Rezensionen

Ökologische Wachstumskritik als Modernekritik

Kommentare 3

9783837627763_216x1000Mit seinem aktuellen Buch „Mehr oder weniger? Zur Soziologie ökologischer Wachstumskritik und nachhaltiger Entwicklung“ (Transcript Verlag, 2014) verfolgt der Soziologe Stephan Lorenz zwei Anliegen. Zum einen will er das Kernanliegen ökologischer Wachstumskritik herausarbeiten und betrachtet sie dabei mit ihrem kritischen Fokus auf Industrialismus und Konsum als Teil der Modernekritik. Zum anderen will er ökologische Wachstumskritik als soziologisches Thema stark machen. Der Soziologie stünde die Aufgabe zu, die Verfahrensweisen nachhaltiger Entwicklung kritisch zu rekonstruieren. Die ökologische Wachstumskritik richte das Augenmerk auf das Auseinanderfallen von Mitteln und Zwecken gesellschaftlichen Handelns. Dieses gelte es durch entsprechende demokratische Verfahren zu rejustieren.

Zunächst stellt Lorenz die Ursprünge ökologischer Wachstumskritik anhand Henry David Thoreaus heraus (Kapitel 2). Im Folgenden verortet er die ökologische Wachstumskritik innerhalb der Industrialismus- und Konsumtheorie (Kapitel 3 und 4). Der erste Teil endet mit einer prägnanten Darstellung verschiedener Steigerungstheoreme (Kapitel 5). Im zweiten Teil stellt Lorenz Anforderungen an eine Soziologie als Verfahrenswissenschaft heraus (Kapitel 6) und zeigt dabei die besondere Bedeutung von Mittel-Zweck-Relationen auf (Kapitel 7).

Lorenz weist darauf hin, dass die ökologische Wachstumskritik seit den Zeiten Henry David Thoreaus Mitte des 19. Jahrhunderts neben der ökologischen Dimension immer auch eine soziale Dimension innehatte. Die ökologische Kritik beschränkt sich nicht auf die Kritik an der Zerstörung der Lebensgrundlagen und der Natur sondern hinterfragt die Sinn- und Zweckhaftigkeit moderner Errungenschaften. In diesem Sinne folgt die Ökologische Modernisierung der Logik der modernen Industriegesellschaften. Sie vertraut auf technische Errungenschaften, Werkzeuge und Mittel, deren Auswirkungen nicht mehr zu kontrollieren sind.

Nachhaltige Entwicklung – bloß eine Frage des Verfahrens?

Lorenz plädiert im zweiten Teil seines Buches dafür, sich insbesondere als Soziologie verstärkt dem Verfahren nachhaltiger Entwicklung zu widmen und der Art und Weise, wie Ziele einer solchen gesellschaftlichen Systemtransformation bestimmt werden, Aufmerksamkeit zu schenken. Sie solle die Mittel-Zweck-Relationen rekonstruieren und ihr Zustandekommen analysieren sowie Vorschläge zur Demokratisierung von gesellschaftlichen Zielfindungen entwickeln. Dieses Forschungsprogramm kann sicherlich einen wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung leisten, jedoch beschränkt Lorenz die Soziologie damit auf eine reine Verfahrenswissenschaft.

Dies ist sicherlich ein Weg, wie sich die Soziologie stärker in die Wachstumsdebatte einbringen könnte. Die Soziologie sollte sich jedoch nicht darauf beschränken, sondern sich in die Debatte um Zwecke einbringen und auf die Suche nach einer neuen gesellschaftlichen Erzählung begeben.

Die Stärke dieses Buches ist in der soziologischen Einbettung der ökologischen Wachstumskritik zu sehen. Lorenz zeigt deutlich deren Bezug zur Modernekritik auf und stellt die gesellschaftlichen Dimensionen heraus. Als Konsumsoziologe arbeitet er sich dabei jedoch stark am Mäßigungsdiskurs ab. Offen bleibt eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit kapitalismus- und arbeitskritischen Wachstumskritiken, wie beispielsweise dem Degrowth-Diskurs. Derlei Perspektiven sehen eine gesellschaftliche Systemtransformation als Mittel zum Zweck einer ökologisch und sozial nachhaltigen Entwicklung an.

Das Buch richtet sich vor allem an diejenigen, die sich für die gesellschaftliche Dimension ökologischer Wachstumskritik interessieren. Es ist dabei sowohl für Expert(inn)en interessant, als auch als Einstiegslektüre geeignet.


Stephan Lorenz: Mehr oder weniger? Zur Soziologie ökologischer Wachstumskritik und nachhaltiger Entwicklung. Transcript, 2014. 144 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-8376-2776-3

Erstveröffentlichung der Rezension in Ökologisches Wirtschaften (4), 2014.

3 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert