Standpunkte

Über die Vermessung der Natur (II)

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„Degrowth ist sowohl Kritik am Wachstum als auch Kritik an der kolonialisierenden Ausweitung der Werte, der Logik und der Sprache des Marktes auf bisher unberührte soziale und ökologische Bereiche“

„Degrowth fordert die Entkommerzialisierung sozialer Beziehungen und des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur und hinterfragt den neuen Umweltpragmatismus“

Goméz-Baggethun (2016): Kommerzialisierung.
In: Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. S. 152.


In welcher Beziehung stehen Managementkonzepte von Ökosystemdienstleistungen zur Postwachstumsbewegung?

Die Diversität der Managementkonzepte lässt vermuten, dass es innerhalb der Postwachstumsbewegung unterschiedliche Meinungen zur Inwertsetzung von Natur gibt. Problematisch ist dabei insbesondere, dass den unterschiedlichen Ansätzen oft in Diskussionen wenig Rechnung getragen wird.

Prinzipiell zeigen jedoch die diesem Eintrag vorangestellten Zitate, dass die Ansätze grundsätzlich kritisch verfolgt werden. Die kritischen Sichtweisen nehmen wenig überraschend mit zunehmender Marktnähe und neoklassischer Ausrichtung der Ansätze zu. Goméz-Baggethun (2011) nennt einige wichtige Kritikpunkte, auf welche ich mich besonders beziehen möchte. Er sieht bei der Ausweitung von Marktwerten vor allem biophysikalische, institutionelle und soziale Grenzen.

Mit der biophysikalischen Grenze werden Schwierigkeiten zwischen Wirtschaftslogik und Natur hervorgehoben. So wird angemerkt, dass Prozesse und Komponenten von Ökosystemen nicht ausgetauscht werden können und damit eine Zerlegung in handelbare Einheiten teilweise sehr schwierig ist, da Ökosysteme gerade auch durch ihre Vernetzung funktionieren, ähnlich wie ein menschliches Gehirn. Die Kommodifizierung von Ökosystemdienstleistungen verschleiert somit die ökologische Komplexität (Kosoy & Corbera, 2010).

Die institutionellen Grenzen adressieren die Schwierigkeiten einer tatsächlichen Marktintegration bzw. das tatsächliche Funktionieren solcher Märkte. Dies wird auf Probleme bei der Preisbildung sowie auf die oftmals nicht vorhandene Substituierbarkeit zurückgeführt. So ist allen Gütern in Märkten zu eigen, dass sie durch andere Güter ersetzbar sind – doch viele der natürlichen Dienstleistungen sind für den Menschen überlebenswichtig und haben damit einen inhärenten Wert. Für solche Ökosystemdienstleistungen wurde der Terminus „Kritische Ökosystem-dienstleistungen“ eingeführt. Zur Schwierigkeit der Substituierbarkeit schrieb bereits Immanuel Kant:

„Alles hat entweder einen Preis, oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen
Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde“

Aus: Kant, I. (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. S. 434, Z. 29.

Daneben wird bei der Institutionalisierung auch die Kritik geäußert, dass Natur gegebenenfalls finanzmarktkompatibel gemacht wird und in der Folge von den Schwankungen der Märkte abhängig ist. Zusätzlich kommt hinzu, dass im Falle einer Marktfähigmachung die Politik Verantwortung an die Wirtschaft abgibt – eine allgemein zu beobachtende Problematik von neoklassischen Wirtschaftsweisen, welche durch die Ausweitung der Kommerzialisierung gegebenenfalls sogar zu Entpolitisierungstendenzen führen können (Swyngedouw, 2010).

Dieser Punkt führt uns direkt zu den sozialen Grenzen. Kommt es tatsächlich zur Bildung von Märkten, so heißt Kommodifizierung auch immer, Eigentumsrechte klar zu definieren. Es ergibt sich dann die Frage, wem diese Ökosystemdienstleistungen gehören und wer Zugangsrecht erhält. Dies birgt wiederum ein großes Potential für soziale Konflikte. Ein solches Beispiel ist die Vermarktung von Naturschutz-Zertifikaten im Amazonas-Gebiet (Soares-filho et al., 2016). Innerhalb des 2012 gegründeten „Bolsa Verde do Rio de Janeiro“ zur Organisation des Handels mit Zertifikaten aus dem Naturschutz können sich Landbesitzer/innen von der gesetzlichen Verpflichtung, einen Anteil des Landes im naturnahen Zustand zu belassen, freikaufen – es handelt sich dabei um sogenanntes Offsetting. Da hierbei auch die Möglichkeit besteht, dass sich Konzerne freikaufen, konnten innerhalb kurzer Zeit spekulative Landkäufe in abgelegenen Amazonasgebieten beobachtet werden. Dies wiederum bedroht ganz konkret die Zukunftsperspektiven von indigenen Bevölkerungsgruppen. Ohne die Entwicklung von passenden Governancekonzepten besteht auch allgemein die Gefahr, dass die Unternehmen mit dem meisten Kapital sich auch am ehesten „freikaufen“ können. Dies wiederum lässt Gerechtigkeitsfragen aufkommen, auch und gerade zwischen Akteuren des globalen Nordens und des globalen Südens.

Die genannten Managementkonzepte und mögliche Kritikpunkte aus Degrowth-Sicht zeigen, wie vielfältig das Thema und damit die Bewertung ist. Hinsichtlich der Klimawandelmitigation ist beispielsweise anzumerken, dass CO2-Steuern oder ein Zertifikatemarkt durchaus sinnvoll sein können. Doch ist Steuer nicht gleich Zertifikatehandel und Zertifikatehandel nicht gleich Zertifikatehandel. Allein die Ausgestaltung hinsichtlich der Verknüpfung mit weiteren Ökosytemdienstleistungen macht einen großen Unterschied aus Degrowth-Sicht. Die Kritikpunkte mehren sich demnach vor allem entlang einer zunehmenden Kommerzialisierung und tatsächlichen Markteinbettung von Natur.

