Neues aus der Wissenschaft

Postkapitalismus

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Es scheint, als hätte die Diskussion über die Nachhaltigkeit des Kapitalismus eine neue Stufe erreicht. Schon lange vor der Finanzkrise wurde über Sinn und Unsinn einer wachstumsfixierten Wirtschaftsweise nachgedacht und erst das Gegenkonzept einer stagnierenden Ökonomie (Steady State) vorgestellt, dann das einer schrumpfenden und/oder von Wachstumszwängen befreiten (Degrowth). Der Wachstumskritik wurde auf der nächsten Stufe die Idee eines Green Growth  gegenübergestellt, die freilich ihre Kritiker hatte.

Daran schloss sich die Frage an, ob die Wachstumskritik noch aktuell sei, da Industriegesellschaften in eine lange oder gar dauerhafte Postwachstumsphase („säkulare Stagnation“) eingetreten seien.

Die Bestattung des Kapitalismus

Im gegenwärtig neusten Diskussionsstrang wird darüber nachgedacht, ob der Kapitalismus die nächsten Jahrzehnte wird überdauern können und was, so er dies nicht kann, an seiner statt folgen könnte. Fragten Soziologen um I. Wallerstein 2013 noch Stirbt der Kapitalismus?, beantworteten L. Eversmann (Projekt Post-Kapitalismus), J. Rifkin  (Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft), P. Mason (Postkapitalismus) und der Autor dieses Beitrags (Jenseits der Marktwirtschaft) jene Frage in den Folgejahren mit „Er stirbt.“

Der theoretischen Wende zum Postkapitalismus liegt in diesen Büchern die Annahme zugrunde, dass die Digitale Revolution eine neue Wirtschaftsweise sowohl erfordern als auch ermöglichen wird. Das „stählerne Gehäuse“ des Kapitalismus (M. Weber) weicht von innen auf. Aus ihm wachsen Elemente einer neuen Ökonomie des Digitalzeitalters, welche ihn verdrängen. Sein Ende ist auch das Ende der ihm inhärenten Wachstumszwänge.

Konkret sind es vier Prozesse, welche die Ökonomie transformieren: Die Digitalisierung verringert (a) die Anzahl der benötigten Arbeiter/innen, sie senkt (b) die Preise vieler Güter, sie ermöglicht (c) die Produktion ohne Unternehmen, sie erleichtert es (d) Dinge nutzen zu können, ohne sie besitzen zu müssen. Hier zeigen sich zugleich die Grundrisse einer neuen Ökonomie.

Neue automatisierte Arbeitswelt

(a) Mit jedem Jahrzehnt werden mehr Berufe ganz oder teilweise automatisiert und durch Algorithmen, Bots, 3D-Drucker und KIs schneller, billiger, flexibler und genauer ausgeführt. In den nächsten 20-30 Jahren werden, so Schätzungen, 15-60% aller gegenwärtig bestehenden Berufe nicht mehr von Menschen ausgeführt.[1] Neue Berufe und Arbeitsplätze werden entstehen, aber erheblich weniger. Geht man vom Mittelwert dieser Schätzungen (ca. 35%) aus, ist der bevorstehende Wandel immens, zumal durch die Automatisierung kein neuer Wachstumsschub ausgelöst wird: Zwar werden Produkte günstiger, wenn sie weniger Arbeits- oder – wegen des 3D-Drucks – weniger Logistikkosten enthalten, gleichzeitig verringert sich jedoch die Kaufkraft vieler Bürger.

