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Von ostdeutschen Transformationserfahrungen lernen

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Mit normativer Wucht und empirisch oft unbelastet arbeiten Degrowth-Bewegte der jüngeren Generationen an der „Großen Transformation“. Für Menschen „mit Transformationshintergrund“ könnte der Reiz solcher Debatten begrenzt sein. So waren etwa die postsozialistischen Umbrüche in den Ländern Mittel- und Osteuropas nach 1989 von hohen sozialen Kosten begleitet und führten zu einer schweren wirtschaftlichen Rezession. Die schnelle Deindustrialisierung dieser Transformationsländer senkte zwar deren CO2-Emissionen deutlich. Sie ging allerdings auch mit einer beispiellosen Arbeitslosigkeit sowie andauernden Marginalisierungs- und Ausgrenzungsprozessen einher. Ein „degrowth by disaster“, das heute enorme soziale Sprengkraft zeigt. Es ist daher alles andere als offensichtlich, warum sich Menschen in den postsozialistischen Ländern für einen weiteren Transformationsversuch begeistern sollten.

Allerdings sind die Erfahrungen und Fähigkeiten, die die Menschen vor, während und nach den Umbrüchen erworben haben, in vielerlei Hinsicht für den Degrowth-Diskurs bedeutsam. Sie liefern wichtige Hinweise für die Gestaltung und Gestaltbarkeit von Transformationen. Sie zeigen Möglichkeiten, Bedingungen und Grenzen von Prozessen tiefgreifenden, emanzipatorischen Wandels auf. Und sie machen die bereits spürbaren gesellschaftlichen Konfliktlinien und zu erwartenden Auseinandersetzungen greifbarer. Nicht zuletzt bietet allein die andere Systemerfahrung der älteren Ost-Generationen dem jungen Degrowth-Diskurs entscheidende inhaltliche Beiträge. Hiervon zu lernen und mit den aktuellen emanzipatorischen und solidar-ökologischen Transformationsanliegen daran anzuschließen erscheint als Chance, die nicht verpasst werden sollte.

Dies ist unser Ausgangspunkt für unseren Konferenzbeitrag. In unserem Workshop geht es uns vor allem darum, den Kenntnisstand zur postsozialistischen Transformation des Ostens Deutschlands auf den Punkt zu bringen, durch Erfahrungsgeschichten der Menschen plastisch zu machen und zu benennen, was gelang, was scheiterte und wie dies heute noch nachwirkt. Wir wollen verstehen, welche Lektionen sich aus dem Transformationsprozess ziehen lassen, aber auch wie „zukunftsbefähigt“ die transformationserfahrenen Menschen mit Blick auf aktuelles Krisenerleben und eine „Große Transformation“ sind.

Transformation begreifen

Dem Ruf nach der Großen Transformation folgend, nehmen viele Suchbewegungen für alternative Gesellschaftsentwürfe erneut sozialistische Visionen in den Blick. Während also (auch auf der Konferenz) intensiv über Neosozialismen diskutiert wird, erscheint unser Postsozialismus-Fokus vielleicht nicht als naheliegender Debatten-Beitrag. Wir halten es jedoch für wesentlich, nicht nur für die neuen gesellschaftlichen Zielvorstellungen, sondern auch für die Übergänge von den „gescheiterten sozialistischen Experimenten“ zu lernen. Auch „1989/90“ wurzelte ja in der Suche nach alternativen Gesellschaftsentwürfen. Was im Fall der DDR heute auf Wende, Mauerfall und Wiedervereinigung reduziert wird, begann für viele als emanzipatorisch-revolutionärer Prozess, in dem die einen etwa einen „Sozialismus von unten“ entwickeln, andere einen „Dritten Weg“ finden wollten. Dieser offene Prozess erfuhr dann allerdings eine gänzlich andere Weichenstellung durch gut organisierte Minderheiten – zu schnell für basisdemokratische Lern- und Suchbewegungen und kaum angreifbar durch soziale Kämpfe. Er mündete letztlich in die Systemanpassung an den Kapitalismus. Die unvollendete Transformation steht heute für ein gescheitertes Experiment, das grundlegende Alternativen zum Bestehenden in Ost und West hätte hervorbringen können. Wenn wir also heute wieder vor Umbrüchen stehen und die solidar-ökologischen Kräfte diese als emanzipatorischen Transformationsprozess „gestalten“ wollen, ist eine Frage zentral: Was müssen wir über „1989/90“ begreifen, um heute wirksamer Gestaltungsmacht und -dynamik zu entwickeln?

