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Her mit dem guten Leben! – Teil 1

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„Her mit dem guten Leben – Gegenentwürfe zur Globalen Krise!“

Den Titel haben wir schon vor 10 Jahren für eine Publikation gewählt, er hat sich als vorausschauend erwiesen. Der Begriff Globale Krise war bislang nur der sperrige Begriff einer Minderheit, der erst durch Corona eine höhere Nachvollziehbarkeit erhielt. Auch das Gute Leben existiert schon länger als Synonym für einen Gegenentwurf zum kapitalistischen Wirtschaften und zur vermeintlichen Alternativ- und Ausweglosigkeit der Krisenpolitik. Dazu wollen wir alternative Denk- und Betrachtungsweisen sowie Handlungsstrategien – Soziales Handeln, Soziale Bewegungen und ihre Impulse aufzeigen, um den “permanenten Krisenmodus im globalen Kapitalismus” zu durchbrechen. Statt einer großen Lösung suchen wir Ansätze, die in ihrer Vielfalt gesellschaftliche Alternativen entwickeln und ausprobieren.

Die Globale Krise

Seit Beginn des letzten Jahrhunderts sprechen wir von weltweiten Krisen, spätestens seit der sogenannten Weltwirtschaftskrise 1929, dann folgten die Erdölkrisen 1973 und 1979, die Lateinamerikanische Schuldenkrise 1982, Dotcom Blase 2000, Finanzkrise 2007, Eurokrise 2010, Klimakrise und die noch nicht beendete Coronakrise – um nur einige zu nennen. Die Krisen sind nicht unabhängig voneinander und ihre Bewältigungsstrategien folgten durchweg einem gleichen Muster: Auf die Wirtschaftskrise muß reagiert werden mit Wachstumsförderungen; die Energiekrise muß durch Atomenergie, Agrotreibstoffe und andere Megaprojekte bekämpft werden; die Finanzkrise muss mit mehr Geld für die Banken einhergehen. Die Ernährungskrise wird mit einer «Grünen Revolution» bekämpft, die mit Pestiziden und Düngemitteln die Erträge verbessern soll. Die Klimakrise soll durch neues “grünes” Wachstum (Umweltdienstleistungen, Kohlenstoffhandel) bekämpft werden.

Wenn es von irgend etwas vermeintlich “zu wenig” gibt, muss mehr davon bereitgestellt werden. Die Idee, den Verbrauch grundsätzlich zu senken, taucht in dieser Logik nicht auf. Diese Art der Wachstumsförderungen und die monokausale Reaktion mit sozialpolitischen, wirtschaftlichen, finanzpolitischen Maßnahmen, die an Symptomen laboriert, verschärft spiralförmig die alten und führt zu neuen Krisen.

Auch die aktuelle Pandemie ist hierfür ein Brennglas und macht Ursachen, Akteur*innen und Handlungsmöglichkeiten deutlich. So ist sie nicht nur eine aktuelle und beschränkte neue Krise, die andere Krisen ablöst, sondern schreibt sich ein in einen historischen Prozess des zeitgenössischen Kapitalismus. Sie wird durch die anderen Krisen und deren vermeintlichen Krisenlösungsmechanismus bedingt und sogar in ihrer Ausbreitung gefördert. Der Notstand, den diese Pandemien der Globalisierung hervorrufen, hat nichts mit einer „Naturkatastrophe“ zu tun. Vielmehr ist er Ergebnis davon, dass das Leben in den letzten Jahrzehnten einer immer stärkeren neoliberalen Kommerzialisierung unterworfen war und dass in immer mehr Ökosysteme vorgedrungen wurde: durch intensive, industrielle Landwirtschaft (die die Vogelgrippe hervorgebracht hat), den Handel mit Wildtieren (wie in China), genetische Manipulationen, den menschlichen Organismus schwächende Schadstoffe, Ausbreitung des räuberischen Tourismus, Entwaldung, Vorantreiben der Agrargrenze, übermäßige Nutzung von Antibiotika und weiteres.

Solche Faktoren verstärken sich unter anderem durch die transnationalen Übertragungswege, ermöglicht durch die expandierende Mobilität, sowohl von Menschen als auch von Waren, durch das außergewöhnliche Wachstum der Städte und die Prekarisierung der öffentlichen Gesundheitssysteme. Das systematische, zerstörerische und räuberische Vordringen des Kapitals in alle Räume und Lebensbereiche macht das heutige globalisierte System zukünftig unhaltbar. Ein Wirtschaftssystem, das auf immer mehr Ausbeutung von Mensch und Natur setzt, wird immer neue und aufeinander aufbauende Krisen erzeugen.

Wir wollen nicht nach der Corona-Krise wieder in die alte Welt zurückspringen. Nur eine systemische Sicht bietet eine fundierte Lösung. Es gibt eine große Bereitschaft das persönliche Leben zu ändern. Es gibt zudem Lernmöglichkeiten, die sich nutzen lassen.

Von Engels gelernt?

