Standpunkte

Digitalisierung und Postwachstum

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Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie war beispielsweise ein zentrales Thema beim letzten Weltwirtschaftsforum in Davos und sowohl das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als auch das für Arbeit und Soziales haben kürzlich Weißbücher zu dieser Entwicklung veröffentlicht. Auch die Medien greifen das Thema fortlaufend auf. Dabei sind sich alle Akteure einig: Die Digitalisierung wird nicht nur die industrielle Produktion (Industrie 4.0) revolutionieren, sondern voraussichtlich alle Lebensbereiche betreffen. Digitale Geräte werden unsere Konsumgewohnheiten (Online Shopping), unsere Kommunikation (Social Media), unsere Mobilität (Car und Bike Sharing, selbstfahrende Autos), die Art, wie wir unsere Gemeinschaften organisieren (Smart Cities), und auch die Politik verändern. Ein prominentes Beispiel, das zeigt, inwiefern die Digitalisierung bereits heute Einzug in die politische Sphäre hält, ist die zurückliegende Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten: Die Gefährdung von Arbeitsplätzen durch die Implementierung neuer Technologien war für viele Wähler/innen ausschlaggebend, um für Donald Trump zu stimmen. Darüber hinaus beeinflussten die digitalen Medien, zuvorderst zu nennen sei Facebook, den Wahlkampf entscheidend.

Die Digitalisierung wird eine wichtige Rolle in ökonomischen und politischen Entwicklungen einnehmen. Viele Jahre lang wurde der Diskurs von Autor/innen geprägt, welche die Ausgestaltung und Auswirkungen der digitalen Technologien als gegeben annehmen. Aus dieser Sicht ist die einzige Frage, wie wir als Gesellschaft die Auswirkungen der Digitalisierung sozial und ökologisch abfedern können (Brynjolfsson und McAfee, 2014). Inzwischen gibt es jedoch auch eine Debatte darüber, dass digitale Technologien an sich auch unterschiedliche Formen annehmen können. Ist dies der Fall, kann es unterschiedliche „Digitale Zukünfte“ geben, über die Gesellschaft und Politik mitentscheiden können. Soviel scheint jedoch in jedem Fall sicher: Die Auswirkungen der Digitalisierung werden weitreichende Veränderungen gesellschaftlicher Institutionen und Zusammenhänge implizieren. Wie dies erfolgen wird, ist eine entscheidende Frage für das 21. Jahrhundert.

Aus diesem Grund sollten sich soziale Bewegungen mit dem Thema auseinandersetzen und in die gesellschaftliche Debatte einbringen. Aus großen Veränderungen gehen immer Gewinner/innen und Verlierer/innen hervor. Soziale Bewegungen können dazu beitragen, dass die Kosten für weniger privilegierte Menschen abgefedert werden. Umbrüche eröffnen Möglichkeiten der Mitgestaltung, deshalb sollten sich soziale Bewegungen aktiv an der Entwicklung neuer Regeln und der Aushandlung gesellschaftlicher Kompromisse beteiligen. Dabei habe ich die Umweltbewegung und vor allem die Degrowth-Bewegung im Blick. Sie sollten sich in die Diskurse einbringen, da die digitale Transformation zentrale Themen dieser Akteure berühren wird. Diese Entwicklung wird in naher Zukunft erfolgen und sowohl Risiken als auch neue Möglichkeiten mit sich bringen.

Ich sehe vor allem fünf Bereiche, in denen sich Themen der Degrowth-Bewegung und der Digitalisierungsdebatte überschneiden:

  1. Wachstum und Entkoppelung

Eines der zentralen Versprechen der Digitalisierung ist wirtschaftliches Wachstum. In Deutschland wird der Diskurs von Akteuren der Industrie, die den Begriff der Industrie 4.0 geprägt haben, dominiert. Dieser beschreibt vor allem die Implementierung digitaler Technologien in Produktionsprozesse, die unter anderem dazu dienen, menschliche Arbeit zu substituieren. Mit anderen Worten: Die Arbeitsproduktivität soll gesteigert werden. Wenn diese Entwicklung nur halb so erfolgreich ist, wie sie verspricht, wird die Arbeitsproduktivität signifikant ansteigen.