Transformation erzählen

Was nicht festgehalten wurde, dessen wird sich später kaum erinnert oder es wird sogar organisiert vergessen, wie Milan Kundera es nannte. Das trifft wohl auch auf die ostdeutschen Erfahrungen in der Zeit des Umbruchs zu. Aus westdeutscher Sicht gab es weder 1989 noch in den 30 Jahren seither ein echtes Interesse an ostdeutschen Geschichten; die neue große Erzählung brauchte und wollte wenig mehr als die Elemente „ein Volk“ und „Systemsieger“. Im Osten selbst waren alle viel zu sehr mit ihrem Neuanfang beschäftigt. In einem Land, das ihnen so oberflächlich bekannt wie systematisch unbekannt war, mussten die Menschen Altes schnell ent- und Neues noch schneller erlernen. Damit gab es kaum Raum und Zeit – oder Anlass und Mut – das eigene Leben und Arbeiten zu reflektieren und ausdrücklich festzuhalten. Viele Menschen im Osten fangen daher gerade erst an, ihre eigene Geschichte der offiziellen Geschichtsschreibung „zur Wende“ entgegenzusetzen. Sie stellen fest, dass in der gesamtdeutschen Geschichte die ostdeutsche kaum ernsthaft vorkommt und zwischen dem eigenen Erleben und Wahrnehmen und der großen Erzählung eine Lücke klafft. Dieser Befund selbst, aber insbesondere auch die konkreten Erfahrungsgeschichten der Umbruchzeit enthalten für Degrowth-Interessierte wichtige Botschaften wie etwa: Knappheit ist nutzbar, Systeme sind wandelbar, Krisen sind lebbar und Neuland ist denkbar. Das erfahren zu haben und immer noch zu erfahren, ist vermutlich die große Transformationsbefähigung vieler Ostdeutscher, ihr ureigener „Vorsprung beim Suchen nach Alternativen“ (Links/Volke).

Transformation lernen

Welche Lehren ziehen wir aus der Forschung und den Erfahrungsberichten zur postsozialistischen Transformation – hätte es anders, besser gehen können und müssen? Was lässt sich verallgemeinern und für künftige Transformationen nutzbar machen? Welche Kontinuitäten in den Erfahrungen, Werten und Praktiken prägen, was für Menschen im Osten heute vorstellbar, wünschbar und machbar ist? Und wie anschlussfähig ist das an die „Große Transformation“? Um diese Fragen zu diskutieren, bringt der Workshop die Degrowth- mit der postsozialistischen Transformationsforschung und -praxis zusammen. Unsere Gäste sind Dr. Michael Thomas, der u.a. am Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien (BISS) postsozialistische und kritische Transformationsforschung betreibt und in regionalen Gestaltungsprojekten am sozial-ökologischen Umbau arbeitet, sowie Katrin und Nepomuk Rohnstock von Rohnstock Biografien, die in Erzählsalons das gemeinschaftliche Erinnern und Erzählen praktizieren und in vielfältigen Publikationen die Erfahrungsberichte Lausitzer Dorfbewohnerinnen, ehemaliger DDR-Kombinatsleiter oder Brandenburger Gewerkschafterinnen der Umbruchszeit festhalten. Wir laden sie zum Gespräch – und gemeinsam mit allen Teilnehmenden an die Runden Tische.

 

Links, Christoph, & Volke, Kristina (2009). Vorsprung beim Suchen nach Alternativen. Wie man ostdeutsche Krisenerfahrungen für die Lösung anstehender Probleme in ganz Deutschland nutzen kann. In: Links, Christoph, & Volke, Kristina (Hg.): Zukunft erfinden. Kreative Projekte in Ostdeutschland. Berlin: Ch. Links Verlag, S. 11-15.

 

Dieser Artikel ist Teil der Kooperation des Blog Postwachstum mit der Konferenz „Great Transformation: Die Zukunft moderner Gesellschaften“, die vom 23. bis 27. September 2019 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattfinden wird. Alle Artikel zur Konferenz finden Sie unter dem Schlagwort Great Transformation Jena.

 

Beitragsbild: © keep it balanced

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Jana Gebauer (Die Wirtschaft der Anderen) hat einen ostdeutschen Transformationshintergrund und betrachtet das Lernen von und mit den älteren Generationen in postsozialistischen Ländern als Chance, die die Degrowth-Bewegung nicht verpassen sollte.// Gerrit von Jorck (Technische Universität Berlin) arbeitete „vor Degrowth“ in Budapest zur politischen Ökonomie postsozialistischer Länder und fragt sich, wie diese Erfahrungen zusammengeführt werden können.// Lilian Pungas (Friedrich-Schiller-Universität Jena) ist gebürtige Estin und möchte die vielfältigen Praktiken einer "stillen Nachhaltigkeit" in den postsozialistischen Ländern als osteuropäisches Äquivalent von Degrowth, Suffizienz und "buen vivir" stärker sichtbar machen.

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