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Vorarlberger Landtagsenquete 2011 zum Thema „Wir sparen beim Wachstum – dafür leben wir besser“

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Die Enquete-Kommission des Voralberger Landtags stößt auf große Resonanz bei den Bürgerinnen und Bürgern. In partizipativen Prozessen diskutieren die Voralberger, wie die Lebensqualität in der Zukunft gesichert werden könnte.

1.    Vorarlberger Landtagsenquete 2011

Dass die Art und Weise, wie wir heute produzieren, verteilen und wachsen, erhebliche negative Effekte auf die Kosten uns aller generiert, ist eigentlich hinreichend bekannt. In der letzten Zeit hat die vom französischen Staatspräsidenten eingesetzte Kommission, die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission, die Kritik am BIP als Wohlfahrtsindikator wieder in die öffentliche Debatte eingebracht.
Ende 2010 setzte auch der Deutsche Bundestag die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ein, um u.a. zu einem ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikator zu entwickeln. Weiters beschäftigen sich auch internationale Organisationen wie die Europäische Union, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Vereinten Nationen sich mit Alternativen zur traditionellen Wohlstandsmessung.

„Wir sparen beim Wachstum – dafür leben wir besser“

Das Thema „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ist wohl kein Thema, das sich auf Diskurse der großen politischen Bühnen reduzieren lässt, sondern auch einer lokalen bzw. regionalen Auseinandersetzung bedarf. Jedes Jahr hat eine andere Fraktion des Vorarlberger Landtags das Recht eine Landtagsenquete zu einem bestimmten Thema einzuberufen. Die Fraktion der Vorarlberger Grünen brachte dieses Jahr das Thema „Wir sparen beim Wachstum – dafür leben wir besser“ ein. Dieses Samenkorn fiel auf fruchtbaren Boden. Einerseits beschäftigte sich das Büro für Zukunftsfragen auf Auftrag des früheren Landeshauptmanns Dr. Herbert Sausgruber bereits mit dem Thema, andererseits fand das von den Vorarlberger Grünen eingebrachte Thema konsensuale Zustimmung über alle Parteigrenzen hinaus.

Die am 14. Oktober 2011 außerplanmäßige Zusammenkunft des Vorarlberger Landtages zum Thema, „Wir sparen beim Wachstum, dafür leben wir besser“, wurde thematisch durch den deutschen Zukunftsforscher Prof. Dr. Meinhard Miegel mit einem kurzen Vortrag über die Entstehung der gegenwärtigen Wachstumskultur und den aktuellen Herausforderungen eröffnet.

25 Prozent in 11 Jahren

„25 Prozent des jemals vom Homo sapiens Erwirtschafteten wurde in den letzten 11 Jahren hergestellt.“ Sehr gut veranschaulichte der 72-jährige Soziologe und Rechtswissenschaftler,  wie diese „relativ neue“ menschliche Entwicklung der Gleichsetzung von Wohlstand mit materiellem Wachstum dazu führt, dass die Menschheit den ganzen Planeten gefährdet und sich selbst damit vor ein notwenigen Paradigmenwechsel stellt, den er abschließend in folgender Frage formulierte:
„Wie gelingt es der Politik den Menschen nicht mehr länger nur als Produzenten und Konsumenten zu sehen, sondern als facettenreiches, kulturelles Wesen, das soziale Geborgenheit sucht?“

BürgerInnen-Rat zum Thema „Wie gelingt es uns in Zukunft Lebensqualität zu sichern?“

Entgegen dem konventionellen Aufbau einer Landtagsenquete war das Besondere dieses Jahr, dass im Vorfeld in Kooperation mit dem Büro für Zukunftsfragen ein landesweiter BürgerInnen-Rat zur Frage „Wie gelingt es uns in Zukunft Lebensqualität zu sichern?“ stattgefunden hat. Eineinhalb Tage konnten sich 14 zufällig ausgewählte Personen zu dieser Frage austauschen; die Ergebnisse wurden zu einer gemeinsamen Erklärung zusammengefasst und unter einem einzigartigen Setting den versammelten Politikerinnen und  Politikern, Mitarbeitern aus Verwaltung und Interessierten im Rahmen der Landtagsenquete präsentiert.

