Standpunkte

Suffizienz in der Praxis

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Am 2. Mai 2018 war der deutsche Erdüberlastungstag: An diesem Tag hatte Deutschland – rein rechnerisch – alle für das gesamte Jahr zur Verfügung stehenden erneuerbaren Ressourcen verbraucht. Besonders stark fällt unser CO2-Ausstoß ins Gewicht: Der Verkehrssektor erzeugt heute trotz der gegenteiligen Ziele der Bundesregierung mehr Treibhausgase als 1990; der Energieverbrauch ist kaum gesunken, der Stromverbrauch sogar leicht gestiegen und der Wachstumsdruck in der Landwirtschaft hat zu einem enormen Strukturwandel geführt. Effizienz und technische Lösungen allein reichen offensichtlich nicht aus, um unseren stetig steigenden Energie- und Materialverbrauch zu stoppen. Ein politischer Kurswechsel ist dringend nötig: Wir müssen in den Industrieländern anders produzieren und konsumieren, um unsere Lebensgrundlagen zu bewahren – und allen Menschen auf diesem Planeten eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Grafik: Judith Keller, © Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)

Doch wie können wir eine nachhaltige Entwicklung in den Bereichen Mobilität, Materialverbrauch, Energie, Landwirtschaft und Ernährung gestalten und wirklich weniger verbrauchen? Dieser und weiteren Fragen geht das Impulspapier „Perspektive 2030: Suffizienz in der Praxis“ des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) nach. Es beschreibt die aktuellen Herausforderungen, zeigt Wege zu mehr Suffizienz auf und spricht Empfehlungen aus, was die Kommunal- und Bundespolitik konkret tun könnte und müsste.

Produkte langlebig machen – und Innenstädte autofrei

Das Impulspapier zeigt (erste) Schritte auf, um unseren Verbrauch zu senken – und gleichzeitig die Lebensqualität zu verbessern: Wer wünscht sich nicht, dass Geräte länger haltbar oder leichter zu reparieren wären? Die Bundesregierung könnte Regeln für eine modulare Bauweise und Mindestlebensdauer von Produkten einführen. Sie müsste dem schwedischen Vorbild folgen und die Mehrwertsteuer für Reparaturen verringern. Größere Reparaturen sollten steuerlich absetzbar sein. So würde umgehend der Anreiz für Verbraucher*innen erhöht, die kaputte Spülmaschine reparieren zu lassen, anstatt eine neue zu kaufen.

Grafik: Judith Keller, © Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)

Wie Klima- und Gesundheitsschutz im Verkehr angepackt werden können, zeigen Beispiele einiger Nachbarländer, die mit deutlich mehr Radverkehr überzeugen, wie Dänemark oder die Niederlande. Wir brauchen eine urbane Mobilitätswende, die die Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums zugunsten des Rad-, Fuß- und Nahverkehrs umverteilt. Eine Stellschraube dafür liegt in der Begrenzung des Parkraumes. Auf Bundesebene müsste die Regierung die umweltschädlichen Subventionen abbauen und stattdessen massiv in nachhaltige Bahn- und Nahverkehrsprojekte investieren. Sie muss Verkehr verlagern und vermeiden und für kleinere, effizientere und weniger Autos sorgen. Denn nur so können wir unseren Verkehr auf erneuerbare Energie umstellen.

Bei der Ernährung liegt großes Potential in der Umstellung auf regionale, saisonale und fair gehandelte Produkte aus dem ökologischen Landbau. Allen voran haben öffentliche Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Kantinen und Mensen eine wichtige Vorbildwirkung – und Marktmacht.

Diese und viele weitere Praxisbeispiele zeigen, was möglich ist und sollen Bundes-, Kommunalpolitiker*innen und Engagierten Mut machen, Veränderungen vor Ort in Angriff zu nehmen.

Worauf warten?

Die Verantwortung für einen „ressourcenleichten“ Lebensstil wird – nach wie vor – noch allzu oft als persönliche Entscheidung angesehen. Doch die Politik ist gefragt, den Rahmen für zukunftsfähige Lebensstile und Suffizienz zu setzen. Das wird sie nicht tun, solange die Zivilgesellschaft den Wandel nicht stärker einfordert: Politiker*innen müssen merken, dass es keine kleine Minderheit ist, die den Ruf nach immer mehr Wachstum in Frage stellt. Nur wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, wird es uns gelingen, das Gespür all derer aufzugreifen, die merken, dass es so nicht weitergeht.

Um all diejenigen, die für „Weniger ist mehr“ werben – und dabei oft auf Skepsis oder gar Ablehnung stoßen – zu unterstützen, haben BUND und BUNDjugend den Faltflyer: „Mehr Lebensqualität – weniger Ressourcenverbrauch. Argumente für Suffizienz“ gedruckt. Er gibt Anregungen, wie wir unseren Gesprächspartner*innen und gängigen Gegenargumenten begegnen können. Die Kommunikationstipps sind eine gekürzte Fassung des „Argumentariums“, das Katharina Ebinger und Angelika Zahrnt für die digitale „Landkarte Suffizienzpolitik“  formuliert haben.

Mit beiden Publikationen will der BUND einen Beitrag für eine überfällige Debatte liefern – und Mut machen, die Herausforderungen anzugehen, trotz ihrer Größe.

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