark degradiert gilt und intensive Bewirtschaftungsmethoden auch laut neuester Studien einen erheblichen Teil zur Degradation beitragen. Um weitere Flächen (d. h. Land) für den Futtermittelanbau (v. a. für Soja) oder Weideflächen zu gewinnen, wird zudem laufend Regenwald gerodet. In Kauf genommen werden dafür u. a. die Zerstörung von Biotopen, gravierende Verluste an Artenvielfalt und die Freisetzung hoher Mengen CO2.

Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Die Produktion von Fleisch und weiteren Tierprodukten verbraucht bei weitem größere Mengen an Wasser als die gleiche Menge an Pflanzen, die für die direkte menschliche Ernährung angebaut werden. Angesichts der steigenden Wasserknappheit in vielen Regionen der Erde kann dies als Verschwendung gelten und sollte insbesondere auch hierzulande verstärkt bedacht werden. Deutschland zählt weltweit zu den größten Nettoimporteuren von Wasser aus wasserarmen Ländern, wobei sich der hohe Wasserverbrauch u. a. auf die intensive Futtermittelproduktion zurückführen lässt.

Weiter intensivieren, um weiter zu wachsen?

Der globale Verbrauch von Ressourcen übersteigt schon heute die natürlichen Kapazitäten der Erde. Die Produktion von Fleisch und weiteren Tierprodukten trägt einen wesentlichen Teil dazu bei. Eine klare Trendwende muss in allen Bereichen mit massivem Ressourcenverbrauch vollzogen werden. Andernfalls wird im Jahr 2030 auf einem Level produziert werden, das prinzipiell zwei Planeten erfordern würde und nur durch eine permanente weitere Überforderung von Ressourcen wie fruchtbarem Land und Wasser gewährleistet werden könnte – bis zu ihrem weitestgehenden Verlust.

Geht es nach der dominierenden Fleisch- und Agrarwirtschaft, so liegen die Lösungen des hier geschilderten Problems allein in der Steigerung der Produktivität, der Forschung und im technischen Fortschritt: So gelte es etwa, auf den vorhandenen Flächen noch mehr Futtermittel als bislang zu erzeugen, z. B. durch die Züchtung ertragreicherer Futtermittelsorten und die technische Verbesserung der Anbaumethoden („nachhaltige Intensivierung“). Und auch die Futterverwertung der Tiere könne noch weiter verbessert werden (d. h.: weniger Futterverbrauch bei gleichbleibendem oder steigendem Fleischzuwachs). Vielversprechende Lösungsansätze?

Schon jetzt ist der Ertragsdruck auf den Ackerflächen zu hoch, als dass eine weitere Intensivierung eine ernstzunehmende Lösung darstellen könnte. Dies zumal viele der dafür in Aussicht gestellten Forschungsvorhaben und Fortschrittsmethoden eher als Zukunftsversprechen denn als Gegenwartslösungen daherkommen. Lösungen wie der „besseren“, züchterisch herbeigeführten Futterverwertung bei Tieren kann mit starken tierethischen Bedenken begegnet werden – ganz abgesehen von den vielen untragbaren Bedingungen, die bei der massenhaften Züchtung, Haltung und Tötung von Tieren für die Erzeugung von Nahrungsmitteln bereits jetzt bestehen. Und noch ein gravierendes Problem lässt sich aufzeigen:

Mit Produktivitätssteigerungen – zur weiteren unhinterfragten Versorgung der Weltbevölkerung mit Tierprodukten – wird die gegenwärtige und zukünftig erwartete Nachfrage nach u. a. Fleisch nicht einfach nur bedient, sondern sogar noch weiter angeregt (sog. „Rebound-Effekt“). Der aktuelle „Kritische Agrarbericht“ fasst diesbezüglich zusammen: „Global gesehen werden Produktivitätssteigerungen die natürlichen Ressourcen nicht schonen, sondern den Druck auf sie noch erhöhen.“

Wege aus dem Fleisch-Wachstum

Eine weitaus vielversprechendere Lösung, um Ressourcen zu schonen und zu bewahren, liegt darin, die bestehende und zukünftig erwartete Nachfrage nach Tierprodukten nicht als unveränderlich hinzunehmen. Stattdessen gilt es, ihr über die Etablierung nachhaltigerer – d. h. pflanzlicher(er) – Ernährungsstile entgegenzuwirken. Dies würde nicht nur den Druck auf die Ressourcen deutlich senken, sondern auch zu einer tatsächlichen Gewährleistung der Ernährungssicherheit beitragen. Schon jetzt könnten drei Milliarden Menschen mehr ernährt werden, wenn das bislang für die Tierfütterung eingesetzte Getreide für die direkte menschliche Ernährung bereitstünde (s. dazu auch eine Studie der Universität Minnesota).

Politisch sollten dafür klare Reduktionsziele, vor allem für die Fleischproduktion und den -konsum, gesetzt und verschiedene mögliche Instrumente zu deren Erreichung genutzt werden – und zwar auf globaler Ebene. Abgelassen werden müsste dabei von der bisherigen Subventionierung der Fleischproduktion, Mittel für die Etablierung nachhaltigerer Produktions- und Konsumweisen sind stattdessen verstärkt bereitzustellen. Und ernährungsbildend aufgegriffen und vorangetrieben werden könnten am besten bereits bestehende und bewährte Ansätze wie eine flexitarische, aber vor allem auch vegetarische und vegane Ernährung – denn anders als der aktuelle Bundesminister für Landwirtschaft und Ernährung derzeit vermittelt, dürfen solche Ernährungsansätze keineswegs leichtfertig als staatlich nicht aufgreifbare „Ernährungsideologien“ abgestempelt werden. In ihnen liegen erhebliche Potenziale für die Gesundheit, Umwelt, den Tierschutz – und die gegenwärtige wie zukünftige Ernährungssicherheit.

 

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Konstantinos Tsilimekis studierte und arbeitete im Bereich der Geschichts- und Kulturwissenschaften. Seit 2012 leitet er das Wissenschaftsressort der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt, einer deutschlandweit tätigen Tierschutz- und Tierrechtsorganisation. Daneben ist er u. a. Mitglied einer Strategiegruppe zum bio-veganen Landbau sowie verschiedener tierethischer und -politischer Arbeitskreise. Sein Hauptinteresse gilt der Etablierung einer alternativen Ernährungskultur. In Artikeln im Kritischen Agrarbericht, der Unabhängigen Bauernstimme und der agrarzeitung fragte er u. a. nach Alternativen zur Agrarindustrie und zum agrarindustriellen Missbrauch der Tiere.

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