Ein mögliches Szenario ist, dass diese Produktivitätszuwächse neues Wirtschaftswachstum auslösen. Unter der Annahme von Vollzeitbeschäftigung hätte die erhöhte Faktorproduktivität große Zuwächse des Bruttoinlandsproduktes zur Folge. Wie bereits Niko Paech (2017)  und Tilman Santarius (2017) argumentiert haben, erfordert diese Entwicklung eine erneute Diskussion über die Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum.

Es erschient unwahrscheinlich, dass die Digitalisierung, bzw. die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs), eine hinreichende Entkopplung implizieren wird. Zur Erinnerung: Wir müssen die Anstiege der Ressourceneffizienz von durchschnittlich 1,5% auf 4,4% erhöhen, um die Klimaziele verwirklichen zu können. Hier sei angemerkt, dass damit – zu einer Wahrscheinlichkeit von 66% – jedoch gerade einmal eine Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 2°C möglich wäre. Das von vielen Naturwissenschaftler/innen empfohlene 1,5°C-Ziel ist in diesem Fall noch völlig außer Reichweite (Antal und van den Bergh, 2016).

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen einen positiven Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum. Die (vorläufige) Analyse zeigt, dass die Digitalisierung nicht nur zu ökonomischem Wachstum aufgrund der steigenden Arbeitsproduktivität führt, sondern zugleich eine erhöhte Energienutzung zur Folge hat. Denn IKT-Systeme verbrauchen nicht nur in der Anwendung selbst, sondern auch in der Herstellung der Geräte und in der im Hintergrund arbeitenden Infrastruktur große Mengen Energie (Salahuddin und Khorshed, 2016; Cardona et al., 2013). Doch selbst wenn die Digitalisierung zur Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen beitragen würde, würde diese Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit zu anderen Umweltproblemen führen, insbesondere bezüglich der Ressourcengewinnung (siehe hierzu auch den Abschnitt zu globalen Aspekte).

Dies bedeutet nicht, dass Digitalisierung hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit zwangsläufig negativ zu bewerten ist. Die Umstellung des Energiesystems auf 100% erneuerbare Energien ist ohne die Anwendung digitaler Technologien kaum vorstellbar, denn sie ermöglichen die Anpassung der Energienachfrage seitens der privaten Haushalte und der Unternehmen bezüglich des Angebots. Letzteres wird weniger flexibel sein, da die Energiequellen Sonne und Wind kaum kontrollierbar sind. Solange unser Wirtschaften jedoch derart stark auf Wachstum ausgerichtet ist, wird es die positiven Effekte aufheben. Daher stellt sich die Frage, inwiefern die Chancen, die sich aus der Digitalisierung ergeben, genutzt und gleichzeitig die nachteiligen ökologischen Effekten verhindert werden können.

Entkopplung ist seit jeher ein zentrales Thema des Postwachstumsdiskurses. Es ist eines der Hauptargumente gegen stetiges Wirtschaftswachstum. Mein Eindruck ist, dass es unausweichlich sein wird, die Implikationen der Digitalisierung in dieser Debatte zu berücksichtigen. Bereits jetzt argumentieren Verfechter/innen der Industrie 4.0, dass die Digitalisierung aufgrund der deutlichen Steigerungspotentiale hinsichtlich der Ressourceneffizienz positive Umwelteffekte haben werde (Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0, 2013). An dieser Stelle sollte sich die Degrowth Community in die Diskussion einschalten. Nicht nur um die Entkopplungsdebatte mit zu prägen, sondern auch um die Umwelteffekte der Digitalisierung im Blick zu behalten und in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.

  1. Die smarte Diktatur?

In seinem Buch „Die Smarte Diktatur“ zeichnet Harald Welzer ein düsteres Bild der digitalisierten Gesellschaft. Gemäß seiner Argumentation produzieren Individuen zukünftig eine große Menge persönlicher und detaillierter Daten, indem sie digitale Technologien (E-Mails, Social Media, Apps, Internetsuchen etc.) nutzen. Auch das Internet der Dinge, beispielsweise Sensoren in der Kleidung, der Zahnbürste, im Auto oder Kühlschrank, wird sensible Daten erzeugen. Wer Zugang zu diesen Informationen erhält, wird in der Lage sein, Menschen zu manipulieren oder zu kontrollieren. In naher Zukunft werden unsere Daten alles über uns verraten können. So kann aus ihnen herausgefiltert werden, wann wir aufstehen und uns auf den Weg zur Arbeit machen, wer zu unseren Freund/innen gehört, welche Interessen bzw. politischen Ansichten wir haben und über welches Wissen wir verfügen.