Man muss den Kapitalismus begreifen. Erst mit ihm gab es Wachstum. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln (Maschinen, Fabrikgebäude, Arbeitskräfte, Rohstoffe, Bodenschätze), der Interessenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit und der Zwang zur permanenten Kapitalverwertung (inzwischen weithin erfahrbar als Wachstumszwang) zerstören jedoch zugleich unsere Lebensgrundlagen. Dabei werden die arbeitenden Menschen nur als Produktionsfaktoren und die Natur als totes auszuplünderndes Materiallager gesehen. Eine unmittelbare Beziehung zwischen dem arbeitenden Menschen und der Natur kann so nicht entstehen, stattdessen ist die Beziehung geprägt durch Ohnmacht und Entfremdung. Ziel kapitalistischer Produktion ist nicht die Bearbeitung der Natur, so dass alle sich kleiden können, zu essen und eine Wohnung haben. Auch die Wirtschaftswissenschaften beschränken sich auf die kapitalistischen Akteure und die Markttransaktionen. Für eine gemeinschaftlich gestaltete Versorgung müssten alle Bereiche der gesellschaftlichen Produktion, also wie die Menschen sich mit Nahrung, Wohnraum, Kleidung versorgen, einbezogen werden, also auch die bei den Ökonomen ausgegrenzten Bereiche wie subsistenzwirtschaftliche Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Hausarbeit, Kindererziehung, Altenbetreuung, genossenschaftliche Energieerzeugung, Landschaftspflege. Eigentlich sogar hauptsächlich diese.

Entscheidend für die „ökologische Frage“ ist das Verhältnis, das eine Gesellschaft in ihrer Produktionsweise zur Natur entwickelt. Für die kapitalistische Warenproduktion ist die Natur quasi kostenlose Materie, die dem privaten Produktionskapital hinzugeschlagen werden kann. Die entstandenen Kosten und Zerstörungen werden „externalisiert“, d.h. in die Gesellschaft ausgelagert. In dieser Privatisierung der Natur erklärt sich die gesamte Klimakrise. Erst durch Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln, der Konkurrenz und der entgegengesetzten Interessen kann eine neue gerechte und nachhaltige Gesellschaft in Selbstbestimmung und ohne soziale Spaltung und Naturzerstörung entstehen. Wie dies passieren kann, als Enteignung, Vergesellschaftung, gesellschaftliche Kontrolle, Regulation oder Planwirtschaft ist bis heute in Theorie und Praxis unklar, die Notwendigkeit aber bleibt unbestritten.

Von der Wachstumskritik zum Postwachstum

Historisch kann der Kapitalismus sich immer weiter ausdehnen und wachsen, z.B. durch den Kolonialismus aber auch durch die Inwertsetzung immer weiterer Lebensbereiche (Beispiele: Care-Arbeit, Aneignung von Leben durch Patentierung von Pflanzen und Tieren oder auch durch die Aneignung persönlicher Daten). Die Anerkennung von Natur als endlicher Ressource fand in den Ländern des “globalen Nordens” sehr spät statt. Ein Bewußtsein für die Endlichkeit der Ressourcen formulierte sich erstmals im Club of Rome «Die Grenzen des Wachstums » (1972). Mit den aufkommenden Bildern aus dem All auf die Erde beginnt auch die Wahrnehmung der Erde als geschlossenes, endliches System. Darauf folgten Lösungsansätze, die spätestens bei der UN Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio als “Nachhaltigkeit” formuliert wurden. Mit dem sogenannten “qualitativen Wachstum” entwickelte der “Nachhaltigkeitsdiskurs” schnell einen Blitzableiter, der nie versiegenden modernen Wohlstand bei gleichzeitiger Entlastung der Umwelt möglich machen sollte. Dabei ist nachhaltig, was zugleich der Ökonomie, dem Sozialen und der Ökologie dienlich ist.

Allerdings: Mit der vorgeblich gleichrangigen Integration sozialer, ökonomischer und ökologischer Belange wird der Nachhaltigkeitsdiskurs zum Teil des eigentlichen Problems. Indem sich jede ökologische Entlastung unter den Vorbehalt eines sozialen und ökonomischen Nutzens (also der Wahrung beliebiger Besitzstände) stellen lassen muss, wird sie zum Grundstein einer weiteren Wachstumsdoktrin. Diese Sichtweise findet sich ganz aktuell im “Green New Deal” wie er in Europa mit einem gigantischen Wachstumsprogramm umgesetzt werden soll. Brisante Fragen nach bescheidenen Lebensstilen oder unbequemen Verhaltensänderungen scheinen sich zu erübrigen. Politik, Wirtschaft und eine zunehmend konsumabhängige Gesellschaft finden ein perfektes Alibi für das expansive Weiter-So. Mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit bleiben Machtfragen völlig außerhalb des Diskurses. Die “Mächtigen” fördern das, und profitieren von dem Konzept, weil mit der ungebrochenen Wachstumslogik Macht und Gewinne gesichert bleiben können.