Vom Wandel sind zunächst Stellen der Unter- und Mittelschicht betroffen. Menschen drängen in den kommenden Dekaden in wachsender Zahl auf den Arbeitsmarkt und konkurrieren gegeneinander und gegen Maschinen um weniger Jobs (staatlich Programme zur Vermittlung von Zusatzqualifikationen ändern daran nichts). Die Löhne vieler Branchen sinken wegen der verfügbaren „Reservearmee“ oder weil Berufe teilautomatisiert wurden und weniger zu erbringende Leistung weniger entlohnt wird, die Menge der schlecht und unregelmäßig entlohnten Crowdworker nimmt zu. Schon heute expandiert der Niedriglohnsektor (dem in Deutschland rd. 23% der Erwerbstätigen angehören) – und das ist wiederum ein Grund für die Wachstumsflaute der Gegenwart. Künftig könnte er weiter expandieren, dazu die soziale Ungleichheit, die Gender-Ungleichheit (neue Stellen im IT-Sektor ziehen primär Männer an) und soziale Unruhen. Probleme entstehen jedoch auch durch die Nichtnutzung von Automatisierungsoptionen, da sie einen Nachteil im Wettbewerb sind. Nicht zuletzt wird die Automatisierung stetig günstiger, was deren Einsatz für Unternehmen und Behörden attraktiver macht.

Bedingungsloses Grundeinkommen und Zugangsgleichheit

Diese Entwicklung birgt Chancen für die gesellschaftliche Entwicklung. Zur Vermeidung der in Aussicht stehenden gesellschaftlichen Instabilität wird die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) diskutiert und mancherorts (etwa in Finnland) auch getestet. Ein BGE rückt die Automatisierung in ein anderes Licht: Bürger/innen müssten keine minderwertigen Jobs annehmen, nicht um deren Erhalt bangen, ihre persönliche Sicherheit und Freiheit nähmen zu.  Könnte es aber auf menschenwürdigem Niveau dauerhaft finanziert werden, wenn Steuereinnahmen auf Einkommen und Konsum rückläufig werden und die Wirtschaftsleistung stagniert?

Ein BGE auf ein Niveau festzulegen, dass Menschen zur Annahme eines Jobs aktiviert, ist aussichtslos, wenn Jobs allmählich schwinden. Es kann unter den o.a. Bedingungen aber kaum üppig ausfallen. Folglich müsste Wirtschaft so organisiert werden, dass sie Menschen den Zugang zu den essentiellen Dingen des täglichen Bedarfs entweder demonetarisert (verbilligt) oder entmonetarisiert (kostenlos) bereitstellt. „The less one has to buy, the less one is required to earn“, pointiert J. Schor in Plenitude. Das bisherige Prinzip der Chancengleichheit würde durch das Prinzip der Zugangsgleichheit ersetzt. Auf diese Weise könnte man auch dem Problem der Altersarmut begegnen, das umso mehr drängt, je weniger in die Rentenkasse eingezahlt wird.

(b) Zur De- und Entmonetarisierung kann die Digitaltechnologie Beiträge leisten, da sie viele Produkte durch Automatisierung und fallende Grenzkosten billiger macht – etwa Solarzellen und Stromspeicher zur häuslichen Energieautarkie. Zusätzlich könnte sich eine vorausschauende Politik z.B. für sinkende Mietpreise, kostenloses WiFi und kostenlosen ÖPNV einsetzen. Zudem ließe sich über die Wiedereinführung des Zivildienstes nachdenken, der den Arbeitsmarkt entlastet und die Ausführung wichtiger Aufgaben garantiert.

Bottom-up Innovation

(c) Zwar werden Unternehmen keinen Anreiz zu Investitionen in Automatisierungsmaßnahmen haben, die sich nicht profitabel verwerten lassen. Sie werden künftig aber kollaborativer Produktionsformen und technischer Innovationen wegen entbehrlicher. So braucht es zur Herstellung von Autos weder Konzerne, noch die Konkurrenz zwischen ihnen, weder Aktionäre, noch Patente. Es braucht lediglich eine Online-Plattform, die allen weltweit intrinsisch Interessierten Einsicht in bestehende Konstruktionspläne gibt sowie die Möglichkeit, sie so weiterzuentwickeln, dass sie langlebig sind, modular, recycelbar und möglichst günstig in dezentral verteilten 3D-Druckern gedruckt werden können.