Unternehmen nutzen diese Informationen, um ihre Produkte besser vermarkten zu können. So erhalten wir individualisierte Internetsuchergebnisse oder personalisierte Werbung. Politischen Akteuren dienen die Daten der Beeinflussung des Wahlverhaltens. Die US-Wahl hat gezeigt, dass personalisierte Facebook-Kommunikation im Wahlkampf eine entscheidende Rolle einnimmt. Des Weiteren können die Daten von Regierungen missbraucht werden, um Bürger/innen zu manipulieren und zu kontrollieren. Seit der Affäre um Edward Snowden wissen wir, dass die NSA und andere Geheimdienste unsere Internetkommunikation größtenteils verfolgen können. Dies verschafft ihnen einen tiefen Einblick in die Bevölkerung und erlaubt es, mögliche Bedrohungen durch oppositionelle Bewegungen frühzeitig zu identifizieren. Ein besonders furchterregendes Beispiel ist China, wo Dienste, die mit Facebook, Google, Instagram und elektronischen Zahlungsmöglichkeiten vergleichbar sind, über nur eine App – WeShare – verfügbar sind. Diese App wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung genutzt. Sie bündelt die Dienste nicht nur, sondern gewährt der chinesischen Regierung Zugang zu der Fülle an Daten. Damit gibt es bereits ein reales Beispiel für die „smarte Diktatur“.

Wenn die Vision einer Postwachstumsgesellschaft eine relativ gleiche Machtverteilung impliziert, sollten der Zugang zu Daten und deren Eigentum in Degrowth-Debatten thematisiert werden. Auch wenn andere Akteure wie netzpolitik.org oder der Chaos Computer Club bereits seit Langem zu diesen Themen arbeiten, gibt es zahlreiche inhaltliche Anknüpfungspunkte zur Postwachstumsbewegung. Ein wichtiges Thema ist die Verwendung von Daten für ökologische Zwecke, beispielsweise für die Energiewende. Die Generierung und Verfügbarkeit dieser Daten kann im Spannungsverhältnis mit Datenschutz stehen. Im Allgemeinen bekommt die Debatte um die Ökodiktatur im Zuge der Digitalisierung eine neue Dimension, in der Vertreter/innen der Degrowth-Bewegung eine entscheidende Rolle einnehmen und Kritik vortragen könnten.

  1. Ungleichheit und Beschäftigung

Ein Großteil der Analysen der Digitalisierung prognostiziert die Rationalisierung vieler Arbeitsplätze und einen Anstieg der Ungleichheit (Brynjolfsson und McAfee, 2014). Der technologische Wandel könnte nicht nur die Rationalisierung physischer Tätigkeiten (bspw. in der Fabrikarbeit oder der Logistik) fortsetzen, sondern auch kognitive menschliche Arbeit substituieren. Um ein paar Beispiele zu nennen: Selbstfahrende Autos könnten Lastwagen- sowie Taxifahrer/innen überflüssig machen; Übersetzungsprogramme ersetzen menschliche Übersetzungsdienste; gewisse Zeitungsartikel werden nicht mehr von Journalist/innen, sondern von Algorithmen verfasst; Lehrer/innen werden durch digitale Lernangebote verdrängt etc. Dabei können digitale Technologien zwar nicht alle Tätigkeiten eines Jobs übernehmen, aber sie ersetzen menschliche Arbeit in bestimmten Bereichen. Die übrigen Tätigkeiten könnten dann unter den verbleibenden Beschäftigten aufgeteilt werden, was einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge hätte.

