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Offene Werkstätten als Reallabore für Suffizienz?

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„Die Städte sind für dich gebaut…“ (Berthold Brecht)

In der Diskussion um Postwachstum und Suffizienz nehmen Städte eine besondere Rolle ein. Denn einerseits sind sie Teil des Problems. Nirgendwo wird Beschleunigung und Wachstum schneller und konsequenter vorangetrieben als in den Metropolen dieser Welt, den Zentren des Konsums. Andererseits bieten aber gerade Städte auch Ermöglichungsstrukturen für Suffizienz. Hier, wo Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Ideen zusammen kommen, finden sich immer auch Freiräume zur Erprobung alternativer, nachhaltiger Lebensstile.

Eins ist klar: Postwachstum und Suffizienz erfordern einen radikalen Wandel von Einstellungen und Verhaltensweisen (Welzer und Wiegandt 2013; Paech 2012; Schmelzer und Passadakis 2011; Seidl und Zahrnt 2010; Jackson 2009). Es geht um mehr als den Versuch, bei gleichbleibendem Verhalten ressourceneffizienter zu agieren. ‚De-Growth‘ statt ‚Green-Growth‘ heißt die Devise. Nur wie soll das gehen?

Können wir überhaupt von unserem eingeübten Muster des konsumgetriebenen Wachstums abweichen? Oder anders gefragt, was hält uns eigentlich davon ab? Die paradoxe Antwort: Das Muster selbst. Zwar konsumieren wir auch, um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen, aber der Großteil unseres Konsums hat eine ganz andere Funktion, nämlich die Erhaltung des eigenen sozialen Status.

Pioniere des Wandels

Die Lösung besteht daher darin, einen kulturellen Deutungswandel herbeizuführen, der Suffizienz zur neuen Norm erhebt und als solche etabliert. Ein möglicher Weg dorthin beginnt im Lokalen, z.B. in einer städtischen Nachbarschaft, als ‚bottom-up‘ Prozess. Hierzu bedarf es Pioniere des Wandels, die suffiziente Denk- und Handlungsmuster auch gegen den Mainstream erproben, indem sie sich hierfür kulturelle Frei-und Möglichkeitsräume schaffen. Solche Räume entstehen zum Beispiel in offenen Werkstätten. Dort kommen Menschen zusammen, um ihr Wissen und Ihre Fähigkeiten beim gemeinsamen Werken zu teilen. Ob Low-Tech oder High-Tech, ob Fahrrad, Hose oder Computer: die Bandbreite offener Werkstätten reicht vom traditionellen Handwerk bis zu hoch innovativen Fabrikationstechniken wie dem 3D-Druck. Mehr als 140 Nähwerkstätten, Repair Cafés, Fahrradwerkstätten, FabLabs und Hackerspaces aus Deutschland haben sich bereits auf der Webseite des Verbundes Offener Werkstätten eingetragen. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie offen sind für Menschen, Ideen und Neues. Es sind experimentelle Orte der individuellen und kollektiven Selbstermächtigung und Subjektivierung. Erprobt werden dort nicht nur Technik und Handwerk, sondern auch neue Formen des Zusammenarbeitens und –lebens (Dickel, Ferdinand, und Petschow 2014; Hielscher und Smith 2014).

Suffizienz in offenen Werkstätten

Vieles spricht dafür, dass offene Werkstätten auch als Reallabore für Suffizienz fungieren können, wenn sie entsprechend aufgestellt sind (Hielscher und Smith 2014; Gauntlett 2013; Thorpe 2012). So orientieren sich viele MacherInnen in offenen Werkstätten ganz bewusst am Ziel der Nachhaltigkeit und des Postwachstums und erproben in diesem Zusammenhang Praktiken des Selbermachens, Reparierens, und Up-Cyclings. Die dafür notwendigen Mittel und Werkzeuge werden in vielen Fällen nach dem Motto „Teilen statt Besitzen“ gemeinschaftlich organisiert und dementsprechende Nutzungsmodelle entwickelt. Durch derartige Handlungsweisen erhoffen sich viele der Szeneangehörigen eine Abkehr vom Massenkonsum und die Einsparung von Ressourcen. Ähnliche Hoffnungen werden auch mit neuen, in offenen Werkstätten zum Einsatz kommenden digitalen Fertigungsverfahren (digitalfabrication), insbesondere dem 3D Druck, verbunden. Allerdings sind die herbeigesehnten Nachhaltigkeitspotentiale noch weitestgehend unerforscht und nicht unumstritten (Petschow u. a. 2014; Birtchnell u. a. 2013; Olson 2013). Im Endeffekt wird es vor allem darauf ankommen, mit welchen Absichten und zu welchen Zwecken solche Technologien benutzt werden. So macht es eben einen Unterschied, ob man mit einem 3D Drucker ‚Plastikschrott‘ produziert oder dagegen zum Beispiel Ersatzteile ausdruckt, um die Nutzungsdauer bereits erworbener Produkte zu verlängern.