Was nun?

Welche Rolle spielen nun das Naturkapital und die daraus generierten Dienstleistungen in einer Postwachstumsökonomie?
Natürlich ist diese Frage zu komplex und vielschichtig, um sie klar beantworten zu können. Mehr noch: Es braucht vor allem weitere Diskussionen, welche Rolle Natur in einer Postwachstumsökonomie spielen sollte. Einfacher lässt sich die Frage beantworten, welche Rolle Naturkapital in einer Postwachstumsökonomie nicht haben sollte – je größer die Einbettung in die Märkte ist, desto kritischer die Sichtweisen. Einige Autor/innen sehen bereits in der reinen Inwertsetzung Probleme, kann doch diese Inwertsetzung den Weg hin zu einer tatsächlichen Marktfähigmachung ebnen (Goméz-Baggethun, 2011). Die lauter werdende Diskussion von Marktinstrumenten, auch durch Vertreter/innen einer Grünen Wachstums-Ökonomie, unterstützt aktuell dieses Argument.

Auf der anderen Seite kann die Inwertsetzung aber auch als Chance gesehen werden, sofern die Grenzen und Problematiken der verschiedenen Managementkonzepte offen diskutiert werden. Beispielsweise im Falle eher pigouvianischer Ansätze, welche auf Steuern und Subventionen beruhen, wenngleich Gegner/innen diesen Ansätzen eine mangelnde Effizienz vorwerfen. Auch abgegrenzte Märkte für Ökosystemdienstleistungen können sinnvoll sein, zum Beispiel im Falle eines CO2-Zertifikatehandels, wenn richtig aufgesetzt und nicht verknüpft mit anderen Dienstleistungen und damit der Privatisierung und Marktfähigmachung von Landflächen im natürlichen Zustand. Daneben sind auch neue Messsysteme für den Zustand von Ökosystemen zur Entwicklung neuer Wohlstandsindikatoren unabdingbar, welche auch die ökologische Realität widerspiegeln.

Somit stellt sich vor allem die Frage, welchen Zweck die Inwertsetzung von Natur hat. Gerade innerhalb von Ideen eines grünen Wirtschaftswachstums werden oftmals die verschiedenen Grenzen einer tatsächlichen Marktfähigmachung übersehen. Insbesondere aus Degrowth-Sicht ist der Diskussion hinzuzufügen, dass diverse Managementkonzepte in Betracht gezogen werden sollten und dass man dabei auch von anderen Ländern und Kulturen lernen kann. Eine Anregung kann die Rolle von Natur innerhalb von Buen Vivir und der dazugehörigen Umsetzung in Ecuador sein. Generell zeigen auch verschiedene Forschungen, dass lokale Governancesysteme vielerlei Stärken hinsichtlich einer nachhaltigen Ressourcennutzung aufzeigen, wie nicht zuletzt Elinor Ostrom in ihrem bekannten Werk „Governing des Commons“ verdeutlichte (Ostrom, 1990).

Insbesondere ist festzuhalten, dass marktbasierte Instrumente des Naturschutzes vor allem aus dem Kontext neoklassischer Ansätze und Konzepten grünen Wachstums stammen. Es stellt sich die Frage, ob bei einer tatsächlichen Marktfähigmachung – einmal abgesehen von allen genannten Grenzen – ein Wirtschaftswachstum nach bisheriger Definition überhaupt möglich ist. Aus Perspektive der Degrowth-Bewegung ist eine damit zusammenhängende absolute Entkopplung vom Ressourcenverbrauch höchst fragwürdig.

Es bleibt demnach festzuhalten, dass gerade über die Managementkonzepte von Ökosystemen zum Schutz derselben eine differenzierte Diskussion zu führen ist, welche auch innerhalb der Postwachstumsbewegung noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann.

 

Literaturverweise

Gomez-Baggethun, E., & Ruiz-Perez, M. (2011). Economic valuation and the commodification of ecosystem services. Progress in Physical Geography. 35, 613–628.

Kant, I. (1785). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Berlin.

Kosoy, N., & Corbera, E. (2010). Payments for ecosystem services as commodity fetishism. Ecological Economics. 69, 1228–1236.

Ostrom, E., 1990. Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Political Economy of Institutions and Decisions. Cambridge University Press, Cambridge.

Soares-filho, B. et al. (2016). Brazil ’ s Market for Trading Forest Certificates. Plos One. 1–17.

Swyngedouw, E. (2016). Entpolitisierung. In: D’Alisa, G., Demaria, F., Kallis, G.: Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. München.

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Josef Kaiser studiert aktuell im Master "Global Change Geography" an der Humboldt-Universität zu Berlin. Parallel gibt er im Sommersemester 2017 sowie Wintersemester 2017/18 das studentische und interdisziplinäre Projekttutorium "Grünes Wachstum versus Postwachstum. Im Spannungsfeld unterschiedlicher wirtschaftspolitischer Positionen zur Bewältigung aktueller sozioökologischer Herausforderungen", dessen Ziel unter anderem die Organisation von Dialogveranstaltungen ist. Daneben engagiert sich Josef Kaiser in der studentischen Initiative Nachhaltigkeitsbüro an der Humboldt-Universität zu Berlin, sowie im netzwerk n e.V.

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