Einige Analytiker/innen haben Schätzungen dazu vorgelegt, wie viele Arbeitsplätze von Rationalisierungen bedroht sein werden. Laut Frey and Osborne (2013) könnten in den USA 47% der Jobs betroffen sein. Wird diese Berechnung auf Deutschland angewandt, ergeben sich 42% (ZEW, 2015). In einer weiteren Untersuchung bezifferte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (2015) die Arbeitsplatzverluste hingegen mit nur 9% in den USA und 12% in Deutschland. Dieser immense Unterschied ergibt sich aus der Frage, ob Arbeitsplätze rationalisiert werden, obwohl nur ein Teil der Tätigkeiten durch digitale Technologien übernommen werden kann. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (2016) kommt wiederum zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung ungefähr genauso viele Arbeitsplätze schaffen wie vernichten wird. Dies wird mit einem massiven Wirtschaftswachstum begründet – was jedoch wie gesagt problematisch hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit wäre.

Die beschriebenen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ist einer der Hauptgründe für die zunehmende Ungleichheit: Menschen, die bisher gut bezahlte und sichere Beschäftigungen hatten, werden durch die Arbeitslosigkeit in prekäre Jobs gedrängt. Während mittel und schlecht bezahlte Arbeit davon am stärksten betroffen ist, steigt hingegen die Nachfrage nach speziell qualifizierten Arbeitskräften, im Besonderen in der Informatikbranche und im Ingenieurswesen. Dies erhöht die Löhne derer, die bereits zuvor gut bezahlt wurden. Dadurch steigt die Lohnungleichheit. Darüber hinaus verschiebt sich das Verhältnis von Lohn- und Kapitaleinkommen zugunsten von letzterem. Grob gesagt werden die Eigentümer/innen von Software und Robotern zunehmend mehr verdienen.

Wenn Degrowth eine „gerechte Verkleinerung der Produktion und des Konsums“ (eigene Übersetzung, Schneider, Kallis and Martinez-Alier, 2010) impliziert, sind diese Entwicklungen alles andere als unwichtig. Letztendlich gewinnt die Frage nach dem Eigentum an den Produktionsmitteln und der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wieder an Bedeutung.

  1. Globale Gerechtigkeit

Zum Zusammenhang zwischen Digitalisierung und globaler Gerechtigkeit gibt es eine Menge zu sagen. An dieser Stelle möchte ich lediglich einige Beispiele anführen: Die Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien impliziert einen immensen Anstieg der Rohstoffnachfrage (DERA, 2016). Dies hat Umweltprobleme in den Abbaugebieten (PowerShift, 2017) zur Folge. Darüber hinaus werden Arbeitsrechte bei der Ressourcengewinnung und in der industriellen Verarbeitung häufig verletzt (Amnesty International, 2016). Die Digitalisierung verstärkt diese Entwicklung, da der Zugang zu Rohstoffen von besonderer Bedeutung für die globale Industrie ist. So werden (geo-)politische Interessen verstärkt, beispielsweise fordert die deutsche Industrie im Angesicht steigender Rohstoffnachfrage von der Bundesregierung eine Garantie über den Zugang zu Ressourcen.

  1. Konviviale Digitalisierung?

Ist die Digitalisierung also eine zu fürchtende Entwicklung? Meine Antwort lautet: Nein, es gibt in der Tat auch Potentiale. Wie oben bereits angeführt, trägt die Digitalisierung zur Energiewende bei, indem sie die ausschließliche Nutzung von erneuerbaren Energien ermöglicht. Außerdem könnte sie – richtig angewandt – dabei helfen, die dezentrale Energiegewinnung zu ermöglichen. Ob die Kontrolle darüber bei einzelnen Unternehmen, beim Staat oder kleinteiligen Produzent/innen liegt, hängt von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren ab. An dieser Stelle könnten sich Nichtregierungsorganisationen, soziale Bewegungen und zivilgesellschaftliche Akteure in sehr relevanter Weise in die Debatte einschalten.

