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Was soll weiter wachsen?

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Eine Wirtschaft, die nicht mehr wächst, bedeutet freilich nicht, dass gar nichts mehr wächst. Wachsen sollen Dinge, die wir wirklich brauchen: Energie- und Mobilitätssysteme, die auch nach Peak Oil Bestand haben und dem Klima nicht weiter einheizen, oder lebensdienliche Einrichtungen wie gute Kindergärten, attraktive Schulen und Universitäten, die menschliche Entwicklung fördern. In ökonomischen Begriffen: Wachsen kann der „öffentliche Konsum“, der „private Konsum“ könnte durchaus schrumpfen – denn nicht alles, was wir kaufen, ist dem Leben zuträglich.

Und Wirtschaftsentwicklung heißt immer auch Strukturwandel – überdimensionierte Banken, Dinosauriertechnologien wie Autos mit Verbrennungsmotoren oder Kraftwerke mit Kohle- oder Atomstrom können durchaus verschwinden.

Ist Kapitalismus ohne Wachstum möglich?

Diese Frage ist in der Tat die Gretchenfrage. Wirtschaften im Kapitalismus basiert auf einer Rollenteilung: Die einen haben Geld und geben dieses für Investitionen in der Erwartung auf Rendite aus. Die anderen produzieren damit Werte – als Unternehmer ebenso wie als Arbeitnehmer. Liegen die Zinserwartungen der Gläubiger über den Wachstumsraten, so entsteht ein Problem. Der produzierte Mehrwert reicht nicht mehr aus, um Geldgeber, Unternehmer und Arbeitnehmer befriedigend zu entlohnen. Verschärfend wirkt das Ansteigen der Rohstoffpreise sowie der Defensivkosten – auch die Natur gibt es nicht kostenlos!

Der renommierte Ökonom Hans Christoph Binswanger spricht daher von einer „Wachstumsspirale“, geht aber davon aus, dass 1,5 Prozent Wachstum weltweit reichen, um der Deflation (Unternehmen hören in der Situation auf zu invstieren) zu entgehen.

Gelenktes Wachstum

Ein gelenktes Wachstum wäre jenes Wachstum, das Mittel dorthin leitet, wo tatsächlich Bedarf besteht. Und den gibt es: eine Milliarde Menschen leidet an Hunger, ist ausgeschlossen von funktionierender Wasserversorgung oder Elektrizität. Voraussetzung für dieses gelenkte Wachstum wäre „dienendes Geld in einer vernetzten, solidarischen Weltgesellschaft“.

Als Maßnahmen hierfür sind etwa zu nennen:

  • die Begrenzung der Finanzmarktgewinne und die Unterbindung von Finanzspekulation
  • die Finanzierung von nachhaltigen Entwicklungsprojekten durch Weltsteuern auf CO2, Rüstungs- und Finanzgeschäften wie dies die Global Marshall Plan Initiative fordert
  • der weltweite, offene Zugang zu Wissen und Knowhow
  • die Etablierung neuer, weniger auf Fremdkapital und Renditen an­gewiesener Unternehmensformen nach Stiftungs- und Genossenschaftsrecht
  • die Zurückdrängung der privaten und öffentlichen Verschuldung als falsche Wachstumsmotoren
  • die Verkürzung der Wertschöpfungsketten und damit der Abhän­gigkeiten von Zwischenfinanzierungen
  • damit zusammenhängend die Ausweitung der Regionalwirtschaft, die unabhängiger von internationalem Kapital macht, und der Auf­bau von Regionalwährungen
  • sowie generell die Zurückdrängung der Geldökonomie durch Kon­sumbegrenzung in den reichen Ländern, ermöglicht durch Ausweitung des Selbermachens und gemein­schaftlicher Arbeit in Tauschbeziehungen.

Mag. Hans Holzinger ist Wirtschafts- und Sozialgeograph. Er war dreißig Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, für die er weiterhin als Senior Advisor tätig ist. Zudem engagiert er sich bei den Scientists for Future. Im Mai 2024 ist sein neues Buch „Wirtschaftswende. Transformationsansätze und neue ökonomische Konzepte im Vergleich“ beim Münchner oekom-Verlag erschienen. Mehr: http://www.hans-holzinger.org/

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