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Postwachstum & Wellbeing- Synergie oder Konflikt?

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Warum sollte man sich für eine Abkehr vom Wachstumsparadigma einsetzen?

Befürworter/innen von Postwachstum gehen mitunter davon aus, dass dieses sich gewissermaßen automatisch positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken wird. In unserem Buch “Postgrowth and Wellbeing – Challenges to Sustainable Welfare” (Palgrave 2017) diskutieren wir diese Annahme kritisch.

Aus Sicht der globalen und Generationengerechtigkeit stimmen wir der Forderung nach einem Ende des Wachstums vollständig zu. Dies geht auf das Argument zurück, dass Wirtschaftswachstum einer der wichtigsten für steigende Treibhausgasemissionen und somit den Klimawandel verantwortlichen Faktoren ist, und sich Wachstum und Emissionen zwar relativ, aber nicht absolut gesehen entkoppeln lassen (Ward et al., 2016; Wiedmann et al., 2015). Eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum muss, neben technologischer Innovation, somit zum Kernbestandteil der Bekämpfung des Klimawandels gehören.

Weiterhin ist hier das Argument wichtig, dass die Gefahr besteht, dass der Klimawandel die Grundlagen für die Befriedigung selbst fundamentaler Bedürfnisse zukünftiger Generationen unterminieren wird. Dies geschieht sowohl direkt, z. B. durch Auswirkungen von Wetterextremen, als auch indirekt durch Folgen des Klimawandels für Lebensmittelproduktion oder Wanderung und Ausbreitung von Krankheitsträgern und Viren (IPCC, 2014). Aus Sicht der Generationengerechtigkeit leitet sich somit, zumindest für die reichen Länder des Nordens, geradezu eine Verpflichtung zur Abkehr vom Wachstum ab.

Wohlbefinden – auch ein Argument für Postwachstum?

Befürworter/innen von Postwachstum argumentieren gemeinhin, dass dies mit dem Erhalt gesellschaftlichen Wohlbefindens kompatibel ist. Eines der Hauptargumente ist hier, dass steigendes Einkommen auf lange Sicht nicht “glücklicher” macht, wie die auf Easterlin (1974) aufbauende Forschung vielfach gezeigt hat. Ein weiteres Argument baut auf einen breiteren Begriff des Wohlbefindens auf, der ein “erfülltes” Leben und Selbstentfaltung betont. Hier argumentieren Postwachstumsoptimist/innen, dass das Wirtschaftswachstum und der damit verbundene Wettbewerb sowie Stress und Individualisierung die Quellen eines “erfüllten Lebens” unterminieren.

Das sind gute und plausible Argumente. Dennoch weisen wir in dem Buch auf mehrere Gründe hin, aufgrund derer wir diesem „Wohlbefindensoptimismus“ nicht gänzlich zustimmen können. Der erste bezieht sich auf die subjektive, kollektive Wahrnehmung von Wachstum und derzeitigen Lebensstandards. Mehrere empirische Studien zeigen, dass Lebenszufriedenheit in Ländern, die eine ökonomische Krise durchmachen, oft fällt. Dies kann mit dem Konzept der “loss aversion” (Tversky and Kahneman, 1991) erklärt werden, demzufolge Menschen viel stärker auf Verluste als auf Gewinne reagieren: Werte und Erwartungshaltungen an Lebensqualität passen sich schnell nach oben, aber nicht nach unten an.

Zweitens ist das Funktionieren von Wohlfahrtsstaaten derzeit vom Wachstum abhängig. Wenn auch nicht uneingeschränkt, so tragen diese doch in vielerlei Hinsicht zum gesellschaftlichen Wohlbefinden bei, z. B. über Gesundheitsversorgung, Bildung, und ein gewisses Maß an Umverteilung.

Drittens werden sich auf dem Weg zur Postwachstumsgesellschaft eine ganze Reihe von gesellschaftlichen Institutionen zugleich ändern müssen, da sie in ihrer Funktionsweise momentan an Wachstum gekoppelt sind. Hierfür gibt es jedoch unter demokratischen Vorzeichen wenig historische Beispiele. Damit zusammenhängend stellt sich die Frage, wie sich rapider gesellschaftlicher Wandel auf gesellschaftliches Wohlbefinden auswirken mag. Hier ist die Einsicht wichtig, dass der Wachstumsgedanke uns allen viel tiefer in “Fleisch und Blut” übergegangen ist, als wir es vielleicht selber ahnen (Göpel, 2016; Koch, 2017). Eine rapide Abkehr von dieser Formation würde derzeitige Identitäten, gesellschaftliche Beziehungen, Normen und Institutionen grundlegend in Frage stellen und könnte somit zu Orientierungslosigkeit und Destabilisierung beitragen. Zusammengenommen, könnte diese Situation schnell zu Anomie (Durkheim) und damit zu einem Rückgang des Wohlbefindens führen.

