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Postwachstum und gesellschaftliches Wohlbefinden

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Die Debatte rund um andere Arten zu Wirtschaften und die Kritik am immerwährenden Wachstumszwang wurde in den letzten Jahren immer intensiver und breiter. Neben den Beweggründen, die eher ökologischer Art sind, werden von einer Abkehr von diesem Wachstumszwang gerade von Postwachstums-Befürworter/innen positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Wohlbefinden der Menschen erwartet.

Diesen Punkt greifen die Autor/innen des Buches „Postgrowth and Wellbeing – Challenges to Sustainable Welfare“ auf und nennen in einem vorstellenden Blogbeitrag ihre zentralen Argumente: Grundsätzlich teilen sie die Ansicht, dass sich aus Sicht der globalen und der Generationengerechtigkeit eine Notwendigkeit für ein Ende des Wachstums ergibt. Aber von der Position, dass weniger Wachstum sich automatisch positiv auf das Wohlbefinden auswirken würde, sind sie nicht überzeugt. In ihrem Buch möchten Milena Büchs und Max Koch den von ihnen ausgemachten blinden Fleck bei der Verbindung von Postwachstum und gesellschaftlichem Wohlbefinden kritisch ausleuchten.

Das Format des Buches ist zu Anfang ungewöhnlich. Obwohl das Buch kein Sammelband oder keine Zweitveröffentlichung von Artikeln ist, sind die Kapitel wie Zeitschriftenartikel aufgebaut. Sie können fast wie bei einem Sammelband für sich alleine stehen und sind auch so strukturiert. Das hat Vor- und Nachteile. Durch die Strukturierung jedes Kapitels mit Abstract, Einleitung, Hauptteil und einer Zusammenfassung wird selektives Lesen erleichtert. Wird das Buch als Ganzes gelesen, kommt es aber durch diese Struktur zu inhaltlichen Doppelungen.

Das Buch geht der Frage nach, wie die Postwachstumsstrategien sich auf das Wohlbefinden auswirken und wie unterstützende (Politik-)Maßnahmen aussehen könnten. Für Koch und Büchs ist dabei ‚Postgrowth‘ ein Oberbegriff, den sie bei ihrer Untersuchung auf die Auswirkungen auf das Wohlbefinden anwenden. Dabei schauen sie sich einerseits die Positionen bei einer Steady-State Economy und einmal das ganzheitlichere Konzept Degrowth an (vgl. S.48).

Nach einer Einleitung liefern die Autor/innen eine kurze Herleitung der kapitalistischen Entwicklung und des Wachstumsparadigmas. Es wird herausgestellt, dass Wachstum ein (historisch gesehen) recht neues Phänomen ist. Die frühen klassischen Wirtschaftstheoretiker (Smith, Ricardo, Mill) werden bezüglich ihrer Positionen zum Wirtschaftswachstum beleuchtet und auch das Verständnis von Wachstum bei Marx wird dargelegt. Daraufhin wird ein Überblick über bisherige Positionen und Argumente der Wachstumskritik geboten und die Verbindung von Postwachstum und Wohlbefinden wird näher betrachtet.  Hierbei wird das Wohlbefinden in zwei Dimensionen charakterisiert und jeweils auf der subjektiven und der objektiven Ebene mögliche Änderungen bei einer stagnierenden Wirtschaft angeschaut.

Bis hier liefern die thematischen Kapitel (2-5) für Einsteiger/innen in das Thema jeweils einen kurzen, aber umfassenden Einblick in die Thematik und können auch von Leser/innen ohne große Vorkenntnisse sehr gut verstanden und genutzt werden. Für Kenner/innen des Postwachstumsdiskurses sind sicherlich die Ausführungen zum gesellschaftlichen Wohlbefinden spannender als die grundlegenden Thesen des Postwachstumsdiskurses.

Im folgenden Abschnitt (Kapitel 6) wird dann analytische Vorarbeit für soziologische Fragestellungen geleistet und das Feld für weitere Untersuchungen im Bereich der Wechselbeziehungen zwischen strukturierenden Dimensionen des Handelns und dem gesellschaftlichen Wandel eröffnet.

Am Ende sprechen die Autor/innen Empfehlungen für Politikmaßnahmen für eine Verbindung von für den Klimaschutz unabwendbarem Postwachstum und für einen tatsächlich positiven Einfluss auf das gesellschaftliche Wohlbefinden an. Aus ihrer Analyse schließen die Autor/innen die Notwendigkeit, global eine bessere Koordination für eine nachhaltigere und gerechtere Entwicklung zu erreichen. Diskutierte Ansätze sind dabei ein zu erhöhender Status von bestehenden oder neu zu schaffenden UN Gremien zu diesen Themen.  Auf nationaler Ebene wird die Wichtigkeit des Wohlfahrtstaates für eine Politik der Umverteilung hervorgehoben. Instrumente wie die Arbeitszeitverkürzung oder eine sozial-ökologische Steuerreform sind dabei (Politik-)Maßnahmen, die in Einklang mit einem Postwachstumspfad stehen könnten.

Die beschriebenen Maßnahmen bieten eine interessante Übersicht, sind jedoch keineswegs neu in der Postwachstumsbewegung. Die angesprochenen Punkte sind fester Bestandteil des bestehenden Diskurses. Dennoch bietet das Buch einen Mehrwert, da von den Autor/innen eine durchdachte, kritische Würdigung einer häufigen Annahme, und zwar der positiven Auswirkung von Postwachstum auf das Wohlbefinden, vorgelegt wurde.

 

Büchs, Milena/ Koch, Max. 2017. Postgrowth and Wellbeing – Challenges to Sustainable Welfare. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

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