Als Reallabore für Suffizienz können offene Werkstätten auch fungieren, indem sie soziale Innovationen durch eine übergreifende Kooperationskultur hervorbringen. So wird mit offenen Werkstätten die Hoffnung verbunden, neue Formen des gemeinsamen Arbeitens zu schaffen, bei denen Werte wie Gemeinschaftlichkeit, Persönlichkeitsentfaltung und auch Nachhaltigkeit im Vordergrund stehen (Anderson 2012; Gershenfeld 2007; Benkler 2006; Bauwens 2005). Viele offene Werkstätten setzen hier ganz bewusst auf Inklusion, öffnen ihre Türen regelmäßig für Interessierte aller Couleur, bieten entsprechende Schulungen an und präsentieren sich auch außerhalb der eigenen Vier Wände. Nicht selten geschieht dies explizit mit dem Ziel, Nachbarschaftsarbeit zu leisten und die direkte Umwelt mitzugestalten. Dass sich das Handlungsspektrum offener Werkstätten dabei nicht nur auf den Bauprozess beschränkt, sondern auch Strukturmaßnahmen umfasst, zeigt das Projekt „Nachbarschaftsfond Löbtau“ des Werk.Stadt.Laden. aus Dresden. Die Idee ist die Entwicklung eines lokalen Förderprogramms zur dauerhaften Finanzierung von Nachbarschaftsinitiativen – von NachbarInnen für NachbarInnen.

Ob und inwiefern offene Werkstätten tatsächlich eine Vorreiterrolle in Richtung Postwachstum einnehmen werden, das sei noch einmal betont, hängt vor allem davon ab, wie sie genutzt und als was sie gesehen werden. Denn Ziele wie Nachhaltigkeit, Suffizienz oder Inklusion sind offenen Werkstätten nicht automatisch eingeschrieben, sondern müssen aktiv verfolgt werden, auch von Seiten der politischen Förderung (Hielscher und Smith 2014). In diesem Zusammenhang gilt es zu beachten, dass einige Akteure auch ganz andere Erwartungen mit offenen Werkstätten verknüpfen: Marktorientierte Innovation und Wachstum zum Beispiel (Schmidt u. a. 2014).

Diese Spannung zwischen möglichen Entwicklungspotentialen von offenen Werkstätten – auf Nachhaltigkeit oder auf Wirtschaftswachstum orientiert – untersucht das neue Forschungsprojekt ‚Commons-Based Peer Production in Offenen Werkstätten‘ (COWERK), in welchem wir, die Autoren dieses Posts, mitarbeiten. Darin sollen die unterschiedlichen Erwartungen, die an offene Werkstätten gerichtet werden, miteinander in einen fruchtbaren Dialog gebracht und die Nachhaltigkeitspotentiale von offenen Werkstätten ausgelotet werden.

Literatur:
Anderson, Chris. 2012. Makers: The New Industrial Revolution. New York: Crown Business.

Bauwens, Michel. 2005. „The political economy of peer production.“ CTheory 1.

Benkler, Yochai. 2006. The wealth of networks: How social production transforms markets and freedom. Yale University Press.

Birtchnell, Thomas, John Urry, Chloe Cook, und Andrew Curry. 2013. „Freight miles: the impact of 3D printing on transport and society.

Dickel, Sascha, Jan-Peter Ferdinand, und Ulrich Petschow. 2014. „Shared Machine Shops as Real-Life Laboratories.“ Journal of Peer Production, Nr. 5.

Gauntlett, David. 2013. Making is connecting. John Wiley & Sons.

Gershenfeld, Neil. 2007. FAB. The coming revolution on your desktop – Fraom personal computers to personal fabrication. Basic Books.

Hielscher, Sabine, und Adrian Smith. 2014. „Community-based digital fabrication workshops: A review of the research literature.

Jackson, Tim. 2009. Prosperity without Growth: Economics for a Finite Planet. Routledge.

Olson, R. 2013. „3-D printing: a boon or a bane.“ The Environmental Forum 30 (6): 34–38.

Paech, Niko. 2012. Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom verlag.

Petschow, Ulrich, Jan-Peter Ferdinand, Sascha Dickel, Heike Flämig, Michael Steinfeldt, und Anton Worobei. 2014. „Dezentrale Produktion, 3D-Druck und Nachhaltigkeit.“ Schriftenreihe des IÖW 206: 14.

Schmelzer, Matthias, und Alexis Passadakis. 2011. Postwachstum: Krise, ökologische Grenzen und soziale Rechte. Hamburg: VSA.

Schmidt, Suntje, Verena Brinks, Oliver Ibert, und Karina Böhm. 2014. „Labs als neue Treiber von Innovation. Dokumentation der TED Tour Berlin ‚Labs as Interfaces for Innovation and Creativity‘ und Ableitung von Handlungsempfehlungen“. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung.

Seidl, Irmi, und Angelika Zahrnt, Hrsg. 2010. Postwachstumsgesellschaft: Konzepte für die Zukunft. Metropolis-Verlag GmbH.

Stengel, Oliver. 2011. „Weniger ist schwer – Barrieren in der Umsetzung suffizienter Lebensstile und wie wir sie verhindern können.“ GAIA-Ecological Perspectives for Science and Society, 26–30.

Thorpe, Ann. 2012. Architecture & Design Versus Consumerism. Abingdon: Taylor & Francis Ltd.

Welzer, Harald, und Klaus Wiegandt. 2013. Wege aus der Wachstumsgesellschaft. Auflage: 2. Frankfurt am Main: FISCHER Taschenbuch.

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