Die Postwachstumsökonomie: Abschied vom Wachstumsfetisch

Hinter der Zauberformel des qualitativen „unschädlichen“ Wachstums verbergen sich die Wirkungsprinzipien Effizienz und Konsistenz mit dem Ziel Entkopplung des Wachstums vom Ressourcenverbrauch. Bei der ökologischen Effizienz sollen Material, Energie und Umweltressourcen zur Erstellung eines bestimmten Outputs minimiert werden. Sparsamere Produkte, Motoren, Antriebe, Heizungen, Häuser, technische Verfahren können die Ressourcenproduktivität optimieren. Ökologische Konsistenz will die Wirtschaftsweise der Biosphäre auf Produktions- und Konsumaktivitäten übertragen. Angepeilt wird ein System vollkommen geschlossener Stoffkreisläufe. Abfälle oder Emissionen würden demnach nicht existieren, weil jedes Restprodukt am Ende eines Konsumaktes oder Leistungserstellungsprozesses wieder vollständig in einen anderen Prozess einfließen könnte. Da aber alle Bedürfnisse in Produkte, Dienstleistungen und Konsumbedarfe verwandelt werden, ist die Existenzsicherung schicksalhaft einem wachsenden Geldeinkommen in diesem System der Fremdversorgung ausgeliefert. Das Soziale muss komplett im Ökonomischen aufgehen. Freiheit, Sicherheit und gerechte Teilhabe werden vollends zum Objekt marktwirtschaftlich vermittelter Produktion. Die Geldabhängigkeit verstärkt sich mit zunehmenden Ansprüchen an materielle Selbstverwirklichung und einer stetigen Anhebung des monetären Versorgungsminimums, was als «Armutsgrenze» deklariert wird. So werden Innovationen, die mittels ökologischer Konsistenz und Effizienz eine Entkopplung des Wachstums bewirken sollen, zugleich zum Wachstumstreiber. Es herrscht ein doppeltes Wachstumsparadigma:

  1. Wachsende Nachfrage wird erzeugt, wenn die Produkte durch Effizienz oder Konsistenz billiger werden. Auch die Unternehmen investieren eingespartes Kapital in die Produktionssteigerung. Der „Reboundeffekt“ verhindert dadurch das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen.
  2. Um Kosten-Einspareffekte in der Produktion zu realisieren, muss Leistungserstellung in möglichst viele isolierte Fertigungsstufen zerlegt werden, dann erlaubt dies die Verlagerung selbst bei minimalen Kosteneinsparungen durch sinkende Stückkosten. Damit ist aber untrennbar die Notwendigkeit verbunden, vor Beginn der Produktion in die benötigen Inputfaktoren zu investieren. Das zur Stabilisierung von arbeitsteiligen Wertschöpfungsprozessen erforderliche Wachstum steigt also mit der Anzahl eigenständig wirtschaftender Betriebe entlang der Wertschöpfungskette.

Eine Postwachstumsökonomie müsste die Verknüpfung von Schicksal und Wachstum als Strukturmerkmal moderner Fremdversorgungssysteme überwinden. Zwei Strategien sind möglich:

  1. Konsumseitig gilt es sich der Abhängigkeit von globaler Fremdversorgung zu entziehen und einen individuellen Kompromiss zwischen Fremd- und Selbstversorgung zu finden.. Der geldbasierte globalisierte Industriekomplex wäre deutlich kleiner; sein Fokus läge auf dem Erhalt, der Um- und Aufwertung vorhandener Produktbestände und Infrastrukturen.
  2. Die angebotsseitige Bedingung für eine Postwachstumsökonomie läge in der Verkürzung der Distanz zwischen Verbrauch und Produktion – gemessen an der Anzahl der Betriebe entlang der Wertschöpfungskette. Zwar verringerte dies die ökonomische Effizienz im Sinne einer Maximierung der Güterversorgung, aber gleichsam das mindestens notwendige Wachstum. Ein Effekt kleinräumiger und sozial interaktiver Ökonomien bestünde darin, dass Produktionsentscheidungen demokratisiert werden könnten. Wer sich mit anderen durch einen urbanen Gemeinschaftsgarten versorgt, ein kleine Energieanlage aufbaut oder ein repair cafe betreibt, trägt zu einem Versorgungsmuster bei, das kein Geld, keinen Gewinn, keinen Zins und folglich keinen Wachstumszwang kennt.

Für uns ist die Abkehr vom Wachstumsdogma ein unausweichlicher Schritt, um aus dem Krisenmodus zu kommen.

 

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Artikels. Zum zweiten Teil gelangen Sie hier.

von

Karsten Hackländer, Sozialwissenschaftler, ist ehrenamtlich seit vielen Jahren im Informationsbüro Nicaragua aktiv. Hauptberuflich ist er bei bei attac und im Weltwärtsprogramm tätig. Klaus Heß, Diplominformatiker, Mitglied und ehrenamtlicher Vorstand im Informationsbüro Nicaragua e.V., war 30 Jahre lang Betriebsratsberater bei der gewerkschaftsnahen TBS NRW. Er ist Aktivist in globalisierungskritischen Bewegungen und macht Öffentlichkeitsarbeit u.a. zu EU-Handelspolitik, Mittelamerika/Nicaragua und Klimagerechtigkeit. Er ist Mit-Herausgeber der Nahua Scripte.

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