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Futuring. Perspektiven der Transformation im Kapitalismus

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Futuring_CoverIn diesem Band aus dem Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung wird der gegenwärtig geführte Diskurs um eine sozial-ökologische Transformation oder auch Große Transformation aus gesellschaftskritischer Perspektive analysiert. Der Transformationsdiskurs wird dabei als Zugriff auf Zukünfte verstanden und somit als zentrales Element von Macht. Anspruch der Autor/innen ist es dem hegemonialen Futuring ein gegenhegemoniales Futuring entgegenzusetzen.

Nach einer ausführlichen Einführung in das Verständnis der Transformation als Futuring durch Rainer Rilling werden im ersten Teil des Bandes konzeptionelle Ansätze eines emanzipatorischen Transformationsbegriffs entwickelt (u.a. Rolf Reißig, Dieter Klein). Im zweiten Teil des Bandes werden Dimensionen und Szenarien der Transformation im und über den Kapitalismus hinaus skizziert (u.a. Frigga Haug, Miachel Brie, Ulrich Brand, Mario Candeias). Abschließend werden im dritten Teil des Bandes Akteurskonstellationen einer Transformation diskutiert (u.a. Judith Dellheim, Lutz Brangsch, Alex Demirovic).

Zur Normativität der Deutung von Zukunft
Rilling hebt hervor, dass Systemwechsel in kapitalistischen Szenarioanalysen nur selten vorkommen. Lösungsansätze der multiplen Krise werden zwar in unterschiedlichsten Szenarien erörtert, jedoch ohne dabei grundsätzliche Strukturen in Frage zu stellen. Die Kreierung von Zukünften bleibt im Rahmen des politisch Gewollten. Die Debatte um die Deutung von Zukünften ist demnach nicht neutral. Vielmehr wird Zukunft über Futuring herrschaftlich hergestellt und vergegenwärtigt. Die Entwicklung von Zukünften dient vor allem der Einflussnahme auf die Gegenwart. Trotz dieser sozialen und herrschaftlichen Konstruktion von Zukunft ist diese letztlich Objekt politischer Entscheidungen. Die Zukunft existiert zwar nicht und wird sich auch niemals so realisieren, wie sie hegemonial kreiert wurde, doch sie nimmt bereits einen starken Einfluss auf unsere Handlungen in der Gegenwart. Im Kern der Zukunftspolitik steht der Einfluss einer entworfenen Zukunft auf gegenwärtige Machtverhältnisse und weniger die tatsächliche Realisierung eines zukünftigen Szenarios. Zeitverhältnisse sind daher als umkämpfte Machtverhältnisse zu verstehen.
Transformation stellt laut Reißig eine spezifische Form herrschaftlichen Futurings dar. Anfänglich als rein deskriptiver Begriff für die gesellschaftlichen Umbrüche der postsozialistischen Transformation gebraucht, handelt es sich hierbei in der neueren Ökologie- und Klimadebatte um einen normativen Begriff, welcher im Konflikt um Hegemonie steht. Transformation ist als bewusst herbeigeführter sozioökonomischer und soziokultureller Wandel hin zu einem sozialökologischen Akkumulationsregime zu verstehen, bei dem die bisher dominierenden Kräfteverhältnisse grundlegend verändert werden. Dieser Übergang zu einem neuen Regime ist nicht planbar, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Such- und Aushandlungsprozesse.

Doppelte Transformation
Dieser Such- und Aushandlungsprozess findet laut Klein in einer doppelten Transformationsstrategie statt: Zum einen innerhalb des Kapitalismus als passive Revolution von oben und zum anderen über den Kapitalismus hinaus in Form von Einstiegsprojekten von unten. Die multiple Krise der imperialen Lebensweise gefährdet die Akzeptanz des dominierenden Herrschaftsverhältnisses eines neoliberalen Kapitalismus. Eine Seite der doppelten Transformationsstrategie könnte daher dessen Neuentdeckung als Grüner Kapitalismus darstellen. Darüber bliebe das dominierende Herrschaftsverhältnis zwar bestehen, zugleich änderten sich jedoch die gesellschaftlichen Verhältnisse weitgehend. Auf der anderen Seite würden antikapitalistische Einstiegsprojekte alternative Produktions- und Lebensweisen aufzeigen und die Hegemonie eines Grünen Kapitalismus in Frage stellen. Gesellschaftlichen Veränderungen von oben zur Bewahrung der hegemonialen Machtstellung stünden also in der doppelten Transformationsstrategie gegenhegemoniale Veränderungen von unten gegenüber.

