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Postwachstum und Kapitalismus: Ein Widerspruch? (1)

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Der Artikel ist Teil einer Blogreihe zum Verhältnis von Postwachstum und Kapitalismus. #PoWaKap

Postwachstum braucht Solidarische Ökonomien

 

Marktwirtschaft und Kapital 

Die kapitalistische Wirtschaftsweise orientiert sich am Profit und produziert für Märkte unter Ausbeutung von Lohnarbeit. Sie wird zugleich mit einer enormen Ausweitung von Märkten durchgesetzt. Damit werden sowohl die menschliche Lebenszeit als auch die zum Leben notwendigen Mittel zu Waren. Der Profit wird zum Großteil erneut investiert. Diese Dynamik führt zu einem andauernden, von Krisen unterbrochenen Wachstum des Kapitals. 

Die Wachstumstendenz des Kapitals zieht eine Reihe von Problemen nach sich. So geht die Akkumulation des Kapitals in der Regel mit einer Zunahme von Ressourcendurchsätzen einher. Eine absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs ist ohne Krise nicht möglich.  

Denn Unternehmen, die am Markt operieren, können sich den Strukturtendenzen nicht entziehen, die mit Geldverhältnissen einhergehen. Zunächst ist damit ein Drang zum Wachstum verbunden. Geld befriedigt nämlich kein konkretes Bedürfnis. Sein Wachstum in Kapitalform unterliegt daher keiner Sättigung, keiner vernünftig bestimmbaren Begrenzung. Zweitens üben Geldverhältnisse auch einen Zwang zum Wachstum aus, der sich aus der Konkurrenz ergibt. Wer weniger investiert als die Konkurrenz, droht am Markt zu versagen. 

 

Ökonomien wieder einbetten 

Die selbstbezügliche und aus diesem Grund strukturell rücksichtslose Ökonomie des Kapitals muss auf einem Postwachstumspfad in sozial-ökologische Beziehungen eingebettet werden. Dafür gibt es viele Ansätze, die häufig als Solidarische Ökonomien bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um eine Vielfalt demokratischer Unternehmen, die soziale oder ökologische Ziele verfolgen. Dazu zählen u.a. Genossenschaften, sofern sie demokratisch organisiert sind, aber auch Initiativen wie etwa Food Coops, Solidarische Landwirtschaften oder Baugruppen. 

Diese Ansätze müssen rasch erheblich zunehmen, während der Markt schrumpft – und damit auch das Kapital. Jene kapitalistischen Unternehmen, die vernünftig weiterbetrieben werden können, müssen in Solidarische Ökonomien transformiert werden. Staatliche Körperschaften und Unternehmen sind ebenfalls solidarökonomisch zu restrukturieren. Dabei geht es darum, staatliche Herrschaft, die mit der Dominanz des Kapitals eng verbunden ist, in demokratische Steuerungsgremien aufzulösen. In Form von Multi-Stakeholder-Genossenschaften könnten z.B. die Strukturen staatlicher Daseinsvorsorge demokratisiert werden. 

Gleichzeitig muss der gesamte Ressourcendurchsatz drastisch zurückgehen, vor allem im Norden. Das ist nur über einen systematischen Produktionsrückgang zu haben, womit viele Erwerbsmöglichkeiten verloren gehen. Dies unterstreicht, dass der Postwachstumsprozess eine Solidarische Ökonomie erfordert, die Märkte nicht oder nur taktisch nutzt. Denn eine rückläufige Gesamtproduktion schränkt auch die üblichen sozialpolitischen Möglichkeiten ein, die auf der Besteuerung von Finanzflüssen einer wachsenden Kapitalwirtschaft beruhen.  

Postwachstum ist daher nur als Mehrebenen-Strategie von Wirtschaftsdemokratie denkbar. Diese besteht darin, wirtschaftliche Prozesse in sozial-ökologische Beziehungen einzubetten und demokratisch zu gestalten, das heißt den Markt zurückzudrängen. Grundsätzlich stehen Geldverhältnisse einer demokratischen Wirtschaftsplanung strukturell entgegen. Das Geld setzt Akteur*innen in Gegensatz zueinander: Gewinne der einen sind Verluste der anderen. Deshalb streben diese primär nach Geld anstatt Bedürfnisse demokratisch auszuhandeln. Ein Marktsozialismus, der Genossenschaften mit Märkten und wirtschaftlicher Rahmenplanung kombiniert, ist kaum eine plausible Alternative. Warum sollte eine Bewegung, die das Kapital überwindet, den Markt reproduzieren, und wie würde das praktisch geschehen? Auch kann ein Marktsozialismus nicht krisenlos schrumpfen und würde weiterhin einem Wachstumszwang unterliegen, wenn nicht gar einen Drang zum Wachstum aufweisen.  