In der Praxis funktioniert das bei der Herstellung materieller wie immaterieller Güter bereits und in Zukunft noch besser. Innovationen müssen wegen der digitalen Vernetzung der Menschen nicht mehr ausschließlich von Firmen top down eingebracht werden, sie können auch bottom-up entstehen – vor allem wenn das Bildungsniveau der Bürger/innen weltweit zunimmt. Entgegen bisheriger Politiken, die Bildungswege verkürzten, um Menschen schneller dem Arbeitsmarkt verfügbar zu machen, macht die umgekehrte Strategie künftig mehr Sinn: Die Verlängerung des Bildungsweges, um den Arbeitsmarkt zu entlasten und das Bildungsniveau zu erhöhen, u.a. damit mehr innovative Beiträge in kollaborative Produktionen eingehen können.

Kollaborativer Konsum

(d) Solchermaßen gemeinschaftlich hergestellte Produkte könnten unkommerziell, kollaborativ konsumiert werden. So können  Autos durch Car Sharing verfügbar gemacht werden, niemand muss sie kaufen. Denkbar sind in jedem Quartier „Bibliotheken der Dinge“, die eine Vielzahl von (gemeinschaftlich produzierten) Gebrauchsgegenständen enthalten. Man zahlt einen Jahresbeitrag und hat Zugang zu ihnen. Durch Sharing verringert sich überdies der ökologische Fußabdruck des Einzelnen und er verringert sich weiter, wenn konsumstimulierende Strategien (z.B. Werbung) nicht mehr steuerlich absetzbar sind.

Natürlich ist dies hier eine verkürzte Darstellung. Gleichwohl wird mit jedem Jahrzehnt offensichtlicher, dass sich Wirtschaft im Digitalzeitalter neu organisieren lässt. Da der Kapitalismus diesen Wandel durch seine Marktmechanismen vorantreibt und seit 300 Jahren Legitimationsprobleme hat, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass sich ein ökonomischer Bruch zur Jahrhundertmitte vollzogen haben wird.

 

[1] Vgl. hierzu:

Bonin, H. et al. (2015). Forschungsbericht 455. Übertrag der Studie von Frey/Osborne (2013) auf Deutschland. Mannheim

Frey, B../Frey, O. (2013). The Future of Employment. Oxford; Ford, M. (2015). The Rise of the Robots. New York

McKinsey (2015). Four fundamentals of workplace automatization.

McKinsey (2016). Automating the insurance industry.

Miller, Michael J. (2014). Software, Robots to Replace a Third of Jobs by 2025.

 

von

Dr. Oliver Stengel ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehr- und Forschungslabor Nachhaltige Entwicklung der Hochschule Bochum. Zuvor war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen u.a. die Bereiche Digitalisierung und nachhaltige Entwicklung, sozialer Wandel, Umwelt-/Nachhaltigkeitsbewusstsein sowie Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

1 Kommentare

  1. Zitat:
    „Der theoretischen Wende zum Postkapitalismus liegt in diesen Büchern die Annahme zugrunde, dass die Digitale Revolution eine neue Wirtschaftsweise sowohl erfordern als auch ermöglichen wird. Das „stählerne Gehäuse“ des Kapitalismus (M. Weber) weicht von innen auf. Aus ihm wachsen Elemente einer neuen Ökonomie des Digitalzeitalters, welche ihn verdrängen. Sein Ende ist auch das Ende der ihm inhärenten Wachstumszwänge.

    Konkret sind es vier Prozesse, welche die Ökonomie transformieren: Die Digitalisierung verringert (a) die Anzahl der benötigten Arbeiter/innen, sie senkt (b) die Preise vieler Güter, sie ermöglicht (c) die Produktion ohne Unternehmen, sie erleichtert es (d) Dinge nutzen zu können, ohne sie besitzen zu müssen. Hier zeigen sich zugleich die Grundrisse einer neuen Ökonomie.“

    Wir leben in einer Geldwirtschaft, deren Ziel es ist, aus Geld mehr Geld zu machen.
    In der Digitalen Wirtschaft aber braucht es weniger Geld wegen sinkender Gesamtlohnkosten: Weniger Lohnksoten = weniger Konsumeinkommen, mkit dem die G+üter gskauft werden können.
    Also><<<<<<<<.