Die Digitalisierung ist auch für die Sharing Economy von Bedeutung, da sie den Austausch darüber erleichtert, wer was (Fahrräder, Autos, Kleidung, Räume etc.) anbietet oder benötigt. Zwar ist die Sharing Economy innerhalb der vergangenen Jahre von großen Konzernen wie Uber, AirBnB oder Amazon vereinnahmt worden. Doch Beispiele wie fairmondo zeigen, wie die digitale Ökonomie im Sinne von offener oder plattformbasierter Kooperation gestaltet werden kann, nämlich nach demokratischen, dezentralen, fairen und nachhaltigen Prinzipien. Diese Projekte sind allerdings noch recht klein und darüber hinaus eher selten zu finden. Dies sähe unter günstigeren sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen aber höchstwahrscheinlich bedeutend anders aus.

Die Digitalisierung wird vermutlich ein relevantes Gesellschaftsthema bleiben. Interessant zum Umgang mit der Digitalisierung könnte ein Vergleich mit dem Thema Globalisierung sein. Beim Thema der Globalisierung hat es sich als eine zielführende Herangehensweise herausgestellt, sie nicht prinzipiell abzulehnen, sondern sich auf die negativen Seiten – insbesondere die ökonomische Globalisierung – zu fokussieren. Für die Digitalisierung gilt aus meiner Sicht ebenfalls, dass sozial-ökologische Bewegungen sich dieser nicht prinzipiell verschließen, sondern mit einem kritischen Blick begleiten sollten. Die Digitalisierung könnte in bestimmten Bereichen zu einer ökologischen und solidarischen Organisation der Wirtschaft beitragen und die Vernetzung zwischen Menschen und Bewegungen verstärken. Daher sollten ihre positiven Aspekte gefördert werden, während die nachteiligen Effekte beschränkt werden sollten. Die Degrowth-Bewegung sollte sich in die Debatte einschalten, um die Transformation der Gesellschaft beeinflussen zu können.

© Bild: „Robot Walk“ von Victory of the People. Lizenz: CC BY 4.0.

7 Kommentare

  1. Lieber Steffen Lange,
    vielen Dank für den schönen Überblick über die Überschneidungen zwischen Postwachstumsthemen und Digitalisierung. Ich bin ein bisschen am Rätseln, wo denn die „normale“ technische Entwicklung aufhört und die „Digitalisierung“ anfängt. Als Positivbeispiel beschreibst Du die Energiewende – da wird schon lange über mehr Netze, Speicher und Lastenmanagement geredet. Das braucht natürlich alles eine gewisse Steuerung, die über die heutigen Standards hinausgeht, aber das gleich der Digitalisierung zuzuordnen… Als Negativbeispiel nennst Du die smarte Diktatur, bei der es um die Produktion und Nutzung persönlicher Daten geht – das gibts ja auch schon länger, oder? Ich hatte unter Digitalisierung bisher vor allem die weitere Automatisierung von Produktion- und Dienstleistungsprozessen verstanden, zur Mehrung der Arbeitsproduktivität. Eine kurze Recherche nach Definitionen zum Begriff hat mir leider auch nicht weitergeholfen.

  2. Roy Rempt sagt am 25. Juli 2017

    Meine These ist: ‚Irgendwann werden ‚wir‘ die Energie-Produzenten sein, für die Digitale und die Roboter-Welt.‘ Das ist auch logisch, und muß gar nicht erschrecken, denn Menschen brauchen Bewegung um sich gesund und fit zu halten und den Bewegungs-Drang zu Nutzen um Maschinen, Mobile, Roboter und deren Steuerungen, Informations-Flüsse,.. anzutreiben, find ich nur ‚Folge-Richtig‘ und erfreulich, da so Ressourcen geschont werden, und die Total-Ausbeutung unserer ‚Mit-Natur‘ und ‚Lebensräume‘ vermieden werden.

  3. Ich find ja schon lange absurd, dass heute für allen Antrieb Motoren genutzt werden, die aufwändig produziert wurden und zu ihrem Antrieb wiederum ‚Ressurcen‘ benötigen, was unserer ‚Mit-Natur‘ arg belastet und ‚Lebensräume‘ ’nachhaltig‘ zerstört 🙁 Wo ‚wir‘ Meschen um Gesund und Fit zu bleiben uns zwingend bewegen müssen 🙂 aber anscheinend so arge ‚Blockaden‘ in uns pflegen, diesen Bewegungs-Drang in ‚Kontext‘ zur ‚Produktion‘ von ‚Nutz-Gütern‘ und Herstellung von lebensdienlicher Kultur zu bringen, also ‚von Hand’/ Fuß,.. Stimme,.. die Dinge herstellen die ‚wir‘ zum Leben gern hätten und uns ‚von Hand’/ Fuß,.. bewegen,.. + Geräte, Maschinen, Computer,.. nicht ‚von Hand’/ Fuß,.. antreiben,..