Wie also weiter?

Diese Gedankengänge wollen wir nicht als konservativen Skeptizismus gegen eine sozial-ökologische Transformation verstanden wissen; ganz im Gegenteil. Vielmehr geht es uns darum, mögliche Ursachen von Wohlbefindenseinbußen besser zu verstehen, um ihnen bei der Gestaltung des Übergangs zur Postwachstumsgesellschaft entgegenwirken zu können. In unserem Buch greifen wir eine Reihe von Vorschlägen auf, die in unseren Augen dazu beitragen könnten, Wohlbefindenseinbußen zumindest in erträglichen Grenzen zu halten. Ganz oben auf dieser Liste steht eine gerechtere Verteilung finanzieller und anderer Ressourcen – eine fundamentale Grundlage zur Einschränkung gesellschaftlicher Konflikte. Eine bessere internationale Koordinierung zur globalen Kappung und Reduktion von Treibhausgasen sowie eine alternative Wohlfahrtsorientierung an der Befriedigung von Grundbedürfnissen wären weitere wichtige Schritte.

Büchs, Milena/ Koch, Max. 2017. Postgrowth and Wellbeing – Challenges to Sustainable Welfare. Basingstoke: Palgrave Macmillan.

 

Referenzen

Easterlin, R.A., (1974) Does Economic Growth Improve the Human Lot?, in: David, P.A., Rede, M.W. (Eds.), Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz. Academic Press, New York, pp. 89-125.

Göpel, M. (2016) The Great Mindshift: How a New Economic Paradigm and Sustainability Transformations go Hand in Hand. Springer.

IPCC (2014) Climate Change 2014: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Part A: Global and Sectoral Aspects. Contribution of Working Group II to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge.

Koch, M. (2017) Die Naturalisierung des Wachstums in Produktion und Konsumtion: Von Marx über den Regulationsansatz zu Bourdieu. PROKLA –Zeitschrift fuer kritische Sozialwissenschaft 47, 635-652.

Tversky, A., Kahneman, D. (1991) Loss Aversion in Riskless Choice: A Reference-Dependent Model. The Quarterly Journal of Economics 106, 1039-1061.

Ward, J.D., Sutton, P.C., Werner, A.D., Costanza, R., Mohr, S.H., Simmons, C.T. (2016) Is Decoupling GDP Growth from Environmental Impact Possible? Plos One 11, e0164733.

Wiedmann, T.O., Schandl, H., Lenzen, M., Moran, D., Suh, S., West, J., Kanemoto, K. (2015) The material footprint of nations. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 112, 6271-6276.

 

Beitragsbild: Andrew Claypool auf Unsplash 

 

von

Milena Büchs ist Associate Professor in Sustainability, Economics and Low Carbon Transitions an der University of Leeds, UK. Ihre Forschung konzentriert sich auf soziale Dimensionen des Wandels zur nachhaltigen Gesellschaft. Ausgewählte frühere Publikationen: Büchs M; Saunders C; Wallbridge R; Smith G; Bardsley N (2015) Identifying and explaining framing strategies of low carbon lifestyle movement organisations, Global Environmental Change, 35, pp.307-315; Büchs M; Schnepf SV (2013) Who emits most? Associations between socio-economic factors and UK households' home energy, transport, indirect and total CO2 emissions, Ecological Economics, 90, pp.114-123.// Max Koch ist Professor für Sozialpolitik an der Universität Lund. Er beschäftigt sich mit Fragen der Postwachstumsgesellschaft, politischen Ökonomie sowie Sozial- und Umweltpolitik. Frühere Bücher zum Thema: Capitalism and Climate Change. Theoretical Discussion, Historical Development and Policy Responses, London: Palgrave MacMillan, und Sustainability and the Political Economy of Welfare, London: Routledge (Mitherausgeber mit Oksana Mont).