Im Mittelpunkt der Präsentation der engagierten Bürgerinnen und Bürger standen die Themen Bildung, Erziehung, die nachhaltige Entwicklung der Region und die politische Kultur bzw. politische Rahmenbedingungen für verantwortungsvolles, globales Handeln.

Der Landtag, ein World-Café

Das lebendige der Landtagsenquete lag darin, dass neben Politikerinnen und Politiker, Mitgliedern aus der Verwaltung und Experten auch interessierte Bürgerinnen und Bürger anwesend waren, insgesamt 130 Menschen, die sich in Form eines World-Cafés zu Fragen der Lebensqualität, des Wohlstands und des Wirtschaftswachstums austauschen konnten.

Aufgeteilt auf Tische mit sechs Personen, wurde jeweils eine Person zum Gastgeber des Tisches bestimmt und versuchte den entstehenden Austausch zu dokumentieren. Nach 30 Minuten erhoben sich die fünf Tischgäste und suchten sich einen neuen Gastgebertisch.

Die neue Form der Zusammensetzung brachte ein konstruktives Gesprächsklima mit sich. Interessierte und Landtagsabgeordnete der unterschiedlichsten Fraktionen führten Konversationen ohne Polemik, ohne Parteipolitik und insbesondere auf Augenhöhe.

  

Ebenso beeindruckend war die Fülle an Themen, die von den unterschiedlichsten Teilnehmenden eingebracht wurden und dennoch zu gemeinsamen Ergebnissen führten. Zwei Punkte haben sich bei den Teilnehmenden als besonders wichtig herauskristallisiert: Der Faktor Zeit und eine neue Werteorientierung.
An so gut wie allen Worldcafé-Tischen war der Faktor Zeit ein zentrales Anliegen. Im Sinne eines umfassenden Zeitmanagements braucht es Zeit für die Arbeit, Zeit für sich und Zeit für die Gemeinschaft. Durch die Entlastung im Arbeitsbereich und eine Ausgewogenheit dieser drei Ebenen kann die Gesellschaft von jedem einzelnen profitieren. So wird auch die Grundlage für mehr Eigenverantwortung geschaffen.
Der zweite zentrale Punkt bestand aus einer Reflexion über unsere Konsumgesellschaft und es herrschte Einigkeit, dass der unglaubliche Ressourcenverbrauch der Mensch sich selbst an die Grenzen gebracht hat. Eine neue Werteorientierung ist daher mehr als notwendig. Politik und wir alle sind gefordert neue Werte zu definieren, die einen Perspektivenwechsel ermöglichen. Mut, Kreativität und Möglichkeiten für Beteiligung sind dabei Türöffner und ein erster Schritt, um vielfältige Bilder eines guten Lebens zu generieren. Dennoch blieb die Frage: Wie schaffen wir den Wandel? Katastrophe, BigBang vs. freiwillige Transformation?

Fazit

Das Besondere an dieser Enquete war nicht nur die Klarheit darüber, dass es für eine zukunftsfähige Entwicklung und somit enkeltaugliche Zukunft wichtig ist, diese Debatte zu führen. Es war auch die Rahmenbedingungen wie diese Debatte geführt wurde. Und zwar nicht auf der ansonsten üblichen politischen Bühne des Landtags, sondern im Foyer desselben, das zu einem World Café umgebaut war. Regierung, Abgeordnete und Interessierte mischten sich und es entstanden Zukunftsbilder, die sich der Qualität des Lebens verschrieben haben und weniger der Inszenierung.

von

Lukas Weiß ist Student der Geographie mit Vertiefung in Stadt- und Regionalentwicklung und Entwicklungsforschung an der Universität Innsbruck. Er ist angestellt beim Büro für Zukunftsfragen beim Amt der Vorarlberger Landesregierung und Mitglied der Arbeitsgruppe "Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsforschung" am Institut für Geographie, Innsbruck.

1 Kommentare

  1. hartmut schuetz sagt am 7. März 2012

    „Wenn die Menschheit überleben will,muss sie die Art des Denkens verändern“.
    (Albert Einstein)
    Art des Denkens= Absage an die „Religion“ der Ökonomie.

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