  4. Hallo Steffen,
    man merkt du hast dir viel Mühe gegeben bei diesem Artikel, wohin denkst du wird sich das ganze Thema entwickeln? Und was werden deiner Meinung nach die Aufgaben oder neue Berufe von den Verwaltungsangestellten sein?
    Grüße Norman

  5. Hallo Steffen,

    bin grade über deinen Vortrag über deine Diss hier gelandet. Ich bin SW Entwickler und mache Automatisierung, bin aber auch in Arbeitssoziologie und den Problemen postfordistischer digitaler Arbeitswelten etwas beschlagen. Vielleicht ist meine Einlassung für dich interessant. Ich betreibe seit einigen Jahren einen Blog zu Postwachstumsthemen. siehe z.B. (http://derblickausderferne.blogspot.de/2016/07/the-politics-of-quantum-mechanics-or.html)

    Meine nicht durch Studien sondern Bobachtung unterstützte Vermutung ist, dass in unserem momentanen Diskurs über Digitalisierung wieder nur die neoliberale ideologie ihre Herrschaft sichert.

    Auf einer Metaebene herrscht innerhalb der Wirtschaftsunternehmen, aber auch im öffentl. Diskurs, die Vorstellung, dass Algorithmen (wie ich sie in meiner Arbeit entwerfe), menschlichen Entscheidungsfindungsprozessen überlegen sind. Was natürlich logischerweise Quatsch ist, weil diese Algorithmen immer höchstens so gut sind wie meine menschliche Fehlbarkeit es zulässt. Das führt sicherlich nicht zu mehr effizienz und niedrigerem Ressourcenverbrauch. Im allgemeinen macht software Fehler und Datenbanken haben eine durchschnittliche Menge an Fehlerhaften Daten von 5 – 10 %. Gigerenzer oder Kahnemann haben gezeigt dass Intuition den Algorithmen meist überlegen ist.

    Der Hang zum Reduktionismus der Glaube an die Zahlen oder Formeln und an ein mechanistischem Weltbild findet sich in gerade in der Wirtschaftswissenschaft immer wieder. Komplexe, chaotische oder gar „nicht-bemessbare“ oder „unbezahlbare“ Untersuchungsgegenstände sind innerhalb der VWL ein Grauss. Dynamische Modelle in der VWL, wie in der „limits to growth Studie“ oder den Ansätzen von Steven Keen, werden vom Mainstream massiv torpediert. Gerade aber die Erkenntnis, dass wir in einer komplexen und vernetzten Welt leben ist unabdingbar für eine Transition in eine Postwachstumsgesellschaft. Ebenso wie die Erkenntis, dass Natur „unbezahlbar“ ist.

    Mechanistisches und reduktionistisches Denken ist dagegen Herrschaftsdenken. Der Diskurs zwischen mechanistischen und dynamischen Denkweisen verlief historisch immer an dieser Trennlinie zwischen Herrschenden und Beherrschten.

    Auch heute noch wird in der BWL Taylors „Scientific Management“ gelehrt, das quasi zum Inbegriff der Marginalisierung und Objektifizierung des Arbeiters geworden ist. Hinter dem Tayloristischen Ansatz steht natürlich die Vorstellung eines mechanistischen und reduktuionistischen Menschenbildes aus dem Blickwinkel des „Kapitalisten“, der „Arbeiter“ als Rädchen im Wirtschaftsmotor und der Kapitalist als der einzig ermächtigte Entscheider.

    In der Theorie der „Business Process Automation“ wie ich sie betreibe steht dagegen (eigentlich) die Ermächtigung des Anwenders (Arbeiters) im Vordergrund. Ohne diese Ermächtigung des Individuums bleiben die erhofften Produktivitätsgewinne aus. Diesen Idealfall der Ermächtigung des Nutzers habe ich in meinem Berufsleben bisher noch nie erlebt.