2 Kommentare

  1. Alfred Reimann sagt am 18. März 2018

    Wir bauchen eine bessere Theorie, die den Zusammenhang zwischen Motiv und Handlungsweise auf das Wohlbefinden verdeutlicht. Natürlich ist das „Warum“ und „Wie“ wir handeln entscheidend für den Gewinn oder Verlust an Wohlbefinden.

    Leider sieht man bei anderen eher „Was“ und „Womit“ jemand etwas tut. Obwohl das ab einem gewissen Stand der Grundversorgung weitgehend nebensächlich ist. Ab einem gewissen Wohlstand, der Menge von Produkten und Geld, wird sogar das Wohlbefinden und die Zufriedenheit geschadet.

    Leider gibt es diese Theorie erst als vorläufige Version. Interessenten können sie von mir unter info@alfredreimann.de anfordern. Freue mich über jede Unterstützung.

  2. Folgende Frage drängt sich mir auf:

    Von welchen Faktoren hängt es ab, ob die Erkenntnis der Notwendigkeit einer dramatischen Einschränkung des Ressourcenverbrauchs und damit auch einer bewussten – und das hieße am Ende nichts weniger als einer weltgemeinschaftlich bestimmten – Steuerung der Auswahl von Produkten und Produktionsweisen, deren Produktion bzw. Anwendung schrumpfen, gleich bleiben oder gar wachsen sollen, eher als feierliche Herausforderung gesehen wird, oder Angst und rechtspopulistisches Verrücktspielen auslöst?

    Das hängt leider nicht so sehr am Grad des Ausgemaltbekommens all der schrecklichen Folgen, wenn man das notwendige Grenzensetzen nicht – rechtzeitig – hinbekäme. Die Bereitschaft, sich dafür zu interessieren hängt sehr stark davon ab, wer genau dabei unter welchen Umständen was genau zu verlieren oder zu gewinnen hätte. Drohen Lebensperspektiven, Erspartes, Eigentum, Arbeitsplätze, gewohnte Umgebungen etc. verloren zu gehen, macht das selten Appetit auf Informationen, die die Notwendigkeit erkennen lassen, dass die Grundlagen des höchstpersönlich eigenen Wohlergehen schrumpfen oder gar verschwinden sollen. Das führt zu der Frage, wie die existenzielle Abhängigkeit von Einkommen aus sozio-ökologisch desaströsen Produktlinien oder -methoden minimiert und schließlich ganz aufgehoben werden kann. Welche Arbeitszeiten sollen in Zukunft normal sein? Wer oder was soll wie dazu gebracht werden, für die notwendigen Umschulungen, Fortbildungen, Hilfe bei Ortswechsel etc. zu sorgen? Brauchen wir ein bedingungslos garantiertes Grundeinkommen? National? Global? Brauchen wir vielleicht einen nichtkomerziellen Freizeit- Bildungs- und Beschäftigungssektor, der der notwendige Transformation zu einem (Welt-) Wirtschaften innerhalb der Grenzen gesamtgesellschaftlicher bzw. ökologischer Vernunft verpflichtet ist?

    Begeisterung können solche Perspektiven meines Erachtens nur auslösen, wenn es gelingt, eine öffentliche Debatte um Konzepte zu entfachen, deren Umsetzung 1.) tatsächlich geeignet wäre, die an die Wand gemalten Katastrophen zu vermeiden, 2.) Wege zu erschließen, die das Tun und Lassen jeder und jedes einzelnen zum selbstbewussten Element der notwendigen Transformation machten, was voraussetzte, dass dabei 3.) weltweit bestehende Ungerechtigkeiten bzw. Ungleichheiten in den Lebenschancen abgebaut werden und natürlich 4.) weltweit Behauptungsbedingungen erforderlich machen, die angstfreie Entscheidungen tatsächlich zulassen.

    Zum Punkt zwei wären das etwa Dinge, die auf die Etablierung eines Welthandelsregimes hinauslaufen, unter dem Raubbau an Mensch und Natur nicht länger am Markt belohnt würde – etwa durch Zölle, die entlang von Nachhaltigkeitskriterien erhoben würden und die für den Umbau nötigen Finanzressourcen erschließen helfen.

    Wem das zu wenig realpolitisch klingt, möchte ich zur Erweiterung der eigenen Perspektive Kate Rawoths Buch über Donut Ökonomie zur Lektüre empfehlen. Sie macht in diesem Monat eine Lesereise anlässlich der Herausgabe der deutschen Ausgabe.

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