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Anders auf Alltagshandeln und Wirtschaften blicken

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Der Spiegel-Bestseller „Unsere Welt neu denken: Eine Einladung“ von Maja Göpel ist eine kritische Analyse unseres Alltagshandelns und Wirtschaftens. Vom Brundtland-Bericht 1987 über das Kyoto-Protokoll bis zum Pariser Klimaschutzabkommen 2015 zeichnet Maja Göpel die Geschichte der Nachhaltigkeitspolitik nach. Mehr als das ist das Buch aber ein Rundumschlag durch ökonomische Theorien, Zusammenhänge von (nicht nachhaltigem) Wirtschaften und Klimawandelnichtbewältigung. Göpel erläutert Diskrepanzen, Denkfehler und Definitionsverschiebungen. Sie stellt Umwelt-, Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen in eine Linie, demonstriert warum und wie sie zusammenwirken und synchron angegangen werden müssen, wenn – und das ist die explizite Stoßrichtung des Buches – die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft und Wirtschaftsweise gelingen soll.

Ob Ernährung, Mobilität, Wohnen oder Konsum: Göpel zeigt Versäumnisse und Fehlannahmen bzw. verkürzte Sicht- und Interpretationsweisen unseres aktuellen Wirtschaftssystems auf – für alle Sektoren. Sie benennt globale Zusammenhänge und setzt diese in Beziehung zu politischen (Fehl-)Entscheidungen und lokalen Auswirkungen. Unaufgeregt, unprätentiös, sachlich und verständlich erklärt sie Begriffe wie Overshoot Day, Externalisierung und Rebound. Es gelingt ihr anhand nachvollziehbarer Beispiele zu vermitteln, warum die dahinterstehenden Phänomene das Wirtschaftswachstum befeuern und welche Bedeutung das für den Klimawandel hat.

Maja Göpel deckt auf, warum der enorme Wohlstand Einzelner und die Macht der Konzerne auf vom Staat bereitgestellter Infrastruktur und Gemeinwohlsicherung beruhen. Immer mal wieder, aber vor allem hier, wird ihr Zorn deutlich. Nicht laut, aber substantiell rechnet Göpel ab mit nachhaltigem Konsum als „Privatisierung des Umweltschutzes“. Nur eines von vielen Beispielen dafür, dass der Staat nicht mehr mutig, souverän und gerecht das Gemeinwohl sichert. Sicher: Multiple Krisen lassen keine einfachen Antworten zu, das erkennt auch Göpel an. Aber Ungleichverteilung von Wohlstand und Beteiligungsprivilegien einzelner Reicher lähmen und verhindern in ihren Augen eine verantwortungsvolle und enkeltaugliche politische Rahmensetzung durch den Staat. Diese Argumentation untermauert sie mit Querbezügen auf namhafte Persönlichkeiten aus Ökonomie, Wissenschaft und Politik. Göpel benennt Beispiele erfolgreicher Politiksetzung wie die Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages und das arbeitsfreie Wochenende, und erinnert damit an den Mehrwert von Staatshandeln jenseits von Passivität oder Ohnmacht. Sie macht deutlich: ökologische Fragen sind heute wichtiger denn je nur in Kombination mit sozialgerechten Lösungen zu beantworten. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) forscht deshalb zur vorsorgeorientierten Postwachstumsposition.

Und Göpel fordert Verantwortungsübernahme von jedem und jeder Einzelnen genauso wie vom Staat und hier explizit von Finanz- und Wirtschaftsministerium, die ihrer Einschätzung nach maßgeblich darüber entscheiden, ob wir uns zu einer „Nachhaltigkeitsgesellschaft“ umbauen und entwickeln oder nicht. Ihr gelingt es, ihre Leserschaft in Einzelaspekten zu bilden und weiterzubilden und gleichzeitig die größeren Wirkmechanismen aufzuzeigen. Sie will Mut machen für die erforderliche Transformation und plädiert dafür, tradierte Denkmuster zu prüfen. Und wozu genau lädt sie die Leserschaft ein, wenn sie titelt „Unsere Welt neu denken: Eine Einladung“? Dazu, blindes Wirtschaftswachstum abzulehnen und Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Göpel liefert die Motive, warum man/frau nach der Lektüre damit beginnen soll.

 

Göpel, Maja (2020): Unsere Welt neu denken: Eine Einladung. Berlin: Ullstein Verlag.

 

 

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