    In den (automatisierungs-) Projekten die (zumindest von mir) Umgesetzt werden, spielen „tayloristische“ bzw neoliberale Interessen eine weit größere Rolle als die Ermächtigung des Nutzers. Unter dem Begriff „Compliance“ wird in den großen Unternehmen heute jeder Arbeitsschritt digital kontrolliert. Die Annahme dass dies zu mehr „Effizienz“ führt ist zumindest Zweifelhaft. Sicherlich gab es viele Automatisierungsprojekte die die Effizienzgewinne erzielt haben die die Gurus der Informatik versprochen haben, es ist aber ebenso zu recht von einem neuen „digital Taylorism“ die Rede, wenn auch abseits des öffentlichen Diskurses in einem akademischen Umfeld.

    Dieser digital Taylorism hat völlig andere Ziele als die Automatisierung. Er soll die Austauschbarkeit der Arbeitskräfte auf dem globalen Markt ermöglichen und dadurch die verfügbare Masse der unbeschäftigten global zugänglich machen. Die zukünftige Entwicklung digitaler technologien kann daher völlig unterschiedliche Wege einschlagen, einer ist sicherlich die Rationalisierung von Arbeit durch „künstliche Intelligenz“, der andere aber ist die Dystopie eines global, digital, marginalisierten Niedriglohnsektors und die totale Kontrolle durch den Arbeitgeber/Kapitalisten/Imperialisten.

    in meiner Erfahrung gibt es daher also zwei widerstreitende Ansätze der Digitalisierung: Ermächtigung und Marginalisierung. Neoliberale Unternehmen sprechen zwar von „Automatisierung“, setzen aber meist „Compliance“, also digitalen Taylorismus um.

    Eine Degrowth/Postwachstumsökonomie kann nur von einer Digitalisierung profitieren wenn dieser ein Idiologiewechsel in der Wirtschaft vorangegangen ist. Im Moment versucht meiner ansicht nach das herrschende System durch den digitalen Wandel seine Herrschaft über Mensch und Natur zu sichern.

  6. Nachtrag: Mich interessieren vor allem Ansätze der vielleicht Abseits der Schwerpunkte eines Wirtschaftswissenschaftler sind, nämlich die Wirkungen digitaler Arbeitswelten auf Subjekt und Gesellschaft. Wirtschaftliche Überlegungen greifen zu kurz wenn sie nicht gleichzeitig die sozialen Entwicklungen mitdenken. Ideologie und alltägliche Praxis haben einen enormen Einfluss auf wirtschaftliches Handeln. In der Forschung über digitale Arbeitswelten finde ich folgende Ansätze Vielversprechend bzw. gelungen, weil sie meine Beobachtungen in den Unternehmen (sowohl als Mitarbeiter als auch als externer Berater) widerspiegeln.

    1. Subjektivation in digitalen Arbeitswelten / Michel Foucault. In den Machtbeziehungen der digitalen Arbeitswelten wird das Handeln der Subjekte durch unbestimmte intersubjektive Normvorstellungen gesteuert. Nach den Idealvorstellungen der Marktlogik wird der Bildschirmarbeiter dazu gedrängt sich „selbst zu optimieren“. Viele dieser von aussen auf den Arbeitenden Menschen eindringenden Einflüsse der Subjektivation sind widersprüchlich. Der Digital-konforme Mensch ist flexibel aber konstant, Querdenker aber angepasst, ehrgeizig aber genügsam. Er findet sein soziales Umfeld in der Arbeit die seine sozialen Kontakte aber auf ein Minimum beschränkt. Der ideale Bildschirmarbeiter ist daher kommunikativ und teamfähig wenn er alleine vor dem Bildschirm sitzt und meist über email oder chat kommuniziert.