Transformation in uns, um uns und über uns hinaus
Während Candeias und Brand im zweiten Teil (Dimensionen und Szenarien) des Bandes Szenarien solcher passiven Revolutionen aufzeigen, bietet Haugs Vier-In-Einem-Perspektive, welche eine feministische Kritik an der Arbeitszeit darstellt, einen theoretischen Rahmen für Einstiegsprojekte von unten in die Umverteilung von Zeit an. Umverteilung innerhalb einer transformatorischen Realpolitik geht laut Brie über rein ökonomische Fragen hinaus und nimmt die Verteilung ökologischen, sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Reichtums in den Fokus.
Transformation muss daher mehrdimensional verstanden werden. Sie verändert die gesellschaftlichen Naturverhältnisse, gesellschaftliche Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, Verhältnisse der Regulierung und kulturelle Verhältnisse. Transformation geht demnach weit über ökologische Fragestellungen hinaus.
Wird Transformation so breit verstanden, kommt man mit Haug schnell zu der Frage, wie sich der Kapitalismus in uns überwinden lässt. Eine Transformation von unten erfordert die Überwindung mentaler Infrastrukturen. Transformation ist hier als gesellschaftlicher Lernprozess zu verstehen. Dabei muss Transformation so gestaltet sein, dass Veränderungen bereits im Prozess erfahrbar sind.

Transformation – Ja, aber welche?
Brand betont die Notwendigkeit einer kritischen Transformationsdebatte, welche den Gegensatz von Gesellschaft und Umwelt in ihrer Analyse aufhebt und die Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise sowie der Hegemonie der gegenwärtigen Produktions- und Lebensweise stärker in die Analyse mit einbezieht.
Dabei stehen laut Candeias vier Szenarien einer Transformation miteinander im Konflikt: Ein autoritärer Neoliberalismus des „alten Machtblocks“, ein Grüner Kapitalismus einer ökokapitalistischen Elite, ein sozial-libertärer Green New Deal eines sozial-libertären keynesianischen Reformismus und eine sozialökologische Transformation/grüner Sozialismus einer Mosaiklinken.

Einstiegsprojekte wider die Kapitaloligarchien
Dellheim betrachtet im dritten Teil (Politisierung und Dynamik) des Bandes die Möglichkeiten von Kapitaloligarchien, sich einem sozial-ökologischen Transformationsprozess entgegenzustellen. Kapitaloligarchien basieren auf postdemokratischen Zustände, in denen Staaten im Wettbewerb um diese stehen. Politik orientiert sich dabei zunehmend an den Profitinteressen der Kapitaloligarchien anstatt als Akteur eines sozial-ökologischen Wandels aufzutreten. Auch emanzipative Akteure verharren angesichts dieser Situation vor allem in Abwehrkämpfen.
Diesen stehen laut Brangsch Einstiegsprojekte gegenüber, die Räume für Alternativen bieten. In diesen werden nicht-kapitalistische Produktions- und Lebensweise ausprobiert. Sie bilden Reallabore für eine Transformation und sind Grundlage eines gesellschaftlichen Lernprozesses.

Transformation wie sie hier verstanden wird, verbindet laut Demirovic kontinuierliche Veränderungsprozesse mit radikalen Brüchen mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen, ist Reform und Revolution zugleich.
Der Band richtet sich sowohl an Transformationsforscher/innen, die an einer gesellschaftskritischen Perspektive – basierend auf Marx, Gramsci und Polanyi – auf Transformation interessiert sind, als auch an Sozialwissenschaftler/innen, die sich mit den Bedingungen sozialen Wandels beschäftigen. Den Autor/innen gelingt es die Relevanz gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse für Transformationsprozesse hervorzuheben, welche in der Transformationsforschung vielfach kaum betrachtet werden. Der Versuch ein gegenhegemoniales Futuring zu entwickeln kann hingegen eher als Einladung verstanden werden an dessen Entwicklung mitzuwirken.

Michael Brie (Hrsg.): Futuring. Perspektiven der Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus. Westfälisches Dampfboot, 2014. 437 Seiten, 39,90 Euro, ISBN 978-3-89691-969-4

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