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Suffizienzpolitik: Möglichkeitsräume & Diskursbedarf

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Forscher*innen des Öko-Instituts, des ifeu-Instituts und der FU Berlin haben sich von 2017 bis Ende 2019 im Auftrag des Umweltbundesamtes intensiv mit verschiedenen Fragen der Suffizienzpolitik auseinandergesetzt. Für die Handlungsfelder Pro-Kopf-Wohnfläche, Stromverbrauch in Privathaushalten und im Gewerbe/Handel/Dienstleistungs-Sektor (GHD) und für das Thema Arbeitszeitverkürzung wurden Maßnahmen und Potenziale diskutiert und, wo möglich, erste Vorschläge für konkrete Politikinstrumente erarbeitet. Ziel war es, die empirische Datenlage der Suffizienz-Strategie weiter zu verbessern. Außerdem haben die Wissenschaftler*innen Fachgespräche mit Planer*innen oder Unternehmensvertreter*innen durchgeführt und ihre Ergebnisse in Stakeholder-Workshops erörtert und validiert und konnten so zum Suffizienz-Diskurs beitragen.

 

Besonders Fragen der Instrumentierung sind oft Neuland

Die intensive Auseinandersetzung hat bei aller Verschiedenheit der betrachteten Handlungsfelder gezeigt, dass Suffizienzpolitik oftmals viele kleine Schritte bedeutet. Gleichzeitig wurden die bislang meist ungenutzten Potenziale von Suffizienz besonders beim Thema Wohnfläche, aber auch bei stromverbrauchenden Anwendungen erneut bestätigt und empirisch unterfüttert. Vor allem bei der Konkretisierung von möglichen Politikinstrumenten betrat das Vorhaben immer wieder thematisches Neuland und es wurde deutlich, dass trotz der ersten Vorschläge Bedarf für weitere Forschung, Vertiefung und Diskussion besteht.

 

Stromverbrauch: Mehrfachgeräteausstattung problematisch. Geringe Einzeleinsparungen erfordern hohe Umsetzungsraten

Beim Stromverbrauch in Haushalten konnten drei relevante Zielgruppen identifiziert werden: Bei älteren Haushalten im Eigenheim finden sich besonders häufig hohe Geräteausstattungen. Hier wurden vor allem Maßnahmen zur Reduktion der Geräteausstattung modelliert. Bei jungen Paaren in der Familiengründungsphase zielen die modellierten Politikansätze darauf ab, Anschaffungen zeitlich zu verschieben oder durch kluge Dimensionierung spätere Zusatzanschaffungen zu vermeiden. Bei Haushalten mit elektrischer Warmwasserbereitung wurden vor allem Maßnahmen zur Warmwassereinsparung beim Duschen modelliert. Insgesamt wurde deutlich, dass für relevante Einsparungen hohe Umsetzungsraten erforderlich sind. Daher müssen die Beratungs- und Kommunikationsinstrumente – zu entsprechenden Kosten – massiv und flächendeckend ausgerollt werden, und/oder es muss zu sehr viel deutlicheren ökonomischen Anreizen und ordnungsrechtlichen Setzungen gegriffen werden.

 

Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche: Großes Potenzial, aber auch viele Widerstände

Im Handlungsfeld „Reduktion der Pro-Kopf-Wohnfläche“ wurden u. a. Senior*innen als relevante Zielgruppe identifiziert. Es handelt sich um eine große und wachsende Zielgruppe, die durch den Remanenzeffekt (Verbleib in Wohnung oder Haus nach Auszug der Kinder) oft große Flächen bewohnt. Insgesamt umfassen die hier betrachteten Teilzielgruppen 8,28 Millionen Menschen mit Pro-Kopf-Wohnflächen von rund 80 m2. Das Potenzial in diesem Handlungsfeld ist entsprechend groß. Auch sind vielfältige Maßnahmen denkbar, die durchaus subjektiven Nutzen erbringen können, wie Umbau und Hausteilung, Umzug in eine kleinere altersgerechte Wohnung oder Vermietung überzähliger Räume. Gleichzeitig steht der Umsetzung solcher Maßnahmen eine Vielzahl ökonomischer, psychologischer und struktureller Hemmnisse entgegen. Erforderlich sind daher besonders im Handlungsfeld Wohnfläche Politiken, die derartige Maßnahmen erleichtern.

 

Stromverbrauch im GHD-Sektor: Gute Ansätze, aber weiterer Forschungsbedarf

Im GHD-Sektor wurden zunächst auf der Basis der Anwendungsbilanzen 2013 bis 2017 die Branchen und Anwendungen mit dem höchsten Stromverbrauch identifiziert. Anschließend wurden aus verschiedenen Quellen und in zwei Fachgesprächen gute Beispiele für Energieeinsparungen durch Bedarfsanpassungen und/oder Verhaltensänderungen bei Mitarbeitenden identifiziert. Es wurde deutlich, dass speziell in Bürogebäuden erhebliche Potenziale durch derartige Maßnahmen schlummern, die bislang allerdings nur von einzelnen Unternehmen gehoben werden.

Möglichkeitsräume und gesellschaftlicher Diskurs als flankierende Maßnahme

Der Zeitpunkt, den Diskurs um Suffizienz fortzusetzen und zu erweitern und die mit Suffizienz verbundenen Potenziale und Chancen zu nutzen, ist günstig: In der kommenden Zeit befassen sich Prozesse wie das Maßnahmenprogramm zum Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung, die europarechtlich vorgegebenen Nationalen Energie- und Klimapläne (NECPs), oder neue Instrumentenbündel im Bereich Energiesparen wie die Energieeffizienzstrategie (EffSTRA 2050) des Wirtschaftsministeriums (BMWi) und andere mit konkreten Aspekten des Transformationsbedarfs. Um die Einführung von Suffizienzpolitiken vorzubereiten, empfiehlt das Projekt, flankierend einen gesellschaftlichen Dialog anzustoßen, gerade weil Suffizienzpolitiken oftmals (noch) als unbequem empfunden werden, je konkreter das Bild davon wird. Außerdem können durch bewusstes „Agenda-Setting“ zu ausgewählten Themen eine größere Öffentlichkeit sensibilisiert und Debatten angestoßen werden.

 

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Matthias Weyland, geb. 1979, Diplom-Politikwissenschaftler, arbeitet seit 2013 im Fachgebiet Energieeffizienz beim Umweltbundesamt und ist dort zuständig für Politikinstrumente und übergreifende Fragen der Energieeinsparung und Energieeffizienzsteigerung. Zuvor hat er beim BUND Baden-Württemberg u. a. für den Ausbau der erneuerbaren Energien und gegen den Neubau klimaschädlicher Kohlekraftwerke gearbeitet. Die hier wiedergegebene Meinung muss nicht zwingend mit der Meinung des Umweltbundesamtes übereinstimmen. Photo: J. Schuberth/UBA

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