    Die oben Angesprochen Entwicklung zu einem „digital Taylorism“ eignet sich besonders gut für eine Analyse nach Foucaults Macht, Ideologie und Subjekt-begriffen. Diese Machtbeziehungen treten häufig bei Outsourcing/Offshoring auf. Software kann auch Rassismus, Imperialismus und Klassismus widerspiegeln. Es ist nicht verwunderlich, dass digital Taylorism heute vor alem in indischer Fachliteratur eine Rolle spielt.
    In den Algorithmen verfestigen sich Machtbeziehungen und der Druck der Subjektivation in Form von bürokratischen Compliance-Regeln. Der Begriff „Compliance“ ist zentral wenn man digitale Machtverhältnisse heute untersuchen will. Arbeit ist oft nur noch durch Bruch der Regeln möglich.

    (Siehe z.B.: auch Manfred Seifert, Irene Götz, Birgit Huber 2007: Flexible Biographien, Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart.)

    2. Agency der Maschine/Bruno Latour: Die Maschine und der Algorithmus gelangen zu Agency je mehr „künstliche Intelligenz“ über das Handeln des Individuums wacht. Das alltägliche Handeln wird durch die Maschine bestimmt je mehr der Glaube an die unfehlbarkeit der Algorithmen wächst. Wer sich mit Digitalisierung oder KI beschäftigt muss sich meiner Meinung nach mit Joseph Weizenbaum auseinandersetzen. (z.B:: https://www.youtube.com/watch?v=hyuadj5E9To )

    3. Die Rolle der Performanz in Digitalen Arbeitswelten/ Erving Goffman
    Die Anforderungen auf das Subjekt in digitalen Arbeitswelten in den alltäglichen Beziehungen verlangen Performanz in verschiedensten Rollen. Hier wäre insbesondere das „Meeting“ als zentraler Bestandteil der heutigen Arbeitswelt ein interessantes Forschungsfeld im Sinne von Erving Goffmans Ansätzen.

    Fast eine Ethnographisches Werk ist die Dokumentation Printer Legends auf Netflix, die sehr eng einige Gründer in der 3D-Druck Industrie auf ihrem Weg begleitet. In der Person von Bre Pettis kann man wunderbar sehen welchen Einfluss die Zwänge des neoliberalen Kapitalismus auf das Subjekt haben.

    4. Entgrenzung/Eindringen der Arbeitswelt in das Privatleben vor allem auch durch digitale Praktiken den Kommunikation/ Arlie Hochschild
    Das ist schon von Arlie Hochschild so gut Untersucht dass dem kaum noch was hinzuzufügen ist. Ihre Forschung deckt sich mit meinen Beobachtungen in digitalen Arbeitswelten. Siehe Arlie Hochschild (1997): „Keine Zeit, wenn die Arbeit zum Zuhause wird und die Familie zum Arbeitsplatz“.

    5. Entfremdung / Marx und viele andere wie Hartmut Rosa.
    Nirgends treten Entfremdung und daraus folgende „Burnout“ Phänomene häufiger auf als in digitalen Arbeitswelten.

  7. Noch ein Nachtrag:
    Ja, was ich sagen will ist: dass wenn Unternehmen (im Bereich der Bildschirmarbeit) vor der Wahl stehen entweder Effizienzsteigerung (durch digitale Werkzeuge der Ermächtigung des Anwenders) oder Marginalisierung und Lohndumping (durch Compliance tools und digital Taylorism) zu betreiben entscheiden sie sich fast immer für Marginalisierung und fast nie für echte Automatisierung.

    Es ist vielen Unternehmen offenbar wesentlich lieber eine große Zahl schlecht bezahlte, wenig effiziente aber total abhängige und austauschbare Mitarbeiter zu beschäftigen die viel Arbeiten als wenige, gut bezahlte aber höchst effiziente Experten die in wenig zeit viel mehr Arbeit erledigen.

    Der Grund dafür ist meist nicht eine bewusste Strategie sondern, dass Softwareprojekte meist von Menschen aus dem mittleren Management beauftragt werden die durch erfolgreiche Automatisierung wegrationalisiert würden und deren Bedürfnisse eher die Kontrolle und Austauschbarkeit der Untergebenen sind.

    Die Diskussion um die zukünftige Entwicklung der Digitalisierung und den Abbau von Arbeitskräften ist daher aus meiner Warte als Betreiber der Automatisierung in weiten Teilen Realitätsfremd.

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