    Keine (Erwerbs)Arbeit – kein Geld!
    Geld braucht es für die Entlohnung des Arbeiters

    Die Unternehmer müssen dazu Schulden machen.

    Letzten Endes erzeugen die Unternehmer allein für den Konsum der Menschen bestimmte Güter.

    Maschinen gehen über eine Metamorphose
    in die Konsumprodukte ein.

    Daher: Nur über die Konsumausgaben der Menschen
    fließen die Lohneinkommen wieder zurück zu den Unternehmen.
    Und nur damit können die Unternehmer ihre Schulden tilgen.

    Das ist das Alpha und das Omega des Wirtschaftskreislaufes!

    Investieren = Kaufen, um wiederzuverkaufen
    Konsumieren = Kaufen, um zu verbrauchen

    · Geld entsteht durch Verschuldung – durch Kreditaufnahme – bei den Banken.
    · Geld wird vor allem gebraucht, um menschliche Arbeitskraft zu kaufen.
    · Damit werden die Menschen befähigt, mit ihren Löhnen die Erzeugnisse der Unternehmen für ihren Konsum zu kaufen, und werden mit den Verkaufserträgen die Unternehmen befähigt, ihre Schulden zu tilgen.

    · Genauer:
    –Mit dem Geld, das die Unternehmen heute durch Verschuldung aufnehmen, werden die Löhne für die Erzeugung der Produkte von morgen bezahlt, und mit diesen Löhnen die Produkte von gestern gekauft. Die Erwerbsarbeiter teilen ihren Lohn über Steuern und Abgaben mit den Dienstleistungsarbeitern des Staates und anderer Institutionen.
    · –Mit dem Geld aus der Verschuldung der Unternehmer heute werden heute die Schulden von gestern getilgt.

    Der Zeitfaktor spielt eine entscheidende Rolle und verlangt eine dynamische Betrachtung, in der es erst gelingt, die Herkunft der Unternehmensgewinne darzustellen.

    · Aus diesem Zusammenspiel wird deutlich, dass das Vorhandensein von Geld davon abhängt, dass es Löhne für Erwerbsarbeit gibt.
    · Wird mehr Geld erforderlich, sind neue Erwerbs-Arbeitsplätze und damit mehr Erwerbs-Lohneinkommen erforderlich.

    · Eine Reduzierung der Arbeitsplätze bedeutet eine Reduzierung der Aufnahme von neuen Krediten und damit Arbeitseinkommen.

    · In der Folge kommt es zu einer Reduzierung der Verkäufe an Konsumprodukten, und zu einer Reduzierung der Erträge der Unternehmen, und zu einer Reduzierung der möglichen Schuldentilgung der Unternehmen.

    · Daraus wird verständlich, warum trotz einer Überfülle von Produkten stets zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um genügend Geld zu schaffen, um damit sowohl die Schulden zu tilgen, und noch einen monetären Mehrwert in Form von Gewinnen der Unternehmen und Zinsen der Banken lukrieren zu können.

    · Die Digitalisierung der Wirtschaft wird zu einem Rückgang der Nachfrage nach Arbeit führen, und damit an Lohneinkommen und an Erträgen der Unternehmen, so dass diese ihre vordem gemachten Schulden nicht mehr tilgen können.

    · Die Erzeugnisse, welche die Unternehmen kaufen, gehört idealtypisch alles, was investiert wird (Maschinen, Einrichtungen, Betriebsstoffe, Vorprodukte usw.), zu den Erzeugnisse, die die Haushalte kaufen, gehören idealtypisch nur die Konsumprodukte.

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