Vielmehr ist eine Strategie erforderlich, die Robert Kurz schon 1997 wie folgt skizziert hat:  „Für eine emanzipatorische Bewegung (…) folgt daraus, daß sie (…) von den Dienstleistungen und den direkt in die Konsumtion eingehenden Endprodukten ausgehend dem Markt seine historische Beute wieder entreißen muß, um von diesen Endpunkten aus die gesamte Reproduktion aufzurollen und emanzipatorisch umzuformen, bis sie bei den Grundstoffen angelangt und das warenproduzierende System aufgehoben ist.“ Es geht dabei um „die Konstitution eines sozialen Raums der Kooperation (…), deren Tätigkeiten nicht wieder auf den Markt zurückführen, sondern in ihren Resultaten von den Beteiligten selber konsumiert werden“ (1). So könnten etwa mehrere Wohnbaugenossenschaften gemeinsam eine Lehmgrube und ein Ziegelwerk betreiben. Die Produzierenden würden in Naturalien entschädigt oder ehrenamtlich arbeiten. Als „Naturallohn“ kommt zunächst das Wohnrecht in solchen Anlagen in Betracht. Wenn ein Zusammenschluss von Wohnbaugenossenschaften mit einer Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi) kooperiert, wäre auch denkbar, dass die Mitglieder der Wohnbaugenossenschaften mit Nahrungsmitteln aus der SoLawi versorgt werden. Umgekehrt könnten deren Mitglieder in den Genuss von Wohnungen in den neuen Anlagen kommen.   

Dafür braucht es keinen Markt, sondern Kooperation und die demokratische Ausverhandlung von Bedürfnissen und Zeitaufwänden. Je nach Handlungsfeld würden sich die spezifischen Taktiken der Konstitution sozialer Räume der Kooperation unterscheiden, nicht aber ihr Grundprinzip, das darauf abzielen muss, Markt und Kapital systematisch auszutrocknen. 

 

Ausblick 

Solidarische Ökonomien müssen also dem Kapital dauerhaft und fortschreitend Ressourcen entziehen. Dabei handelt es sich um den Entzug von Lebenszeit (verausgabt von der „Ware Arbeitskraft“), von Ideen, Stoffen und Energien, aber auch von Anerkennung. Diese ist unter kapitalistischen Bedingungen mit einem so genannten Arbeitsplatz und einem möglichst hohen Einkommen verbunden, und überhöht kapitalistisch geprägte Technologien häufig. Die auf diesem Wege freigesetzten Ressourcen müssen systematisch im solidarökonomischen Sektor verbleiben. Zusätzlich könnten, wie u.a. Carsten Prien vorschlägt, beispielsweise Gewerkschaften bestimmte kapitalistische Unternehmen in den Bankrott streiken, wenn die Subsistenz der Arbeitenden nicht mehr (völlig) auf diese Unternehmen angewiesen ist, und über Gelder der Streikkasse ausrangierte aber funktionsfähige Produktionsmittel aneignen.  

Das grundlegende strategische Prinzip den kapitalistischen Sektor durch Aufrollung des gesellschaftlichen Produktionszusammenhangs von der Reproduktion her auszutrocknen, sollte nach Möglichkeit mit einer Reorganisation sozial-räumlicher Verhältnisse einhergehen. So formuliert etwa Hans Widmer (früher „P.M.“) eine subsidiäre Vision gesellschaftlicher Arbeitsteilung, die der Funktionalität von Postwachstum auch räumlich entspricht.  

Von einer solchen Vision und Strategie sind wir momentan weit entfernt. Einfacher ist Postwachstum aber nicht zu haben. Es ist daher entscheidend, dass die Debatte sich weiterentwickelt, die Strukturzwänge kapitalistischer Ökonomie reflektiert, konkrete Strategievorschläge ausarbeitet und im Verein mit möglichst vielen Akteur:innen umsetzt. Andernfalls wird Postwachstum ein Luftschloss bleiben, in dem die Ansprüche an eine sozial-ökologisch nachhaltige, demokratische und konviviale Gesellschaft verpuffen werden. 

(1) exit-online.org, „Antiökonomie und Antipolitik“, Robert Kurz, 1997 
 

 Zum Weiterlesen 

Exner, A. (2022): Ökonomien der Gabe. Frühsozialismus, Katholische Soziallehre und Solidarisches Wirtschaften. Mandelbaum, Wien. 

von

Andrea*s Exner studierte Ökologie (Mag.) und Politikwissenschaften (Dr.). Dissertation zur Rolle Grüner Ökonomie im Nord-Süd-Verhältnis. Als Schasching-Fellow an der Katholischen Sozialakademie Österreichs Forschung zu Solidarischer Ökonomie im Kontext sozial-ökologischer Transformation. Derzeitige Forschung bei RCE Graz-Styria, Zentrum für nachhaltige Gesellschaftstransformation der Universität Graz.

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