Standpunkte

Wohnen und (Post)Wachstum in Wien

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Der Sammelband „Housing for Degrowth“, den Anitra Nelson und François Schneider herausgegeben haben, beleuchtet ein Themenfeld, das in der Debatte um Postwachstum noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: Wohnen jenseits von „Wachstum“. Der Band vereint ein großes Spektrum an Beiträgen, die sowohl die Entwicklung in armen als auch in reichen Ländern beleuchten. Die Artikel gehen auf grundlegende Prinzipien des Wohnens unter den Vorzeichen von Postwachstum ein. Neben einer Diskussion architektonischer Innovationen finden sich Beiträge zu Hausbesetzungen oder zum kollektiven Wohnen. In meinem Beitrag für „Housing for Degrowth“ gehe ich auf die Rolle ein, die räumliche Maßstabsebenen in einer Postwachstumspolitik für städtischen Wohnraum spielen. Wien dient mir dabei als eine lokale Fallstudie, um Herausforderungen deutlich zu machen.

Wien wächst

„Wien ist eine wachsende Stadt“ – das ist das vorherrschende Bild von Wien in den maßgeblichen politischen Dokumenten der Regierung und Verwaltung der Stadt. Deshalb brauche es mehr Wohnbau – durch Nachverdichtung und Erweiterung der Stadt in der Peripherie. Dieses Wachstum wird als Zeichen einer erfolgreichen Stadtentwicklung betrachtet, weil sich Wien damit als attraktiv erweise. Diese Sichtweise ist dem Wachstumsparadigma verhaftet. Offenen Widerstand dagegen gibt es wenig. Er bleibt in der Öffentlichkeit meist unsichtbar und ist oft widersprüchlich. Doch zeigt er sich im lokalen Handeln von Menschen, die vom Wachstum der Stadt direkt betroffen sind und vereinzelt auch in Aktionen politischer Gruppen. Sie protestieren gegen die Versiegelung von wertvollem Ackerland oder setzen sich für den Erhalt ländlicher Landschaftsmerkmale und für Grünkorridore ein. Den Diskurs des politisch nicht organisierten Widerstands kennzeichnet dagegen eine Gemengelage aus rassistischen und konservativ-ökologischen Strängen, vermischt mit emanzipatorischen Elementen.

Soziale Herausforderungen

Zu Recht positioniert sich die Rot-Grüne Stadtregierung gegen die rassistische Politik der FPÖ. Die Stadt ist längst wieder ähnlich „multikulturell“ wie sie es zur Zeit der Habsburgermonarchie schon war. Und das ist gut so. Damals hatte die Wiener Bevölkerung den bisherigen Höchststand erreicht – eine Bevölkerungszahl, die in nicht allzu ferner Zukunft wieder erreicht werden könnte. Mit der „kulturellen Diversifizierung“, die vor allem seit der EU-Erweiterung eingesetzt hat, konnte Wien die erstickende Atmosphäre der Nachkriegsjahrzehnte hinter sich lassen.

Die Migration ist allerdings zugleich Ausdruck einer starken sozialen Ungleichheit, die unter anderem Akteure in Wien mit verantworten. So hat Kapital mit Sitz in Wien von der EU-Erweiterung sehr profitiert. Auf der anderen Seite hat es dazu beigetragen, die Ökonomien in Osteuropa zu schwächen. Attraktiv ist Wien auch für Menschen aus Deutschland. Hier wird z. T. ebenso ein Wohlstandsgefälle sichtbar. Zuwanderung schafft wenigstens einen minimalen Ausgleich. Auch davon abgesehen wäre eine Politik der Abschottung, wie die FPÖ sie propagiert, ethisch grundsätzlich inakzeptabel. Ein politisches Territorium ist nicht das Privateigentum einer bestimmten sozialen Gruppe. Abschottung wäre ebenso anachronistisch wie menschenfeindlich. Sie kann auch nicht die Antwort darauf sein, dass der Zuzug dazu führt, dass Ackerboden versiegelt wird. Die Versiegelung und den Ressourcenverbrauch für Neubauten einzudämmen bedarf stattdessen sozial angemessener Strategien.

Strategien für die Zukunft

Das große Gewicht des öffentlichen Wohnbaus in Wien – der international oft als Vorbild gilt – erlaubt es beispielsweise, für einen Teil der Neubauten die Wohnfläche bei gleichbleibender Qualität zu begrenzen. Diese „Smart Housing“-Politik in Wien ist ein erster Ansatz dafür, die fortlaufende Zunahme der individuellen Wohnfläche einzudämmen. Das ist ein wichtiges Element von Postwachstum. So umgesetzt wird allerdings auch die soziale Ungleichheit fortgeschrieben, denn die Wohnflächen im Privatsektor bleiben unreguliert.

Unter den gegebenen politischen Kräfteverhältnissen ist das Argument der Stadtregierung richtig: Neue Wohnbauten sind entscheidend wichtig, um die Mietpreise möglichst niedrig zu halten. Doch viel zu wenig wird in Wien diskutiert, wie man Wohnraum ohne Versiegelung und Neubau schaffen kann. Leerstand müsste genutzt, große versiegelte Flächen könnten umgenutzt werden. Und es müsste höher gebaut werden. Dagegen spricht außerhalb der inneren Bezirke nur die lokale Planungskultur.

Lokales Handeln wird einigen der Herausforderungen, die Postwachstum in der Stadt stellt, durchaus gerecht. Für andere strukturelle Probleme setzen rein lokale Strategien im urbanen Raum aber an den falschen Punkten an. Sie drohen dann, rassistischen oder konservativ-ökologischen Ansätze zuzuarbeiten. Postwachstum in der Stadt ist daher ein langfristiges politisches Projekt, das deutlich über die städtische Ebene hinausgehen muss.

 

von

Andreas Exner studierte Ökologie (Mag.) und Politikwissenschaften (Dr.). Dissertation zur Rolle Grüner Ökonomie im Nord-Süd-Verhältnis. Als Schasching-Fellow an der Katholischen Sozialakademie Österreichs Forschung zu Solidarischer Ökonomie im Kontext sozial-ökologischer Transformation. Seit 2019 Arbeit am Institut für Geographie der Universität Graz (Österreich). Forschungsschwerpunkte: transformative Ökonomien (Solidarische Ökonomie, Commons), Stadtentwicklung und die Nutzung natürlicher Ressourcen.

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