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Skizzen für eine zukunftsfähige Moderne

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Bevor der klimatische und gesellschaftliche Kollaps kommt und uns zu einer Neuausrichtung unserer Lebensweisen zwingt, sollten wir eine aktiv geplante Transformation jener Lebensweisen in Erwägung ziehen. Gesellschaftliche Wandlung „by disaster“ vs. „by design“. Wobei der erstrebenswerte Weg ganz klar jener „by design“ ist.

Dies ist die Ausgangsidee des Auftaktwerkes von Bernd Sommer und Harald Welzer in der Reihe „Transformationen“, welches auch gleichzeitig als Erklärung für die Notwendigkeit dieser Publikationsreihe verstanden werden kann.

In einer langen Einleitung gehen die Autoren auf problematische Symptome der bestehenden Welt(wirtschafts)ordnung ein und begründen ihre Themenwahl detailliert. Sie legen dar, warum gängige Konzepte der Nachhaltigkeit und Gesellschaftsumformung nicht funktionieren können und kontrastieren in weiteren Kapiteln, welche Charakteristika eine wünschenswerte Transformation aufweisen muss. Das Grundelement dafür ist eine gesellschaftliche Wandlung in Richtung Nachhaltigkeit. Anstatt aber bei der Wachstumskritik aufzuhören, wird dieses Werk mit Fallbeispielen existierender Transformationsvorgänge expliziter.

Lose eingefügt in die hinteren Kapitel untermauern die Autoren daher ihre Vorstellung einer geplanten Transformation mit Beispielen bestehender Transformationsansätze. Es verwundert ein wenig, dass ausgerechnet Beispiele aus der (reduktiven) Kunst den Auftakt dieser Beispiele darstellen, zumal die benannten Kunstwerke nicht gänzlich in einen Zusammenhang zur anvisierten gesellschaftlichen Transformation gestellt werden. Als Beispiele aus der Realität hätte der/die Leser/in gerne über weitere oder auch größere praktische Ansätze erfahren. Da dies nicht vorzufinden ist, liegt der Schluss nahe, dass es diese großen Ansätze noch gar nicht gibt.

Wie auch in der vorherrschenden wissenschaftlichen Diskussion im Postwachstumssektor, in der sich dieses Buch verorten lässt, besteht ein wichtiger Teil der Literatur hier erst einmal in der Definition des Dinges. Transformationsdesign nach Sommer und Welzer enthält unter anderem (oder kann enthalten) folgende eingängige Elemente: die Anwendung moralischer Fantasie und Intelligenz; das Streben nach kleinstmöglichem Aufwand; die Veränderung von kulturellen Praktiken, die Generation von Resilienz; und wird gleichzeitig stark abgegrenzt von der primären Suche nach nachhaltigen Produkten und Produktionsweisen. Um den vielgearteten Definitionen von Transformationsdesign gerecht zu werden, fließen im Text auch immer wieder Interviews mit Forscher/innen ein, die innerhalb der aktuellen Transformationsdebatte aktiv sind und mit ihren Sichtweisen alternative Definitionen des Titelthemas geben.

Da wir uns selbst unter den zunehmenden öffentlichen Diskussionen zu Nachhaltigkeitsthemen der nun eigentlich folgenden Umsetzungen jener theoretischen Erkenntnisse verweigern, ist dieses Werk eine willkommene Ermahnung. Als Augenöffner ziehen die Autoren die großen Transformationen der Geschichte heran. Weder Wandlungen im Zuge der industriellen Revolution, noch im Abolitionismus, noch in der Frauenbewegung waren durch einen sozialen Zusammenbruch bedingt. Auch waren jene Transformationen nie politisch geplant, sondern immer die Summe von vielen kleinen Veränderungen. Dies verdeutlicht auch dem/r Leser/in, dass der Beitrag eines jeden Akteurs gleichzusetzen ist mit einem kleinen Schritt auf dem langen transformatorischen Pfad. Der eigenen Bedeutungslosigkeit wird damit die Schärfe genommen.

Die dargelegten langfristigen Visionen überzeugen vor allem in ihrem Kontrast zu den üblichen kurzfristigen technologischen Lösungsvorschlägen, können gleichzeitig jedoch abschreckend ob ihrer Dimension und Auswirkungen auf den gewohnten Lebensstil wirken. Mit der Bereitschaft „sich selbst zu deprivilegieren“ appellieren die Autoren einmal sogar direkt an den/die Leser/in, der/die Teil der Transformation sein möchte.

Wenn dieses Buch ansonsten auch nicht zu direkten Handlungen aufruft, so regt es doch vor allem an, aus den gewohnten Denkmustern auszubrechen. Sommer und Welzer schlagen vor, dass die eigentlich zu führende Diskussion jene um die vorherrschenden Herrschaftsstrukturen sei, denn nur diese können den bestehenden Wachstumsökonomien ihre Stabilität und Legitimität geben. Auch oben genannte historische Transformationen waren immer auch Machtverschiebungen. Daraus folgt, dass Transformation bei Fragen zu den Herrschaftsstrukturen (welche letztendlich die soziale Gerechtigkeit betreffen) ansetzen muss. Die Wirtschaftsstruktur ergibt sich dann als Folge daraus. Das kann eine Doktrin des Wirtschaftswachstums sein, muss aber nicht. Umgekehrt wird eine soziale Transformation nur bedingt durch einen Änderungsanstoß beim Wirtschaftswachstum gelingen.

Das Buch gibt einen umfassenden und strukturierten Überblick über die wissenschaftliche Literatur und ist somit als Einstiegsliteratur mit Empfehlungen zur weiteren eigenen Lektüre zu verstehen.

Wachstumskritiker/innen und jene, die bereits von der Notwendigkeit einer wie auch immer gearteten Transformation überzeugt sind, werden in diesem Buch bekannte Gedanken zu Klimakrise und Ressourcenknappheit, bekannte Vertreter/innen der Nachhaltigkeitsforschung und -praxis und einzelne Bausteine einer zukunftsfähigen Gesellschaftsordnung wiederfinden. Neulingen wird diese Notwendigkeit von allen Seiten in Form von Zusammenfassung der ökologischen und soziologischen Diskurse nahegebracht. Einzig wissenschaftlich nicht vorbelastete Leser/innen könnten von der streckenweise komplizierten Wortwahl abgeschreckt werden, dieses Buch zu Ende zu lesen.

Bernd Sommer, Harald Welzer: ”Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne”, 2016, oekom verlag, München.

 

von

Sandra Schusser arbeitet zur Zeit im schwedischen Umeå an der Landwirtschaftlichen Universität. In ihrem Promotionsvorhaben beschäftigt sie sich mit erneuerbarer Energiewirtschaft und vermehrt mit umweltfreundlichem Konsumverhalten. Davor studierte sie Kulturwirtschaft in Passau und Wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum in Madrid und Lund. Der Widerspruch zwischen Studieninhalten und der real erlebten Welt war für sie der Anlass sich mit nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsgedanken auseinanderzusetzen.

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